Carl Zuckmayer: Deutschlandbericht für das Kriegsministerium der Vereinigten Staaten von Amerika

Vielleicht liegt es an einem Generationenwechsel, an dem Aussterben der alten Weltkriegssoldaten und den hochkommenden Erinnerungen derer, die zu jung waren, um noch an die Front geschickt zu werden, dass sich das Augenmerk der geschichtlichen Erinnerung in letzter Zeit etwas vom Dritten Reich und dem Zweiten Weltkrieg abgewandt hat und sich vermehrt mit Kriegsende und Nachkriegszeit in Deutschland beschäftigt [1]. Über die Auswirkungen des Bombenkriegs auf die Zivilbevölkerung ging die Aufmerksamkeit zuletzt relativ geradlinig zu Flucht und schließlich Vertreibung über. Das ist legitim, aber bei weitem nicht das Gesamtbild, das sich von Deutschland nach Kriegsende bietet. Ein zumeist nur mit den Stichwörtern Trümmer, Hunger und Schwarzmarkt angedeuteter Abschnitt deutscher Nachkriegsgeschichte ist der Alltag in den zerstörten Städten; der Beginn alliierter Besatzung eines zuvor faschistisch organisierten Landes, noch bevor der Kalte Krieg richtig begonnen hatte. Gefühlt scheint die deutsche Geschichtsschreibung dabei einen schnellen Sprung zu machen von Kriegsende und Vertreibung zu Marshallplan, Währungsreform und Teilung und von da aus direkt zum Wirtschaftswunder, dem bundesdeutschen Gründungs- und Definitionsmythos überhaupt, von wo aus es nur noch ein kleiner Schritt zu sein scheint zu den 60er-Jahren-Shows und den Beatles und den 68ern. Das mag im Osten anders gesehen worden sein, aber die Darstellungen hier sind natürlich zwangsläufig subjektiv und auch auf die Sicht eines Mitte der Siebziger Jahre Geborenen beschränkt. Trotzdem scheint es einen Mangel zu geben in der Auseinandersetzung mit der direkten Nachkriegszeit: auf Hitlers Helfer folgt Heinz Erhardt, auf Nationalsozialismus der Nierentisch. Es geht alles ein bisschen zu glatt.

 

Im Winter 1946/47 reiste Carl Zuckmayer, der 1933 aus Deutschland geflohen und gerade amerikanischer Staatsbürger geworden war, zurück nach Deutschland, um als ziviler Kulturbeauftragter an das amerikanische Kriegsministerium zu berichten. Ziel war es zuvorderst, einen Überblick über die „Bedingungen und Erfordernisse des kulturellen Wiederaufbaus zu bekommen.” Herausgekommen ist dabei aber eine mitnehmende Darstellung vom deutschen Leben im zweiten Nachkriegswinter. Die Reise führte nach Berlin und dann hauptsächlich durch die amerikanische Besatzungszone: München, Frankfurt und Umgebung, Baden-Württemberg; schließlich nach Österreich. Überall, mit Ausnahme von Heidelberg mit seinen eigenen Problemen, trifft Zuckmayer auf Menschen, die sich in den Trümmern durchschlagen, die auf den Beginn des Aufbaus warten und das Beste aus der Zeit zu machen versuchen: die sich als Studenten einschreiben, Arbeit suchen, sich Wohnungen einrichten in Kellern oder Ruinen, Essen und Kohle brauchen, dabei Theateraufführungen organisieren, Parteien gründen oder wiederbegründen und sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen müssen, ob sie wollen oder nicht. Der Schwarzmarkt ist genau so Realität wie Prostitution. Die Besatzung wird mal als Hoffnung, mal als Bedrohung angesehen.

Zuckmayer erzählt diese Geschichten anhand von Einzelbegegnungen. Er beschreibt die Erfolg wie Scheitern der Entnazifizierung und die geistige Stimmung in einem Land, das sich noch nicht vollständig vom Nationalsozialismus losgesagt hat; die Schicksale von Widerstandskämpfer, die von Hinterbliebenen und allgemein die sozialen Probleme, nachdem der Zusammenbruch des totalitären Systems auch alte Ordnung entfernt und alte Moralvorstellungen erschüttert hat. Das ist natürlich kein umfassender Überblick über die Entwicklung Deutschlands. Aber gerade durch den Blick auf den Einzelnen erhält man ein wesentlich lebendigeres Bild vom Alltag im Deutschland der Nachkriegszeit. Zuckmayers Ansatz ist dabei weder das Verurteilen, noch das Bemitleiden. Seine Geschichte und Situation erlauben ihm einen distanzierteren, wenn auch kennenden Blick auf sein Heimatland. Er ist sich der deutschen Verantwortung sehr bewusst und weiß diese auch richtig zuzuweisen; gleichzeitig nimmt er Stellung gegen Rachegedanken und Hass und versucht, seinen amerikanischen Auftraggebern die Probleme und Fehlentwicklungen in der Besatzungspolitik vor Augen zu führen und Möglichkeiten für eine andere Zukunft aufzuzeigen.

Die Abgründe zu überbrücken, die Gegensätze zu mildern, und an der Versöhnung der Geister mitzuwirken, - dazu sind wir die von Krieg und Elend verschont blieben, heute auf der Welt.

Auch wenn er in einem kürzeren zusätzlichen Aufsatz ausführlich über die Situation von Film und Theater in Deutschland und Österreich eingeht, liegt der Schwerpunkt des Buches doch auf einer Beschreibung der Lebensrealitäten in beiden Ländern und die Möglichkeiten zur Überwindung des Nazismus bzw. wie diese von den Alliierten Besatzern vorangetrieben werden könnten. Diese Probleme vergisst man oft, wenn man die Nachkriegszeit über Ökonomie und Adenauer definiert.

Zuckmayer wurde schließlich im März 1947 wieder nach Amerika zurückbeordert, bevor er sich ein Bild über die Sowjetische Besatzungszone machen konnte. Im Mai des Jahres kündigte er seinen Dienst auf. Seinen Deutschlandbericht, verfasst noch vor dem Marshall-Plan und der Teilung, kann ich an dieser Stelle nur empfehlen - es ist bei aller Kürze und leichter Lesbarkeit, bei aller getroffenen Auswahl Zuckmayers und der Einschränkung, diesen Bericht mit einer bestimmten Absicht an eine Besatzungsmacht gerichtet zu haben, vermutlich eine der aufschlussreichsten Quellen, was das alltägliche Leben und die Probleme der direkten Nachkriegszeit in Deutschland betrifft. Zumindest als Ergänzung zu Böll und Borchert sollte man es gelesen haben. Es wäre schade, diese Zeit nur durch Guido Knopp oder eine vielleicht bald bei RTL laufende Die späten-40er-Jahre Show vermittelt zu bekommen.

 

[1] Verstärkt wird der diesbezügliche demographische Wandel vermutlich auch von der längeren durchschnittlichen Lebenserwartung der Frauen: die noch lebenden Augen- und Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs sind zunehmend weiblich, und entsprechend ändert sich der Blickwinkel auf die Realität des Krieges.

Carl Zuckmayer: Deutschlandbericht für das Kriegsministerium der Vereinigten Staaten; Herausgegeben von Gunther Nickel, Johanna Schrön und Hans Wagner; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, April 2007

One Response to “Carl Zuckmayer: Deutschlandbericht für das Kriegsministerium der Vereinigten Staaten von Amerika”

  1. Als wärs ein Stück von mir, Auch dieses Buch von Zuck kann ich zu diesem Thema empfehlen,.

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