Via P. Z. Myers ein nettes Beispiel, wie man statistische Daten nicht visualisiert:
Eine Auflistung des weiblichen bzw. männlichen Single-Überschusses nach Städten in den USA.
Mal ganz abgesehen von Erklärungsmustern, wie die gezeigte Verteilung zu Stande kommt: so, wie sie ist, ist die Karte einfach nur ein Beispiel, wie man Daten nicht darstellen sollte. Das Hauptproblem ist vor allem die Verwendung absoluter Zahlen. Der rote Blob rechts oben sagt mir also, dass es irgendwo über 40.000 weibliche Singles gibt, denen kein männliches Pendant entgegensteht. Jagdsaison eröffnet, halali! Ab ins Reisebüro, Flug gebucht – dann mal kurz nachgedacht, auf was sich die Zahl überhaupt bezieht. Beschreibt der Kreis eine Gegend mit 400.000 Einwohnern, zehn Prozent davon weiblicher Single-Überschuss? Oder doch eher ein Ballungszentrum mit 10 Mio. Menschen; die resultierenden 4 Promille sehen schon nicht mehr so wahnsinnig verlockend aus. Die Größe des Kreises korreliert also erstmal nur mit der Größe der erfassten Bevölkerung – ein Ballungsraum mit geringem Überschuss ergibt einen größeren Kreis als eine weniger besiedelte Fläche mit massiverer Männer- oder Frauennachfrage.
Andererseits, 40.000 junge, heiratsfähige und einsame Frauen, da geht doch auf jeden Fall was. Wie ist denn gleich Single definiert? Hmm… Keine Angabe auf der Karte. So ein Pech. Haben sich ein paar hochbegabte Ethnographen oder doch zumindest Wissenschaftsjournalisten lange hingesetzt und Daten gesammelt, und dann sowas. Sicher, im zur Karte gehörenden Artikel werden die Fragen bestimmt alle ausführlich beantwortet. Dumm nur, das die Karte mitsamt aller möglichen Spekaulationen gerade durch die amerikanische Blogosphäre schwappt, ohne die bestimmt sehr subtilen Erläuterungen mitzuliefern.
Aber werfen wir doch einen Blick auf unsere Heimat, um die Mühen der amerikanischen Kollegen besser nachvollziehen zu können. Zwei Clicks weiter, und wir stoßen auf berlin.de auf die Einwohnerstatistik der Hauptstadt (pdf). Okay, Frauenüberschuss, 51,1% zu 48,9% Das sind ja schon 75.000 mehr Frauen als Männer: dicken roten Blob auf die mentale Deutschlandkarte setzen. Aber uns interessieren ja nur die Singles. Aufgeschlüsselt ist die Statistik schon. Demnach sind zwar deutlich weniger Frauen ledig, andererseits auch weniger Frauen denn Männer verheiratet – der Rest wird ausgeglichen durch die größere Zahl weiblicher Geschiedener und Witwen. Das ist natürlich bedingt durch die unterschiedliche Lebenserwartung: Frauen leben nun mal länger und überleben damit sowohl ihre Männer wie auch ihre Ex-Männer. Jetzt ist es nur eine Frage der Definition, was wir als Single annehmen. Sex im Alter ist zwar hier nicht Thema, aber auch kein Tabu mehr, also werfen wir alle nicht gerade jetzt Verheirateten zusammen und gelangen, umgerechnet auf absolute Zahlen, zu:
Single-Männer in Berlin: 1,06 Mio.
Single-Frauen in Berlin: 1,14 Mio.
Jetzt nehmen wir uns eine Deutschlandkarte:

Einen dicken roten Blob:

Kopieren beides zusammen:

Fertig! Na, das war jetzt anstrengend. Live-Wissenschafts-Blogging und Result-Getting bei WordPress.com, und ihr ward dabei. Kartenbeschriftungen zeig ich dann ein ander Mal.
Das Ergebnis ist natürlich immer noch sinnlos. Schon die Begrenzung auf einzelne Städte sagt nicht wirklich viel aus. Wie die Bewohner mancher östlichen Landstriche inzwischen wohl wissen, ist die Bevölkerungsstruktur zwischen Stadt und Land grundsätzlich verschieden. Was man wirklich bräuchte, wäre eine Aufspaltung nach Landkreisen und dann eine Einfärbung nach Farbskala, die den prozentualen Singleüberschuss des jeweilig vorherrschenden Geschlechts bezogen auf die Gesamtbevölkerung. Das wäre vermutlich langweiliger (weil die Prozentzahlen kleiner aussähen) und der Spaßfaktor wäre geringer, weil es die Fantasie nicht so ankurbelt wie die Vorstellung, allein mit 40.000 einsamen Playmates an der deutschen Ostseeküste abzuhängen – aber für spaßige Ergebnisse werden Wissenschaftler ja auch nicht bezahlt.
Und wenn man dann noch ein bisschen von der Sexiness in die Karte zurückbringen wollte, könnte man ja doch überlegen, ob man jede Wilmersdorfer Witwe mitzählt. Diskriminierend, ich weiß, aber potentielle Geschlechtspartner nach Fuckability einzuteilen ist das eh. Ernüchternd wäre dann wohl eher, Berlin als großen blauen Blob auf der Karte wiederzufinden. Lieber nachher auf der Fête de la Nuit im empirischen Feldversuch nachsehen, wie die Chancen stehen. Im Zweifelsfall ist experimentelle Forschung halt doch spannender.
(Ja, das Ganze ist unfair gegenüber den Autoren – ich bin mir sicher, dass in dem Originalartikel die meisten der Punkte auch angesprochen wurden. Aber wenn man nur auf die Karte stößt, wie sie gerade durch die amerikanischen Blogs wandert, und dann hunderte von wohldurchdachten Kommentaren liest, die hauptsächlich auf Unklarheiten beruhen: man hätte das mit einer besseren, verständlicheren und präziseren Karte auch verhindern können…)
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Ich geb dir vollkommen recht und muss sagen dein sehr kritischer und punktueller Schreibstil gefällt mir sehr gut. Du sprichst davon, dass di Kartet in den USA durch das Web gesitert und genau das wollten die Macherreichen. Wenn das Profis gewesen wären, wäre die Studie 1. kostenpflichtig, 2. besser aufgebaut und zumndest das zu-untersuchende Objekt wäre definiert gewesen.
lg Thomas