Richard Dawkins’ Der Gotteswahn (The God Delusion), Teil 2

(zu Teil 1)

Im Zentrum des Buches steht vor allem erstmal der Wahrheitsanspruch der monotheistischen Religionen: Gibt es einen Gott und welche Aussagen können wir über ihn treffen, welche Eigenschaften ihm zuschreiben. Das ist ein wesentlicher Punkt, der in der Diskussion des Buches in Reszensionen oft zu kurz kommt, weil die Diskussion all zu oft abgleitet in Fragen, wie weit Glauben für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft als Ganze vielleicht positive Auswirkungen hat. Für den Wissenschaftler mit seinem Drang nach objektiver Erkenntnis ist es aber die zentrale Frage: selbst wenn Religion gut für uns wäre, beweist das nicht die Existenz Gottes oder die Gültigkeit von Glaubenssätzen, genau so wenig wie (nachgewiesene) positive Effekte eines Placebos dessen biochemischer Komponente medizinische Wirksamkeit verleihen [¹].

Thema von Dawkin’s Buch ist damit auch nicht ein subtil theologisch definierter transzedenter Gott, der so weit außerhalb der Welt steht, dass man gar keine Aussage über ihn treffen kann und der auch nicht in das Weltgeschehen eingreift. Grund dafür ist zum einen, dass dieser Gott tatsächlich außerhalb jeder Kritik steht; zum anderen aber auch, dass es zweifelhaft ist, ob wir so etwas überhaupt Gott nennen könnten, da wir keinerlei Erfahrung von ihm haben; vor allem aber: die gesamten Konflikte im Zusammenhang mit Religion rühren daher, dass keine Religion ernsthaft diesen transzedenten Gott propagiert - in allen monotheistischen Religionen gibt es Gebete, Mythen, Gebote, Sünde, Belohnung, Offenbarung: eben alles, was mit einem transzendenten Gott nicht in Einklang zu bringen ist. Viele Theologen reden sich in Reaktion auf The God Delusion heraus, dass ihr Gottesbild viel subtiler wäre, transzendenter und was weiß ich nicht noch alles. Wahr ist aber auch, dass keiner dieser Theologen mit ihrer Kirche bricht und dass sie sehr wohl wissen, dass die ‘volkstümliche’ Religion überhaupt das ist, was die Menschen anzieht und die Religionen zusammenhält. Der Gott, den Dawkins für eine Täuschung hält, ist also der irgendwie personale Gott der großen Religionen, aber nicht nur der: jedes Gottesbild, dass einen Schöpfer und Verwalter der Schöpfung postuliert, der in den Weltenlauf eingreift, wenn es nötig ist, und sei es nur durch Offenbarung, fällt unter Dawkins’ Kritik - also praktisch jede Religion, die Effekte für sich in Anspruch nimmt, die nicht rein psychologischer Natur sind, die somit von sich behauptet, mehr zu sein denn ein Placebo oder reine Philosophie.

Diese Gottesbehauptungen sind dann Dawkins zufolge auch der wissenschaftlich-skeptischen Nachfrage zugänglich, weil Existenz oder Nicht-Existenz eben Auswirkungen auf den Zustand der Welt hat. Ausflüchte erkennt er nicht an; dass zum Beispiel Wissenschaft und Theologie grundsätzlich über andere Aspekte der Welt nachdenken und keine von beiden sinnvolle Aussagen über die andere treffen könne, hält er für nicht stichhaltig und belegt das mit einem Gedankenspiel, wie sich Gläubige verhalten dürften, wenn eine Studie (von denen es nun, erfolglos, schon mehrere gegeben hat) belegte, dass Gebete für die Gesundheit anderer wirklich positive Effekte haben. Sollte sich dies wissenschaftlich nachweisen lassen, würde dies sofort als Bestätigung religiöser Ansichten gesehen werden - nur solange Wissenschaft immer wieder die Ungültigkeit solcher Annahmen zeigt, berufen sich Theologen und christliche Wissenschaftler auf die grundsätzlich andersartige Natur beider Erkenntnismodelle.

Auch Agnostizismus erscheint Dawkins als schwache Position. Philosophisch streng genommen erscheint dies zwar dieser zwar die einzige Möglichkeit. Das gilt aber auch für alle anderen möglichen Aussagen, betreffen sie nun die Existenz von Atomen oder von Elfen - ein endgültiger Beweis ohne minimalsten Restzweifel ist niemals möglich, darum müssten wir alle also auch in Bezug auf Atome und Elfen Agnostiker sein. Der wissenschaftliche Weg ist es, Wahrscheinlichkeiten und Plausibilät einer Aussage zu bestimmen; und daran macht sich dann Dawkins auch, um zu zeigen, dass die Gott-Hypothese, wie sie oben definiert ist, mit aller Wahrscheinlichkeit unwahr und keinesfalls plausibel ist.

 

[¹] Nur ist ein Placebo eben physiologisch neutral defniert, hat also auch keine Nebenwirkungen, was man von Religion nun schon schwerer behaupten kann: nicht nur religiöse Konflikte, auch die Postulierung von abgeleiteten Verhaltensmaßregeln und Sexualnormen ist zumindest stark mit Religion korreliert.

(zu Teil 3)

One Response to “Richard Dawkins’ Der Gotteswahn (The God Delusion), Teil 2”

  1. [...] zu Teil 2 Von den Frontlinien der Wissenschaft am Rande der bekannten Welt - Heimaturlaub [...]

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