Der AQ-Test: Asperger-Syndrom und die Geek-Community
Das Asperger-Syndrom ist in seinen ernsthaften Ausprägungen keine unterhaltsame Sache. Eng verwandt und diagnostisch teils auch nur unklar abgegrenzt ist es mit Autismus und Zwangsverhaltensstörungen. Die Betroffenen sind in ihrer sozialen Interaktion oft stark beeinträchtigt, da die Fähigkeit, Stimmung und Absichten anderer Menschen einzuschätzen, bei ihnen je nach Grad der Störung eingeschränkt ist. Dafür zeigen sie oft lebhaftes (oft ans obsessive grenzendes) Interesse an abstrakten Zusammenhängen: Zahlen, Daten, Fakten. Da die zwischenmenschliche Erfahrung als verwirrend wahrgenommen wird, findet ein Rückzug aus dem Sozialen und eine, teils auch emotionale, Hinwendung entweder zu Dingen oder zu Konzepten statt. Der Alltag wird, um auch ihn kontrollieren zu können, rigide durchgeplant; Veränderungen dieses Ablaufs oder spontane Entschlüsse fallen entsprechend schwer.
Es gibt nun mehrere Unterschiede zu dem Standardbild, das man sich (beeinflusst von Rain Man etc.) von Autismus macht. Die Abschottung von Aspies, wie sich Asperger-Betroffene selbst nennen, gegenüber der Außenwelt ist zumeist wesentlich geringer ausgeprägt als bei stark autistischen Personen. Die Störung ist auch nicht mit einem verminderten IQ verbunden: Aspies haben für gewöhnlich einen normalen oder sogar gesteigerten Intelligenz-Quotienten. Der ermöglicht es vielen, ihre Symptome in den Griff zu bekommen und trotzdem ein weitgehend normales Leben zu führen. Die durch die Störung verursachten Defizite werden halt durch andere Begabungen ersetzt bzw. emuliert - und zudem gibt es auch bei Asperger-Betroffenen einen Lernprozess, der die Symptome mit der Zeit abmildert. Die Aspies lernen also, sich den Anforderungen anzupassen. Bemerkenswert ist hier auch, dass die Schwere der Symptome durchaus variieren kann; je mehr man sich damit beschäftigt, umso mehr erscheint Asperger nicht wie eine klar definierte Störung, sondern wie ein durchgehendes Spektrum, bei dem auf der einen Seite die schwer Betroffenen stehen, auf der anderen fast als normal oder nur etwas verschroben Wirkende.
Vermutlich ist es einigen schon aufgefallen, aber um die Symptome noch mal, leicht pointiert, zusammen zu fassen: teils obsessive Fixierung auf Zahlen und Daten, dafür deutlich eingeschränkte soziale Kompetenz - solche Leute kennt man doch… Zum Beispiel aus den Naturwissenschaften. Oder in der Informatik. Überall, wo sich Geeks und Nerds sammeln, die unter Umständen stundenlang vor ihren Monitoren verbringen mit, von außen betrachtet, offenbar sinnlosen Tätigkeiten, dabei aber ihr soziales oder wie auch immer geartetes Umfeld aus dem Blick verlieren; die ohne Zögern oder Vorwarnung einen ad-hoc-Vortrag über die Vorteile der neuen Linux-Distribution halten können, ohne zu merken, dass das ihr Date vielleicht nicht so brennend interessiert. Und dabei muss es gar nicht um Computerkram gehen - im Zweifelsfall eignet sich da auch Wissenschaft, Geschichte, Religion oder gar Atheismus: halt alles, was etwas abseitig abstrakt ist und worüber man stundenlang abschweifen kann. Es verwundert also nicht, wenn Asperger in gewissen Nerd-Kreisen zu einer Lieblings-Diagnose geworden ist, die man am einfachsten auch noch selbst vornehmen kann. Das ist schließlich ein einfacher Weg, seine sozialen Unzulänglichkeiten zu erklären und zu entschuldigen [1]. Zudem geht das Asperger-Syndrom wie gesagt oft mit überdurchschnittlicher Intelligenz und Datenverliebtheit einher: man schmeichelt sich also sogar noch ein wenig. Schließlich ist Geek-Sein inzwischen in gewissen Kreisen durchaus sexy [2].
Die Diagnose des Aspergers-Syndrom läuft, da die genaue Ursache weitgehend unbekannt ist, hauptsächlich über die Symptomatik und damit auch über Fragebögen, die die häufigsten Symptome abklopfen. Einen solchen Asperger-Test findet man zum Beispiel bei Pie Palace. Hier kann man die 50 Fragen des AQ-Tests beantworten und wird auf eine Skala eingestuft, welche die mögliche eigene Betroffenheit von Asperger anzeigt. Ganz unwissenschaftlich natürlich, und die wirklich Betroffenen wird das Ergebnis auch wohl weniger überraschen. Im Kommentarteil des Blogs findet man dann neben echten Geschichten von Betroffenen und ihren Eltern enttäuschte Geeks, die sich über ihre niedrige Bewertung beschweren. Naja, wie gesagt, Geeks sind sexy, zumindest finden sie das untereinander. Aber wenn ich das noch ein paarmal hier wiederhole, glaubt’s mir vielleicht auch jemand anders.
Das Ganze sieht also erstmal so aus wie eine etwas alberne Geek-Sache, bei der man sich ob seiner Absonderlichkeit gegenseitig auf die Schultern klopft. Und zum Teil ist es das. Aber es hat auch einen ernsteren Hintergrund. Seitdem Asperger und Autismus bekannter geworden sind und zuverlässiger diagnostiziert werden können, schnelllen die Zahlen der Betroffenen in letzter Zeit deutlich nach oben. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass bisherige Fälle eher übersehen werden konnten. Offensichtlich gibt es tatsächlich einen Zusammenhang mit Geeks und Nerds: Orte, an denen durch eine technologische Infrastruktur und entsprechendes Arbeitsplatzangebot überwiegend Geeks und Nerds zusammen kommen und sich dort mit- wie untereinander vermehren, etwa das Silicon Valley, verzeichnen erschreckende Ausmaße an autistischen und mit Asperger-Syndrom diagnostizierten Kindern. Offensichtlich ist doch was dran an genetischen Dispositionen und dem Verhalten, das wir von leicht asozial wirkenden Naturwissenschaftlern kennen. Und das erklärt vielleicht auch, wieso diese genetischen Dispositionen sich in unserem Genpool verbreiten konnten. Die genauen Zusammenhänge müssen natürlich noch weiter untersucht werden.
Warum diese Ausführungen hier und jetzt? Weil der Autor des Blogs, für sich selbst eher überraschend, beim ersten Test lockere 28 Punkte erreicht hat - und beim zweiten Mal, unter Aufsicht und Kontrolle der Freundin, eine noch beeindruckendere 32, was praktisch schon an der Grenze zum Asperger-Syndrom liegt. Dieselbe Freundin, die bei dem Test danach fluffige 12 Punkte hingelegt hat und den Autor, trotz seiner nun praktisch offiziell diagnostizierten Humor-Unfähigkeit, seitdem immer ‘Asbaby’ nennt. Und die seitdem, damit kein pathologisches Gefälle in der Beziehung auftritt und weil sie mit ihren läppischen 12 Punkten praktisch schon ins andere Extrem umschlägt, von mir als ‘Fräulein Spassperger’ bezeichnet wird.
Im Übrigen gedenke ich des Weiteren meine Schwierigkeiten mit der Dissertation und die geringe Blogfrequenz mit eben diesem Post hier zu rechtfertigen. Und im Weiteren ungestört weiter über Atheismus, Religion und Wissenschaft abzunerden. Der werte Leser ist gewarnt.
(via Pharyngula)
[1] Erstmal der umgekehrte Weg zu dem, den Schopenhauer vorgezeichnet hatte: wer seine Aphorismen zur Lebensweisheit durchgeht, findet darin das durchaus charmante Werk eines Eigenbrötlers, der seine Schwierigkeiten im sozialen Umgang vor allem damit erklärt, dass die Menschheit in der erdrückenden Mehrheit aus Idioten besteht. Hat man aber schon seine eigenen Schwächen zur neurobiologischen Beschränkung reduziert, hindert einen natürlich nichts daran, diesen Schritt auch noch zu tun, um sich endgültig seines eigenen Werts zu versichern (auch wenn man kein Schopenhauer ist bzw. es einem nicht gelingt, dass endlich unter Beweis zu stellen).
[2] Rein persönlich, der Unterschied an Sexyness und die damit einhergehenden Unterschiede in Sozialverhalten und eventuell auch Berufsleben sind eigentlich die Hauptunterschiede zwischen Geeks und Nerds - in den Naturwissenschaften findet man diesbezügliches Problembewusstsein überraschend oft, eben bei den noch nicht ganz hoffnungslosen Fällen. Es gehen Geschichten um von begeisterten Programmierern, die in der Naturwissenschaft gelandet sind aus Angst, in der Informatik endgültig und rettungslos zu vernerden.
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[...] zwischen Klümpchenpapier. Ich hingegen mach jetzt Feierabend, addier noch zwei Punkte auf meinen Asperger-Score und betrink mich ganz fürchterlich und aber so was von. Und warte auf den Anruf von Toyota, die [...]
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[...] Asperger-Syndrom In den nächsten 20 Jahren eine neue Berufserkrankung der Geeks ? [...]
Lieber Himmel! Mit dem AQ-Test stimmt was nicht. Halte mich eigentlich für voll normal, so emotionstechnisch und sozial gesehen. Hat sich bisher auch noch keiner in meinem Umfeld beschwert. Der Testscore aber könnte höher kaum sein. Seltsam.
Solange Du noch ein Umfeld hast und Dir dessen Meinung sogar wichtig ist, ist es vermutlich nicht besonders ernst :-)
Danke! Danke! Danke! :-)
[...] zwei Dinge. Erstmal ist der Unterschied doch recht fließend und es ist schwierig da überhaupt so etwas wie Normalität definieren zu wollen, nicht nur weil [...]