Bibel und Biologieunterricht
Der bundesdeutsche Konsens über Religion in der Gesellschaft, der bisher dazu führte, dass es hier bisher nicht zu ähnlichen Verwürfnissen gekommen ist wie beispielsweise in den Vereinigten Staaten, beruht zum größten Teil auf einem simplen Prinzip: man hält gegenseitig weitgehend die Klappe; jedem steht es frei zu glauben oder auch nicht und seine Meinung privat zu verbreiten (wies es ja auch in diesem Blog geschieht); aber von staatlicher oder öffentlicher Seite (Regierung, Großmedien, Schulen) wird allgemein Neutralität erwartet. Dass dies nicht so ganz eingehalten wird, sei hier der noch christlichen Mehrheit zugestanden - im Moment zahlen wohl 62.5% der Bevölkerung Kirchensteuer an die christlichen Kirchen. Darum erduldet man dann auch mal als Nichtgläubiger, dass das Fernsehen sich stundenlang an unsachlichen Berichten über den größten Karnevalsverein der Welt und seinen neuen bayerischen Jungfrau Prinzen ergötzt oder dass der Bundespräsident in romantischer Verklärung seinen Glauben in die Welt zu stellen beansprucht, wie es einem atheistischen oder zumindest skeptischen Präsidenten wohl kaum erlaubt würde. Alles geschenkt.
Manchmal nimmt das Unbehagen aber doch zu: wenn die gläubige Seite sich daran schickt, den Konsens nicht mehr anzuerkennen. So zum Beispiel, wenn jetzt zum wiederholten Male die hessische Kultusministerin Karin Wolff, früher Religionslehrerin, jetzt Mitglied der EKD-Kammer für Bildung und Erziehung, dazu auffordert, die Bibel als Lehrstoff im Biologieunterricht einzusetzen. Was genau sie meint, will sie nicht wirklich sagen, es solle jedenfalls kein Kreationismus unterrichtet werden, der sie ihr “zu extrem”. Als Mythos möchte sie Genesis aber auch nicht bezeichnet wissen: “Mit dem Begriff Mythos kann ich nichts anfangen, weil er wertend ist“. Dabei bezeichnet der Begriff Mythos eigentlich genau das, wofür sie sich einzusetzen vorgibt: Einen Text, der die in ihm enthaltenen tieferen Wahrheiten durch eine allegorische Erzählung darlegt. Darum hatte zum Beispiel der tiefreligiöse Erich Fromm keine Probleme, seine sehr schöne und empfehlenswerte Interpretation des christlich-jüdischen Schöpfungsmythos’ eben so zu bezeichen, nämlich in seinem Buch “Mythen, Märchen, Träume”. Das einzige, was der Begriff Mythos ausschließt, ist eben ein buchstäbliches Verständnis des Textes - und das wäre Frau Wolff ja angeblich zu extrem.
Ansonsten hat die Wolff offenbar keine Schwierigkeiten, die aus den USA wohlbekannten kreationistischen Sprachversatzstücke zu benutzen. So sollen infolge des modernen, bibelorientientierten Biologieunterrichts auch die ‘Grenzen naturwissenschaftlich gesicherter Erkenntnis‘ aufgezeigt werden. Inwiefern diese Grenzen durch die Bibel abgesteckt werden können, ist mir persönlich unklar. Jenseits dieser Erkenntnisgrenze liegt dann aber wohl die “erstaunliche Übereinstimmung”, die Frau Wolff zwischen dem biblischen Text und der modernen Wissenschaft ausgemacht haben will. Und um uns alle dann wirklich zu beruhigen, lässt sie sich dazu herab, zu betonen, dass keine Schule in Hessen “ausschließlich den Kreationismus unterrichtet” habe. Kann man noch durch noch dümmere Sprüche sein totales Unverständnis der eigentlichen Problematik verdeutlichen?
Gestehen wir hier Frau Wolff hier mal die Unschuldsvermutung zu, dass sie also nicht wirklich so indoktriniert und ignorant ist, die evolutionstheoretisch belegte Herkunft des Menschen zu leugnen; dass es ihr im Grunde darum geht, ihr eigenes christlich geprägtes Menschenbild, das wir an der Stelle mal nicht kritisieren wollen, weil es ja auch schlimmere gibt, in größerem Rahmen zu verbreiten. Dann stellt sich immer noch die Frage: Warum im Biologieunterricht? Wieso müssen die Implikationen oder Interpretationen von Adam und Eva fach- und zeitnah einer Besprechung natürlicher Auslesemechanismen, dem Aufbau einer Zelle oder der DNA oder dem Verbreitungsgebiet von Schwanzlurchen besprochen werden? Wieso soll das durch Biologielehrer geschehen, die dafür nun gar nicht geschult sind, wenn wir gleichzeitig sowieso Religions- und vielfach Ethik- und Philosophieunterricht eingeführt haben, eben um solche Fragen zu besprechen? Und wenn sich Frau Wolff dabei auf das Prinzip der Meinungsfreiheit beruft, was im Rahmen der ministerialen Umordnung von Schulunterricht sowieso schon frivol ist (und überhaupt hat es noch nie jemandem genützt, sich in naturwissenschaftlichen Fragestellungen auf Meinungsfreiheit zu berufen - viel Glück bei der nächsten Klausur): Gilt die Meinungsfreiheit dann auch noch, wenn ein immerhin jahrelang in Naturwissenschaften geschulter Lehrer für sich feststellt, dass er die Existenz Gottes für sich als unplausibel oder gar als widerlegt ansieht? Wie jemand mit Schulerfahrung (und sei es nur Religionsunterricht) und anschließender Karriere in Partei, Ministerien und EKD so einen Stuss verzapfen kann, ohne noch zu bemerken, was für absurde Szenarien die Umsetzung der eigenen Vorschläge nach sich ziehen würde - mir ist das unbegreiflich. Vielleicht braucht man dafür ein christliches Weltbild, in dem sich dann schon alles irgendwie sinnvoll zusammenfügt.
Aber der eigentliche Affront ist ja nicht die Ignoranz von Frau Wolff über den Biologieunterricht, der ihr aufgrund ihrer religiösen Begrenzungen gestattet sei. Der eigentliche Punkt ist doch der: die Schule hat bisher gut daran getan, ihre religiöse Neutralität weitgehend zu wahren. Jedem, der will, steht Religionsunterricht weiter zu. Aber jeder, sofern über 14, kann auch für sich entscheiden, sich das nicht anzutun. Und viele Schüler oder deren Erziehungsberechtigte entscheiden eben genau so, entweder weil sie nicht gläubig sind, weil sie religiösen Unterricht in der Schule für unnötig halten oder weil sie einer anderen Religion angehören. Um was es Frau Wolff hier gegen alle Vernunft geht ist nichts anderes als die Verchristianisierung des Unterrichts in allen Fächern: ‘Deshalb sollten nicht nur Biologielehrer, sondern alle Pädagogen in ihrem Unterricht über die Deutungen der Welt und des Menschwerdens reflektieren, und hier kämen Wissenschaft und Religion unweigerlich zusammen’ - und Religion meint hier eben Christentum. Anders- und Nichtgläubige Schüler sollen sich also gegen ihren Willen und gegen das Gebot weltanschaulicher Neutralität in jedem ihrer Kurse mit den christlichen Mythen auseinandersetzen müssen, mit den christlichen Intepretationen und der christlichen Ethik. Nach meinen Schulerfahrungen liefe das darauf hinaus, dass ein guter Teil der so umgewidmeten Zeit damit verbracht würde, sich mit linken Lehrer über Jesus-Witze und die Frau Kultusministerin lustig zu machen; anstatt einer neuen ethisch-religiösen Dimension des Unterrichts erreicht man ansonsten nichts als Konflikte, Unfrieden und verschwendete Zeit. Als Ergebnis erhält man vermutlich einen größeren Prozentsatz frömmelnder Abiturienten - und einen noch deutlich größeren bekennender Atheisten; vor allem aber schlechter ausgebildete Schüler.
Frau Wolff weiß natürlich, dass sich die von ihr erwünschten Änderungen sowieso nicht durchsetzen lassen - einer ihrer ebenfalls gut bezahlten Assistenten wird ihr schon die rechtlichen Implikationen mitgeteilt haben. Vermutlich ahnt sie zumindest auch, dass ihre Vorstellungen, wie der Unterricht ablaufen würde, romantisch-naiver Blödsinn sind. Dass sie auf einem vom Volk, das zu 40 bis 70% Prozent aus Anders- und Nichtgläubigen besteht, bezahlten Posten sitzt und in ihrer Arbeitszeit ihre eigene Weltanschauung nicht aus ihrem Fachressort raushalten kann - das erscheint mir schon feststellenswert. Aber die Wertediskussion will Frau Wolff ja lieber hinter Schulmauern führen lassen, ihr eigenes Werteverständnis stellt sie nicht zur Disposition.
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