Neue Höhepunkte der Sexualforschung

Hochbegabte und gleichzeitig sehr, sehr männliche Wissenschaftler der Universität von Granada Granada haben sich jetzt unerschrocken schwerwiegendsten Problemstellungen ganz am Rand der menschlichen Erkenntnisfähigkeit gestellt und zur allgemeinen Überraschung der westlichen und restlichen Welt herausgefunden: Männer denken oft und meistens gerne an Sex! Frauen… manchmal weniger. Bahnbrechend. Unerwartet. Nobelpreisverdacht.

Da ich im allgemeinen eher seltener Análisis y Modificación de Conducta oder Psychological Reports lese (ist nicht wirklich nötig, wenn man in’nem naturwissenschaftlichen Institut arbeitet, macht einem nur Angst), beziehe ich mich mal ausschließlich auf den Science-Daily-Artikel: Study Confirms Importance Of Sexual Fantasies In Experience Of Sexual Desire. Da hab ich’s ja auch her.

The researcher Juan Carlos Sierra Freire states that there are very few reliable and valid instruments in Spain to evaluate sexual desire.

Stimmt allerdings, solche Instrumente hab ich bei mir im Labor auch nicht. Aus diesem Mangel heraus hab ich trotzdem noch nicht bei meinem Chef die Anschaffung des Sexual Desire Inventory beantragt; das stellt sich dann auch als relativ simpler bestimmt sehr komplexer Fragebogen heraus: der untersucht immerhin sowohl allein wie zu zweit empfundenes sexuelles Verlangen. Willkommen im Web 2.0.

Langsam hab ich aber das Gefühl, das mit der Übersetzung (oder dem Autor) was nicht stimmt. Erst die Sache mit den instruments, die man im Englischen auch präziser hätte formulieren können, jetzt wird das auf Zweisamkeit bezogene sexuelle Verlangen als didactic sexual desire bezeichnet. Nö, Jungs. Selbst wenn man als Uniprofessor ein tiefes Vergnügen am Lehren entwickelt (oder seine erotischen Gedanken sich etwas zu oft um die eigenen Studentinnen drehen): was ihr meint ist dyadic sexual desire. Das ist zwar auch ein eher unbekannter Ausdruck, der diesem Medizin-Möchtegern-Wissenschaftsschlonz einen größeren Anschein von Anspruch verpassen soll, aber wenigstens kann man durch solche Formulierungen überprüfen, wer vom Fach ist und wer nicht. Hat hier wohl leider nicht geklappt.

Die Ergebnisse kann man dann knapp so zusammenfassen: The more sexual fantasies they have, the more sexual desire they experience. Schau mal da. In Analogie also: Je mehr ich ans Essen denk, umso mehr Hunger krieg ich. Könnte natürlich auch umgekehrt sein, wer weiß.

Und das, abgesehen von einigen unkonkreten Ausführungen darüber, dass es besser ist, sexuelles Verlangen zu empfinden, bevor man zusammen in die Kiste steigt, weil’s dann einfach schöner ist, beschließt dann auch praktisch den Artikel. Bis auf die eine Sache: Männer haben offenbar weniger Probleme ihre sexuellen Phantasien anzunehmen, werden dann eher von zu extremen Vorstellungen in Ausübung ihrer Mannespflichten behindert. Frauen neigen eher dazu, sich durch Sorgen oder gar Ängste ihre Phantasien vermiesen zu lassen.

Es ist natürlich immer befriedigend, festzustellen, dass die wissenschaftliche medizinische Forschung langsam an einen Punkt kommt, an dem der Rest der Welt schon lange auf sie wartet. Dass geschlechtliches Rollenverständnis und Erziehung Auswirkungen auf sexuelle Phantasien und sexuelles Verlangen hat, sollte eigentlich jeder inzwischen gemerkt haben; dass darum die psychologischen Probleme, so es welche gibt, auch andere sind bei Frauen als bei Männern, sollte damit auch klar sein. Das Ganze im Jahre 2007 noch mal als neue Erkenntnisse zu verkaufen, ist schon ein wenig unverschämt, selbst wenn der methodischen Nachweis auf Fragebögen beruhende Versuch eines Beleges dafür ein neuer sein sollte.

Und da von den Herren Forscher keine praktischer Hinweis kommt, was man mit den Ergebnissen macht, hier mein Hinweis für die Leser, frisch aus den wirklichen Naturwissenschaften:

Jungs und Mädchen - einfach mal locker bleiben!

 

ps1. Gilt natürlich auch für Jungs und Jungs und Mädchen und Mädchen - your life, your rules.

ps2. Auf was man bei der pflichtgemäßen laienjournalistischen Recherche für so einen Artikel alles für komische Seiten kommt… Ich bin pikiert! Sollte das also mein letzter Blogeintrag gewesen sein, war’s die EDV hier am Institut auch.

2 Responses to “Neue Höhepunkte der Sexualforschung”

  1. Himmel, wie bahnbrechend. Ich bin ja immer wieder erstaunt, was für Projekte so finanziert und publiziert werden.
    Mein absoluter Liebling ist ja immer noch der Freak, der die Titelmelodie von Dr. Schiwago auf seinem NMR gespielt hat. Mit Balalaika-Sound.

    Von den Typen, die Peptide in “Melodien” übersetzen, hast du bestimmt auch schon gehört. Eine AS –> ein Sound. Oh Mann…

  2. Na, das sind ja immerhin Ansätze von Laborhumor; der ist zwar manchmal auch ganz schön absonderlich, aber immerhin. Hätten die Spanier hier vielleicht auch mal versuchen sollen…

Leave a Reply