Glaube, Wissenschaft und Presse: F.A.Z. stolz auf ihre Formen des Nichtwissens

Eine Polemik als Erwiderung auf Stefan Dietrich

 

Aus dem gläubig-konservativem Spektrum kommen an den Atheismus immer gerne Vorwürfe, dass er moralischem Relativismus und postmoderner Beliebigkeit Vorschub leiste. Jeder rechtschaffene Bundesbürger ist natürlich ob der Schwere der Anschuldigung entsprechend entsetzt: moralischer Relativismus - hinterher könnte man noch auf demokratischen Weg verhandeln, dass Homosexualität doch kein Verbrechen sei. Schuld ist natürlich der Postmodernismus, der, zumindest in ursprünglicher Form, nur feststellt, dass es sehr viel weniger Gewissheiten auf der Welt gibt, als es unser kleines Gehirn eigentlich wahrhaben möchte und dass fast alles erst durch unsere Interpretation davon Wirklichkeit wird. Natürlich ist der Postmodernismus in der Folge durch Dummheit, pseudointellektuelle Eitelkeiten und auch Macht- und Bereicherungsinteressen entstellt worden, so dass er tatsächlich in vielen Fällen nur noch willkommene Entschuldigung für eigene Unzulänglichkeiten und eigenes Wunschdenken darstellt. Wenn man den Postmodernismus aber als den großen Dämon annimmt, der unsere westliche Kultur von innen zersetzt, dann sollte man doch vorsichtig sein, wenn einmal die eigenen Unzulänglichkeiten und das eigene Wunschdenken in Frage gestellt werden.

Letzte Woche [1] nun gab die F.A.Z. Stefan Dietrich ausreichend Gelegenheit, sein eigenes Wunschdenken und leider auch seine eigenen Unzulänglichkeiten unter Beweis zu stellen. Überschrieben hat er seinen Kommentar mit “Formen des Nichtwissens”, was auch ziemlich den Inhalt wiedergibt, wenn auch wörtlicher, als Herr Dietrich es vermutlich beabsichtigt hat; schafft er es doch, in den knappen Zeilen umfassend Rechenschaft über seine wissenschaftliche Inkompetenz abzulegen.

Gleich vorneweg beginnt Dietrich mit einer lässigen Schilderung mittelalterlicher Versuche, anhand der biblischen Abstammungsreihen das genaue Datum göttlicher Schöpfung zu bestimmen. So kann er immerhin darlegen, wie ausgewogen und subtil er berichtet, und gleichzeitig seine Distanz zum Kreationismus beweisen, die bei Frau Wolff immer noch angezweifelt wird. Denn merke: in den biblischen Schriften stimmt nur das wahr, was Herr Dietrich persönlich glaubt, keinesfalls aber das, womit man sich heute selbst als F.A.Z.-Autor lächerlich machen würde: also zum Beispiel die Schöpfungsgeschichte. Ob Dietrich über die Verkünder von Auferstehungs- oder Himmelfahrts-Beschreibungen auch ob ihres “Eifers” und ihrer “Naivität” blasiert “lächelt”, ist leider nicht überliefert. Aber er hat ja auch andere Sorgen.

So wirft er Robert Caldwell vor, dass der die Dreistigkeit besitzt, gängige wissenschaftliche Theorien zu Ende zu denken und auszurechnen, wie sich demnach das Ende der Welt abspielen könnte. Das sei, deutet er an, auch nicht besser als die Chronologiker der Bibel im Mittelalter. Das ist natürlich Unfug. Ich habe Caldwells Paper, auf die Dietrich sich bezieht, nicht gelesen, aber ich vermute stark, Dietrich auch nicht. Es ist eine Sache, eine Theorie wissenschaftlich weiterzuspinnen und damit ihre Auswirkungen zu untersuchen; eine andere ist es, das als göttliche Offenbarung zu überhöhen. Ich wäre mit einer solchen Gleichsetzung sehr vorsichtig. Am Ende stellt sich noch heraus, dass Dietrichs Vorwürfe auf eine mittelmäßige Zusammenfassung der F.A.Z. gründen und damit eher ein Urteil über die Qualität des Wissenschaftsjournalismus in Dietrichs Zeitung darstellen denn über Caldwell und seine vermeintlichen Behauptungen. Gleiches gilt für Dietrichs Vorwürfe an Edward Witten. Wir leben in einer Zeit, in der Medien und Zeitungen immer mehr darauf drängen, Wissenschaft auf prägnante und vielleicht noch sexy Formulierungen runterzuverblöden, damit besagte Medien damit mehr Auflage machen können. Stets steht die Anklage im Raum, dass Wissenschaft zu trocken sei, um sie ‚der breiten Masse’ verkaufen und verständlich machen zu können [2]. Erniedrigt sich aber ein Wissenschaftler dazu, seine Formulierungen diesen Anforderungen anzupassen, kommt ein Herr Dietrich, der unbehindert von Sachkenntnis nur die von seinem Medium verbreiteten Schlagwörter aufgreift, um damit zu beweisen, wie verblendet Wissenschaftler doch sind. “Lächeln wir auch darüber?”, fragt Dietrich in unangebrachter Rhetorik. Denn die Antwort ist: ja. Wir, Wissenschaftler und wissenschaftlich Gebildete, lächeln durchaus darüber, wenn jemand von uns mit sich anbiedernden, verdummenden Sprüchlein es auf die Seiten überregionaler Zeitungen schafft; wenn jemand von uns dazu seine kleinen Erkenntnisse als endgültige Fakten ausgibt und dabei nicht mehr die Begrenztheit seiner Ergebnisse bedenkt; aber auch wenn eine Zeitung wieder einen inkompetenten Journalisten einen Bericht schreiben lässt, der dem Thema nicht gerecht wird. Wenn Dietrich also schreibt, dass es auf der ganzen Welt “vielleicht einige hundert Astronomen und Mathematiker” gibt, die Caldwells Berechnungen nachprüfen könnten, dann mag das zwar sein; es gibt aber Hunderttausende, die ein kompetentes Urteil darüber geben können, wie groß der Wahrheitsanspruch Caldwells Thesen ist und wie man diese zu verstehen hat. Stefan Dietrich gehört nicht dazu; umso schärfer sein Urteil.

Es ist dann nur noch Unverständnis gepaart mit Arroganz, wenn Dietrich, der seine tiefen physikalischen Kenntnisse offensichtlich am Osteuropa-Institut in Münster erworben hat, über moderne Physik als Metaphysik urteilt. Die ‘Teilchen’ der Quantenforschung haben also mit Materie nichts mehr zu tun - aber wo steht denn, dass sich Physik nur mit Materie beschäftigt? Ist Newton jetzt Metaphysiker, weil er eine nicht-materielle Gravitationskraft gefunden hat? Sollte es nicht eher Dietrich in Demut verstummen lassen, dass sein kleiner Gott den Menschen so geschaffen hat werden lassen, dass er die wahre Natur der Stoffe nicht erkennen, sondern die Illusion einer festen Materie nicht loslassen kann? Eine Tatsache übrigens, die sich wunderbar aus der Evolution heraus erklären lässt. Dietrichs sozialwissenschaftliche Verbildung hingegen formte dieses Zitat:

Die Namen, die sie diesen Phänomenen geben - “Dunkle Materie”, “dunkle Energie”, “Schwarze Löcher” -, sagen deutlich: Hier tappt die Wissenschaft im Dunkeln.

Klar, so wie der Begriff Mikroskopie sagt, dass der Wissenschaft jede Weitsicht fehlt. Rhetorik: gut. Sachkenntnis: mangelhaft. Bereitschaft zur Teilnahme am Unterricht: ungenügend. Dietrich verweigert hier aktiv, das wissenschaftliche Erkenntnismodell auch nur wahrzunehmen. Unsere heutigen Theorien weisen also darauf hin, dass es bisher nicht beobachtbare Materie und Energie im Universum gibt: sieh mal an. Das Neutrino wurde anno dazumal mal postuliert, um die Energieerhaltung im radioaktiven Beta-Zerfall sicherzustellen; zudem wurde es lange als unbeobachtbar vermutet. Das war es aber nicht. Heute haben wir nicht nur prinzipiell Neutrinos gemessen, wir können auch sehr genau Mengen von Neutrinos messen, ihren Typus unterscheiden und so Rückschlüsse über die physikalischen Eigenschaften ziehen, etwa ihre Massen. Aber wenn Herr Dietrich, der im Dunkeln lieber pfeifft betet als vorwärts zu tappen, lernen würde, wie sich diese Neutrinos verhalten: es wäre ihm wie Metaphysik, so seltsam müsste es in seinem begrenzten Weltbild erscheinen. Dass Dietrich schließlich noch Schwarze Löcher in seine Aufzählung mit einbezieht, zeigt endgültig, dass in seiner Argumentation Rhetorik jegliche Redlichkeit ersetzt hat; oder dass er tatsächlich über das wissenschaftliche Wissen eines Zweitklässlers verfügt. Vielleicht könnte ihm seine Sekretärin mal wenigstens Wikipedia zeigen.

An der Stelle könnte sie ihn auch gleich befragen, was er eigentlich will. Will er Fragen stellen über den Ursprung menschlicher Vernunft (”Dafür nach anderen als evolutionsbiologischen Gründen zu fragen ist deshalb kein Rückfall in voraufklärerischen Mystizismus, sondern im wahrsten Sinn vernünftig”)? Er ist herzlich eingeladen. Es werden ja tatsächlich viel zu wenig Fragen gestellt, denn: “Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, dass Glaube und Vernunft nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern unterschiedliche Aspekte der Wirklichkeit erfassen.” Genau deswegen. Menschen hören auf, Fragen zu stellen, weil sie denken, dass der Glaube sie schon beantwortet. Sollen diejenigen doch bitte vortreten und endlich mal darlegen, welche Aspekte der Wirklichkeit Glaube tatsächlich ‘erfasst’ - die tausende Jahre alte Behauptung, etwas erfasst zu haben, ist wenig beeindruckend, zumal, wenn nur noch ein kläglicher Rest des ursprünglichen Erklärungsanspruches zurückgeblieben ist, der jeden Tag weiter schwindet. Solange es um den Anspruch geht, die Wirklichkeit erklären zu wollen, ist es eben Relativismus, nicht der Überprüfung zugänglichen Offenbarungsgeschichtchen denselben Rang einzuräumen wie wissenschaftlichem Forschen. Ob man diese Art der Beliebigkeit prämodern oder postmodern nennen will, sei dahingestellt.

 

Aber tun wir Herrn Dietrich nicht weiter Unrecht: er lebt gefährlich. In seiner postmodernen Welt existieren “politische Scheiterhaufen” für religiöse Politikerinnen. Kinder werden in Schulen mit plattem “Biologismus” indoktriniert, bis sie als atheistische Kommunisten die Schulbank verlassen statt als mündige Gläubige nach subtiler Religionserziehung.

Heute lebt gefährlich, wer daran zweifelt, dass uns diese Früchte der Aufklärung schon die ganze Wahrheit über die Welt mitteilen.

Stefan Dietrich ist wahrlich der Indiana Jones der deutschen Intellektuellen-Szene, so gefährlich lebt er, dieser James Bond des F.A.Z.-Ressorts Innenpolitik. Nein, ernsthaft: wer ohne Sachkenntnis, ohne Bemühung und mit arroganter Selbstgefälligkeit über Wissenschaft schreibt, lebt immer in Gefahr. Zum Beispiel in der, beim Wort genommen und lächerlich gemacht zu werden.

 

[1] via theolounge.com, die vielen Fragestellungen nachgehen, die auch dieses Blog betreffen, wenn auch aus leider der genau entgegengesetzten Ecke heraus. Die Sympathien für pseudo-wissenschaftliche Theorien, nur weil sie grundsätzlich Theismus bejahen, sind bedauerlich. Sorry, Jungs: Intelligent Design ist eine klar umrissene Bewegung und Lobby, die nichts mit Philosophie zu tun hat, so gern man die auch dahin umdeuten möchte. Mit hohem finanziellen und publizistischem Aufwand werden wissenschaftliche Lügen verbreitet, die am Ende dazu dienen sollen, die säkulare Erziehung und den religiös neutralen Staat abzuschaffen. Kann man alles nachlesen.

[2] dieser Vorwurf wird zur Zeit bevorzugt in den Staaten erhoben - wo die P.R.- und Publikationsmaschinen kreationistischer und pseudo-wissenschaftlicher Vereinigungen auf Hochtouren laufen und zeitweilig immer wieder die Oberhand gewinnen gegen die Erwiderungen von seriöser wissenschaftlicher Seite. Es ist halt doch ein Nachteil, wenn man sich in seiner medienwirksamen Argumentation an Fakten gebunden fühlt.

Update: Hinsichtlich seiner Gefährdung sollte sich Stefan Dietrich vielleicht demnächst mal mit Uwe Kort unterhalten; der hat ja, nach seiner Entlassung wegen papstkritischer Äußerungen in einem Zeitungsartikel, in Zukunft etwas mehr Zeit (via BrightsBlog)

3 Responses to “Glaube, Wissenschaft und Presse: F.A.Z. stolz auf ihre Formen des Nichtwissens”

  1. Hi kamenin, guter Post, könntest du dir vorstellen, den als Gast-Post im BrightsBlog einzustellen? :)

  2. Hi nickpol. Der Blog hier ist ja noch ziemlich neu, und im Moment blogge ich lieber unabhängig - was keine Vorbehalte gegen den BrightsBlog ausdrücken soll, den ich sehr schätze.

    Ich geb Dir aber alle Erlaubnis, den selber bei euch einzustellen oder zu verlinken oder was immer Du damit vorhast. Macht mir auch weniger Arbeit ;-)

  3. Ok, du wirst keine Arbeit damit haben :)

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