Kuzorras Dialoge: Seelsorge
Kuzorra reist nicht gern. Reichsbahn, Reichsbahn, immer wieder Reichsbahn. Aber was bleibt ihm übrig…? Draußen taucht der abziehende Regen die gelb-matschige Landschaft in düstere Feuchte.
Um auf den Dualismus zurückzukommen, sagt die Frau, du kannst mir doch nicht die Existenz meiner Seele widerlegen. Ich spüre das doch unmittelbar, dass ich mehr bin, als die Teile meines Körpers, und das da etwa jenseits meines Körpers ist, das auch immer sein wird.
Kuzorra bleibt still. Etwas, was immer sein wird? Sicherlich, aber wer weiß schon…
Ich fühle doch die Konstanz meines Seins, das Ich, das mich erfüllt. Das kannst du mir doch nicht wegnehmen?
Aber wenn wir uns ein Bewusstsein in der Zeit vorstellen, das Erinnerungen mit sich trägt und Erfahrungen und Lernprozesse allgemein; würde sich das nicht wie von selbst eine Arbeitshypothese zurecht legen, die dir subjektiv als Konstanz vorkäme? Würde es nicht rückwirkend alle Erfahrung dieser Konstanz- und Ich-Illusion unterwerfen?
Du kannst doch da nicht von Illusion reden. Wenn ich dich gestern liebte und heute und morgen, dann ist das doch eine Konstanz. Warum soll diese Konstanz nicht echt sein oder bis über den Tod hinaus sich weiter fortsetzen?
Sieh mal: Niemand kann dir widerlegen, das von dir nicht irgendetwas weiterbesteht. Wir verstehen jedoch unsere körperlichen Prozesse viel besser als früher. Wir verstehen, wie sehr unsere Empfindungen auf das Gleichgewicht unserer Hormone in uns angewiesen ist. Liebe ist eine akute Störung unseres Hormonhaushalts mit weitreichenden Konsequenzen. Wir kennen die Prozesse. Wir haben auch eine gute Vorstellung, wie und warum sich eine solche Hormonstörung im Laufe unserer biologischen Geschichte entwickeln konnte, warum Liebe für unsere Fortpflanzung wie für das Wohl unseres Nachwuchses vorteilhaft ist, so vorteilhaft, dass all die Selbstmorde aus unerwiderter Liebe und all der damit verbundene Schmerz und die auf die Liebe verschwendete Energien, auf den ersten Blick verschwendet, wohlgemerkt, warum die sich evolutionär entwickeln konnten.
Wie redest du denn, Kuzorra? Jetzt wirfst du mir schon wieder vor, von Kindern angefangen zu haben, oder was? Im Übrigen ist es ja vielleicht der Hormonhaushalt, der sich meiner Liebe anpasst, nicht umgekehrt.
Denkst du. Aber ich sage dir, dass, wenn der Mensch erst so weit wäre - und es dann auch tun wollte, was ich nicht hoffe: durch eine Einstellung deines Hormonhaushalts könnte man dich deiner Liebe entledigen. So wie man es schon heute durch gezielte Schnitte durch einiger deiner Hirnlappen bewerkstelligen könnte. Und nicht nur das. Man könnte durch beide Einstellungen vermutlich dein gesamtes Wesen verändern: deine Neugier, deine Vorlieben, deine Ausgeglichenheit, dein ethisches Empfinden. All das unterläge der biochemischen und gehirnchirurgischen Einstellbarkeit.
Aber das ist eine furchtbare Vorstellung.
Ja, aber macht sie nicht weniger wahr.
Ich sehe nicht ein, wie all das meine unsterbliche Seele beeinflussen könnte. Die ist doch gerade als nicht von meinem Körper abhängig definiert.
Das ist ja wahr, aber das Problem ist doch: wenn deine gesamte Ich-Erfahrung, dein gesamtes Erleben deinen hormonellen und gehirnphysiologischen Einstellungen unterworfen ist - was bliebe dann noch für deine unsterbliche Seele? Du kannst dich selbst nicht anders denken als im Rahmen deines Ichs, das du kennst; das durch deine Hormone und Neuronen beeinflusste Ich, das sich selbst verändert und von außen manipulierbar wäre. Wieso sollte das, was jenseits deines Körpers weiterleben könnte, damit irgendeine Ähnlichkeit haben. Wie kannst du dir eine Seele vorstellen, die nichts mehr bedarf, keiner Liebe, keiner Zuwendung, keiner Anregung, weil alle Voraussetzungen, etwas wollen zu können, in dem Sinn, wie wir es verstehen, nicht mehr gegeben sind.
Aber ist es nicht dennoch möglich. Mir schaudert bei dem Gedanken…
Ich kann dir nicht widerlegen, dass nichts von dir weiterlebt, sei es konkret oder eher abstrakt. Ich sehe bloß nicht, wie du von einer persönlichen Seele sprechen kannst, wenn alles, was dich persönlich ausmacht und wovon du Erfahrung hast, untrennbar mit deinem Körper verbunden ist.
Ist da nicht ein Kern, der allem zugrunde liegt, allen Erfahrungen, der die Interpretation erst ermöglicht?
Möglich. Vielleicht ein abstraktes Prinzip, vielleicht eine noch unbekannte Symmetrie des Seins. Man kann vieles spekulieren.
Vielleicht doch etwas persönliches, handfestes?
Wie der Kern einer Kirsche, nachdem man das Ganze saftige Leben von ihr abgebissen und -gesaugt hat?
Und ist es bei der Kirsche nicht doch der Kern, der das Leben weiterträgt?
Als Hinduistin kenne ich dich ja gar nicht.
Du bist ein Schwachkopf, Kuzorra.
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