Ich bin nicht Charlotte Simmons

Tom Wolfe: I am Charlotte Simmons, USA 2005

Nein, ich bin nicht Charlotte Simmons. Ich bin und war auch nie Erin Brockovich. Aber das ist ein anderes Thema.

Um also erstmal den (Haupt-)Plot abzuhandeln: Hochbegabte, jungfräuliche Landpomeranze aus sehr einfachen Verhältnissen kommt per Stipendium an eine (fiktionale) amerikanische Elite-Universität. Glücklich, ihrer Unpopularität in ihrer partyzentrierten High-School-Kultur entkommen zu können, um sich an ihrem neuen College im Kreise Gleichgesinnter intellektuell zu ertüchtigen, findet sie das Uni-Leben anders vor als erwartet: es gibt immer noch den alten (durch das größere soziale Gefälle zusätzlich angeheizten) Popularitätswettbewerb, niemand ist mehr als nötig am Studium interessiert, stattdessen vor allem an Alkohol und Sex. Charlotte Simmons wird wieder zur Außenseiterin, die sich aber bald (offenbar rein aufgrund ihres Aussehens und ihrer steten Weigerung, mit irgendwem Sex zu haben) von verschiedener Seite umworben sieht. Sie kann den Gruppenzwängen und dem gesellschaftlichen Druck nicht widerstehen und wird eher widerwillig in die ‘höheren Kreise’ der Studenten-Hierarchie gezogen, verliert schließlich ihre Unschuld. Den Rest des Buches muss sie dann damit klar zu kommen lernen.

Ich muss leider gestehen, dass ich Satire, wie sie hier vorliegt, grundsätzlich wenig abgewinnen kann, was vermutlich ein schwerwiegendes Humordefizit meinerseits darstellt. Das gesamte College-Leben ist bis ins Unkenntliche überspitzt, jede Figur, inkluse Miss Simmons, ist vor allem erstmal eine Marionette, fast schon psychiatrischer Anteilnahme bedürftig in ihrer Einfalt, reines Objekt der Kritik. Praktisch keine Figur ist während der gesamten 700+ Seiten dazu in der Lage, die eigene Situation zu durchschauen (obwohl ein Großteil des Buches vornehmliche Selbstreflektionen Charlotte Simmons darstellen) und sie so verändern zu können. Ich kann zwar verstehen, dass der Humor in der Überspitzung liegen soll, ich find’s aber eher selten witzig, mich so lange mit lebensunfähigen Schablonen abzugeben.

Am schlimmsten ist das leider mit der Simmons selbst. Ja, sie ist intelligent, vielbelesen, fleißig. Und Tom Wolfe schenkt ihr praktisch keine Ruhe: nicht einen akademisch interessierten Mitstudenten, nicht eine Gruppe normaler Geeks, mit denen sie sich versteht und die es an Unis sonst mehr als genug gibt. Das ist auch verständlich, weil damit die dem gesamten Plot zugrunde liegende Annahme zusammenfallen würde. Irgendwann trifft sie tatsächlich zwar eine Gruppe Nerds, die aber selbst wieder so abgehoben elitär und lebensfremd daherkommen… Um fair zu sein, solche selbstzentrierten, sich für die Rettung der Intellektuellenszene der westlichen Welt haltenden Sozialwissenschaftler, die den Postmodernismus für Philosophie und in aller Lächerlichkeit Die Matrix für ein tiefsinniges Traktat halten, das die Höhe der Erkenntnistheorie darstellt, gibt es wirklich - aber mit denen fülle ich dann ja auch nicht Seite um Seite meines eigenen Lebens. Auch sonst ist keine der Figuren wirklich unbekannt, nur in der wirklichen Welt sind ihre albernen Verfehlungen wenigstens durch ein sozial bedingtes Mindestmaß an Selbstkritik und Menschlichkeit abgemildert; hier trifft das vielleicht auf ein oder zwei Figuren zu, der Rest läuft wie auf Schienen durch das von Wolfe ihnen mitgegebene Klischee ihrer selbst. Es sind keine allzu dummen oder platten Klischees, aber immer noch Klischees.

Ansonsten ist der Hauptplot eine Aneinanderreihung persönlicher Krisen der Charlotte Simmons. Der Unsicherheit im sozialen Umfeld ihrer Kleinstadt folgt die große Einsamkeit an ihrer Universität. Mehrere hundert Seiten hofft man schließlich zunehmend, dass sie endlich entjungfert werde, damit dieses kaum gebrochene Selbstmitleid aufhört, nur um danach festzustellen, dass jetzt das Geheule erst wirklich beginnt. Während Charlotte Simmons, bedingt durch ihre Erziehung durch die streng religiöse Mutter, in eine kaum gerechtfertigte klinische Kurzpsychose schlittert, ist das Buch fast unerträglich. Ich hätte es da fast weggelegt, so sehr hat mich das Ganze unselbständige Geweine genervt.

Ich hab’s aber nicht weggelegt, und das mag jetzt vielleicht überraschend kommen: insgesamt ist es ein gutes und unterhaltsames Buch. Alles oben geschriebene stimmt, und mehr als einmal saß ich mit dem Buch zwischen meinen vor lauter Widerwillen sich verkrampfenden Fingern, Aggressionen gegen Charlotte Simmons endlose Heulorgien und Selbstbeschuldigungen trübten meinen Blick - aber weiterlesen wollte ich doch. Das hängt auf jeden Fall mit dem sehr eleganten, natürlichen Sprachstil zusammen, den Wolfe schreibt. Aber auch mit den anekdotalen Episoden, die uns durch den Haupt- und mehrere Subplots führen. Über weite Strecken kommt Wolfe einfach ins Erzählen und treibt die Geschichte voran, das Maskenhafte der Figuren tritt zurück hinter die Plausibilität des aktuellen Geschehens. Und Wolfe kann intelligent schreiben und als einiger der wenigen in einem sehr unterhaltsamen Ton, ohne zu sehr ins Akademisierende abzuwandern. Als Bonus bekommt man dann noch einen guten Teil (fiktionalisierter) Neurowissenschaften mit, auf die man sich in Fachveröffentlichungen besser nicht berufen sollte, was aber amüsant und teilweise fesselnd zu lesen ist, zumal es kleine unaufgeregte Erfrischungspausen in den ansonsten oft emotional bis hysterisch verlaufenden Erzählsträngen bietet.

Ein Fazit ist somit nicht ganz einfach. Ich hab das Buch über weite Strecken gerne gelesen und nur schwer aus der Hand gelegt, und ich denke, wenn man sich auf das Thema einlässt, wird das den meisten anderen auch so gehen (aus meinem weiblichen Freundeskreis kann ich noch zwei ausschließlich positive Kritiken überliefern, wenn das der Entscheidungsfindung des werten Lesers hilft). In Teilen war es mir aber einfach zu schablonenhaft. Ich denke auch, dass es was mit der zweifelhaften Angriffsfläche zu tun hat: ich habe nunmal meine eigenen Uni-Erfahrungen, die ich teilweise zwar wiederfinden kann, aber in so überspitzter Form, dass ich die Satire nicht mehr wirklich nachvollziehen kann. Ja, man hat Sex an der Uni, es wird viel getrunken (beidemal: Gott sei dank), und das alles mag aufgrund gesellschaftlicher Unterschiede in den USA extremer sein (oder den Landpomeranzen zu Beginn ihrer Unilaufbahn im Kontrast zu ihrer Kindheit extremer erscheinen) - aber Wolfe schießt hier meilenweit über das Ziel hinaus. Die College-Kultur, die er angreift, gibt es in der Art bestenfalls am Rande der Colleges, wo es jedem freisteht, sich dieser anzuschließen oder möglichst viel Abstand zu halten; dass junge, langbeinige freshwomen in die Kultur gegen ihren ausdrücklichen Willen gezwungen werden, weil es auf dem Campus nunmal gar nichts anderes (oder nichts, was nicht zumindest gleichsam pathologisch ist) gibt, das sind wohl eher die feuchten Träume eines alternden Literaten. Allerdings kriegt auch das religiöse Elternhaus seinen Teil der (hier eher unterschwelligen) Kritik ab, der leicht übersehen werden kann: vor dem Hintergrung, wie wenig lebensfähig Charlotte aber an der Uni eintrifft, wie sehr sie ihr Selbstbild über akademische Exzellenz und Tugendhaftigkeit ganz obszöner Provenienz definieren muss, weil das die Normen sind, die man ihr mitgegeben hat; und vor allem vor dem Zusammenbruch jeglicher Kommunikation zwischen Eltern und Tochter gegen Ende des Buches, ist das ein Ansatz der verfolgt werden sollte. Nicht von mir, aber vielleicht kann man ja irgendwo ein anglizistisches Seminar über Geschlechterrollen bei Hemingway zusammenstreichen und das mal näher beleuchten.

Wer sich also an einer Schilderung der Sauf- und Sexkultur an amerikanischen Universitäten ergötzen will: dem empfehle ich Bret Easton Ellis. Einfach unwiderstehlich! (engl.: The Rules of Attraction) zum Beispiel. Das ist zwar eher noch extremer und auch härter geschrieben, wird dem Thema aber besser gerecht. I am Charlotte Simmons empfehle ich denen, die auf leichte Art sich über nicht wirklich eigenständige Heranwachsende in einer Kirmeswelt aus Gruppendruck, Geld, Sex und Alkohol amüsieren wollen - und die diese Art überspitzte Satire vielleicht besser verkraften als ich.

Vielleicht kann ich auch einfach Frauen nicht weinen sehen. Ansonsten war’s ein gutes Buch.

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