Simon Singh, der Big Bang und wie man populärwissenschaftliche Bücher schreibt
Eigentlich soll dieser Beitrag gleich drei Fäden aufnehmen und quasi in der Zusammenführung erschlagen. Zum einen hat Kommentatorin Viktoria Viktoria vor einiger Zeit schon gefragt, ob es geeignete Bücher für physikalisch bislang eher Unbeschlagene gäbe, die empfehlenswert wären. Eine total tolle Antwort habe ich darauf immer noch nicht, und Leser-Input ist wie immer willkommen, aber zumindest möchte ich ein gutes, für Anfänger geeignetes populärwissenschaftliches Physikbuch vorstellen. Dann gab es in der immer aktuellen Diskussion, was guten Wissenschaftsjournalismus ausmacht, einen sehr klugen Beitrag im Fisch-Blog, wozu das Buch auch sehr gut passt — ganz unbenommen davon, dass Zeitungs- oder Zeitschriften-Wissenschaftsjournalismus natürlich an deutlich engere Vorgaben gebunden ist als ein Buch. Und zuletzt will ich natürlich auch das Buch selbst kurz vorstellen und rezensieren:
Big Bang: Der Ursprung des Kosmos und die Erfindung der modernen Naturwissenschaft von Simon Singh. Das Buch ist inzwischen auch preisgünstig als Paperback bei dtv erschienen. Die Bezeichnung “Taschenbuch” verkneife ich mir lieber, weil es mir nie gelungen ist, das in einer meiner Taschen unterzubringen. “Handtaschenbuch” wäre wohl angesichts des Formats der treffendere Ausdruck, und auch nur, wenn man ansonsten nicht zuviel Gerümpel in selbiger mit sich rumträgt. In einen Rucksack passt es aber sehr komfortabel.
Big Bang wählt den naheliegenden historischen Ansatz, um über die Geschichte der Astronomie schließlich bis zur modernen Kosmologie zu kommen. Singh startet also im antiken Griechenland mit den ersten Naturtheorien über das Wesen der Sonne und des Sonnensystems und führt uns von da weiter bis zur Etablierung des Urknall-Modells unseres Universums. Das hat zwei Vorteile, was das Buch gerade für Einsteiger interessanter und unterhaltsamer macht als eine pure Beschreibung der physikalischen Prozesse in der Entwicklung des Universums.
Zum einen erlaubt der Ansatz Singh die Sache an Personen festzumachen. Damit kann er zwischen die eigentliche Wissenschaft immer wieder Kurzbiographien und Porträts skuriler Wissenschaftler setzen, was sicher ganz amüsant und auflockernd ist und höchstens die ewigen Doktoranden unter uns irgendwann nervt, weil so viele Wunderkinder darunter vorkommen, die im Alter von 3 die ersten bedeutsamen Entdeckungen machen und danach sofort wissen, dass sie später astronomische Karriere machen werden. Hier und da kommen dann allerdings auch, teils sehr bildreich, die Schwierigkeiten des experimentalwissenschaftlichen Alltags zur Sprache oder die Komponente menschlichen Scheiterns und nicht anerkannter Entdeckungen.
Zum anderen wird der wissenschaftliche Stand der Dinge so nicht einfach als gegeben dargestellt, sondern man erlebt Wissenschaft als Prozess. Es wird sehr anschaulich, mit welchen Methoden Wissenschaftler zu ihrer Zeit versuchten, mehr über das Sonnensystem und schließlich das Weltall greifbar zu machen. Mit bemerkenswert wenig Mathematik gelingt es Singh, die Prinzipien der Verfahren zu erklären. Später gibt’s einen Einblick in die Technikgeschichte über die Weiterentwicklung von Teleskopen und die Entdeckung der Radioastronomie; genuin technische Details werden dabei allerdings praktisch gar nicht angesprochen.
Aber darum geht es Singh auch nicht. Im Zentrum stehen eigentlich immer die gerade vorherrschenden wissenschaftlichen Theorien, ihre Vorzüge (indem sie Beobachtetes erklären oder besser quantitativ beschreiben können) und ihre Nachteile (wo konkurrierende Modelle vielleicht sogar etwas voraushaben). Die Argumentation verläuft dabei schön stringent entlang der Phänomene und der Erklärungsmacht der Modelle und zeigt, wie Wissenschaftler sich mühen, Ideen zu entwickeln, um ihre Modelle zu überprüfen, um letztlich zwischen konkurrierenden Modellen entscheiden zu können. Irgendwann, wenn’s chronologisch passt, werden auch noch Thomas Kuhns Thesen zum Paradigmenwechsel vorgestellt, aber selbst da wird dem aufmerksamen Leser klar, dass es eher eine deskriptive Leistung war, keine, die den Lauf der Wissenschaft als solche verändert hätte. Das Themenspektrum reicht vom Aufbau des Sonnensystems über die Relativitätstheorie bis hin zur kernphysikalischen Nukleosynthese, also der Entstehung schwerer Elemente in einem wasserstoff-dominierten Universum, je nachdem, wie entscheidend die jeweiligen Gebiete schließlich für die Herausbildung unserer heutigen Kosmologie waren.
Das Ganze ist natürlich stark vereinfacht und teils idealisiert. Auf welch im Rückblick manchmal banalen Detaillevel wissenschaftliche Dispute ausgetragen werden, wieviel Anstrengung in die Bestätigung oder Widerlegung kleinerer Aspekte oft aufgebracht werden muss, will man in einem Unterhaltungsbuch ja auch nicht wirklich lesen. Ebenso wenig erwartet man wohl eine erschöpfende Darstellung der Allgemeinen Relativitätstheorie. Das Buch ist eindeutig für Einsteiger geschrieben, ohne damit sagen zu wollen, dass es nur an der Oberfläche bleibt. Jemand, der sich mit der Sache andernorts schon länger auseinandergesetzt hat, wird nicht unbedingt viel Neues lernen [1], aber selbst dann ist es noch mal ein schöner Überblick und mehr was zum Entspannen. Wissenschaftlich sind mir keine wirklichen Böcke aufgefallen, höchstens ein paar Kleinigkeiten in der Darstellung, aber ich musste das Buch ja auch nicht schreiben (und gelesen habe ich es auch mehr zum Relaxen). Ob die wissenschaftshistorische Darstellung dabei jeweils der Wahrheit entspricht, kann ich gar nicht beurteilen; eine meines Erachtens fast schon wieder hinterfragbare Besprechung der New York Times ist diesbezüglich eher kritischer: möglicherweise verbreitet das Buch also zum Teil heute populäre Mythen, die nicht den neuesten Stand der wissenschaftshistorischen Forschung wiederspiegeln, sich dabei aber auf eher technischem Niveau abspielen. [2] Aber, wie gesagt, aus meiner Perspektive fällt das meiste davon eh in den Unterhaltungsteil des Buches.
Empfohlen sei das Buch also Einsteigern, die sich für die (nicht-technische) Geschichte der Astronomie und ihre Methoden interessiert, dabei was über das Weltall und den Ablauf von Naturwissenschaft an sich lernen wollen. Und für nicht in der Astronomie oder Kosmologie arbeitende Fortgeschrittene, die noch mal alles hübsch unterhaltsam zusammengetragen bekommen möchten.
Wer sich nur für die Fakten interessiert, findet die ja heute zum großen Teil sowieso im Netz und, bitte jetzt steinigen, in der englischsprachigen Wikipedia, die in vielen naturwissenschaftlichen Gebieten heute schon recht verlässlich ist, was jedenfalls populärwissenschaftliches Niveau anbelangt. Aber das ist dann doch nicht das gleiche wie eine zusammenhängende Darstellung in Buchform. Und passt, je nach technischer Ausstattung, vielleicht auch gar nicht in die Handtasche.
[1] Mir war zum Beispiel nicht mehr bewusst, dass das Steady-State-Modell nicht das gleiche ist wie das klassisch statische Universum.
[2] In der Schule habe ich die Epizyklentheorie übrigens auch mit mehreren Epizyklen zur Korrektur der Bahndaten vorgestellt bekommen. Es ist aber auch eher unwahrscheinlich, dass man mal bei Wer wird Millionär nach der genauen Zahl der von Ptolemaeus eingeführten Epizyklen befragt wird. Oder wer weiß schon, dass Bischof Ussher damals zwar den Tag der Schöpfung genau bestimmen konnte (22.10.4004 v.Chr.), aber keine genaue Uhrzeit? Oder hat er doch, wie Wikipedia nahegelegt, “Vorabend” gesagt, und Singh nur “18 Uhr” reingelesen?
Abgelegt unter : Astronomie, Astrophysik, Buchkritik, Bücher, Empfehlung, Physik, Sachbuch, Wissenschaft | Getaggt: Big Bang, Simon Singh, Urknall | Keine Kommentare »




