… aber das ist, sofern man gegen eine kritische Betrachtung nicht völlig immunisiert ist, natürlich kein Argument für, sondern ein Argument gegen den Glauben. Am Ende zeigt sich darin mit am besten, dass Glaube nur menschgemacht ist.
Trotzdem ist es vielleicht mal angebracht, die beiden Konzepte Glauben und Hoffen stärker gegeneinander zu halten und sie nicht als synonym zu betrachten. Denn offensichtlich meinen die wenigsten aufgeklärten (im Gegensatz zu den am wenigsten aufgeklärten) Gläubigen mit ihrem Glauben im Allgemeinen, dass der jeweilige heilige Text in wirklich allen Belangen konkrete, wörtliche Wahrheit verkündet, dass Gottes Wirken in der Welt jenseits aller Zweifel belegt oder die religiösen Glaubenssätze an sich so selbstevident wären, dass sie keiner weiteren Erläuterung und Rechtfertigung bedürften. Für die meisten Normal-Gläubigen scheint Glaube eher eine Konkretisierung einer in sich noch viel unklareren Hoffnung. Eine Hoffnung darauf, dass im Fundament allen Seins eine grundlegende Gerechtigkeit angelegt sein könnte, dass die Mühen, Schmerzen und Unzulänglichkeiten dieses Lebens ausgeglichen würden, dass alles am Ende wieder in Ordnung käme und möglichst bis zum Ende auch nicht all zu viel wirklich tragisches passiere. Einer solchen Hoffnung kann der Atheismus natürlich wenig entsprechendes bieten, zumindest nicht in der direkten Art und Weise wie es verkündende und Sicherheit behauptende Religionen vermögen. Und so verbindet sich die Hoffnung auf eine der Welt zugrunde liegende Gerechtigkeit mit dem religiösen Glauben, der eigentlich eher eine religiöse Hoffnung ist.
Die Formulierung einer Hoffnung auf etwas als eines Glaubens an etwas hat zuerst mehrere Vorteile für sowohl Glauben als auch Religion. Die Umdeutung „ich glaube daran“ vermittelt eine Gewissheit, die eine bloße Hoffnung nicht ausstrahlen kann; man versichert sich selbst und gegenseitig, dass die Hoffnung nicht rein illusionär, sondern zumindest real denkbar, wenn nicht sogar wahrscheinlich wahr ist. Aus einer geteilten Unsicherheit wird eine gegenseitige Versicherung, aus einer Reflexion über die (behauptete) Notwendigkeit, auf etwas besseres zu hoffen, wird die Zusicherung, dass diese Hoffnung nicht reines Wunschdenken ist. Insofern ist diese Umdeutung ein logischer Schritt, die die Hoffnung erst nötig machende Unsicherheit zu leugnen und daraus Sicherheit zu gewinnen.
Es ist aber dieser Schritt, der auch erst die gesammelten Probleme von Religion mit in die Welt bringt und zu einem heillosen Durcheinander in der atheistisch-gläubigen Auseinandersetzung führt. Die Umdeutung einer Hoffnung in einen Glauben führt dazu, den Glauben verteidigen zu müssen gegen Zweifel und Zweifler; sie gebiert endlose intellektuelle Verschwendung, etwas rational absichern zu wollen, was eigentlich vorrational begründet ist, und institutionell abzusichern, was eigentlich privat ist, und führt damit zum Trauerspiel von Theologie und zur Anmaßung von Kirche. Wie bescheiden und humanistisch müsste oder könnte eine Kirche auftreten, die sich im Kern noch klar wäre, dass eine Hoffnung noch keinen Glauben begründet, und beide Begriffe noch strikt und redlich auseinander hielte? Ob eine solche Kirche noch alle persönlichen Vorlieben der Mixas, Ratzingers und Hubers abdecken könnte, die, mal so gedacht, vielleicht doch des öfteren mit dem Diesseits als mit dem Jenseits zu tun haben, ist natürlich fraglich.
Gegen eine Hoffnung kann man schlecht diskutieren, zumal wenn sie sich auf nicht menschlich zugängliche Grundkonstanten des Seins bezieht. Man muss die Hoffnung nicht teilen, aber man kann sie als solche anerkennen; man wird als Humanist wahrscheinlich sogar die Gemeinsamkeiten sehen können, die „Hoffende“ und „Nicht-Hoffende“ verbindet. Mit „Glaubenden“ ist das so kaum möglich. „Ich glaube an…“ erzeugt immer die Gegenfrage „wieso, mit welcher Begründung“. Je mehr Sicherheit behauptet wird, umso mehr Widerstand erzeugt das bei denen, die das Ganze noch skeptisch hinterfragen. Mit einer Hoffnung ließe sich auch sehr schwer politisch argumentieren, wie es mit dem Glauben ständig gehandhabt wird. Man könnte mit einer Hoffnung nicht begründen, wieso Angestellte hoffnungsfroher Institutionen keine sozialstaatlich gleichwertigen Tarifverträge einfordern dürfen, warum es der aus grundlegenden menschlichen Erfahrungen abgeleiteten Hoffnung widerspricht, wenn Geschiedene neu heiraten oder gar gleichgeschlechtlich Liebende das tun wollten, warum Verhütungsmittel so schlecht sind wie Sexualität oder warum wir nicht eine aufgeklärte Debatte über Abtreibung und Sterbehilfe haben können, ohne gleich über Weltanschaaungen reden zu müssen; mit Glauben scheint all dies heutzutage begründbar.
Das Problem ist damit zweischneidig. Viele so genannte Gläubige sind bei Licht betrachtet in Wirklichkeit Hoffende, die zwar glauben wollen, weil das eine Versicherung darstellt, dass sich ihre Hoffnung erfüllt; die andererseits aber weder verbohrt religiös noch unterwürfig kirchlich leben oder leben wollen, aber daran gewöhnt sind, ihre Hoffnung durch einen Glauben auszudrücken. „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ ist nicht mal glaubensverachtend, aber das Problem ist, dass in der Mixtur aus Glauben und Hoffnung viele offenbar denken, Atheismus stellte damit ihr Grundbedürfnis nach einer besseren Welt oder nach der Aufhebung von Schmerz und Ungerechtigkeit in Frage oder verspotte dieses gar. Dabei ist eben das auch die Grundlage jedes Humanismus, und die Ablehnung (und nach Bedarf auch der Spott) richtet sich gegen die untauglich Annahme, wir müssten nur alle an Magie glauben, dann wird’s schon besser.
Solange Menschen es nicht selbst auf die Reihe kriegen, zwischen ihrem Schmerz, ihrem daraus entstehenden Bedürfnis nach Hoffnung und ihrem erst daraus entstehenden Glauben zu unterscheiden, wird es eine sehr lange Diskussion zwischen Atheismus und Gläubigen voller Missverständnisse und vermeintlichen gegenseitigen Angriffen über all das hinweg, was menschlich (und gegebenenfalls humanistisch) verbindet. Die Kirchen und Religionen haben ein Geschäftsmodell daraus gemacht, die Grenzen zwischen allen drei Kategorien soweit zu verwischen, dass sie inzwischen alle menschliche Regung für sich vereinnahmen wollen, auf dass niemand sehe, wie leer das bisschen ist, was sie an unbewiesener Behauptung und abenteuerlicher Dogmatik selbst zu dem Problem beisteuern können. Aufgabe der nicht mehr stillen Atheisten ist es, das eben so zu kommunizieren: warum Kirche und Religion zuweilen Verachtung verdienen, nicht Glaubende, Unsichere oder gar Leidende; warum man einen Glauben als richtig oder falsch beurteilen kann, aber zumindest das Bedürfnis nachvollziehen kann. Wobei mir jeder lieber ist, der mal übers Ziel hinausschießt, als der, der aus Verunsicherung darüber, vielleicht das falsche zu sagen, gar nichts sagt. Dass, bei aller Bemühung, von berufenen Religiösen bis jounalistischer Intelligenzija ziemlich viele das sowieso gleichsetzen werden, weil sie daran gewöhnt oder sogar interessiert sind und wie sie heute „religiös“ und „an moralischer Lebensführung interessiert“ gleichsetzen, sei geschenkt.
Dass ausgerechnet Kirchenvertreter und Vorzeigegläubige einen zu einem an idealisierten und weltfremden Maßstäben gemessenen Diskursverhalten anhalten wollen, nach dem sie selbst nie argumentieren könnten, geschweige denn würden, sollte man da besser als ironisch zu betrachten lernen. Umso komischer, wenn sie selbst es nicht mehr merken.