Helmut Hansen beweist Gott, hat aber vermutlich nicht recht

Die Verbreitung der frohen Botschaft [1] erfordert manchmal, dass ich mich auch außerhalb meines Blogs umtreibe und dass darum einige ausführliche Diskussionen nicht hier, sondern eben woanders stattfinden. So auch diese Woche - wohin ich hiermit verlinken möchte.

sr-stories (das s steht für science, das r für religion) ist das Blog des Autors Helmut Hansen. Ein Autor ist jemand der echte Bücher publiziert, nicht nur digitales Rauschen in der Blogosphäre, pro-forma-Bücher wie Doktorarbeiten oder selten zitierte JACS-Veröffentlichungen. Nun mag die Zielrichtung von sr-stories im Rahmen dieses streng wissenschaftlichen Blogs hier, einem Leuchtfeuer des nackten Naturalismus, wie esoterisches Geschwurbel erscheinen, weil sich das eben um Philosophie, Theologie und Gottesbeweise dreht, aber das ist ja ein freies Land, und ich bin der Letzte, der sich an einer netten philosophischen Beweisführung nicht erfreuen kann, auch wenn es meine Beweiskriterien nicht erfüllt [2]. Entsprechend interessierten sei das Blog ans Herz gelegt, auch wenn ich keine Haftung übernehme, wohin der sich noch entwickelt. Weil aber Helmut Hansen die Naturwissenschaft zumindest als Erkenntnishilfe und Analogie doch immer wieder zu Rate zieht, wollte ich am Ende des bisherigen Gedankengangs dann doch einigen Behauptungen und Folgerungen widersprechen. Sowas dient im Allgemeinen ja auch dazu, seine eigenen Standpunkte und seine eigene Argumentation für sich selbst noch mal konkretisieren zu müssen. Und herausgekommen ist ein etwas schwieriger und dem Alltäglichen ziemlich abgewandter Austausch, in dem wir beide unsere sich zuwider laufenden Positionen abklären und einige wichtige Punkte im Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft ausformuliert werden; somit ist die Diskussion durchaus eine wichtige Ergänzung zum letzten Eintrag. Und es geht mal um einen naturalistisch-religiösen Austausch, der sich nicht(!) um Evolutionslehre dreht.

Vor der Diskussion im Kommentarteil sei noch mal ausdrücklich gewarnt: der Nerd-Level kann sich für Anfänger bei Begrenzte Wissenschaft als bedenklich hoch erweisen. Aber immerhin steht viel auf dem Spiel: Wenn Helmut Hansen recht hat, ist Gott praktisch bewiesen. Wenn ich recht habe, können wir alle getrennt von Gott nach den Lüsten und Begierden unseres Fleisches weiterleben. So spannend kann Philosophie sein.

 

Den etwas mehr auf leichtere Unterhaltung wartenden Lesern kann ich versichern, dass ich bald bestimmt wieder was über Sex Verhaltensforschung schreiben werde. Auch wenn sicher nicht alle Leser, die über teils sehr fragwürdige Suchanfragen auf meinem Blog landen, dadurch befriedigt werden dürften.

Außerdem verlasse ich für drei Tage die Berliner Diaspora und widme mich meinen spirituellen Bedürfnissen. Bericht folgt.

 

[1] „Empirische Überprüfbarkeit erlöst uns aus der Unverifizierbarkeit philosophisch-theologischer Spekulationen. Doch, echt!”

[2] Ja, ich lese manchmal seltsame Sachen. Aber immerhin definiere ich nicht einen Intellektuellen als jemand, der Harry Potter auf Englisch gelesen hat, wie es sich manchmal im öffentlich Diskurs durchzusetzen scheint.

One Response to “Helmut Hansen beweist Gott, hat aber vermutlich nicht recht”

  1. „Empirische Überprüfbarkeit erlöst uns aus der Unverifizierbarkeit philosophisch-theologischer Spekulationen. Doch, echt!”

    Da haben Sie völlig recht. Nur sind nicht alle philosphische Spekulationen theologisch-philosophische Spekulationen. Um nicht voraussetzungslos sich auf Evidenzen zu berufen, verweise ich einerseits auf die Formalwissenschaften Mathematik und Logik, andererseits auf die Rationalitätstypen in den Geschichtswissenschaften zwischen factum brutum, kalendarischer Chronologie, soziologischen und ökonomischen Umständen, verstehende Kunstgeschichte (wechselseitige Hilfswissenschaft von Architektur, bildende Kunst und Literaturwissenschaften), bis hin zur Kultursoziologie. Erstere kommen argumentativ (nicht historisch) in ihrer Theorie ohne Naturwissenschaften aus, letztere nicht. Doch aber rücken diese Bestandstücke der Geisteswissenschaft in einen anderen Rationalitätstypus ein, den man als literarisch und historisch charakterisieren könnte. Daß die Philosopheme verschiedener kulturell gleichzeitiger Rationalitätstypen sich nicht zuletzt an Einseitigkeiten wechselseitig kenntlich machen, liegt offenbar in der Natur solcher grenzüberschreitenden Diskussionen.

    Wissenschaftstheoretisch geht es um die Beurteilung von Satzsysteme, die auch (logisch) unvollständige Schlüsse zulassen, und deren Verwechslung mit Satzsysteme, die nicht von logisch vollständigen Schlüssen gekennzeichnet werden. Also die Verwechslung von Satzsysteme, die unabhängig von Prämissen und unvollständigen Schlüssen, ein gewisses Maß an logischer Kohärenz herstellen lassen, mit solchen, die bestenfalls eine assoziative Konsequenz erkennen lassen, schlimmstenfalls die zu erzählende Geschichte mit einfachen logischen Kurzschlüssen (Tautologien) penetrieren.

    Die Frage nach der Kohärenz muß hier aber über die bloß logische Kohärenz hinaus auf eine dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Theoriebegriff uneigentliche Weise gestellt werden, die ich vor Kurzem in anderem Zusammenhang als hermeneutisch-strukturalistische Methodenfrage mit einem Wissenschaftsanspruch versehen habe, der historisch-genetisch selbst eine Randbedingung des soziologisch relevanten Wissenschaftsprozesses zu behandeln hat. — Damit will ich nicht gleich die wissenschaftliche Rationalität in der Philosophie selbst bewiesen haben, doch aber hoffe ich die Anwendbarkeit kultursoziologischer Prinzipien auf den Wissenschaftsprozess, vorallem hinsichtlich des historischen Erscheinungsbildes des Wissenschaftsfortschrittes samt Konsequenzen (Empirie!), nicht nur als partikulär vernunftig, sondern als wissenschaftlichen Rationalitätstypus skizziert zu haben.

    Neben philosophischen Fragen selbst verschiedenster Provinienz in den Formalwissenschaften, die in der Regel axiomatisch vorgehen (Hilbert: beliebig, nicht Popper: falsifizierbar), behaupte ich, daß für eine rationale Gesellschaftswissenschaft und für die Frage nach dem Menschenbild (die Hauptthemen der Philosophie nach Logik und Physik) die historisch-interpretierend vorgehende Kultursoziologie die zweite, nicht-idealische (platonische) empirisch-wissenschaftliche Basis liefert.

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