Klimawandel live in Deutschland

In Deutschland wird’s heiß wurde es wärmer. Übereinstimmend berichtet die Presse (Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau, SpiegelOnline als Beispiele) von neuen Temperaturdaten aus Potsdam, was ja von hier in Berlin praktisch vor der Haustür liegt:

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Und ja, es wurde wärmer. Da ich keinen Grund sehe, an den mehrfach nachgeprüften und bestätigten Daten zu zweifeln, muss man wohl feststellen, dass die 12 Monate von Juni 2006 bis Mai 2007 die wärmste 12-Monats-Periode war, die seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen wurden. Das Ganze ist dadurch interessant, dass die Datenlage sowohl ein kurzfristiges Phänomen, das an der Grenze zwischen Wetter (”Deutschland stöhnt unter der Hitze - Klimakatastrophe!”) und Klima liegt, auch wenn die Ursachen der rapiden Erwärmung noch nicht bekannt ist - ein guter Teil kann ohne Weiteres als zufälliger statistischer Ausreißer aus der Standardvariation aufgefasst werden. Doch auch wenn sich derweil kurzfristige Wetterextrema häufen, was nicht unverträglich ist mit den Vorhersagen über den Klimawandel, gibt ein solches über ein ganzes Jahr ablaufendes Phänomen doch mehr zu denken.

Mit einer Sache stimme ich aber nicht überein, die sich ansonsten relativ unreflektiert durch alle drei genannten Berichte zieht (FR: “um drei Grad höher lag als in jedem anderen Zwölf-Monats-Zeitraum”; TS: “Wert sei drei Grad höher als in jedem anderen Zwölf-Monatszeitraum”). Offensichtlich wurde das so auch vom Potsdamer Institut für Klimaforschungso mitgeteilt, SPON verpackt es jedenfalls in ein direktes Zitat. Nur auf der entsprechenden Seite des Instituts findet sie sich nicht. Und aus gutem Grund. Ohne weitere Angaben ist “jeder Zwölf-Monats-Zeitraum” wohl am ehesten zu verstehen als monatlich kalkulierter Durchschnitt. ‘April 2007′ wär somit der vierte im Jahr berechnete Durchschnitt. Wie verändert sich nun der Durchschnitt zu ‘Mai 2007′? Der Mai 2006 fällt aus der Statistik, der Mai 2007 rückt nach. Wäre nun die 12-Monats-Spanne tatsächlich um 3°C höher als in jedem anderen Monat, damit auch als der 12-Monats-Schnitt im Vormonat - dann hieße das, dass der Mai 2007 sage und schreibe 36°C wärmer gewesen sein muss als der Mai 2006. Und bei aller Liebe und dem subjektiv und ohne Nachforschung als eher verregnet in Erinnerung gebliebenen Mai 2006 (der Monat vor der Fußball-WM, wir erinnern uns) - das wird so wohl nicht zutreffen.

Zu allem Überfluss zeigt das von SPON anbei (und ohne jede Erläuterung der Methode oder Darstellung) veröffentlichte Bild auch keineswegs einen so großen Ausschlag, sondern eben nur einen Anstieg von drei Grad über Durchschnitt (auch wenn sich das Spektrum wohl eher auf Deutschland denn auf die Potsdamer Messungen bezieht, die ja bis 11.7°C hochgehen); und eben so steht es ja auch beim IKP: “(…) sie stellten fest, dass die Durchschnittstemperatur in Potsdam für den besagten Zeitraum mit 11,7°C um 3°C über Potsdams langjährigem Mittel von 8,7°C seit Messbeginn 1893 liegt.” Also nichts mit drei Grad über jeden anderem 12-Monats-Schnitt. Und es erübrigen sich damit auch Erörterungen, was sonst Ursache für eine solche Behauptung sein könnte [1]. Nur schade, dass es keiner der Journalisten beim Abtippen der Agenturmeldung gemerkt hat (oder woher auch sonst sie es abgeschrieben haben, die werden ja kaum alle gleichzeitig denselben Fehler gemacht haben).

Zwei Hoffnungen bleiben, selbst wenn man den Trend tatsächlich uneingeschränkt auf den Klimawandel zurückführen will: zum einen ist noch gar nicht gesagt, wie eine weiter fortschreitende globale Erwärmung sich wirklich lokal auf Deutschland auswirken wird. Zum anderen ist der hiesige Juni wohl deutlich nässer und ein wenig kühler denn der Juni 2006. Entsprechnend dürfte der 12-Monats-Durchschnitt dann wohl um ein paar Zehntel Grad sinken, wenn demnächst wieder abgerechnet wird.

 

[1] würde zum Beispiel der Schnitt nur alle sechs Monate erhoben, dann könnte natürlich der eine Messwert ‘Mai 2007′ tatsächlich 3°C höher als alle anderen 12-Monats-Durchschnitte liegen - wenn der Zeitraum von Dezember 2005 bis Mai 2006 tatsächlich um durchschnittlich sechs Grad wärmer gewesen wäre als derselbe Zeitraum ein Jahr später. Das ist aber immer noch unwahrscheinlich - und sechs Grad Unterschied über sechs Monate hinweg hätte wohl seine eigene Schlagzeile verdient gehabt.

 

Update: habe inzwischen die Originalgrafik beim IKP gefunden und den Link entsprechend geändert. Zum einen, die Karte bezieht sich auf Deutschland; zum anderen, die Messpunkte werden monatlich aufgenommen - womit man dann noch mal klar sehen kann, dass die oben kritisierte Aussage falsch ist.

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