Simon Singh, der Big Bang und wie man populärwissenschaftliche Bücher schreibt

Eigentlich soll dieser Beitrag gleich drei Fäden aufnehmen und quasi in der Zusammenführung erschlagen. Zum einen hat Kommentatorin Viktoria Viktoria vor einiger Zeit schon gefragt, ob es geeignete Bücher für physikalisch bislang eher Unbeschlagene gäbe, die empfehlenswert wären. Eine total tolle Antwort habe ich darauf immer noch nicht, und Leser-Input ist wie immer willkommen, aber zumindest möchte ich ein gutes, für Anfänger geeignetes populärwissenschaftliches Physikbuch vorstellen. Dann gab es in der immer aktuellen Diskussion, was guten Wissenschaftsjournalismus ausmacht, einen sehr klugen Beitrag im Fisch-Blog, wozu das Buch auch sehr gut passt — ganz unbenommen davon, dass Zeitungs- oder Zeitschriften-Wissenschaftsjournalismus natürlich an deutlich engere Vorgaben gebunden ist als ein Buch. Und zuletzt will ich natürlich auch das Buch selbst kurz vorstellen und rezensieren:

Big Bang: Der Ursprung des Kosmos und die Erfindung der modernen Naturwissenschaft von Simon Singh. Das Buch ist inzwischen auch preisgünstig als Paperback bei dtv erschienen. Die Bezeichnung “Taschenbuch” verkneife ich mir lieber, weil es mir nie gelungen ist, das in einer meiner Taschen unterzubringen. “Handtaschenbuch” wäre wohl angesichts des Formats der treffendere Ausdruck, und auch nur, wenn man ansonsten nicht zuviel Gerümpel in selbiger mit sich rumträgt. In einen Rucksack passt es aber sehr komfortabel.

Big Bang wählt den naheliegenden historischen Ansatz, um über die Geschichte der Astronomie schließlich bis zur modernen Kosmologie zu kommen. Singh startet also im antiken Griechenland mit den ersten Naturtheorien über das Wesen der Sonne und des Sonnensystems und führt uns von da weiter bis zur Etablierung des Urknall-Modells unseres Universums. Das hat zwei Vorteile, was das Buch gerade für Einsteiger interessanter und unterhaltsamer macht als eine pure Beschreibung der physikalischen Prozesse in der Entwicklung des Universums.

Zum einen erlaubt der Ansatz Singh die Sache an Personen festzumachen. Damit kann er zwischen die eigentliche Wissenschaft immer wieder Kurzbiographien und Porträts skuriler Wissenschaftler setzen, was sicher ganz amüsant und auflockernd ist und höchstens die ewigen Doktoranden unter uns irgendwann nervt, weil so viele Wunderkinder darunter vorkommen, die im Alter von 3 die ersten bedeutsamen Entdeckungen machen und danach sofort wissen, dass sie später astronomische Karriere machen werden. Hier und da kommen dann allerdings auch, teils sehr bildreich, die Schwierigkeiten des experimentalwissenschaftlichen Alltags zur Sprache oder die Komponente menschlichen Scheiterns und nicht anerkannter Entdeckungen.

Zum anderen wird der wissenschaftliche Stand der Dinge so nicht einfach als gegeben dargestellt, sondern man erlebt Wissenschaft als Prozess. Es wird sehr anschaulich, mit welchen Methoden Wissenschaftler zu ihrer Zeit versuchten, mehr über das Sonnensystem und schließlich das Weltall greifbar zu machen. Mit bemerkenswert wenig Mathematik gelingt es Singh, die Prinzipien der Verfahren zu erklären. Später gibt’s einen Einblick in die Technikgeschichte über die Weiterentwicklung von Teleskopen und die Entdeckung der Radioastronomie; genuin technische Details werden dabei allerdings praktisch gar nicht angesprochen.

Aber darum geht es Singh auch nicht. Im Zentrum stehen eigentlich immer die gerade vorherrschenden wissenschaftlichen Theorien, ihre Vorzüge (indem sie Beobachtetes erklären oder besser quantitativ beschreiben können) und ihre Nachteile (wo konkurrierende Modelle vielleicht sogar etwas voraushaben). Die Argumentation verläuft dabei schön stringent entlang der Phänomene und der Erklärungsmacht der Modelle und zeigt, wie Wissenschaftler sich mühen, Ideen zu entwickeln, um ihre Modelle zu überprüfen, um letztlich zwischen konkurrierenden Modellen entscheiden zu können. Irgendwann, wenn’s chronologisch passt, werden auch noch Thomas Kuhns Thesen zum Paradigmenwechsel vorgestellt, aber selbst da wird dem aufmerksamen Leser klar, dass es eher eine deskriptive Leistung war, keine, die den Lauf der Wissenschaft als solche verändert hätte. Das Themenspektrum reicht vom Aufbau des Sonnensystems über die Relativitätstheorie bis hin zur kernphysikalischen Nukleosynthese, also der Entstehung schwerer Elemente in einem wasserstoff-dominierten Universum, je nachdem, wie entscheidend die jeweiligen Gebiete schließlich für die Herausbildung unserer heutigen Kosmologie waren.

Das Ganze ist natürlich stark vereinfacht und teils idealisiert. Auf welch im Rückblick manchmal banalen Detaillevel wissenschaftliche Dispute ausgetragen werden, wieviel Anstrengung in die Bestätigung oder Widerlegung kleinerer Aspekte oft aufgebracht werden muss, will man in einem Unterhaltungsbuch ja auch nicht wirklich lesen. Ebenso wenig erwartet man wohl eine erschöpfende Darstellung der Allgemeinen Relativitätstheorie. Das Buch ist eindeutig für Einsteiger geschrieben, ohne damit sagen zu wollen, dass es nur an der Oberfläche bleibt. Jemand, der sich mit der Sache andernorts schon länger auseinandergesetzt hat, wird nicht unbedingt viel Neues lernen [1], aber selbst dann ist es noch mal ein schöner Überblick und mehr was zum Entspannen. Wissenschaftlich sind mir keine wirklichen Böcke aufgefallen, höchstens ein paar Kleinigkeiten in der Darstellung, aber ich musste das Buch ja auch nicht schreiben (und gelesen habe ich es auch mehr zum Relaxen). Ob die wissenschaftshistorische Darstellung dabei jeweils der Wahrheit entspricht, kann ich gar nicht beurteilen; eine meines Erachtens fast schon wieder hinterfragbare Besprechung der New York Times ist diesbezüglich eher kritischer: möglicherweise verbreitet das Buch also zum Teil heute populäre Mythen, die nicht den neuesten Stand der wissenschaftshistorischen Forschung wiederspiegeln, sich dabei aber auf eher technischem Niveau abspielen. [2] Aber, wie gesagt, aus meiner Perspektive fällt das meiste davon eh in den Unterhaltungsteil des Buches.

Empfohlen sei das Buch also Einsteigern, die sich für die (nicht-technische) Geschichte der Astronomie und ihre Methoden interessiert, dabei was über das Weltall und den Ablauf von Naturwissenschaft an sich lernen wollen. Und für nicht in der Astronomie oder Kosmologie arbeitende Fortgeschrittene, die noch mal alles hübsch unterhaltsam zusammengetragen bekommen möchten.

Wer sich nur für die Fakten interessiert, findet die ja heute zum großen Teil sowieso im Netz und, bitte jetzt steinigen, in der englischsprachigen Wikipedia, die in vielen naturwissenschaftlichen Gebieten heute schon recht verlässlich ist, was jedenfalls populärwissenschaftliches Niveau anbelangt. Aber das ist dann doch nicht das gleiche wie eine zusammenhängende Darstellung in Buchform. Und passt, je nach technischer Ausstattung, vielleicht auch gar nicht in die Handtasche.

[1] Mir war zum Beispiel nicht mehr bewusst, dass das Steady-State-Modell nicht das gleiche ist wie das klassisch statische Universum.

[2] In der Schule habe ich die Epizyklentheorie übrigens auch mit mehreren Epizyklen zur Korrektur der Bahndaten vorgestellt bekommen. Es ist aber auch eher unwahrscheinlich, dass man mal bei Wer wird Millionär nach der genauen Zahl der von Ptolemaeus eingeführten Epizyklen befragt wird. Oder wer weiß schon, dass Bischof Ussher damals zwar den Tag der Schöpfung genau bestimmen konnte (22.10.4004 v.Chr.), aber keine genaue Uhrzeit? Oder hat er doch, wie Wikipedia nahegelegt, “Vorabend” gesagt, und Singh nur “18 Uhr” reingelesen?

Freiheit, die wir meinen: John R. Searle und der Wille

Bei Marc in der Wissenswerkstatt geht’s in die nächste Runde der Diskussion um die Freiheit des Willens, diesmal anhand eines Interviews mit John R. Searle. Das hatte ich damals zwar schon in der Printausgabe der FAS gelesen, war aber einerseits zu der Zeit schon in eine langwierige philosophische Debatte verstrickt; andererseits schien mir der Artikel nicht wirklich viel Neues zu beinhalten. Searle erklärt über weite Strecken des Interviews, was ihm am Kompatibilismus nicht gefällt, der Freiheit in etwa als Fehlen äußerer Zwänge auf den Menschen auffasst, selbst wenn dieser natürlich aus einer inneren Kausalkette heraus seine Entscheidungen treffe.

Jetzt halte ich nicht viel von Searles spärlich gestreuten Argumenten und habe dazu schon auch was in Marcs Kommentarteil geschrieben. Zum einen kann Searle sich nicht vorstellen, wie Menschen sich selbst als unfrei auffassen und damit weiter Entscheidungen treffen können — was meiner Meinung nach nicht darüber hinausgeht, was Naturalisten eh sagen: dass Freier Wille ein von uns geschaffenes Konzept ist, das uns rein introspektiv inzwischen so sehr selbstverständlich geworden ist, dass wir es als gegeben annehmen, vielleicht sogar annehmen müssen. Etwa so, wie auch das Ich nur ein Konzept des Bewusstseins wäre. Dass ich nicht so einfach von der Vorstellung loskomme, frei zu entscheiden, und die gegenteilige Erkenntnis nur abstrakt formulieren kann, beweist kaum etwas. Dass ich einen Gedanken wie “ich entscheide” nicht ohne Rückgriff auf die Konzepte “ich” und “entscheiden” formulieren kann, mag linguistisch und kulturtheoretisch interessant sein, bestimmend für die Natur des menschlichen Entscheidungsprozesses ist es wohl eher nicht.

Zum anderen empfinde ich Searles Einwände gegen diese Auffassung als hauptsächlich ästhetischer Natur und zudem als unzutreffend. Seine Vorstellung des Freien Willens ist diese:

Ist es der Fall, dass für alle meine Handlungen die vorausgegangenen Ursachen meiner Handlung ausreichend waren, um die Handlung zu bestimmen, oder gibt es Handlungen, deren vorausgegangene Ursachen nicht ausreichend waren, um sie zu bestimmen? Das ist die Bedeutung von freiem Willen, die ich interessant finde.

Alles, was sich gegen den so definierten Freiheitsbegriff wendet, wird von Searle auf die Ebene gestellt, wir seien dann nur Roboter, unser Leben, unser Streben und unsere Gefühle im Gesamtbild irgendwie sinnlos und zur Verantwortung für ihr Handeln könnten wir andere dann auch nur ziehen durch kompatibilistische Tricksereien. Jetzt glaube ich immer noch nicht, dass das Universum sich irgendwie dafür zuständig fühlt, unser Leben auch objektiv mit Sinn zu bereichern, von daher ist das Argument für mich ähnlich bedeutungslos wie ich dem Universum. Aber es geht auch am eigentlichen Alltagsempfinden vorbei: ein Gefühl, selbst eines der Verpflichtung und Liebe den eigenen Kindern gegenüber, mag keinen höheren Sinn haben, aber das macht es nicht weniger real und bedeutsam für den Menschen, der so fühlt.

Der naturalistische Ansatz ist in etwa, dass wir uns aus der Komplexität unseres Empfindens heraus (das verwoben ist mit unserer Geschichte, der Natur, Mitmenschen, der Kultur, in der wir leben, und nicht zuletzt mit der Rückkopplung des Bewusstseins zu sich selbst) als freie Wesen verstehen: als Entitäten in einem Beziehungs-Netzwerk, die einerseits Träger von Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung sind und andererseits in gewissem Rahmen unabhängige Beiträge und Impulse geben, die sich nicht allein aus dem Netz ergeben. Jedenfalls sind die Beiträge nicht prinzipiell vorhersagbar, ohne zuvor eine vollumfassenden Beschreibung aller Komponenten fertiggestellt zu haben. Da das nicht möglich ist, schon gar nicht für das natürliche, naiv Beziehungen herstellende Bewusstsein selbst, wird diese fehlende Bestimmbarkeit als Freiheit verstanden.

Einwände gegen diesen Ansatz sind zumeist, wie hier, ästhetisierender Art und scheinen eher durch die einhergehende Kränkung des Menschenbilds motiviert, aller geschichtlichen Erfolglosigkeit solcher Argumentation zum Trotz. Dazu baut man sich den Naturalismus, wie man ihn braucht, um bessere Angriffe auf ihn fahren zu können: anstelle des Menschen als weit jeden heutigen Verständnis liegenden und hochkomplexen Natur- wie Kulturwesens, wird die naturalistische Beschreibung zum “Mensch als Automaton” abgestuft. Searle gebraucht das Wort Maschine.

Vor allem verstehe ich aber Searles Definition nicht, jedenfalls kann ich sie nicht mit Inhalt füllen. Es gelingt mir nicht zu durchdringen, worin dieser Freiheitsbegriff bestehen soll: ist es Magie, die wirkt, wenn alle Kausalität aufgehoben ist, und soll ich dann selbst noch diese Magie sein, wiewohl ich ansonsten nicht besonders magisch rüberkomme, nicht mal introspektiv? Wie würde das aussehen? Ich weiß jetzt schon von den allermeisten Entscheidungen nicht, warum ich sie treffe (nicht mal, dass ich sie treffe). Und die vorgeblich bewusst getroffenen Entscheidungen scheinen mir alles andere als unverursacht, obgleich ich selbst da sagen muss, dass die Geschichten, die unser Ich sich selbst zu ihrer Rechtfertigung erzählt, in den meisten Fällen Konstrukte zu sein scheinen, die mal mehr, mal weniger die tatsächliche Verursachung wiedergeben können.

Ich verstehe also nicht: wie könnten wir überhaupt von einer Entscheidung sagen, dass sie im searleschen Sinne frei getroffen worden ist? Wie würden wir eine solche Entscheidung erkennen und von einer unterscheiden können, die nicht frei gefallen ist, deren Ursache wir aber nicht bis ins letzte Detail bestimmen können? Welchen Erklärungswert hat in dem Zusammenhang das Wort “frei” vor dem Wort “unbekannt”? Und wie könnten wir “frei” schließlich von “zufällig” unterscheiden, wenn Kausalitäten dabei nicht mehr gelten?

Solange wir diese Fragen nicht beantworten können (ich kann es, vielleicht aus persönlicher Beschränkung, nicht), scheint es mir wenig Sinn zu haben, von einem Freien Willen zu sprechen im Sinne einer entitätischen Eigenschaft des Menschen, nicht nur als Konstrukt in seiner Selbstauffassung. Als letzterer ist er ein vollkommen gerechtfertigter kultureller Begriff, gerade im Sinne des Kompatibilismus. Searle hingegen beschreibt eine Begrifflichkeit, die letztlich nur darauf abzielt, Sinn zu spenden, die für unser kulturelles Bild von uns selbst möglicherweise relevant ist, ohne nachzuweisen oder auch nur anzudeuten, wie sie in der Natur verankert sein kann oder auch wie wir sie auch nur grundsätzlich erkennen könnten.

Für einen Ansatz, der letztlich doch Wahrheit beschreiben will, ist mir das zu wenig.

Weitere Beiträge zur Willensfreiheit: zu den Haynes-Experimenten und zu den Folgen für das Strafrecht

Schokolade im Klimawandel und was Wissenschaftsjournalisten mit abgetrennten Fingern machen

Mal wieder Zeit, ein wenig was zusammen zu tragen.

Wer sich schon immer gefragt hat, warum geschmolzene Schokolade nach dem Wiederabkühlen nicht wieder wie astreine Schokolade aussieht, sondern wie eine eine krüppelig-weiche Pappe mit suspektem Belag, findet die Antwort bei Cosmic Variance. In kurz: es liegt an den unterschiedlichen Kristallstrukturen, in denen die Fettsäure-Moleküle der Schokolade aushärten. Das klingt an sich eher wie eine Geschichte, auf der man an Familiengeburtstagen missliebige Verwandte (”Was macht eigentlich Deine Doktorarbeit?”, “Kann man damit irgendwas werden?”) verscheuchen will; aber wenn man das verstanden hat, kann man es auch umgehen und somit nach Belieben Eßbares wie Uneßbares mit einem dann auch wirklich nach Schokolade aussehenden Schokoladeüberzug versehen. Wer hätte gedacht, dass Festkörperphysik und -chemie auch mal was nützliches rausfinden?

Die nächste Runde Klimawandel-Skepsis kann heute schon wissenschaftlich vorausgesagt werden. Wie pro-physik berichtet, zeigen neue Untersuchungen über die Auswirkungen von Meeresströmungen auf das Klima, das dem stetig nach oben weisenden Trend eine periodische Schwingung überlagert ist — soll heißen: während es allgemein immer wärmer wird, gibt es auf diesem Niveau noch Schwankungen, so dass einige Jahrzehnte einen scheinbar besonders schnellen Temperaturanstieg aufweisen, andere einen nur sehr geringen. An der grundsätzlichen Tendenz nach oben würde das nichts ändern, aber da wir uns gerade auf dem Weg in ein Tal dieser periodischen Schwankung befinden, kann es sein, dass das Klima erst wieder in einigen Jahren deutlich wärmer wird. Man sollte sich also darauf einstellen, dass es für einige Zeit nicht nur an jedem Regentag heißt: “Klimawandel? Ich merk nix…”, sondern auch vermehrt Leute Klimakurven in Kameras halten werden, um zu zeigen, dass da kaum noch was steigt.

Als Ergänzung zum Dauerthema Frauendiskriminierung in der Wissenschaft stellt DissBlogs Mierk Schwabe auf den wissenslogs eine neue Untersuchung vor. Vorherige Untersuchungen zeigten in der Tendenz eher, dass Publikationen von weiblichen Erstautoren einen besonders kritischen Begutachtungsprozess durchlaufen müssten. Das war Grund für einige Journale, ihr Begutachtungssystem doppelt anonymisiert durchzuführen, so dass die Begutachter nicht mehr über die Namen rausbekommen, ob die Veröffentlichung von einer Frau oder einem Mann geschrieben ist, oder gar noch nachgoogeln, wie diejenige denn wohl aussieht — oder ihre Facebook-Seite. Als Ergebnis findet man nun, dass die Umstellung zumindest an der Zahl der von Frauen veröffentlichten Artikel nichts ändert: die Entwicklung geht stetig nach oben, aber nicht anders als vor der Umstellung. Das ist zwar nur ein kleines Indiz gegen Diskriminierung und widerlegt so auch noch nicht die vorherigen Studien, aber es zeigt zumindest, dass man mit einer zu plakativen Beschreibung des Problems dem nicht gerecht wird. Und für alle Nichtwissenschaftler noch die Erläuterung: Erstautoren sind diejenigen, die zumeist die Wissenschaft machen und die Veröffentlichung schreiben, Letztautoren sind die, die das Geld organisieren und verwalten und am Ende die wissenschaftlichen Preise bekommen, bevor sie dafür zum Max-Planck-Direktor gemacht werden.

Und, fast zum Ende, wieder Humor: Dr. Mezmers Dictionary of Bad Psychology (via). Dieser Mann hasst so ziemlich alles, was an moderner Philosophie durch den Raum zieht: Evolutionspsychologie wie Mem-Theorie, Freud wie Selbsthilfe-Literatur und E. O. Wilson wie Daniel Dennett. Das hier zum Thema Sokrates:

Ancient Greek philosopher who believed that self doubt is healthy, constant inquiry is the way to knowledge, that a life unquestioned is a life unlived, and was poisoned by his society for his troubles. Socrates’ philosophy has been superceded by modern psychology, which believes that self confidence is healthy, constant inquiry is paranoia, and a life without too many questions fits the ideal world of ‘Martha Stewart’s Living’, where the ivy is the only thing poisonous.

Und das hier zum Thema Emotionale Intelligenz:

A type of intelligence, common among angry housewives, who combine emotions and intelligence as they berate their unemotional and witless husbands for not listening, not taking out the garbage, etc. Emotional intelligence quotients of EQ’s are also commonly handed out to ninnies who score low on IQ tests, thus making more than enough intelligence to go around.

Einen Blog dazu gibt’s auch.

Ein kleiner Test für den hiesigen Wissenschaftsjournalismus, und das noch ganz poppersch falsifizierbar: es gibt ja die gelegentlich von wem auch immer vertretene These, dass einige, einzelne Wissenschaftsjournalisten eher an einer guten Story als an einer die Story in Frage stellenden Recherche interessiert sind. Nun ging in Großbritannien gerade durch die entsprechenden Medien, dass es Wissenschaftlern gelungen sei, mittels revolutionärer Forschung einen abgetrennten Finger wieder nachwachsen zu lassen. Das wäre natürlich toll. Ich müsste mir um meine experimentelle Tapsigkeit weniger Sorgen machen und könnte hier noch titeln: Gott heilt keine Amputierten? Wissenschaftler schon. Win-Win.

Leider ist die Meldung eher Humbug, zumindest sehr, sehr zweifelhaft und so, wie sie zuerst durch die Medien ging, ganz einfach unkritischer Unfug. Ben Goldacre hat sich in zwei Posts mit der Sache befasst (bitte nicht beim Essen anklicken): hier und hier. Insbesondere beim letzten Bild im zweiten Beitrag kann man meiner Meinung nach schon erkennen, wieviel von dem Finger da wirklich abgetrennt war; dieser weiße Halbkreis sieht doch sehr nach den Narben aus, die ich auch überall an den Händen habe. [1] Und dann war das halt ein kleines Stück Fingerkuppe was ziemlich gut, aber auch nicht sensationell unerwartet gut verheilt ist.

Die britische Sensationsberichterstattung ist jetzt schon über eine halbe Woche alt und im deutschen Wissenschaftsjournalismus noch nicht aufgegriffen worden. Kann das sein? Es gibt einen älteren Heise-Artikel über die dahinterstehenden Forschungen, aber das war’s. Darum also mein Vorschlag: wenn das so bleibt, werde ich das im nächsten Wissenschafts-Überblick hier sehr loben und fast reumütig erwähnen. Wenn das nicht so bleibt, und die entsprechenden Artikel nicht kritisch auf die Zweifel an der Geschichte hinweisen, sondern die als mögliches Wunder oder direkt bevorstehenden Durchbruch darstellen, dann gibt’s eben dazu einen Artikel. Das Ganze ist natürlich ein rein objektiver Test, um halbempirisch nachzuschauen, ob man die Verbreiterung solcher Meldungen sogar vorhersagen kann. Mithin angewandte Seuchen-Soziologie.

Und damit die online recherchierenden Journalisten auch einen Weg haben, notfalls das hier zu finden, noch mal ein paar relevante Begriffe: Badylak, Lee Spievak, Schweineblasen-Extrakt, Extrazelluläre Matrix, Pixie dust. Viel Erfolg!

[1] Überall ist übertrieben. Und das lässt auch keinen Rückschluss auf meine Experimentiertapsigkeit zu. Im Dienst hab ich mir nur ganz reguläre, oberflächliche Erfrierungen an flüssigem Stickstoff zugezogen, oder wie wir bei uns sagen: The White Batch of Honor. Das gehört bei uns zu den Initiationsriten. Wirklich eklig sind großräumigere Erfrierungen an gerade noch flüssigem Helium. Man glaubt nicht, wie groß Brandblasen werden können.

There ain’t no cure for love

Religion hat zu so ziemlich allem was zu sagen. Insofern sind wir uns sehr ähnlich. Möglicherweise gibt es dennoch Unterschiede, auf die ich hier jetzt nicht eingehen will.

Aber wenn man schon den direkten Draht zu Gott hat und sowieso am meisten von menschlichem Leiden versteht, ist es wohl auch nur naheliegend, medizinische Ratschläge zu geben. Zum Beispiel, was die Zusammensetzung von Impfstoffen angeht. Man hat einfach die besseren Argumente (> Submitted Text):

In Mark 10:13-16, it says, “People were bringing little children to him in order that he might touch them; and the disciples spoke sternly to them. But when Jesus saw this, he was indignant and said to them, ‘Let the little children come to me; do not stop them; for it is to such as these that the Kingdom of God belongs. Truly I tell you, whoever does not receive the kingdom of God as a little child will never enter it.’ And he took them up in his arms, laid his hands on them, and blessed them.”

Das ist natürlich nur die theologische Begründung für die Qualifikation von Religion, was über Medizin sagen zu können. Jesus liebt Kinder: fragt uns. Dass man sich dann im Folgenden mit Quacksalbern gemein macht, wissenschaftliche Literatur bestenfalls noch sehr selektiv zitiert und sich auf Allgemeinplätze beruft, ist dann egal, Politik machen kann man damit trotzdem. Es ist ja überhaupt schon schändlich, Kindern in irgendeiner Form Gift zu spritzen.

Der denialism blog rückt was gerade. Aber die Debatte geht in den USA gerade hoch her, auch ohne, dass sich jetzt noch einzelne Kirchen da glauben, sich einmischen zu müssen, und die wird nicht mit der Widerlegung eines Arguments vorbei sein. Das wird uns hier auch noch erwischen, genug impfkritische Foren und Webseiten gibt es schon mit teilweiser beträchtlicher Lesezahl. Da vermischen sich Verschwörungstheoretiker mit Esoterikern und Anhängern so genannter Alternativmedizin. Das ist in den möglichen Auswirkungen ernster anzusehen als die belanglosen, weil abseitigen Quantenphantasmen kreativer Menschen.

Spieltheoretisch ist Impfung in einer individualisierten Gesellschaft nun mal in einer eher komplizierten Situation. Und dann kommen noch die ganzen psychologischen Effekte, wenn wirklich mal was passiert, ob durch die Impfung oder auch einfach nur nach einer Impfung. Plötzlicher Kindstod macht angst. Warum auch sowas mit Gottes Willen erklären, wenn man auch einen depperten Wissenschaftler beschuldigen kann. Vielleicht zeigt sich wenigstens da noch, was man tief drinnen selbst auch nur für hiflosen aber tröstenden Aberglauben hält.

Add: deutsche Beiträge zur Impfdebatte gibt es beim Assistenzarzt, WeiterGen, Hinterm Mond gleich links und dem EsoBlog.

Zwei Kulturen (2): Liebe und Menschlichkeit gegen Naturwissenschafts-Unterkühlung

Eigentlich ein Bloghinweis. Aber gleichsam wieder ein Indiz, dass es immer hilft, etwas zumindest hinterfragbares, wenn nicht gar fragwürdiges, zu schreiben, um von hier verlinkt zu werden. Ich entschuldige mich ausdrücklich dafür und kann nur noch mal darauf hinweisen, dass ich nicht aus naturwissenschaftlichem Stolz versuche, mir eine eine Pose sozialen Ungelenks zuzulegen. Das wäre schäbig.

Auf dem noch neuen Brainlog Sichtweisen strebt Christian Wolf einen Brückenschlag zwischen Natur- und Geisteswissenschaften an. Das klingt als Mission Statement erst mal begrüßenswert gut. Und ich nutze die Gelegenheit auch noch mal, um auch aus der Sicht des Radikal-Hardcore-Naturalisten festzustellen, dass nirgendwo im Manifest der naturalistischen Weltverschwörung irgendwas davon steht, dass Geistes- und Kulturwissenschaften entwertet, überflüssig gemacht oder gar abgeschafft werden sollen. Verschiedenerseits scheint dieses Missverständnis immer noch verbreitet oder wird zumindest so propagiert. Knochentrockenster physikalistischer Reduktionismus hat nicht mal Chemie oder Biologie abgeschafft, im Gegenteil: beide Disziplinen florieren in ihrer Anbindung an die Physik und Vernetzung untereinander. [1] Schlimmstenfalls wird die Chemie heute nicht mehr wirklich als Königin der Wissenschaft aufgefasst. So what? Das bezahlt sowieso keine einzige Rechnung. Und es gilt für den Großteil der physikalischer Forschung ebenso.

Aber zum Thema. In seinem ersten richtigen Blogeintrag versucht Wolf den unterschiedlichen Ansatz beider Wissenschaftsarten zu bestimmen:

Ich betrachte die Augen eines geliebten Menschen. Diese Augen bedeuten mir etwas, sie scheinen etwas auszudrücken. Ich kann in diesen Augen lesen. Lese darin Liebe, Zuneigung, Verständnis. Die Augen als Spiegel der Seele zu betrachten, hat eine lange kulturgeschichtliche Tradition. Mit einem Mal beginnen sich die Augen aber zu verändern. Ihre Körperlichkeit wird sichtbar: die Pupille, die Iris, die feinen Äderchen. Nun sind die Augen kein Spiegel des Inneren mehr, sondern Bestandteil eines physischen Organismus.

Das ist wunderschön, sehr poetisch und leider nicht besonders erhellend. Und ein wenig ärgerlich, wenn ein mit dem oben geschilderten Anspruch angetretener Blog so beginnt. Wolf unterscheidet zwischen der personalen und der naturalen Betrachtung des Menschen, was natürlich legitim ist. Es ist aber nicht die Unterscheidung zwischen Kultur- und Naturwissenschaft. Selbst wenn wir zugestehen, dass der naturale Ansatz, Menschen als “psychophysische Objekte” zu betrachten, eine ziemliche Abstraktion der Person Mensch darstellt (und das den naturwissenschaftlichen Ansatz schon voll umschriebe, was ich nicht teile); der personale Ansatz, Menschen als wunderhübsche, einzigartige Schneeflöckchen zu begegnen, ist nicht der kultur- oder geisteswissenschaftliche. Er ist im Grunde überhaupt kein wissenschaftlicher Ansatz.

Jede Wissenschaft lebt von Abstrahierung (und eben Objektivierung) der Objekte, die sie untersucht. Auch wenn das in den Sozial- und Geisteswissenschaften nicht ähnlich radikal aufscheint, wird der Mensch da nicht als geliebt liebendes Individuum besungen, sondern ist mal Ausüber sozialer Funktion, mal Vetreter einer Zivilisation, Kultur, Sprache, Klasse oder (Bildungs-)Schicht. Selbst in ganz personaler Literaturwissenschaft mag man unzählige Bücher über die Person Franz Kafka schreiben; wenn das mehr sein soll als ihrerseits nur akademisch inszenierte Literaturproduktion, in dem Sinne, dass damit über die Person Kafka hinausreichende Erkenntnis gewonnen werden will, muss irgendwann der Abstraktionsschritt folgen, selbst wenn der nur daraus bestehen will, am Einzelbeispiel gesellschaftliche Strömungen oder Veränderungen festzumachen. Leistet eine Wissenschaft das nicht, bestätigt sie damit nur die Vorbehalte, die gegen ihre Wissenschaftlichkeit und damit ihre Legitimation als Wissenschaft bestehen.

Darum ärgert es mich, wenn sich Geisteswissenschaft als Hüterin eines poetischen Menschenbildes gegen naturwissenschaftliche Nüchternheit geriert. Wenn man Wissenschaft sein will, kommt man um dieselbe Nüchternheit nicht herum, wenn man auch näher am menschlichen Eigenbild operiert. Solange man sich in den liebenden Augen des Geliebten verliert, ist man zwar ganz Mensch, aber auch geisteswissenschaftlich blind. Den gesellschaftswissenschaftlichen Ansatz daher als oder mittels Poesie vorzustellen, ist nette PR, geht aber an der Sache vorbei, die doch eigentlich Erkenntnisgewinn sein will. Oder man glaubt selbst an die PR und die Poesie, hört dann aber auch bitte mit dem Fäusteballen auf, wenn die DFG das nur widerwillig und pfennigweise fördern will.

Womit ich der Poesie nicht ihre Wichtigkeit und Existenzberechtigung absprechen will, was schon in der Vorstellung absurd wäre. Nur wissenschaftlich wird sie damit nicht, und das ist ja unser Thema. Poesie verschwindet im naturalistischen Ansatz nicht, wie auch Aminosäuren und Proteinkomplexe nicht verschwunden sind, da sie nun aus Atomen bestehen. Gleichsam gewinnen Poesie und Menschlichkeit wenig durch eine Gesellschaftswissenschaft, die sie als Legitimation heranziehen will.

Derweil ist der Ansatz der Geisteswissenschaft hoffentlich etwas differenzierter, als sich für Motive zu interessieren und Handschläge als Begrüßung zu verstehen. Das machen ganz naturwissenschaftlich arbeitende Biologen jeden Tag an nur geringfügig weniger komplexen Lebewesen und mit ziemlichen Erfolg, was Herkunft und Erklärung des Verhaltens und der damit mit aller Sicherheit auch einhergehenden Gefühlszustände angeht. Nicht, dass die Vernaturalisierung der Geisteswissenschaft am Ende nur ein ziemlich kleiner Schritt wäre. Wäre schade um die befruchtende Kontroverse und die so oft beschworenen Differenzen.

[1] Ja, Geisteswissenschaftler, wir sind die Borg. Ja, wir werden euch assimilieren. Ja, euer Widerstand ist zwecklos. Er wird aber in einer Mischung aus Amüsement und Genervtsein zur Kenntnis genommen, solange wir euch noch nicht endgültig am Wickel haben.

Add: Wie schon dargestellt, Kritk erscheint mir für gewöhnlich interessanter und fruchtbarer, um Differenzen abzustecken und Positionen darzustellen, als Zustimmung. Das mag in sich auch etwas unfair erscheinen, da Christian Wolf erst einen inhaltlichen Beitrag geschrieben und den in Zukunft weiter ausdifferenzieren will. So dass ich hier noch mal festhalten will, dass ich den Blog mit lebhaften Interesse verfolgen werde — ganz unironisch.

Zwei Kulturen (1): Hillary Clinton schreckt vor nichts zurück

Ich habe schon einige komische Argumente gehört, warum Barack Obama der bessere demokratische Kandidat für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen wäre; und dazu viele absurde, warum Hillary Clinton es auf keinen Fall werden dürfe. Sei das, wie es ist — mir ist es einigermaßen schnurz, auch wenn ich eine Meinung habe, vor allem über einige Auswüchse der medialen Berichterstattung, mit der sich amerikanischer Qualitätsjourn Massenjournalismus mal wieder ein sehr beredtes, wenn auch prächtig inszeniertes Armutszeugnis ausstellt. Jetzt muss ich aber mein Urteil wohl revidieren.

Zum einen hat sich Sheryl Crow nun endlich ausgesprochen, dass auch sie Obama unterstützt, in einem eloquenten Meisterstück auf ihrem Blog [1]; das Hauptargument scheint zu sein, dass fehlende Erfahrung irgendwie ein Vorteil ist. Zum anderen, und das mag die wissenschaftlich interessierten Leser hier mehr beeindrucken: auf einer seiner inzwischen wöchentlichen Entschuldigungs-Pressekonferenzen hat DNA-Doppelhelix-Mitentdecker James Watson ebenfalls seine Unterstützung für Barack Obama bekanntgegeben. Mit einem mir bisher neuem Argument:

“I really want Obama to win,” but he said he would back John McCain over Hilary Clinton (”Hilary—whoo,” were his exact words) because McCain would be a stauncher advocate of science. Clinton, he said, “actually believes social science is as good as science.”

Hervorhebung von mir, wenn Hervorhebung überhaupt noch nötig war. Hillary Clinton: Sozialwissenschaften so gut wie echte Wissenschaft! Nicht zu glauben. Diese seelenlose Roboterin-Querstrich-Hexe-Querstrich-Schlampe (via). Man sollte sie an die gesellschaftswissenschaftlichen Institute jagen.

Wo ironischerweise die meisten Obama unterstützen.

Das Leben ist seltsam.

[1] Direktverlinkung des Beitrags funktioniert nicht. Es ist derzeit der zweite, also der unter dem über das bestimmt überaus nützliche Einkaufsutensil. Nicht zu glauben, wie vielseitig diese Frau bloggt. Auch wenn sich mir nicht erschließt, wozu man diese Supereinkaufstasche braucht. Ich dachte bisher, das Einkaufsverpacken wäre in den Staaten Aufgabe des für Deutschland so zwingend vorbildlichen Niedriglohnsektors Vollbeschäftigungs-Modells.

Aktueller Anlass

Bedarf keines Kommentars:

Aber das hier ist auch schön.

Christival-Ticker: Gericht weist Eilantrag zurück

(Huckelriede) Das Landgericht Huckelriede hat einen eingebrachten Eilantrag zum Verbot des evangelikalen Jugendfestivals Christival abschlägig beschieden. Die “Gesellschaft Kreativer Menschen” hatte in ihrer Antragsbegründung argumentiert, die Konzentration derartig vieler junger Evangelikaler auf so engem Raum, wie ihn der Bremer Stadtstaat darstelle, könne zu Konsequenzen führen, die wissenschaftlich noch vollkommen unerforscht und unverstanden seien. Insbesondere könne es durch eine mögliche Quantenverschränkung der Gehirnaktivität der Teilnehmer, wie sie immer mehr ernstzunehmende Wissenschaftler für möglich hielten, zu einer spontanen Bildung Intellektueller Schwarzer Löcher kommen. Auch wenn es sich angesichts des einfließenden Intellekts vermutlich eher um Mini-Löcher handeln dürfe, bestünde die Gefahr, dass diese in den Erdmittelpunkt fallen und dort die Zerstörung der Erde verusachen könnten. Die Erde sei der Heimatplanet der Menschheit. Zudem bestünde die Möglichkeit der Entstehung so genannter Seltsamst-Gedankenteilchen, die in sich zwar völlig absurd, durch ihre Abschottung vor Realitätseinflüssen aber durchweg stabiler als normales Gedankengut seien — kaskadenförmig könnten diese von Bremen ausgehend das reguläre Gedankengut weitgehend zersetzen und die menschliche Gedankenwelt dauerhaft in eine Seltsamst-Gedankenwelt umwandeln, in der normales Leben nach menschlichen Maßstäben nicht mehr möglich sei.

Das Gericht wies diese Argumentation zurück. Zwar sei der Erhalt allen menschlichen Lebens durchaus ein gesetzlich schützenswertes Gut, das es auch in dieser Entscheidung abzuwägen gegolten habe. Demgegenüber stünde aber die verfassungsrechtlich festgeschriebene Freiheit der Veranstalter, auch vollkommen abstruse, wahrheitswidrige, in sich nicht konsistente und die ästhetischen wie intellektuellen Gefühle eines gebildeten Durchschnittsbürgers verletzende Meinungen und Ansichten zu verbreiten. Insbesondere ohne die auch nur potenzielle Verletzung der kommerziellen Rechte eines Dritten seien diese Grundrechte kaum antastbar. Ferner verwies das Gericht auf durchaus ähnliche, bereits durchgeführte Versuche, etwa im Stadtstaat Vatikan. Die von dort ausgehenden schädlichen Wirkungen seien zwar an sich unnötig und vermeidbar und darum besonders bedauerlich, in ihrer Dimension aber nicht ganz so dramatisch, wie von den Antragsstellern geschildert, und müssten daher im Rahmen der freiheitlichen Grundordnung geduldet werden. “Auch wenn’s echt, echt schwer fällt”, fügte der zuständige Richter hinzu. Dass die vom evangelikalen Jugendfestival ausgehende Beeinträchtigung menschlichen Lebens diejenige anderer öffentlicher Irrtumsverbreitung überträfe, könne nicht bewiesen und damit zu diesem Zeitpunkt auch nicht vorausgesetzt werden. Das Gericht behielt sich allerdings vor, diese Entscheidung nach Start des Christivals noch einmal kritisch zu überprüfen. Gleichzeitig belegte das Gericht die anwesenden Vertreter der “Gesellschaft Kreativer Menschen” mit Ordnungsgeldern, da diese sich nicht davon abbringen ließen, ihr nach eigenem Bekunden naturgesetzlich garantiertes Recht auf Außerkörperliches Erfahrungssammmeln auch während der Dauer der Verhandlung auszuüben.

Mit der Entscheidung des Landgerichts Huckelriede kann das evangelische Jugendfestival Christival nun wie geplant am heutigen Abend beginnen. Festivalsnahe Kreise äußerten ihre Erleichterung. Das Gerichtsurteil zeige, dass man sich auch als Irrender in Deutschland nicht den Mund verbieten lassen müsse. Gleichzeitig äußerte man Bedauern, dass die Huckelrieder Richter keine deutlicheren Worte gegen Homosex, vorehelichen Sex, außerehelichen Sex, Sex überhaupt und das Verbreiten von Sex propagierenden Ansichten gefunden hätten. Das werde man dann auf dem Festival selbst nachholen müssen.

Christival-Ticker: Deutsche Bahn warnt

(Berlin) Von nicht weiter bekannten bahnnahen Quellen wurde soeben mitgeteilt, dass es heute im Großraum Bremen zu einzelnen Belästigungen im Bahnverkehr kommen könne. Die Mitreisenden sollten sich auf das Auftreten sich christlich gerierender Grüppchen in den Zugabteilen vorbereiten. Dabei könne es vermehrt zu gesanglichen Beeinträchtigungen der Bordakustik kommen. In einzelnen Fällen sei auch direkte Ansprache aus diesem Personenkreis zu befürchten. Die Grüppchen seien aber weitgehend harmlos und wollten nur spielen. Im Zweifelsfall sei empfohlen, sich an einen Schaffner oder karnevals- bzw. oktoberfest-geschulten Mitreisenden zu wenden. Insbesondere weibliche Fahrgäste werden um Nachsicht gebeten. Das Angebot, in Zungen zu reden, stelle in diesem Kulturkreis keine sexuell konnotierte Aufforderung dar; von Ohrfeigen sei zumindest offiziell abzuraten.

Außerdem verlautete aus gleicher Quelle, dass es aufgrund teilweise möglicher Drosselung der Reisegeschwindigkeit zu Verspätungen im Bremer Umland kommen könne. Es habe sich herausgestellt, dass die modernen ICEs trotz aller Sicherheitstechnik nicht ausreichend auf das Zusammenstoßen mit Schafherden vorbereitet seien. Man wolle da kein Risiko eingehen.

Trotzdem werde allen Fahrgästen auch heute eine gute Fahrt gewünscht.

Begrenzte Wissenschaft goes Lehrstoff… oder so ähnlich

Gut, es ist noch nicht soweit, dass in deutschen Instituten Dissertationen und Abhandlungen über dieses Blog verfasst werden. [1] Deren Inhalt ich dann vielleicht auch gar nicht kennen möchte: Zwischen Arroganz und Larmoyanz — Diskursversagen von Wissenschaftlern im digitalen Raum. Oder: Begrenzte Reichweite — wie man es nun wirklich nicht macht. Egal.

Denn ab heute, erster und notwendiger Schritt, ist dieses Blog in die Riege akademisch qualifizierter Quellen aufgenommen worden (Tusch!) — im Rahmen des Seminars von Volker von Prittwitz zum Thema “Journalistische und künstlerisch-unterhaltende Medien der Politikanalyse” gehört dieses Blog zum Lehrstoff. Am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin (Tusch! Zweimaliges Absingen der Internationale!), der einzigen wirklichen Eliteuniversität, wird es am 29. Mai um “Interaktive Formen der Beschäftigung mit Politik (Blogs, Chats, Rundfunk-Talks)” gehen. Was liegt da näher als ein Verweis auf diesen meinen Beitrag?

Aus diesem Anlass gibt der Zentralblogsvorsitzende bekannt:

‘Nossinnen und ‘Nossen! An diesm — stollsn! Ja? wohl! stollsn — Tahche für dies unseres Blogs kann ich mit pochm’n Herssn und klarm Verstann verkünn’n: der Plan is erfüllt. Übererfüllt, ‘Nossinn’n und ‘Nossn. Die gechischlich fesgeschriebm Verleitmädisierun dies unseres Blogs geht striktn Fuß voran, voran geht sie. Möhchen auch die Ewich-Kestrichn, die Nörchler und Däfetissn weiter nörcheln und däfettiern, möchn sie auch lühchn und trühchn, dass nich dies unseres Blogs im wissnschafflichn Sentrum dies Säminahs stehn solle, sonnern nur der in dies unserem Ährenbeitrach ärwähnteh… Wissnschaffstohlk… die G’chischche wihrsse noch läären, sss ss sss’s, ’s! ‘Nossinnen und ‘Nossen: Dies unsers Blog in sainen Schrieb, is Akadämkern und Studntn lieb! Dies unsers Blog, dies Blog, das hatt immer rech, ‘Nossinn’n und ‘Nossn, und so bleib ihr halt dabei!

Soweit der Zentralblogsvorsitzende. Der wohl nur noch mal sicherstellen wollte, dass ich trotz Verlinkung nicht persönlich zum gegenüber um die Ecke stattfindenden Seminar mit anschließendem Schnittchenempfang eingeladen werde. Aber wenn jemand anderes noch in der Nähe ist: Donnerstag, 29. Mai, 18 Uhr im Raum 21/E. Ich tröste mich solange mit dem Gedanken, dass Studenten jetzt schon gezwungen werden, sich mein Zeug durchzulesen. Also, OSI-Studenten, neues Motto: Murks statt Marx. Weiterlesen.

In diesem Sinne (Bankangestellte beim Bürosurfen: Ton leise drehen!):

Es rettet uns kein hö´hres Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun.
Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!

[1] Na, vielleicht eine. Aber die ist auch eher randthematisch mit dem Blog hier verknüpft.

Nachtrag: Die hinter sorgsam vorgehaltener Hand verbreiteten Gerüchte über die politische Ausrichtung des OSI sind übrigens allesamt unwahr!

Einführung in Quantenphysik, Verschränkung und die Lügen der Esoterik

Sich über im Wissenschaftsteil von überregionalen Zeitungen erscheinenden Esomüll aufzuregen, ist eine Sache. Aber vielleicht ist es noch mal sinnvoll, sich mit Quantenverschränkung an sich zu beschäftigen und mal nachzusehen, wieso und wo irgendwelche esoterischen, religiösen oder spirituellen Behauptungen im Grunde nur versuchen, Schwachsinn zu verbreiten, wenn sie sich dabei auf das physikalische Phänomen berufen.

Eine weitgehend klassische Hinführung: Wir machen das mal abstrakt. Wir betrachten einen Quantenzustand A, also eine Messgröße, die wir per Messung bestimmen können. Außerdem nehmen wir an, dass für diesen Quantenzustand ein Erhaltungssatz gilt: ein Beispiel für eine klassisch leicht zu verstehende Eigenschaft ist zum Beispiel die Ladung. Ladung kann nicht erzeugt oder vernichtet werden: ich kann Materie und Antimaterie zerstrahlen, also in (ladungslose) Energie umwandeln, aber nur weil die Summe der eingehenden Ladung ebenfalls null ist — die Ladung eines Elektrons (-1) ist gleich der negativen Ladung seines Antiteilchens, des Positrons (+1). Das zerstrahlende Gesamtsystem aus Elektron und Positron hat also keine Ladung und geht in einen Zustand über, in dem es wieder keine Ladung hat.

Das funktioniert auch andersherum. Ich kann aus einem entsprechenden Photon, also einem Energieteilchen mit genügend hoher Energie, auch ein Elektron und ein Positron erzeugen: die Energie des Positrons wird dann umgewandelt in die Masse und Bewegungsenergie der Teilchen. Vorher hat man also ein ungeladenes Photon. Nachher hat man zwei geladene Teilchen, Elektron und Positron, die sich getrennt voneinander fortbewegen können. Im Gesamtsystem erhöht sich dadurch die Gesamtladung nicht, aber anstelle einer Ladung 0 haben wir nun eine Ladung -1 und eine Ladung +1.

Nehmen wir an, ich lasse die Teilchen sich voneinander wegbewegen. Ich habe keine Ahnung, welches der beiden Teilchen die Ladung -1 hat und welches +1. Aber schließlich messe ich die Ladung von nur einem der beiden Teilchen. Ich erhalte das Ergebnis -1; das Teilchen, das ich gemessen habe, ist also ein Elektron. Ergo muss das andere Teilchen ein Positron mit der Ladung +1 sein, ansonsten wäre der Ladungs-Erhaltungssatz verletzt. Dabei ist es unerheblich, wie weit weg das andere Teilchen inzwischen ist. Ich muss das zweite Teilchen auch nicht mehr selbst messen, weil das schon zigtausend mal vorher gemessen wurde und andernorts, im Rahmen anderer Forschung, auch immer noch gemessen wird.

Wenn ich mir ein Zitronen- und ein Vanilleeis kaufe, ich eins unbesehen an einen Freund gebe und später feststelle, dass ich ein Vanilleeis mitgenommen habe, weiß ich eben auch, dass der andere gerade das Zitroneneis hat. Das weiß ich im gleichen Augenblick, in dem ich mein eigenes Eis auspacke.

Warum ist das quantenphysikalisch überhaupt erwähnenswert? Jetzt kommen wir zu unserem Quantenzustand A. Nehmen wir an, wir haben ein beliebiges Teilchen, von dem wir nicht viel wissen. Wir machen eine Messung an dem Teilchen, mit dem wir das A dieses Teilchens bestimmen wollen. Wir finden A ist gleich +1. Das Besondere an quantenmechanischen Messungen wie dieser ist, dass es eine Reihe von Quantenzuständen gibt, die wir an einem Teilchen zwar messen können; aus verschiedenen Gründen hat es aber wenig Sinn (und widerspricht sogar anderen Messungen) zu sagen, das Teilchen hätte vor der Messung schon den Wert A gleich +1 gehabt. Man geht heute weitgehend davon aus, dass das Teilchen erst mal keinen definierten A-Wert innehatte, und das erst unsere Messung das Teilchen in einen Zustand überführt, in dem es ein A von +1 oder -1 annimmt. Und mit Messung meine ich übrigens nicht irgendeinen esoterisch verbrämten Begriff von gar noch bewusster “Beobachtung”, sondern die physikalische Wechselwirkung, die bei der Messung mit dem Teilchen eingegangen wird: diese Wechselwirkung zwingt das Teilchen, sich hinsichtlich des Zustandes A festzulegen: +1 oder -1. Vorher war es nicht in einem A-Zustand, erst durch die Wechselwirkung nimmt es diesen ein. Das ist natürlich kontraintuitiv, aber wir gehen weiter unten noch etwas näher darauf ein.

Die quantenphysikalische Messung ist in dem Sinne also nicht einfach die Abfrage einer schon vorhandenen Variable, sondern die Erzeugung eines Zustands. Welchen Wert A annimmt, ist dabei zufällig. Die Hälfte der Teilchen wird zufällig ein A von +1 ein haben, die andere Hälfte ein A von -1.

Wenden wir das jetzt auf das Beispiel oben an. Wir erzeugen durch ein Photon (A=0) ein Teilchenpaar. Das Gesamtsystem der zwei Teilchen wird wieder ein verschwindendes A von null haben, aber die Teilchen sind derart, dass man ihr A messen kann. Und wieder messen wir A bei nur einem Teilchen und erhalten das Resultat -1. Das legt unser anderes Teilchen aber fest auf A=+1, im selben Augenblick.

Das erscheint nicht wie ein Problem. Aber wenn wir uns der Interpretation anschließen, dass unsere Messung erst den Zustand +1 im Teilchen festlegt, wird damit automatisch auch der bisher nicht vorhandene Zustand -1 im anderen Teilchen festgelegt, im selben Augenblick. Das andere Teilchen kann in der Zwischenzeit auch die halbe Galaxis durchflogen haben. Wir üben also eine instantane Fernwirkung auf das andere Teilchen aus, indem wir in ihm einen Quantenzustand festlegen: das scheint die Prinzipien der Relativitätstheorie zu verletzen, nach der eine Wirkung sich höchstens lichtschnell durch den Raus ausbreiten kann.

Mit Quantenverschränkung meint man also zwei Teilchen, deren Eigenschaft so miteinander verknüpft sind, dass die Eigenschaft des einen durch die Manipulation am anderen festgelegt wird, unabhängig von der Distanz zwischen beiden. Die Teilchen sind insofern nicht frei voneinander, sondern physikalisch immer noch voneinander abhängig.

Das ist doch reine Theorie! Das ist inzwischen recht gut experimentell nachweisbar. Dass es zu solchen Verschränkungen kommt, wurde immer wieder nachgewiesen.

Ist der Quantenzustand nicht doch schon vorher festgelegt? Das ist eine viel interessantere Frage. Wäre die Messung von A nur das Aufzeigen eines schon vorhandenen Zustands, wäre an Verschränkung nichts besonders Rätselhaftes. Tatsächlich gab es lange Zeit Tendenzen, das Phänomen hinwegerklären zu wollen: die Quantenphysik beschreibt demnach die Realität nicht vollständig. Es erschiene nur so, als würde sie in einem Teilchen den Zustand A hervorrufen, in Wirklichkeit ist der Wert von A aber schon verborgen in dem Teilchen festgeschrieben, nur nicht erkennbar für die Quantenphysik. Allerdings kann man auch diese Theorie empirisch untersuchen. Auch wenn die Einzelheiten kompliziert sind, kann man beide Theorien (versteckte Eigenschaft gegen Fernwirkung) voneinander unterscheiden. Und bis jetzt deuten die Ergebnisse ziemlich deutlich, wenn auch noch nicht letztendlich abschließend, in die Richtung, dass die Quantenphysik recht hat und ohne verborgene Eigenschaften auskommt: es scheint sich tatsächlich um eine Fernwirkung zu handeln, in der der Quantenzustand erst durch die Messung induziert wird und nicht schon vorher in den einzelnen Teilchen verborgen war.

Ist dann nicht die Relativitätstheorie verletzt, weil es zu einer überlichtschnellen Beeinflussung kommt? Nicht in dem Sinne. Zwar verrät uns unsere Messung im Labor etwas über ein möglicherweise Lichtjahre entferntes anderes Teilchen, aber diese Information können wir nicht verwerten. Wir können nicht mal wissen, ob nicht Lichtjahre weiter ein anderer Forscher das andere Teilchen schon gemessen hat und damit unser Teilchen schon auf einen Quantenzustand A festgelegt hat. Um die Erkenntnis verwerten zu können, müssten wir mit diesem Forscher Kontakt aufnehmen und Informationen austauschen, und das funktioniert wieder nur im Rahmen der Relativitätstheorie. Solange wir das nicht tun, ist das Ergebnis unserer Messung halt auch nur ein zufälliges Einzelergebnis. Eine Wirkung im relativistischen Sinn ist damit nicht ausgeübt, sondern ergibt sich erst durch den an die Relativitätstheorie gebundenen Vergleich beider Messungen.

Was hat das alles jetzt mit Gehirnen, Geistern, der Seele oder Telepathie zu tun? Überhaupt nichts.

Gibt es nicht Quantenzustände im Gehirn? Das ist nicht klar. Die Frage ist, ob Quantenzustände irgendwas zu unserem Bewusstsein beitragen, was nicht einfach stochastisches Rauschen ist. Um das zu beantworten, bräuchten wir eine belastbare, überprüfbare Theorie von Bewusstsein. Es gibt die These von Stuart Hammeroff, die auch von Roger Penrose verbreitet wird, dass Bewusstsein was mit Quantenzuständen in bestimmten Biomolekülen in Gehirnzellen zu tun haben könnte; das ist als Theorie interessant und ebenso umstritten, wissenschaftlich vor allem noch völlig unklar.

Selbst wenn sich das als wahr herausstellen würde, könnte man damit nicht erklären, welchen Effekt Verschränkung auf unser Gehirn haben sollte. Verschränkung beruht auf einer gemeinsamen Geschichte von Elementarteilchen. Warum sollte ein Elektron meines Gehirns mit einem anderen Elektron in einem anderen Gehirn verschränkt sein? Und wenn es das wäre, wie sollte diese eine Verschränkung in den in allen praktischen Belangen unendlich vielen anderen Elektronen im Gehirn irgendeinen Einfluss haben? Vielleicht noch einen so großen, dass mir der Geist meines toten Vormieters erscheint oder ich telepathisch mit meinem Chef verbunden bin? Dazu gibt es weder einen denkbaren Mechanismus, noch irgendeine plausible Abschätzung, wie das quantitativ ablaufen sollte. Es gibt keine Erklärung, wie unser Gehirn evolutionär so eine Eigenschaft entwickelt haben könnte. Aber es gibt jede Menge Hinweise, dass das unbelegter, aus den Finger gesogener Quatsch mit Soße ist, der so nicht funktionieren kann.

Hat denn nicht der Urknall alles miteinander verschränkt? Sicher kam es beim Urknall und vor allem danach zu Verschränkungen zwischen einzelnen Elementarteilchen. Aber erstens war das ein vollkommen ungeordneter Prozess mit beliebigem Chaos in der Verteilung miteinander verschränkter Teilchen. Und vor allem ist Verschränkung nicht etwas ewiges. Wenn Teilchen Wechselwirkungen ausgesetzt werden, hebt sich die Verschränkung mit anderen Teilchen wieder auf. Kein Teilchen in unseren Gehirnen ist noch urknall-verschränkt mit irgendeinem anderen Teilchen.

Kann Verschränkung nicht auch auf höherer Ebene ablaufen als nur bei Elementarteilchen? Man kann Verschränkung auch bei komplizierten, zusammengesetzten Teilchen herstellen. Je größer die Teilchen, umso komplizierter wird das. Zudem wird es immer schwieriger, den Verschränkungszustand aufrecht zu erhalten. Größere Teilchen gehen ständig Wechselwirkungen ein. Dass sie in der Natur und gerade in Gehirnen verschränkt bleiben und dabei noch irgendetwas sinnvolles bewirken sollen, schließt sich eigentlich schon gegenseitig aus.

Aber schon ALBERT EINSTEIN hat über Verschränkung geforscht und von einer „spukhaften Fernwirkung” gesprochen! Hat er. Zwischen Elementarteilchen. Nicht zwischen Gehirnen. Und spukhaft ist es nur aus physikalischer Sicht. Mit allgemein bekanntem Spuk hat das nichts zu tun. Bestimmte Esoteriker lieben es allerdings, ihren Quatsch mit großen Namen und seriöser Forschung zu vermischen. Es geht schließlich um den Anschein von Plausibilität, auch wenn es im Zusammenhang eine Lüge ist.

Aber irgendwelche Leute behaupten, dass Verschränkung irgendeine vormals als esoterisch anzusehende Theorie bestätigen würde! They lied to you, champ. They lied! Oder die haben selbst keine Ahnung, brauchen aber irgendwas, um sich ihren Aberglauben schön und vernünftig zu reden. Quantenphysik ist da nur eine Metapher, die sich am nettesten für den Missbrauch anbietet, weil es sowieso kaum einer versteht und darum weniger Leute sachkundig widersprechen können. Und die, die dran glauben wollen, werden erst recht nicht nachforschen.

Warum glauben oder behaupten Menschen dann an so was, wenn da nun rein gar nichts dran ist? Weil sich damit Geld verdienen lässt. Weil es im Wissenschaftsteil der Zeitung stand. Weil es so schön zu unserer Wahrnehmung passt, in der wir jahrelang über besondere Zufälle nachdenken können, aber die Myriaden unbedeutender Zufälle sofort vergessen oder gar nicht erst bemerken. Und weil Tante Else schon früher immer erzählt hat, was für geheimnisvolle Phänomene es gibt, und man jetzt dankbar ist, dass endlich „Wissenschaftler” kommen und die spinnerte alte Frau wieder rehabilitieren. Oder man selber schon Tante Else ist. Ist doch so auch viel schöner, der Mensch als edles, ausgezeichnetes Sahnehäubchen auf dem Komposthaufen unendlicher Natur.

Nur richtig, das ist es leider immer noch nicht.

Das Ende der WELT: Quantenverdummung als Qualitäts-Wissenschaftsjournalismus

Mit der WELT konnte ich eh nie viel anfangen, obwohl ich von den meist irgendwie banalen, sich ständig selbst überschätzenden deutschen Sonntagszeitungen die WELT am Sonntag meist der FAS vorgezogen habe, trotz Springer-Herkunft und des Niveaus der täglichen Zeitung.

Vor zwei Tagen hat sich nun die Redaktion des Wissen-Teils der WELT dafür hingegeben, einen zuvor schon durchs Netz geisternden PR-Text von Rolf Froböse aus Anlass des Erscheinens von Herrn Froböses neuem Print-on-Demand-Buch zu drucken (gerade gefunden beim law blog). Und zwar als eigenständigen Artikel. Mit Autorenhinweis, aber ansonsten als im wissenschaftlichen Diskurs offensichtlich ernstzunehmenden Artikel. In der Rubrik Quantenphysik.

Irgendwo hört der Spaß auf. Ich habe es satt, in weitreichenden Medien denselben Stuss zu finden, für den ich mich sonst auf Esoterik-Blogs rumtreiben müsste. Verschränkung ist ein halbwegs verstandenes quantenphysikalisches Prinzip; es ist nicht die Wunschbox für Glaubende, die uns Geistererscheinung oder Telepathie erklären kann oder irgendwie auch nur könnte. Sowas in den Wissenschaftsteil zu schreiben, ist eine Frechheit, weil Menschen, die sich auf solche Meldungen auch verlassen müssen, den Schwachsinn nicht beurteilen können und den hinterher noch ernst nehmen. Das ist wissenschaftlich unhaltbar und in der Kritik- und Ahnungslosigkeit vom wissenschaftsjournalistischen Standpunkt aus, den die Redaktion mit dem Abdruck übernommen hat, nicht nur unverschämt, sondern direkt erbärmlich.

Das ist nicht das erste mal, dass so ein Quatsch in der WELT aufschlägt. Offenbar publizieren die da inzwischen alles, was irgendwie noch in die rätselhaft religiöse Weltanschauung des Verlags passt. Und wenn’s nicht passt, wird es halt durch entsprechend obskure Einschübe passend gemacht. Das können sie ja von mir aus im Kultur-, im Witz- oder im Religionsteil der Zeitung machen, im Wissenschaftsteil ist es Volksverdummung. Neben den PR-Artikel setzt man online dann noch ein hübsches Tittenbild — Verzeihung, eine Illustration zum Thema Schönheitsoperationen: fertig ist der Qualitätsjournalismus. Aber gerade für den sollte gelten, dass man, wenn man schon keine Ahnung hat, weil’s im Journalistikstudium nicht vorkam, nach Dieter Nuhr aber trotzdem nicht die Fresse halten will, dann ja auch als Redakteur mal nachfragen kann: zum Beispiel bei Leuten, die was davon verstehen. Recherche… da gibt’s doch Fortbildungsseminare zu, die kann man doch auch mal besuchen.

Ich habe hier schon genug über Quantenverdummung und auch Verschränkung geschrieben. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit Froböses Quellen hat schon vor dem Erscheinen bei der WELT Ulrich Berger auf Kritisch Gedacht geführt. Umsonst natürlich. Kritisch gedacht wird in der zuständigen WELT-Redaktion offenbar schon lange nicht mehr.

Und ihr wollt Journalisten sein…

Weiterführende Links, Cartoons, das Ruhrgebiet und eine Sonntags-Predigt

Bin immer noch anderweitig beschäftigt, und natürlich will ich auch niemandem nahelegen, im anbrechenden Frühling vor dem Rechner zu sitzen. Ein paar Links hab ich dennoch:

Nature hat sich Sherry Towers Untersuchung möglicher Frauendiskriminierung in der Physik angenommen und die Autorin dazu interviewt. Der Artikel geht allerdings kaum auf die Veröffentlichung oder die statistische Argumentation darin ein und bleibt auf einer “sie sagt so, er sagt so”-Ebene (und außerdem kann man ihn nur mit Nature-Zugang lesen, was immerhin auf die meisten Universitäts-Accounts zutreffen sollte, denke ich). Dazu gibt’s noch Sherry Towers Weblog, auf dem sie als Absinthe über das Paper und die Auswirkungen bloggt, sowie über die Diskriminierung von Frauen in den Wissenschaften im Allgemeinen.

Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP) ist mit ihrem Blog umgezogen, und auf dem gibt es sogar verstärkte Posting-Aktivitäten — verglichen zum alten Blog. Stefan Kirsch schreibt über alles diesseite und abseitige, erkenntnisleugnende Esoteriken, Aberglaube und Verschwörungstheorien. Weiter bloggt natürlich auch der österreichische Ableger, die Gesellschaft für kritisches Denken, auf Kritisch Gedacht.

Außerdem erreicht mich die Bitte, auf einen gerade stattfindenden Schreibwettbewerb der Athpedia, der säkulären Enzyklopädie, hinzuweisen. Die Athpedia erklärt die Einzelheiten und listet die Buchpreise auf, die man gewinnen kann.

Wer sich schon immer gefragt, was Schachprogramme die ganze Zeit machen, während sie ihren Zug berechnen (oder ob sie nicht doch im Hintergrund einfach nur mit digitalem Lachen über unsere eigenen Züge zu Gange sind), dem sei die von Faustus gefundene Thinking Machine empfohlen. Bei der kommt der Rechner weniger zum Lachen, weil er nebenbei noch die Zugfolgen, die gerade berechnet werden, illustriert. Was ihm im Zeitalter unbenutzt dahinfrierender Doppelprozessoren aber vermutlich auch nicht soviel ausmacht.

Ergänzungen zu den Webcomics: Pictures For Sad Children richten sich auch an nur leicht überarbeitete Erwachsene. Ahoi Polloi dürfte hinlänglich bekannt sein, auch wenn es bei mir aus irgendwelchen Gründen trotz mehrmaligen Drauf-Stoßens erst jetzt gezündet hat. Und die Überseite für Karikaturen als Werkzeug des politischen Kommentars ist ohnehin, wie konnte ich die Seite vergessen, Daryl Cagle’s Professional Cartoonist Index. Mit einer umfangreichen täglich aktualisierten Übersicht über die derzeitigen Karikaturen und RSS-Feeds, mit denen man sich seinen Feedreader nach Belieben cartoonistisch füllen lassen kann. Das Ganze natürlich mit einem Schwerpunkt auf amerikanischen Karikaturisten, aber auch mit internationaler (ins Englische übersetzten) Sektion. Nicht dabei (früher war er’s): Heiko Sakurai, der inzwischen zum Beispiel für die Welt am Sonntag zeichnet, aber auf seiner Seite immer noch keinen Feed anbietet.

Heiko Sakurai kommt von der Ruhr, ich komm von der Ruhr, und eigentlich ist soviel schon gelogen: eigentlich kommen wir beide nämlich eher vom Rhein-Herne-Kanal. Derweil das sauerländische, pottfremde Fräulein Spassperger praktisch direkt vom Ruhrufer stammt. Tst. Aber das Rhein-Herne-Kanalgebiet hat noch keine Düsseldorfer Werbeagentur mit einem debilen Slogan bedacht. Das Ruhrgebiet schon: Ruhr hoch n! TeamWork-Capital! Das hätte aus Berliner Sicht auch schlimmer kommen können (My rules — Your rules — Ruhr rules) oder auch noch schlimmer (Ruhrgebiet — nur eine Stunde vom Gras) oder ganz schlimm (Ruhrgebiet: nicht mal mehr französisch besetzt). Aber so kann man da direkt ein fröhliches Lied zu singen (via Pottblog und Duckhome). Bilder vom Rhein-Herne-Kanal inklusive:

Soviel Heimat muss an einem Sonntag auch sein. Und weil für’s Predigen heute keine Zeit ist, gibt’s noch den Link auf The Atheist Jew: Yusuf Islam singt atheistische Lieder. Eigentlich nur eins. Und Islam hieß er damals auch nicht. Hübsch isses trotzdem.

Extraempfehlung: der total wöchentliche Realsatirepreis geht, wie aber eigentlich jede Woche, wieder mal an den Naturalismuskritiker. Weil man in Berlin kein Denkmal für einen von der Kirche ermordeten wissenschaftlich denkenden Menschen aufstellen kann, ohne damit implizit zu sagen, dass das Leben eines Schweines mehr wert ist als das eines Säuglings.

BATH Bad Brain!

Man schleicht morgens ins Bad. Gedankenfluss läuft schon. Wahrnehmungsorgane kalibrieren sich langsam an die Außenwelt. Texterkennung funktioniert. BATH Bad Brain… Anfangen, Zähne zu putzen. Nach gefühlten fünf Minuten fällt einem auf, dass “BATH Bad Brain” nicht die Art von Botschaft sein sollte, mit der einen irgendein Badezimmerprodukt morgens begrüßen sollte. Oder sonstwann.

Hat es dann auch nicht:

Aber wer weiß. Eine Kollegin erzählt mir, dass sie neulich, unglaublicher Zufall, auf einer Party einen total netten Chemiker kennengelernt hat, der an was ganz ähnlichem forscht wie sie. Von dem hat sie sich sofort neue Proteinproben organisiert.

Natürlich werd ich geboxt. Ohne, dass ich was gesagt hätte. Ich muss inzwischen gar nichts mehr sagen, um dafür geboxt zu werden.

Und dann kommt die Mail vom Fachbereich mit der Liste an morgen stattfinden Workshops. Im Betreff und ganz oben: Girls’Day 2008. Knapp darunter: DNA zum Anfassen.

Must bath bad brain…

Sherry Towers: Geschlechterdiskriminierung in der Teilchenphysik?

Unterschiedliche Geschlechterwahrnehmung und Ausgangspositionen für den wissenschaftlichen Berufsweg hatten wir hier schon mal betrachtet. In den USA wurde derweil eine Vorveröffentlichung publiziert, die sich mit statistischen Methoden der Frage nähern will, inwieweit es in wissenschaftlichen Kollaborationen tatsächlich zu direkter Diskriminierung von Frauen kommt.

Nun ist erst mal Vorsicht angebracht. Eine Vorveröffentlichung bei arXiv.org ist noch keine Veröffentlichung, auch wenn sich eine solche daraus noch ergeben kann. Insbesondere der kritische Begutachtungsprozess ist an der Stelle noch nicht durchlaufen, weshalb man bei der Beurteilung der Ergebnisse wesentlich kritischer zu Werke gehen muss. Dazu kommt noch die persönliche Geschichte der Autorin, die sich offensichtlich gerade in einem Rechtsstreit mit der Stony-Brook-Universität des Staates New York befindet: es geht um Mutterschaftsurlaub, umstrittene Beurteilungen ihrer Leistungen und entsprechende Gehaltseinbußen und Karrierebehinderungen. Den Fall kam man sich hier durchlesen, allerdings auch da mit Vorsicht, weil er dort hauptsächlich aus Sicht der Klagenden wiedergegeben wird. Trotzdem macht das vielleicht noch mal anschaulich, wie schwer es ist, ein grundsätzlich auf Zeitverträgen basierendes Arbeitsverhältnis mittels Antidiskriminierungsmaßnahmen wirklich zu fassen zu kriegen. Dazu kommt, dass die Autorin vorläufige Ergebnisse schon vor anderthalb Jahren benutzt hat, um eine formale Beschwerde gegen das das Experiment betreuende Fermilab in die Wege zu leiten; nachdem diese ihrer Darstellung nach ohne Folgen blieb, legte sie eine weitere, derzeit noch laufende formale Beschwerde beim zuständigen Ministerium ein, ebenfalls im Rahmen geltender Antidiskriminierungsgesetze.

Diese Vorgeschichte ist nicht wesentlich; die mag zwar zu doppelter Vorsicht mahnen, weil auch bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen immer die Person des Autors hereinspielen kann. Aber gerade bei Geschlechterfragen gibt es nun mal keine wirklich neutrale Position. Und das Wesen wissenschaftlicher Argumentation besteht eben gerade darin, dass sie in sich schlüssig sein und für sich selbst sprechen muss. Die persönliche Situation der Autorin belegt weder, noch wiederlegt sie etwas. Insofern ist ein Blick auf die Ergebnisse und die Methodik dringend angebracht.

Die Autorin Sherry Towers [1] wertet dazu die internen Daten einer Hochenergiephysik-Kollaboration aus, dem Run II des D0-Experiments, der seit 2001 Daten am Fermilab aufnimmt, und analysiert diese nach den Beiträgen von 48 männlichen und 9 weiblichen, durchweg „weißen” Postdocs und ihren Karrierewegen nach ihrer Postdoc-Zeit. Zum einen findet sie dabei, dass weibliche Postdocs wesentlich häufiger an internen Vorveröffentlichungen beteiligt sind als ihre männlichen Kollegen, was sie als Zeichen höherer Leistung einschätzt. Das ist insoweit konsistent, als dass die Kollaboration ihre tatsächlichen Veröffentlichungen gemeinsam publiziert und insofern nur über die Beiträge zu den internen Vorveröffentlichungen eine Unterscheidung getroffen werden kann, wer wieviel zu den Ergebnissen der Kollaboration beigetragen hat; was mithin auch der Grund für die D0-Kollaboration ist, über diese Vorveröffentlichungen genau Buch zu führen. Dazu erscheinen die weiblichen Postdocs wesentlich häufiger auf technischen Vorveröffentlichungen; dies nimmt sie als Indiz, dass Frauen vergleichsweise mehr technische Arbeiten am Experiment verrichten müssen als ihre männlichen Kollegen. Technische Arbeiten meint hierbei die Betreuung des Experiments selbst, die von den Nachwuchswissenschaftlern nebenbei geleistet werden muss, während die eigentlich spannende Physik bei der Auswertung der gewonnenen Daten abläuft.

Obwohl also die weiblichen Postdocs signifikant mehr leisteten und scheinbar dazu noch mehr technische Arbeiten leisten müssten, zeigt sich das nicht in der Verteilung der Konferenzvorträge, die von der Kollaboration verteilt werden. Die männlichen Postdocs dürfen demnach deutlich häufiger auf Konferenzen vortragen und damit ihre Arbeit und ihren Namen bekannt machen, mit offensichtlichem Vorteil für die Karriere. Und abschließend zeige sich die Andersbehandlung von Frauen darin, welche Faktoren für die spätere wissenschaftliche Karriere, hier also die Aufnahme in Fakultätspositionen, ausschlaggebend seien: für Männer sei dies hauptsächlich die Zahl der internen Vorveröffentlichungen, an denen sie mitgewirkt haben; für Frauen ein von Towers eingeführter Sozialisations-Index, der grob in etwa angibt, mit wie viel anderen Wissenschaftlern man zusammengearbeitet habe, und die Zahl der gehaltenen Konferenzvorträge.

Towers sieht damit eindeutig belegt, dass Frauen in dieser Kollaboration (in der sie selbst mitgearbeitet hat) diskriminiert werden, sieht die Wahrscheinlichkeit, die Daten nur mittels Zufall und ohne Diskriminierung erklären zu können, statistisch bei unter einem Prozent, und schließt, dass von den neun betrachteten weiblichen Postdocs bei Gleichbehandlung sechs eine Fakultätsstelle hätten bekommen sollen, anstelle der vier, die das tatsächlich geschafft haben. Der letzte Punkt ist wohlgemerkt ebenfalls statistisch, um die Auswirkung der Diskriminierung abzuschätzen, und bezieht sich nicht auf zwei bestimmte Postdocs.

Erscheinen die Daten in Towers eigenem Resümee insofern eindeutig, muss man das bei einer kritischen Betrachtung der Untersuchung zumindest einschränken. Als erstes muss man feststellen, dass prozentual tatsächlich mehr Frauen in Fakultätsstellen befördert werden als ihre männlichen Konkurrenten (44% gegenüber 36%). Für überdurchschnittliche Männer, deren Leistung nach Towers immer noch etwas schwächer sei als die der Frauen, beträgt die Zahl derweil 46%. Insofern scheint das einerseits zu belegen, dass weibliche Postdocs tatsächlich mehr leisten; und das ist auch konsistent mit anderen Untersuchungen, die nachzuweisen versuchten, dass man als weibliche Nachwuchswissenschaftlerin überdurchschnittlich gut sein muss, um überhaupt eine Postdoc-Stelle anzustreben. [2] Zum anderen zeigt es aber auch, dass die Geschlechtsdiskriminierung innerhalb der Kollaboration immerhin nicht ausschließt, dass Frauen, die eine Universitätskarriere anstreben, diese zumindest auch verwirklichen können, wenn vielleicht auch schwieriger als die männlichen Kollegen.

Towers Punkt ist damit nicht, dass Frauen grundsätzlich keine Karriere machen können, sondern dass es eigentlich mehr sein sollten, denen dies auch gelänge, wenn es denn gerecht zuginge, nämlich etwa 66%, rein nach den von Towers aufgestellten Leistungskriterien. Jetzt sind diese Leistungskriterien aber nicht dermaßen ergiebig und können statistisch auch sehr wohl in Zweifel gezogen werden.

Tatsächlich scheinen Frauen an wesentlich mehr Vorveröffentlichungen beteiligt als die Männer. Betrachtet man aber nur die wirklich physikalischen, nicht die technischen Veröffentlichungen, und diese sind nun mal für das Fortkommen in der Hochenergie- oder Teilchenphysik ausschlaggebend, ist dieser Vorsprung sehr gering. Und dieser Vorsprung verkehrt sich sogar in das Gegenteil, wenn man sic