Sonntagspredigt für die Dekonvertierten: Das Geschwätz von der Evolution

jesus-and-mo2009-10-23

Lachen sollte man überhaupt mal wieder öfter. Zum Beispiel über Theorien Hypothesen Spekulationen, dass gewisse Verhaltensweisen evolutionär im Menschen fest angelegt seien: Verhaltensweisen, die gerade dann in Populationen nachlassen, je weitgehender Menschen aus materiell-existenzieller Unsicherheit und sozialen Vorgaben befreit werden und damit mehr Freiheiten gewinnen, nach ihren eigenen Maßstäben (und gemäß ihrer eigenen Anlagen) zu leben. Unterhalb dieser Schwelle besteht die Veranlagung ansonsten vielleicht nur darin, jeden Scheiß mitzumachen, wenn er einem das Leben erleichtert. Aber weil die Art Veranlagung keine Lobby hat und sich nicht besonders nobel im Titel eines Instituts machen würde, wird es wohl noch einige Zeit dauern bis die Phänomen-Wahrsager in den gesellschaftswissenschaftlichen Instituten sowas groß herausstellen wollen — und davon absehen, Evolution weiter als allegorisch und analogisch zu begründende, denn als biologisch-mathematische Wissenschaft zu verstehen.

Hume-Rezeption im 21. Jahrhundert

Der Kapitalismus erklärt uns mal wieder die Welt:

An attempt to introduce the experimental Method of Reasoning into Not-so-Morale Subjects?

An attempt to introduce the experimental Method of Reasoning into Not-so-Morale Subjects?

In derselben Reihe bald zu haben:

An Enquiry concerning Human Understanding: With Pictures

und das unverzichtbare

Dialogues concerning Natural Religion: The Jesus Edition.

Amerikanische Präsidenten vs. Europas Stockholm-Syndrom

Noch so ein Preis, und ich bin erledigt.
– Alfred Obama Pyrrhus, 1870

Was viele über die Vergabe des diesjährigen Literatur-Nobelpreis nicht wissen: eigentlich sollte ich den bekommen. Tatsache.

Geehrt werden sollte ich für mein erfolgreiches Bemühen, weniger zu bloggen und schon allein dadurch die Qualität meines Geschreibes um das Imposanteste gesteigert zu haben. Ausgedrückt auf dem nach unten offenen Bloggo-Mass-Index praktisch von -45 (gedanklich schwerst verfettet) auf Plus-Minus-Null. Außer eben an den paar Tagen, wo ich das Netzbefüllen doch nicht sein lassen konnte. Der Preis sei aber als Ermutigung zu verstehen, auch weiter konsequent mein Schreiben herunterzufahren und dadurch das Niveau internationaler Literatur weiter zu heben. Manchmal sei gar nichts tun eben doch besser, als nur das falsche immer weiter zu tun. Wie zum Beispiel nur für einen billigen Kalauer gewisse Preise von Oslo nach Stockholm zu verlegen. Schämen solle ich mich. Aber nichtsdestotrotz…

Gescheitert ist es dann einerseits daran, dass ich sehr unwillig auf unerbetene frühmorgendliche Telefonanrufe reagiere, fast schon rüde. Das versteht man dann auch auf Norwegisch.

Andererseits ließ man mir dann mitteilen, dass man mir den Preis doch nicht geben könne. Die Preisbegründung würde noch für den Friedens-Nobelpreis gebraucht, nur leicht abgewandelt. Außerdem habe man eine Autorin mit noch weniger Lesern gefunden.

Ich find’s in Ordnung. Kann gut damit leben. Auch mit den jetzt tatsächlich ausgezeichneten Preisträgern. Den Friedenspreis schon dieses Jahr an Westerwelle zu geben, der noch niemals nie einen Krieg angefangen hat und sich ganz stets vorbildlich um die Verständigung zwischen den Völkern bemüht (solange sie deutsch sprechen)… ja, das wäre vielleicht auch etwas verfrüht gewesen. Vielleicht auch mehr Bürde als Auszeichnung. Man weiß es ja nicht.

Das ist so etwa gerade die Resonanz des deutschen Online-Journalismus auf die Verleihung an Barack Obama. Wenn man dafür bezahlt wird, über sowas zu schreiben, tippt es sich vermutlich auch nicht so einfach ins Netz, dass einzelne Damen und Herren in Skandinavien möglicherweise nicht mehr alle Latten am Zaun haben. Die fürwahr tragischen Auswirkungen extensiver Alkoholbesteuerung, nehme ich an.

Das wäre dann mal ein schönes Thema für Obamas Dankesrede in Oslo.  Oder für seine offizielle Reaktion heute, also die, die er abgibt, nachdem er das Fremdschämen für das Nobelpreis-Komitee hinter sich gebracht hat und bevor er daran geht, einfach irgendwen zu bombardieren, nur um noch den letzten Rest innenpolitischer Glaubwürdigkeit zu retten.

Was jeder Blogger weiß, das Nobelpreis-Komitee aber anscheinend noch nicht: niemand kann einen so schnell lächerlich machen wie man sich selbst.

Wer Inhalte nicht bewirbt, bekommt sie auch nicht legitimiert

Mein Gott, wie schwer kann es sein, einen Wahlausgang zu analysieren?

Union und FDP haben gestern massiv davon profitiert, dass links der Mitte derzeit keine Regierungsbündnisse denkbar sind und große Koalitionen wenig Anhänger haben — sogar ich bin froh, dass wenigstens die alte Regierung abgelöst wurde und wir vielleicht mal wieder einen politischen Diskurs in absehbarer Zeit haben können. Das Ausschlaggebende war dann auch nicht, dass Konservativliberale besonders viele Wähler von sich überzeugen konnten, sondern dass noch weniger als vor vier Jahren eine realistisch wählbare, dann auch eine Regierung bildende Alternative dazu sehen konnten.

Muss ich deshalb so tun, als seien gestern CDU-FDP-Inhalte demokratisch legitimiert oder gar durchgesetzt worden? Natürlich nicht. Das müssen sie in unserem System ja auch nicht. Über Wochen hat die FDP mit dem einzigen Inhalt geworben, dass  sich ‘Arbeit wieder lohnen müsse’. Daran kann man sie ja messen. Das ist ja immerhin ein Inhalt mehr als bei der CDU, die ich die nächsten Jahre daran messen werde, ob Angela Merkel auch wirklich immer Zuversicht ausstrahlt. Wer seine Inhalte nicht auf Wahlplakate schreibt, hat entweder keine oder er weiß sehr genau, dass es für die keine Mehrheit in Deutschland gibt. Dann kann man sich anschließend auch nicht auf eine solche berufen. Dass wird sicher auch Guido Westerwelle wieder merken, wenn es nach vier Jahren Oppositionsweichzeichnerei bald notgedrungen wieder inhaltlich wird. Und dann werden wir auch sehen, ob die reale Politik dafür ausreicht, in den nächsten Jahren mal ein paar Landtagswahlen zu gewinnen.

Der inhaltlose Wahlkampf war ein Aufkünden, kein Ankündigen von Politik.  Wenn sich mehr Wähler bereitfinden, für eine schwarz-gelbe Mehrheit zu stimmen als für eine große Koalition, ist das in Ordnung. Deshalb so tun zu müssen, als hätte das mit nicht beworbenen Inhalten oder gar mit einer Stärke der FDP zu tun, ist mehr als nur oberflächlich, es ist auch ziemlich falsch. Die FDP hat von einer Stimmung gegen und noch mehr von einer fehlenden Stimmung für die Fortsetzung einer großen Koalition gewonnen, wie zum Teil sicher auch die Grünen und die Linke. Natürlich gibt es dann Politiker, die ein Interesse daran haben, die Analyse auf so einer oberflächlichen Ebene zu beenden und so zu tun, als käme ein Wahlergebnis nicht taktisch, momentan und genauso stark durch Enthaltungen wie durch Wahlstimmen zustande. Nur gibt es herzlich wenig Gründe, sich als Beobachter nach dem Interesse zu richten.

Vielleicht brauchen wir dann in nächster Zeit auch mal wieder einen analysierenden, meinungsstarken, inhaltliche Differenzen hervorhebenden Journalismus. Was immer die Schwarzgelben veranstalten mögen, es wird der Demokratie kaum so sehr schaden wie der personalisierte Daily-Soap-Journalismus, der aus allem eine clevere, menschlich bewegende Narration um Schuld und Sühne, Freundschaften und Rivalitäten machen, aber nichts mehr verstehen oder verständlich machen will. Kanzlerin von Guidos Gnaden ist ein Titel für einen Baccara-Roman; wer so texten will, sollte vielleicht auch solche schreiben.

Vier Jahre lang eine vermutlich kontrovers auftretende Koalition, die ohne konkrete Inhalte anzukündigen an die Macht gekommen ist: wenn das kein Elfmeter ist, mal wieder Zeitungen und Magazine zu veröffentlichen, die man auch wirklich lesen will und die nicht der Beteuerung der Redakteure und aus nationalen Printjournalismusinitiativen bedürfen, um wichtig zu scheinen, dann weiß ich es auch nicht. Nur können und wollen muss man es schon selbst.

Menschen sterben. Auch wenn sie geimpft wurden.

Schlechter Boulevard-Wissenschaftsjournalismus ist meistens nur ein Ärgernis für diejenigen, die es besser wissen wollen — oder auch Anlass zur Erheiterung für die, die es eh schon besser wissen. Schlechter Boulevard-Wissenschaftsjournalismus über Medizin ist dagegen in Einzelfällen schon verantwortungslos und potenziell sogar gefährlich. Das gilt umso mehr, wenn man über sensible Bereiche schreibt, in denen der Laie dazu noch im besonderen Maße auf Information angewiesen ist, weil er letztendlich auf der Grundlage persönliche Entscheidungen treffen muss: etwa das Impfen. Schlechter Journalismus ist da nur einen kleinen Schritt entfernt von aktiver Desinformation.

Ein nicht mehr schönes Beispiel ist ein aktueller Artikel auf SPIEGEL ONLINE über die Gebärmutterhalskrebs-Impfung, der sich dem Augenschein nach allein auf dpa-Angaben und möglicherweise eine oberflächliche Lektüre des Abstracts der besprochenen Publikation von Slade et al. stützt, in der die zur Verfügung stehenden Daten über Nebenwirkungen eben der HPV-Impfung analysiert werden. Es findet sich im ganzen zusammengestoppelten Artikel keine einzige Information, die darauf hindeuten würde, dass sich jemand mit der Veröffentlichung selbst beschäftigt oder auch nur ein wenig Recherche in den Artikel gesteckt hätte.

Das beginn damit, dass an keiner Stelle die aufgeführten Daten verständlich und mit der nötigen Sorgfalt in den größeren Zusammenhang der Anzahl von ausgegebenen Impfungen gesetzt werden. Das ist einer der wenigen Fälle, wo man im SPON-Forum zum Artikel inzwischen besser informiert wird als vom Artikel selbst. Wer sich aus zeitlichen Gründen (oder aus solchen geistiger Hygiene) aus SPON-Foren fernhält, wird die sinnlos berichteten Prozentangaben nur verstehen, wenn er die Sorgfalt beim Lesen aufbringt, die dpa und SPON beim Schreiben nicht für nötig befanden. Oder er wird sie automatisch als Angaben über das prozentuale Auftreten von Nebenwirkungen verstehen. Auch das kann man wunderbar im Forum wiederfinden.

Schlimmer, es ist dann nur eine nebensächliche, isoliert dastehende Bemerkung, dass 32 Todesfälle im Zusammenhang mit den 12.000 untersuchten Impfberichten aufgetreten sind. Das scheint dem Autor keiner Nachfrage oder auch nur kurzer Recherche würdig zu sein, und da zweifle ich langsam wirklich daran, ob er überhaupt reflektiert hat, was er da schreibt. Es ist kein Wunder, dass sich unser Impffreund von spiegelblog.net (ähhm, kamenin berichtete) genauso unverständig auf die nicht erklärten Daten stürzt, auf banalste Weise hochrechnet und sodann von zigtausend Impftoten in Verbindung mit der HPV-Impfung in den USA fabulieren kann:

Und legt man nun 32 Todesfälle bei 12.000 Personen zugrunde, so käme man auf ca. 20.000 Todesfälle bei 7,5 Millionen Geimpften.

Es mag bedauerlich sein, sollte man bei SPON vielleicht keinen Zugriff auf JAMA-Artikel haben, dem Journal of the American Medical Association, und trotzdem einen Artikel dazu verfassen will oder muss. Aber dann braucht man auch kein Journalistik- oder Biologiestudium und kein kabbalistisches Hintergrundwissen, wo man sich am besten sonst informieren könnte, um wenigstens ein paar Stichworte in die Suchmaschine seiner Wahl einzutippen. Schon der erste Link nach dem eigentlichen Paper führt einen dann zur American Cancer Society, in der die relevanten Informationen eingeordnet und erklärt werden, auch über die in zeitlicher Verbindung zur Impfung aufgetretenen Todesfälle [1]:

By late 2008, more than 20 million doses of the vaccine had been distributed in the United States. (…) As of December 31, 2008, the Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) had received a total of 12,424 reports of potential side effects following HPV vaccination. (…) About 6% of those reports were serious side effects, about half of the average for vaccines overall.

There have also been 32 cases of death after vaccination reported to VAERS. Each death has been reviewed, and there was no common pattern to the deaths that would suggest they were caused by the vaccine. When there was an autopsy, death certificate, or medical record, the cause of death was explained by factors other than the vaccine. Some causes of these deaths include drug abuse, diabetes, viral illness, blood clots, and heart failure. An unusual neurologic illness caused 2 of the deaths and these deaths are being studied further.

VAERS wurde eben dafür geschaffen, um Nebenwirkungen von Impfungen zu untersuchen. Und eben das ist die größte Schwachstelle des Artikels. Anstatt darzustellen, in welchem Ausmaß Impfungen heute auf ihre Nebenwirkungen untersucht werden, vor und nach der Zulassung, und eine realistische Einordnung der Zahl der aufgetretenen Nebenwirkungen zu versuchen, erzeugt der zentrale Absatz des SPON-Artikels genau den gegenteiligen Eindruck:

12.424 Datensätze werteten die Wissenschaftler aus. In etwa sechs Prozent der Fälle traten schwerere Nebenwirkungen wie Ohnmachtsanfälle, Blutgerinnsel, starke allergische Reaktionen oder Autoimmunstörungen auf. Es gab 32 Todesfälle. Alles in allem war die Rate der Nebenwirkungen denen anderer Impfstoffe vergleichbar.

Wer da nicht verstanden hat, dass die 12.000 Datensätze eben schon die gesamte Zahl der gemeldeten (möglichen!) Nebenwirkungen darstellt und es mit einer repräsentativen oder zufälligen Auswahl an Erfahrungsberichten aller Impfungen verwechselt (s. SPON-Forum, s. das sog. SPIEGELblog), hat dadurch nicht nur ein völlig falsches Bild von der Gefährlichkeit der HPV-Impfung erhalten und dazu den im Artikel nie widersprochenen Eindruck, es käme regelmäßig im Zusammenhang mit der Impfung zu Todesfällen. Durch den netten Zusatz wird das gleich noch als für alle Impfungen absolut normal dargestellt.

So schafft man Mythen bei oberflächlich lesenden Laien, die wunderbar von interessierten und engagierten Impfgegnern weiter verbreitet und weiter ausgeschmückt werden können. Manchmal wäre gar kein Wissenschaftsjournalismus besser als solch einer.

Nachtrag, 21.09.: Der, ähm, SPIEGELblog (wir berichteten) hat den mathematisch ganz absurden Stuss inzwischen ohne Kennzeichnung gelöscht bzw. überarbeitet, aber ansonsten nichts an der Aussage geändert, dass das ja alles ein Skandal sei.

Nachtrag, 10.10.: Nach kurzer Kommunikation wurde der ursprüngliche Artikel inzwischen abgeändert und macht jetzt deutlich klar, wie die Zahlen einzuordnen sind bzw. zu was sie in Relation zu sehen sind.

[1] Die können sinnvoll nur zur Gesamtzahl der bis dahin verabreichten Impfungen in Bezug gesetzt werden, nicht zu den 12.000 Berichten über mögliche Nebenwirkungen. Schlimmstenfalls müsste man eine Korrektur vornehmen, die beschreibt, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Arzt einen solchen Todesfall tatsächlich in einem System meldet, das gerade für solche Meldungen geschaffen wurde. Wer von 32 Toten bei 12.000 Personen spricht, sollte vor Scham… oh, Pardon. Kategorienfehler.

Das kann Deutschland hoffentlich besser

Selbst die an sich schon ahnungslose FDP könnte ja mal merken, wenn sie von ihrer eigenen Werbeagentur verarscht wird. Aber Gruß an die liberale Fünfte Kolonne, die das Plakat doch durchgekriegt hat:

deutschland_vs

Und ich würde nicht mal darüber schreiben, wenn die das Ding nicht nur vor meinem Balkon aufgestellt, sondern auch noch genau auf den ausgerichtet hätten, sodass ich jetzt nicht mal eine rauchen kann, ohne dass mir der große Parteivorsitzende direkt und überlebensgroß entgegenstarrt und -grinst. Da hilft es nur wenig, dass die anderen Laiendarsteller auf dem Plakat in ihrem Versuch, so etwas wie Anhimmeln zum Ausdruck bringen zu wollen, auch eher so erscheinen, als ob sie über den Guido und seinen dummen Spruch herzlich lachten.

Sowas will mich regieren. Und noch von mir dafür bezahlt werden.

Let’s do this again

You got a right to a education, too…

80ies awesomeness is back in the house :-)

Nerd-T-Shirts für T-Shirt-Nerds

Von eurer Lieblings-inaktiven-Webseite für euren bevorzugten T-Shirt-Bedrucker:

turing-test-failure

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Sorry übrigens…

… für das zwischenzeitliche und auch weiterhin nicht sicher unterbleibende Verstummen hier. 

Ich bin immer noch unterm Rad von Publizieren und Dissertieren, und wie üblich zieht sich das noch. Die allerletzte Publikation ist immerhin jetzt fast einreichbar, aber weder will ich hier Zeitpläne geben (hat im Kommunismus auch nur zur Prokrastinations-Intensivierung geführt), noch sonst was ankündigen: mein Bloggen scheint mehr als „eher ganz oder eher gar nicht“ zu funktionieren, und auf Linklisten, Zwischenrufe oder sonstige Kurzmails, nur um irgendwas hier stehen zu haben, verzichte ich da gerade. 

 

Keine Sache, alles zu seiner Zeit, und besten Gruß (und Entschuldigung) an die Kommentatoren, deren Beiträge ich hier unbeantwortet gelassen habe in der längeren Pause.

Weiter geht’s.

Sonntagspredigt für die Dekonvertierten: Glaube ist Hoffnung…

… aber das ist, sofern man gegen eine kritische Betrachtung nicht völlig immunisiert ist, natürlich kein Argument für, sondern ein Argument gegen den Glauben. Am Ende zeigt sich darin mit am besten, dass Glaube nur menschgemacht ist.

 

Trotzdem ist es vielleicht mal angebracht, die beiden Konzepte Glauben und Hoffen stärker gegeneinander zu halten und sie nicht als synonym zu betrachten. Denn offensichtlich meinen die wenigsten aufgeklärten (im Gegensatz zu den am wenigsten aufgeklärten) Gläubigen mit ihrem Glauben im Allgemeinen, dass der jeweilige heilige Text in wirklich allen Belangen konkrete, wörtliche Wahrheit verkündet, dass Gottes Wirken in der Welt jenseits aller Zweifel belegt oder die religiösen Glaubenssätze an sich so selbstevident wären, dass sie keiner weiteren Erläuterung und Rechtfertigung bedürften. Für die meisten Normal-Gläubigen scheint Glaube eher eine Konkretisierung einer in sich noch viel unklareren Hoffnung. Eine Hoffnung darauf, dass im Fundament allen Seins eine grundlegende Gerechtigkeit angelegt sein könnte, dass die Mühen, Schmerzen und Unzulänglichkeiten dieses Lebens ausgeglichen würden, dass alles am Ende wieder in Ordnung käme und möglichst bis zum Ende auch nicht all zu viel wirklich tragisches passiere. Einer solchen Hoffnung kann der Atheismus natürlich wenig entsprechendes bieten, zumindest nicht in der direkten Art und Weise wie es verkündende und Sicherheit behauptende Religionen vermögen. Und so verbindet sich die Hoffnung auf eine der Welt zugrunde liegende Gerechtigkeit mit dem religiösen Glauben, der eigentlich eher eine religiöse Hoffnung ist.

Die Formulierung einer Hoffnung auf etwas als eines Glaubens an etwas hat zuerst mehrere Vorteile für sowohl Glauben als auch Religion. Die Umdeutung „ich glaube daran“ vermittelt eine Gewissheit, die eine bloße Hoffnung nicht ausstrahlen kann; man versichert sich selbst und gegenseitig, dass die Hoffnung nicht rein illusionär, sondern zumindest real denkbar, wenn nicht sogar wahrscheinlich wahr ist. Aus einer geteilten Unsicherheit wird eine gegenseitige Versicherung, aus einer Reflexion über die (behauptete) Notwendigkeit, auf etwas besseres zu hoffen, wird die Zusicherung, dass diese Hoffnung nicht reines Wunschdenken ist. Insofern ist diese Umdeutung ein logischer Schritt, die die Hoffnung erst nötig machende Unsicherheit zu leugnen und daraus Sicherheit zu gewinnen.

Es ist aber dieser Schritt, der auch erst die gesammelten Probleme von Religion mit in die Welt bringt und zu einem heillosen Durcheinander in der atheistisch-gläubigen Auseinandersetzung führt. Die Umdeutung einer Hoffnung in einen Glauben führt dazu, den Glauben verteidigen zu müssen gegen Zweifel und Zweifler; sie gebiert endlose intellektuelle Verschwendung, etwas rational absichern zu wollen, was eigentlich vorrational begründet ist, und institutionell abzusichern, was eigentlich privat ist, und führt damit zum Trauerspiel von Theologie und zur Anmaßung von Kirche. Wie bescheiden und humanistisch müsste oder könnte eine Kirche auftreten, die sich im Kern noch klar wäre, dass eine Hoffnung noch keinen Glauben begründet, und beide Begriffe noch strikt und redlich auseinander hielte? Ob eine solche Kirche noch alle persönlichen Vorlieben der Mixas, Ratzingers und Hubers abdecken könnte, die, mal so gedacht, vielleicht doch des öfteren mit dem Diesseits als mit dem Jenseits zu tun haben, ist natürlich fraglich.

Gegen eine Hoffnung kann man schlecht diskutieren, zumal wenn sie sich auf nicht menschlich zugängliche Grundkonstanten des Seins bezieht. Man muss die Hoffnung nicht teilen, aber man kann sie als solche anerkennen; man wird als Humanist wahrscheinlich sogar die Gemeinsamkeiten sehen können, die „Hoffende“ und „Nicht-Hoffende“ verbindet. Mit „Glaubenden“ ist das so kaum möglich. „Ich glaube an…“ erzeugt immer die Gegenfrage „wieso, mit welcher Begründung“. Je mehr Sicherheit behauptet wird, umso mehr Widerstand erzeugt das bei denen, die das Ganze noch skeptisch hinterfragen. Mit einer Hoffnung ließe sich auch sehr schwer politisch argumentieren, wie es mit dem Glauben ständig gehandhabt wird. Man könnte mit einer Hoffnung nicht begründen, wieso Angestellte hoffnungsfroher Institutionen keine sozialstaatlich gleichwertigen Tarifverträge einfordern dürfen, warum es der aus grundlegenden menschlichen Erfahrungen abgeleiteten Hoffnung widerspricht, wenn Geschiedene neu heiraten oder gar gleichgeschlechtlich Liebende das tun wollten, warum Verhütungsmittel so schlecht sind wie Sexualität oder warum wir nicht eine aufgeklärte Debatte über Abtreibung und Sterbehilfe haben können, ohne gleich über Weltanschaaungen reden zu müssen; mit Glauben scheint all dies heutzutage begründbar.

 

Das Problem ist damit zweischneidig. Viele so genannte Gläubige sind bei Licht betrachtet in Wirklichkeit Hoffende, die zwar glauben wollen, weil das eine Versicherung darstellt, dass sich ihre Hoffnung erfüllt; die andererseits aber weder verbohrt religiös noch unterwürfig kirchlich leben oder leben wollen, aber daran gewöhnt sind, ihre Hoffnung durch einen Glauben auszudrücken. „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ ist nicht mal glaubensverachtend, aber das Problem ist, dass in der Mixtur aus Glauben und Hoffnung viele offenbar denken, Atheismus stellte damit ihr Grundbedürfnis nach einer besseren Welt oder nach der Aufhebung von Schmerz und Ungerechtigkeit in Frage oder verspotte dieses gar. Dabei ist eben das auch die Grundlage jedes Humanismus, und die Ablehnung (und nach Bedarf auch der Spott) richtet sich gegen die untauglich Annahme, wir müssten nur alle an Magie glauben, dann wird’s schon besser.

Solange Menschen es nicht selbst auf die Reihe kriegen, zwischen ihrem Schmerz, ihrem daraus entstehenden Bedürfnis nach Hoffnung und ihrem erst daraus entstehenden Glauben zu unterscheiden, wird es eine sehr lange Diskussion zwischen Atheismus und Gläubigen voller Missverständnisse und vermeintlichen gegenseitigen Angriffen über all das hinweg, was menschlich (und gegebenenfalls humanistisch) verbindet. Die Kirchen und Religionen haben ein Geschäftsmodell daraus gemacht, die Grenzen zwischen allen drei Kategorien soweit zu verwischen, dass sie inzwischen alle menschliche Regung für sich vereinnahmen wollen, auf dass niemand sehe, wie leer das bisschen ist, was sie an unbewiesener Behauptung und abenteuerlicher Dogmatik selbst zu dem Problem beisteuern können. Aufgabe der nicht mehr stillen Atheisten ist es, das eben so zu kommunizieren: warum Kirche und Religion zuweilen Verachtung verdienen, nicht Glaubende, Unsichere oder gar Leidende; warum man einen Glauben als richtig oder falsch beurteilen kann, aber zumindest das Bedürfnis nachvollziehen kann. Wobei mir jeder lieber ist, der mal übers Ziel hinausschießt, als der, der aus Verunsicherung darüber, vielleicht das falsche zu sagen, gar nichts sagt. Dass, bei aller Bemühung, von berufenen Religiösen bis jounalistischer Intelligenzija ziemlich viele das sowieso gleichsetzen werden, weil sie daran gewöhnt oder sogar interessiert sind und wie sie heute „religiös“ und „an moralischer Lebensführung interessiert“ gleichsetzen, sei geschenkt.

Dass ausgerechnet Kirchenvertreter und Vorzeigegläubige einen zu einem an idealisierten und weltfremden Maßstäben gemessenen Diskursverhalten anhalten wollen, nach dem sie selbst nie argumentieren könnten, geschweige denn würden, sollte man da besser als ironisch zu betrachten lernen. Umso komischer, wenn sie selbst es nicht mehr merken.

 

 

Rolf Froböse widerlegt Darwin

Mal eine schnelle wissenschaftstheoretische Quizfrage: woran erkennt man, dass eine Vermutung trotz wissenschaftlicher Terminologie, total seriösem Aufzug und der Demonstration souveräner Sicherheit in der Darstellung eben doch keine wissenschaftliche ist, sondern nur banales Rumspekulieren, inhaltsleeres Gemurmel und die Kopfgeburt von zuviel Phantasie nach leidenschaftlicher Nacht mit einem Zuwenig an redlicher Skepsis?

Daran, dass man mit ihr nichts erklären kann? — Falsch.

Natürlich daran, dass man mit ihr alles erklären kann. Von der Entstehung des Lebens bis zur Frage, warum Mama immer gerade dann anruft, wenn man ein bisschen mütterliche Zuwendung braucht. [1]

Rolf Froböse erklärt uns wieder das Leben. Und diesmal ganz wirklich.

Und vielleicht wird’s ein schöner Frühling, in dem Wissenschaftsjournalisten und -redaktionen mal recherchieren, bevor sie was dazu abdrucken. Denn verlernt hat er nichts:

Froböse: Weil die Entstehung des Lebens entgegen den Vorstellungen Darwins weniger ein Kampf ums Dasein, sondern vielmehr ein unumgänglicher Schritt in der kosmischen Entwicklung war.

Die Entstehung des Lebens: nach Darwins Vorstellungen ein Kampf ums Dasein… Schön, dass das endlich mal wer richtigstellt.

Ich geh lieber wieder zurück in die Sonne. Jedenfalls bis ich den tatsächlichen Lebenscode des Universums mal über fünf Seiten hinweg in der F.A.Z. abgedruckt finde.

[1] Oder wenn’s grad gar nicht passt. Die Meinungen darüber gehen etwas auseinander. Ist aber auch nur ein Verschränkungseffekt.

Nachtrag: Diesmal übrigens nicht selbst verlegt, sondern erschienen beim angesehenen Lotos-Verlag München. Dessen Motto ist gerade: Östliche Weisheit, Neues Denken. Und da findet man so wissenschaftliche Bücher wie: Der göttliche Plan der SchöpfungGottes geheime GedankenVögel fliegen ohne KofferMönche, Magier und SchamanenChakra-Energie-DrinksGeheimnis Schaolin (Das spirituelle Vermächtnis der Kampfmönche) — Heilige Orte schaffen mit Feng Shui — Und, mein Lieblingstitel, Die Kuh, die weinte.

Also wehe jedem fanatischem Fundamentalisten der Skeptiker-Sekten, der das Froböse-Buch hier irgendwie auch nur in die Nähe von Esoterik rücken will!


Der unheimliche Geist von Deidesheim

Manchmal muss man bloggen, wo’s wehtut. Die besonders sinnlosen, wissenschafts- wie intelligenzfernen Blogposts eben. Zum Beispiel die, wenn man gerade noch im Büro sitzt, weil man das Paper, das Freitag schon fast im Kasten schien und dessen Deadline inzwischen so lange zurückliegt, dass selbst Helmut Wicht das langsam mit wachsendem Unbehagen zu betrachten begänne… also während man so endlich den Laptop zuklappt und darüber nachdenkt, ob man im Falle von Relationen ohne Relata nicht anfangen würde, dann diese als Dinge zu bezeichnen und dann die noch unbekannten Zusammenhänge zu suchen… ob nicht ferner nach der Quantenfeldtheorie sowieso die Unterscheidung zwischen Relation und Relatum nur noch menschliches Drumrumreden ist, weil jede Relation als Relatum erklärt, jedes Relatum aber nur über Relation erkannt… was man also so denkt,  wenn man nicht mehr wirklich philosophieren will, aber im Zweifelsfall immer noch mal Helmut ärgern, eben um fast 2, bevor man am Tischrechner dann doch schnell nachschauen will, wann der Nachtbus kommt… und dann sowas…

zufall-fugung-schicksal

Ich kann kein Universum ernst nehmen, was nichts besser zu tun hat, als mich zu verwirren. Soll doch irgendwer anders erklären, warum mir das bisher nie aufgefallen war (fahr ich zu selten Nachtbus? kann ich nicht mal mehr Ortsnamen-Bushaltestellen wenigstens als Ähnlichkeitspotenzial abspeichern?). Ich komm gerade nicht drauf, und hab jetzt schon wieder den Nachtbus in Frage verpasst und muss den nächsten nehmen. Aber für sowas öffne ich glatt noch mal den Editor.  Wenn sowas erst mal wieder psychologisiert wird… dabei glaube ich immer noch nicht an geheime, übernatürliche Botschaften. Nicht mal im Berliner Nachtbusnetz.

Weit außerhalb meines momentanen geistigen Horizonts befindliche Nachbetrachtungen und Anekdotisches haben bisher beizutragen: Stephan Schleim, Michael Blume, Mierk Schwabe und Rainer Gerhards.