Video-Spiele, Sex und Wissenschaft
Manchmal kommen die Nachrichten aus den Wissenschaften seltsam korreliert einher und fügen sich dem Autor dieses Blogs dann wie von selbst zusammen; was hiermit ausdrücklich begrüßt sei, weil es eine Menge Arbeit spart. Und wenn man dann noch eine Suchmaschinen-relevante Titelzeile daraus basteln kann, hilft das auch einem kleinen Anfängerblog wie diesem, das noch über jeden Leser froh ist.
Diese Nachricht (via Science Daily, was sich inzwischen zu meinem up-to-date-sinnlose-Nachrichten-aus-der-Wissenschaft-Lieblings-online-Magazin entwickelt) erschüttert gerade mein persönliches Bild von Computerspielern ungemein: Study Examines Video Game Play Among Adolescents. Zitat:
On school days, teen boys who play video games appear to spend less time reading and teen girls who play video games appear to spend less time doing homework than those who do not play video games, according to a report in the July issue of Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine, one of the JAMA/Archives journals.
Das könnte man jetzt natürlich auch umschreiben, indem man sagt: Je mehr Zeit jemand liest oder Hausaufgaben machen muss, umso weniger Zeit verbringt er oder sie vor Videospielen. Das würde natürlich weniger wissenschaftlich klingen und unser Paradigma, das Computerspiele schlecht, schlecht, schlecht sind zumindest nicht weiter verstärken. Das ist nunmal so ‘ne Sache, wenn man Korrelationen misst, um daraus Kausalitäten abzuleiten [¹]. Zwar stellt der Artikel fest:
Compared with non-video game–players, adolescents who played video games spent 30 percent less time reading and 34 percent less time doing homework.
Die Verteilung hierzu wäre allerdings auch interessant. Die mit Lesen verbrachte Zeit ist ja sowieso sehr verschieden; und irgendwas müssen die Leute, die gar nicht lesen, in ihrer Zeit ja auch machen, nämlich zum Beispiel am Rechner spielen, wenn ihre noch lesenden Freunde keine Zeit haben. Und weniger Zeit für seine Hausaufgaben zu brauchen, na ja: vielleicht stellt sich Computerspielen am Ende noch als Anzeichen für Hochbegabung heraus. Möglicherweise haben die Autoren, Hope M. Cummings und Elizabeth A. Vandewater [²], des ursprünglichen Artikels auch einen ähnlichen Verdacht, den sie noch überprüfen wollen:
(…) an important next step for future research will be to assess the ways in which video game play is related to academic and social outcomes among American youth.
Aber vorgeschobener wissenschaftlicher Skeptizismus mal beiseite: natürlich haben die Veränderungen in unserer Unterhaltungskultur auch Auswirkungen auf das Berufsleben allgemein und die Wissenschaft im Besonderen. Das bezieht nicht nur Computerspiele mit ein, sondern das gesamte Internet mit Blogs, YouTube, Tauschbörsen und so weiter.
Das hehre Bild der Wissenschaft umfasst immer noch einen guten Teil Vorstellung davon, wie der einsame Forscher nachts vor seiner Messapparatur oder über seinen Messdaten sitzt und sich wichtige Gedanken macht, die ihn ganz erfüllen, auf dass er alles Soziale, Vergnügliche und manchmal leider auch die persönliche Hygiene vergesse. Passt wunderbar auf das alte Bild des etwas schusseligen Professors oder des jungen Nerds. Nur stimmt das Bild für die junge Generation nicht mehr so ganz.
An diese Stelle fügt sich dann wunderbar ein wirklich sehr lesenswerter und an dieser Stelle ausdrücklich empfohlener Artikel von Tim Adams an, The new age of ignorance, der sich ausführlich mit mangelnder wissenschaftlicher Allgemeinbildung in höheren gesellschaftlichen Schichten beschäftigt, und in dem er unter anderem ein altes Interview rekapituliert, das er einst mit James Watson, einem der Entdecker der DNA, geführt hat:
(…) I asked him how he thought the climate of scientific research had changed since he made his fateful discovery of the structure of life in 1953. As ever, he came at the question from an unusual angle. He doubted, he said, that in today’s world, he and Francis Crick would ever have had their Eureka moment.
‘I recently went to my staircase at Clare College, Cambridge and there were women there!’ he said, with an enormous measure of retrospective sexual frustration. ‘There have been a lot of convincing studies recently about the loss of productivity in the Western male. It may be that entertainment culture now is so engaging that it keeps people satisfied. We didn’t have that. Science was much more fun than listening to the radio. When you are 16 or 17 and in that inherently semi-lonely period when you are deciding whether to be an intellectual, many now don’t bother.’
Um das zusammenzufassen: Einer der berühmtesten und einflussreichsten biologischen Forscher des 20. Jahrhunderts hält die Gefahr, die von unserer Unterhaltungskultur, also von Fernsehen über Videospiele, das Internet und nicht zuletzt Sex, ausgeht für so schwerwiegend, dass er es für unwahrscheinlich hält, dass er seine Entdeckung in diesem Klima überhaupt gemacht hätte, wenn es denn in seiner Jugend das auch schon alles gegeben hätte. Und alles nur wegen der neuen Medien und Frauen (der Horror!) an den Instituten.
Watson hat natürlich zum größten Teil Unrecht. Sicherlich ist jede mit Ego-Shootern verbrachte Stunde in der Kindheit eine, in der man keine Toaster auseinander genommen und wieder zusammen gesetzt hat - was ich Heranwachsenden bei der Komplexität heutiger Toaster auch nicht mehr raten würde. Und jede Stunde während einer Nachtmessung, die man im Netz verbringt, hätte man auch mit der Lektüre von Fachliteratur füllen können. Somit ist eine gewisse Nivellierung des vorhandenen Kenntnisniveaus vermutlich vorhanden; Fachidioten besonders Interessierte wird es aber auch immer geben. Und die Zahlen derjenigen, die heute wissenschaftlich tätig sind, sind weit höher als in den 50er Jahren. Andererseits sind gerade sozial kompetente Nachwuchswissenschaftler umso weniger bereit, überhaupt Nachtmessungen zu betreuen. Vielleicht zeugen die neuen Techniken so den Geek, der immer noch bereitwillig die absurde Arbeitszeitnachfrage der Naturwissenschaft befriedigen kann.
Und was die Frauen angeht: wie der umfassend gebildete Watson bestimmt weiß, empfahl schon Plato, in den verlotterten griechischen Schlachtreihen Liebhaber nebeneinander kämpfen zu lassen, da beide dem anderen gegenüber keine Blöße zeigen, somit auch nicht voreilig die Flucht antreten würden. Dr. Watson mag nun in seiner Studienzeit nicht von hormonellen Verwirrungen durch die Frauen um sich herum abgelenkt worden sein; er kennt dann aber auch nicht das drängende Gefühl, sich vor seinen schnieken Kolleginnen nicht durch Nichtwissen blamieren oder gar die schnuckelige Lieblingskollegin durch besonders großartige Messergebnisse beeindrucken zu wollen. [3,4]
Wer weiß, vielleicht wäre unter den Umständen die DNA ja schon zwei Jahre früher entdeckt worden.
[¹] das wissen die beiden Autorinnen natürlich auch: “However, the cross-sectional nature of most displacement studies does not allow causal claims. This limitation exists in these data as well.” Nur in der Medienberichterstattung fallen solche Details oft unter den Tisch und werden relativ unspektakuläre Korrelationen gleich zu Kausalitäten.
[²] Cummings HM, Vandewater EA. Relation of Adolescent Video Game Play to Time Spent in Other Activities. Arch Pediatr Adolesc Med. 2007;161:684-689.
[³] die hormonelle Verwirrung ist im Übrigen von homosexuellen Forschern wie Alan Turing auch schon immer wegzustecken gewesen, auch wenn, zugegeben, der männliche Nachwuchsforscher an Attraktivität der weiblichen Nachwuchsforscherin in vielen Fällen deutlich unterlegen ist.
[4] der armselige Versuch, Frauen mit Messergebnisse zu beeindrucken ist natürlich zum Scheitern verurteilt, teilt dieses Schicksal dann aber auch mit 95% aller naturwissenschaftlicher Aktivität.
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Nur 95%!? Neid! Was habe ich nur falsch gemacht…?
Okay, bisher dachte ich, dass die Länge von Doktorarbeiten konstant ist und dass, was da rein kommt, als ‘nicht gescheitert’ gilt — dass somit eine Scheiterquote von über 95% sicher bedeutet, dass Du einfach zu viel gemessen hast.
Dann war ich aber auf Deiner Seite, habe auf den Photo-Link geklickt und bin in Deine Authentifizierungs-Schleife geraten. Was heißt, dass ich Deine Seite wegen ständig neu aufspringender Passwort-Fenster nur über das Abschießen des Firefox mit allen 10 geöffneten Tabs habe verlassen können. Seitdem glaube ich, es liegt doch an Dir.
Es ist also nicht so, dass ich meine Arbeitshypothesen nicht nach empirischer Überprüfung überarbeiten würde.
Uuh, das mit den Fotos tut mir sehr leid, ich bitte um Entschuldigung. Die Präsentation der Fotoalben ist gerade… etwas vernachlässigt (will sagen, in keinem haltbaren Zustand) und wurde nun bis auf weiteres ausgesetzt. Danke für den Hinweis.
Deine Überlegung zu den 95% hat einen entscheidenden Fehler (und da meine ich nicht die zweifelhafte Annahme, dass alle Doktorarbeiten gleich viel Inhalt haben): Du gehst implizit davon aus, dass die nicht-gescheitereten wissenschaftlichen Bemühungen zeitlich gleichverteilt auftreten. Nimm mal den Fall, in dem zunächst nichts funktioniert - sehr viel, sehr lange. Wenn dann mal was funktioniert und du nur noch solange misst, bis Du genug für die Doktorarbeit (konstanter Länge) hast, kannst Du insgesamt trotzdem weit über 95%-Scheiterquote haben.
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