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Sonntagspredigt für die Dekonvertierten: Das Geschwätz von der Evolution
Lachen sollte man überhaupt mal wieder öfter. Zum Beispiel über Theorien Hypothesen Spekulationen, dass gewisse Verhaltensweisen evolutionär im Menschen fest angelegt seien: Verhaltensweisen, die gerade dann in Populationen nachlassen, je weitgehender Menschen aus materiell-existenzieller Unsicherheit und sozialen Vorgaben befreit werden und damit mehr Freiheiten gewinnen, nach ihren eigenen Maßstäben (und gemäß ihrer eigenen Anlagen) zu leben. Unterhalb dieser Schwelle besteht die Veranlagung ansonsten vielleicht nur darin, jeden Scheiß mitzumachen, wenn er einem das Leben erleichtert. Aber weil die Art Veranlagung keine Lobby hat und sich nicht besonders nobel im Titel eines Instituts machen würde, wird es wohl noch einige Zeit dauern bis die Phänomen-Wahrsager in den gesellschaftswissenschaftlichen Instituten sowas groß herausstellen wollen — und davon absehen, Evolution weiter als allegorisch und analogisch zu begründende, denn als biologisch-mathematische Wissenschaft zu verstehen.
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Hume-Rezeption im 21. Jahrhundert
Der Kapitalismus erklärt uns mal wieder die Welt:

An attempt to introduce the experimental Method of Reasoning into Not-so-Morale Subjects?
In derselben Reihe bald zu haben:
An Enquiry concerning Human Understanding: With Pictures
und das unverzichtbare
Dialogues concerning Natural Religion: The Jesus Edition.
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Menschen sterben. Auch wenn sie geimpft wurden.
Schlechter Boulevard-Wissenschaftsjournalismus ist meistens nur ein Ärgernis für diejenigen, die es besser wissen wollen — oder auch Anlass zur Erheiterung für die, die es eh schon besser wissen. Schlechter Boulevard-Wissenschaftsjournalismus über Medizin ist dagegen in Einzelfällen schon verantwortungslos und potenziell sogar gefährlich. Das gilt umso mehr, wenn man über sensible Bereiche schreibt, in denen der Laie dazu noch im besonderen Maße auf Information angewiesen ist, weil er letztendlich auf der Grundlage persönliche Entscheidungen treffen muss: etwa das Impfen. Schlechter Journalismus ist da nur einen kleinen Schritt entfernt von aktiver Desinformation.
Ein nicht mehr schönes Beispiel ist ein aktueller Artikel auf SPIEGEL ONLINE über die Gebärmutterhalskrebs-Impfung, der sich dem Augenschein nach allein auf dpa-Angaben und möglicherweise eine oberflächliche Lektüre des Abstracts der besprochenen Publikation von Slade et al. stützt, in der die zur Verfügung stehenden Daten über Nebenwirkungen eben der HPV-Impfung analysiert werden. Es findet sich im ganzen zusammengestoppelten Artikel keine einzige Information, die darauf hindeuten würde, dass sich jemand mit der Veröffentlichung selbst beschäftigt oder auch nur ein wenig Recherche in den Artikel gesteckt hätte.
Das beginn damit, dass an keiner Stelle die aufgeführten Daten verständlich und mit der nötigen Sorgfalt in den größeren Zusammenhang der Anzahl von ausgegebenen Impfungen gesetzt werden. Das ist einer der wenigen Fälle, wo man im SPON-Forum zum Artikel inzwischen besser informiert wird als vom Artikel selbst. Wer sich aus zeitlichen Gründen (oder aus solchen geistiger Hygiene) aus SPON-Foren fernhält, wird die sinnlos berichteten Prozentangaben nur verstehen, wenn er die Sorgfalt beim Lesen aufbringt, die dpa und SPON beim Schreiben nicht für nötig befanden. Oder er wird sie automatisch als Angaben über das prozentuale Auftreten von Nebenwirkungen verstehen. Auch das kann man wunderbar im Forum wiederfinden.
Schlimmer, es ist dann nur eine nebensächliche, isoliert dastehende Bemerkung, dass 32 Todesfälle im Zusammenhang mit den 12.000 untersuchten Impfberichten aufgetreten sind. Das scheint dem Autor keiner Nachfrage oder auch nur kurzer Recherche würdig zu sein, und da zweifle ich langsam wirklich daran, ob er überhaupt reflektiert hat, was er da schreibt. Es ist kein Wunder, dass sich unser Impffreund von spiegelblog.net (ähhm, kamenin berichtete) genauso unverständig auf die nicht erklärten Daten stürzt, auf banalste Weise hochrechnet und sodann von zigtausend Impftoten in Verbindung mit der HPV-Impfung in den USA fabulieren kann:
Und legt man nun 32 Todesfälle bei 12.000 Personen zugrunde, so käme man auf ca. 20.000 Todesfälle bei 7,5 Millionen Geimpften.
Es mag bedauerlich sein, sollte man bei SPON vielleicht keinen Zugriff auf JAMA-Artikel haben, dem Journal of the American Medical Association, und trotzdem einen Artikel dazu verfassen will oder muss. Aber dann braucht man auch kein Journalistik- oder Biologiestudium und kein kabbalistisches Hintergrundwissen, wo man sich am besten sonst informieren könnte, um wenigstens ein paar Stichworte in die Suchmaschine seiner Wahl einzutippen. Schon der erste Link nach dem eigentlichen Paper führt einen dann zur American Cancer Society, in der die relevanten Informationen eingeordnet und erklärt werden, auch über die in zeitlicher Verbindung zur Impfung aufgetretenen Todesfälle [1]:
By late 2008, more than 20 million doses of the vaccine had been distributed in the United States. (…) As of December 31, 2008, the Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) had received a total of 12,424 reports of potential side effects following HPV vaccination. (…) About 6% of those reports were serious side effects, about half of the average for vaccines overall.
There have also been 32 cases of death after vaccination reported to VAERS. Each death has been reviewed, and there was no common pattern to the deaths that would suggest they were caused by the vaccine. When there was an autopsy, death certificate, or medical record, the cause of death was explained by factors other than the vaccine. Some causes of these deaths include drug abuse, diabetes, viral illness, blood clots, and heart failure. An unusual neurologic illness caused 2 of the deaths and these deaths are being studied further.
VAERS wurde eben dafür geschaffen, um Nebenwirkungen von Impfungen zu untersuchen. Und eben das ist die größte Schwachstelle des Artikels. Anstatt darzustellen, in welchem Ausmaß Impfungen heute auf ihre Nebenwirkungen untersucht werden, vor und nach der Zulassung, und eine realistische Einordnung der Zahl der aufgetretenen Nebenwirkungen zu versuchen, erzeugt der zentrale Absatz des SPON-Artikels genau den gegenteiligen Eindruck:
12.424 Datensätze werteten die Wissenschaftler aus. In etwa sechs Prozent der Fälle traten schwerere Nebenwirkungen wie Ohnmachtsanfälle, Blutgerinnsel, starke allergische Reaktionen oder Autoimmunstörungen auf. Es gab 32 Todesfälle. Alles in allem war die Rate der Nebenwirkungen denen anderer Impfstoffe vergleichbar.
Wer da nicht verstanden hat, dass die 12.000 Datensätze eben schon die gesamte Zahl der gemeldeten (möglichen!) Nebenwirkungen darstellt und es mit einer repräsentativen oder zufälligen Auswahl an Erfahrungsberichten aller Impfungen verwechselt (s. SPON-Forum, s. das sog. SPIEGELblog), hat dadurch nicht nur ein völlig falsches Bild von der Gefährlichkeit der HPV-Impfung erhalten und dazu den im Artikel nie widersprochenen Eindruck, es käme regelmäßig im Zusammenhang mit der Impfung zu Todesfällen. Durch den netten Zusatz wird das gleich noch als für alle Impfungen absolut normal dargestellt.
So schafft man Mythen bei oberflächlich lesenden Laien, die wunderbar von interessierten und engagierten Impfgegnern weiter verbreitet und weiter ausgeschmückt werden können. Manchmal wäre gar kein Wissenschaftsjournalismus besser als solch einer.
Nachtrag, 21.09.: Der, ähm, SPIEGELblog (wir berichteten) hat den mathematisch ganz absurden Stuss inzwischen ohne Kennzeichnung gelöscht bzw. überarbeitet, aber ansonsten nichts an der Aussage geändert, dass das ja alles ein Skandal sei.
Nachtrag, 10.10.: Nach kurzer Kommunikation wurde der ursprüngliche Artikel inzwischen abgeändert und macht jetzt deutlich klar, wie die Zahlen einzuordnen sind bzw. zu was sie in Relation zu sehen sind.
[1] Die können sinnvoll nur zur Gesamtzahl der bis dahin verabreichten Impfungen in Bezug gesetzt werden, nicht zu den 12.000 Berichten über mögliche Nebenwirkungen. Schlimmstenfalls müsste man eine Korrektur vornehmen, die beschreibt, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Arzt einen solchen Todesfall tatsächlich in einem System meldet, das gerade für solche Meldungen geschaffen wurde. Wer von 32 Toten bei 12.000 Personen spricht, sollte vor Scham… oh, Pardon. Kategorienfehler.
Abgelegt unter : Journalismuskritik, Medizin, Pseudowissenschaften, Sachliches, Web, Wie man's nicht macht, Wissenschaft | Mit Tag(s) versehen: HPV, Impfgegner, JAMA, Spiegelblog, SPON, Wissenschaftsjournalismus | 7 Kommentare »
Das kann Deutschland hoffentlich besser
Selbst die an sich schon ahnungslose FDP könnte ja mal merken, wenn sie von ihrer eigenen Werbeagentur verarscht wird. Aber Gruß an die liberale Fünfte Kolonne, die das Plakat doch durchgekriegt hat:
Und ich würde nicht mal darüber schreiben, wenn die das Ding nicht nur vor meinem Balkon aufgestellt, sondern auch noch genau auf den ausgerichtet hätten, sodass ich jetzt nicht mal eine rauchen kann, ohne dass mir der große Parteivorsitzende direkt und überlebensgroß entgegenstarrt und -grinst. Da hilft es nur wenig, dass die anderen Laiendarsteller auf dem Plakat in ihrem Versuch, so etwas wie Anhimmeln zum Ausdruck bringen zu wollen, auch eher so erscheinen, als ob sie über den Guido und seinen dummen Spruch herzlich lachten.
Sowas will mich regieren. Und noch von mir dafür bezahlt werden.
Abgelegt unter : Berlin, Deutschland, Foto, Parteipolitik, Polemik, Politik, Realsatire, Unsachliches, Wie man's nicht macht | Mit Tag(s) versehen: Deutscher Herbst 2009, Wahlkampf | 4 Kommentare »
Let’s do this again
You got a right to a education, too…
80ies awesomeness is back in the house :-)
Abgelegt unter : Geeks, Interna, Musik | Mit Tag(s) versehen: Leonhard Cohen | Kommentar schreiben »
Nerd-T-Shirts für T-Shirt-Nerds
Abgelegt unter : Geeks, Humor, Institutsleben, Kulturkampf, Nerds, Realsatire, Unsachliches | 3 Kommentare »
Sorry übrigens…
… für das zwischenzeitliche und auch weiterhin nicht sicher unterbleibende Verstummen hier.
Ich bin immer noch unterm Rad von Publizieren und Dissertieren, und wie üblich zieht sich das noch. Die allerletzte Publikation ist immerhin jetzt fast einreichbar, aber weder will ich hier Zeitpläne geben (hat im Kommunismus auch nur zur Prokrastinations-Intensivierung geführt), noch sonst was ankündigen: mein Bloggen scheint mehr als “eher ganz oder eher gar nicht” zu funktionieren, und auf Linklisten, Zwischenrufe oder sonstige Kurzmails, nur um irgendwas hier stehen zu haben, verzichte ich da gerade.
Keine Sache, alles zu seiner Zeit, und besten Gruß (und Entschuldigung) an die Kommentatoren, deren Beiträge ich hier unbeantwortet gelassen habe in der längeren Pause.
Weiter geht’s.
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Rolf Froböse widerlegt Darwin
Mal eine schnelle wissenschaftstheoretische Quizfrage: woran erkennt man, dass eine Vermutung trotz wissenschaftlicher Terminologie, total seriösem Aufzug und der Demonstration souveräner Sicherheit in der Darstellung eben doch keine wissenschaftliche ist, sondern nur banales Rumspekulieren, inhaltsleeres Gemurmel und die Kopfgeburt von zuviel Phantasie nach leidenschaftlicher Nacht mit einem Zuwenig an redlicher Skepsis?
Daran, dass man mit ihr nichts erklären kann? — Falsch.
Natürlich daran, dass man mit ihr alles erklären kann. Von der Entstehung des Lebens bis zur Frage, warum Mama immer gerade dann anruft, wenn man ein bisschen mütterliche Zuwendung braucht. [1]
Rolf Froböse erklärt uns wieder das Leben. Und diesmal ganz wirklich.
Und vielleicht wird’s ein schöner Frühling, in dem Wissenschaftsjournalisten und -redaktionen mal recherchieren, bevor sie was dazu abdrucken. Denn verlernt hat er nichts:
Froböse: Weil die Entstehung des Lebens entgegen den Vorstellungen Darwins weniger ein Kampf ums Dasein, sondern vielmehr ein unumgänglicher Schritt in der kosmischen Entwicklung war.
Die Entstehung des Lebens: nach Darwins Vorstellungen ein Kampf ums Dasein… Schön, dass das endlich mal wer richtigstellt.
Ich geh lieber wieder zurück in die Sonne. Jedenfalls bis ich den tatsächlichen Lebenscode des Universums mal über fünf Seiten hinweg in der F.A.Z. abgedruckt finde.
[1] Oder wenn’s grad gar nicht passt. Die Meinungen darüber gehen etwas auseinander. Ist aber auch nur ein Verschränkungseffekt.
Nachtrag: Diesmal übrigens nicht selbst verlegt, sondern erschienen beim angesehenen Lotos-Verlag München. Dessen Motto ist gerade: Östliche Weisheit, Neues Denken. Und da findet man so wissenschaftliche Bücher wie: Der göttliche Plan der Schöpfung — Gottes geheime Gedanken — Vögel fliegen ohne Koffer — Mönche, Magier und Schamanen — Chakra-Energie-Drinks — Geheimnis Schaolin (Das spirituelle Vermächtnis der Kampfmönche) — Heilige Orte schaffen mit Feng Shui — Und, mein Lieblingstitel, Die Kuh, die weinte.
Also wehe jedem fanatischem Fundamentalisten der Skeptiker-Sekten, der das Froböse-Buch hier irgendwie auch nur in die Nähe von Esoterik rücken will!
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