Plädoyer für einen selbstbewussten, begeisternden Physikunterricht (und vollkommen unironische Blogtitel)

In der heutigen Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung [1] findet sich im Wissenschafts-Teil ein durchaus lesens- und bedenkenswerter Artikel, “Heute haben wir Astro”, dessen Hauptpunkt, die Erhaltung des Astronomie-Unterrichts in den östlichen Bundesländern und die vielfältigen Möglichkeiten des Faches, nicht wirklich im Zentrum meines Interesses steht, dessen allgemeinere Ausführungen ich hier aber aufgreifen will. Denn der Autor hat ganz recht: allzu oft wird Physik in der Schule als etwas präsentiert, was nun mal auf dem Lehrplan steht, oder als voraussetzende Grundlagenlehre für spätere technische Berufe. Oft erschließt sich somit dem Schüler überhaupt nicht, warum ihn das alles interessieren soll - abgesehen von denen, die es eh schon immer interessant fanden. Das ist aber die schlimmste Art von Unterricht, die nur diejenigen interessiert, die schon vorbelastet in die Stunde kommen. Als Ergebnis kommen dann 90% der Abiturienten von der Schule, ohne überhaupt begriffen zu haben, worum es in Physik geht, wie sie abläuft, worauf es bei ihr ankommt. Das betrifft leider auch die Mehrheit der später Biologie oder Medizin Studierenden, die sich an der Uni mit Widerwillen und kultivierter Inkompetenz durch die wenigen Physik-Einheiten würgen müssen, um dann möglichst alles möglichst schnell wieder vergessen zu können, wenn erst mal Vordiplom oder Bachelor erreicht ist.

Dabei ist Physik etwas, was für sich genommen schon Spaß machen sollte. Sicherlich, die Schule hat mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, und der Gestaltungsspielraum für Lehrer ist begrenzt, wenn man jede Stunde 30 neue Schüler durch den Physikraum schleusen muss [2]. Und man wird auch nie alle Schüler erreichen können, da steht schon eine auch gesellschaftlich leider hoch- und respektabel geredete Mathematikabneigung und so manches jede kindliche Neugier abwürgende Elternhaus davor. Trotzdem muss Physikunterricht mehr sein als das Erlernen, Demonstrieren und Anwenden von Formeln. Es muss auch mehr sein, als das, was die Universitäten an Tagen der offenen Tür den Besuchern darbieten: das beschränkt sich zu oft auf mehr oder meist weniger spektakuläre Vorführungen, relativ alberne Mitmachexperimente und nicht immer interessante Präsentationen. Ganz bitter wird es an Schülertagen oder dem inzwischen schon institutionalisierten Girl’s Day, an dem kleinen Heranwachsenden überhaupt kein Bild der Physik als solcher mehr vermittelt wird, sondern bestenfalls ein paar Denksportübungen und ein bisschen kontextfreie Experimentier-Belustigung.

 

Das alles ist nicht Physik, jedenfalls nicht ihr Kern. Was eine gute Schulphysik heute vermitteln müsste, ist erst sekundär die Kenntnis von Formeln. Die vergisst man, sobald sie nicht mehr klausurrelevant sind, sowieso. Was ein Abiturient verstanden haben muss, ist nicht die Formel eines physikalischen Gesetzes, sondern was ein physikalisches Gesetz überhaupt ist: eine Beschreibung der Realität mit Methoden der Mathematik. Ein Schüler, der nicht vor seinem 18. Geburtstag ins Staunen gekommen ist, wie die Welt sich mathematisch beschreiben lässt und welche Methoden die Physik anwenden kann, um dieser Beschreibung habhaft zu werden, der ist für die Physik und einen Großteil der Ingenieurs- und Naturwissenschaften verloren. Physikunterricht muss eben dieses Staunen wecken. Und das kann sie nicht, durch möglichst spektakuläre, aber ansonsten sinnfreie Versuchsvorführungen, die ja doch eher langweilig und bieder wirken im Vergleich mit dem nächsten Handyvideo: Methode Galileo also.

Das Spannende an der Physik ist erstmal nicht ihr Inhalt, sondern die Methode. Das Pendelgesetz ist zweitrangig und nicht besonders spanndend, entscheidend ist hingegen die Tatsache, dass sich alle Pendel danach verhalten - und dass ein Pendel nur ein (und ein ziemlich langweiliges) Beispiel ist für ein Verhalten, das die Natur durchsetzt und das man in ganz unterschiedlichen Bereichen nachweisen und dann auch messen kann. Durch diese Rückbesinnung auf Prinzipien und wissenschaftliche Methode entkommt man schon mal dieser gedanklichen Leere, die sich einstellt, nachdem man eine Stunde lang Pendelschwingungen bestimmt hat und jetzt umso lustloser versucht, die in irgendeine unmotiviert daherkommende Formel einzusetzen.

Der zweite Schritt ist das Experimentieren und Deduzieren. Aber eben nicht auf der Ebene, wieder und wieder Pendelschwingungen zählen zu dürfen, weil das unkompliziert aufzubauen ist. Das Ideale Gasgesetz ist ja schön und gut, aber jemand, der ein Thermometer selbst gebaut und geeicht hat, wird es besser verstehen. Und am besten wäre natürlich ein Unterricht, in dem die Schüler angeleitet selbst räsonieren könnten: Was passiert da eigentlich, warum passiert das so, und die physikalische Frage überhaupt: wovon hängt das Verhalten wohl ab? Die meisten physikalischen Gesetze, die der Schulphysik zumindest, sind nicht so schwer, dass man sie nicht unter Führung selber herleiten und dann per Messung nachprüfen könnte. Durch einen solchen Ansatz verstehen die Schüler viel eher, was Physik ist und wie sie abläuft. Wenn sie dann an die Uni kommen, wissen sie vielleicht nicht mehr alle Formeln (heute weiß die auch keiner), aber sie wissen, wie eine mathematische Beschreibung von Naturverhalten funktioniert und wodurch sie motiviert wird. Sie sind nicht mehr abgeschreckt durch eine längeren und kompliziert aussehenden physikalischen Zusammenhang, weil sie erlebt haben, wie solche Formeln aufgebaut sind - sie verstehen auch, was es bedeutet, wenn im Gravitationsgesetz die Massen über dem Bruchstrich stehen und der Abstand darunter - weil alles andere schon aus der alltäglichen Vorstellung widerlegbar ist. Und sie haben vielleicht eine Vorstellung behalten, warum der Abstand quadratisch eingeht. Ein paar werden sicher auch verstanden haben, dass: “Warum das so ist? Ich hab das doch hier in die Formel eingesetzt. Ne, die hab ich aus dem Buch.” die dümmsten Sätze sind, die man in der Physik äußern kann und die eigentlich Exmatrikulation oder zumindest instantanes Durchfallen zur Folge haben müsste. Jedenfalls, wenn man ihnen eine andere Auffassung von Physik mitgegeben hätte.

 

Das sind natürlich alles Ausführungen für eine idealere Welt. Computer können es heute etwas einfacher machen, wirkliche Physik zu unterrichten, aber bei heutigen Ausstattungsproblemen und Klassengrößen ist das alles Utopie. Vermutlich deckt es sich noch nicht mal mit den einzuhaltenden Lehrplänen. Wenn es die Politik ernst meinte mit all den furchtvollen Beschwörungen über Ingenieursmangel und fehlende Naturwissenschaftler… Aber ich setzte da wenig Hoffnung in unsere Symbolpolitik. Selbst in den Kreisen, die sich noch nicht zum Bildungsproletariat zählen, dominiert doch das Feuilleton die Debatte. Das wird dann halt über Pisa geklagt und ansonsten naturwissenschaftliche Inkompetenz oder zumindest Ignoranz gelebt. Und der Wissensteil, sofern es ihn überhaupt gibt, ist eben genau das, ein Wissens-Teil, kein Wissenschafts-Teil; gefüllt werden kann er billig mit Fremdartikeln freiberuflicher Wissenschaftsjournalisten, die vor allem daran denken sollen, ihre Leser nicht zu überfordern. Wenn wir all unser Gestöhne ernst nähmen, über Pisa, über fehlende Fachkräfte und drohende Globalisierung: wir würden einiges umstelles müssen. Aber das hier sind halt doch nur die irrelevanten Abendspekulationen eines beruflich Vorbelasteten.

 

[1] Der Artikel ist im Netz nicht frei zugänglich, hier der Link für FAS-Abbonenten. Online ist für mich gerade nicht mal der Name des Verfassers rekonstruierbar, darum hier auch keine angemessene Referenz möglich; es war irgendein Sonstwas von Dingenskirchen, soviel konnte ich mir beim ersten Kaffee heute morgen noch merken.

[2] Der um sich greifenden Beliebtheit von Lehrerschelte entgegen: ich möchte nicht tauschen wollen. Und die meisten, die sich über die vermeintliche Inkompetenz oder mangelndes Engagement von Lehrern beschweren, sollten sich mal in ihrem Berufsleben solcher Kritik stellen - in Berlin kann ich tagelang durch die Geschäfte und Behörden wandern, bevor ich einen treffe, der mehr Verantwortung trägt und dabei den Einsatz zeigt, wie ich ihn bei manchen Lehrern erlebt habe, teilweise vorkommenden Berufs-Verfehlern zum Trotz. (Nein, ich komme aus keinem Lehrerhaushalt)

One Response to “Plädoyer für einen selbstbewussten, begeisternden Physikunterricht (und vollkommen unironische Blogtitel)”

  1. Hi!

    Also mir ist aus der Physik nur eins in Erinnerung geblieben: Die Reibungskräfte - dieser ganze Reibungskram eben. Warum? Weil es mich an Sex erinnert hat. Ja, so denken Neuntklässlerinnen eben.

    Nach der 10. habe ich Physik dann relativ glücklich abgewählt, um mich in einen niveaulosen Informatikunterricht zu stürzen. Im Nachhinein hätte ich lieber doch Physik weiter genommen, da hätte ich vielleicht noch was gelernt. Andererseits hatte ich durch Info ein paar inoffizielle Freistunden mehr - hatte auch was.

    Naja, der Unterricht war halt nicht so, wie in Deinem Idealfall beschrieben - sonst wäre mir wahrscheinlich mehr in Erinnerung geblieben, als die anzüglichen Reibungs-Assotiationen.

    Deine Viktoria

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