Man kann viel gegen den gestern auf Pro7 ausgestrahlten Film The Core sagen. Man kann’s aber auch lassen, weil es halt doch nur ein sinnfreier Science-Fiction-Katastrophenfilm sein will, oder auch nur an andere Stelle verweisen, etwas die Bad-Astronomy-Seite von Phil Plait, dessen Filmreviews unter wissenschaftlicher Sicht allesamt lesenswert sind. Was soll man sich selbst auch mit Wissenschaft aufhalten, von der es auf der Fehler-Seite der Internet Movie Database schon heißt: Since almost all of the „science“ in the movie is entirely erroneous, we are prepared to accept that the movie’s universe *must* have entirely different rules – it’s the only possible explanation. It’s just for fun… Außerdem schreibt einer der nachträglich hinzugeholten Autoren des Film, John Rogers, ein unterhaltsames Blog, das ich auch in meiner Blogroll habe: Kung Fu Monkey. Eine andere Dimension hat dann schon das, was Pro7 gestern im Rahmenprogramm veranstaltet hat, nämlich gleich im Anschluss eine Folge Galileo Mystery zu senden, deren Thema eben die von The Core entworfenen Katastrophenszenarien sein sollten. Das hätte witzig sein können und vielleicht sogar aufschlussreich. Heraus kam stattdessen ein wissenschaftlich zwischen banal und fragwürdig schwankendes Machwerk, das durch Angstszenarien Emotionen schüren wollte und so den tatsächlichen Hintergrund endgültig unglaubwürdig machte. Fast eine Stunde, mindestens drei Werbeunterbrechungen inklusive, bedrohlich daherkommendes Geschwätz und Einspieler, die allesamt aus anderen Produktionen gestohlen waren.
Echter TV-Qualitätsjournalismus à la Galileo braucht ein paar Zutaten, aber auch nicht zu viele, schließlich will man weder den Zuschauer noch das Budget überfordern. Nein, mal will ja unterhalten und dabei vielleicht noch den Anschein vermitteln, man wisse, worüber man da schwatzt. In diesem Fall besteht die Unterhaltung aus Angstmacherei, aber bitte, wenn man schon keine Szenen junger Aushilfsmodels beim Duschen, in der Sauna oder im Solarium einbauen kann, dann sind die Optionen für Pro7-Unterhaltung natürlich begrenzt. Man hat schließlich schon gewisse Erwartungshaltungen beim Publikum angezüchtet, da ist Freitagnacht nicht der Zeitpunkt um subtil zu werden. Als erstes braucht man also einen möglichst bedrohlich mysteriös wirkenden Sprecher, der aus dem Off allerlei vermeintlich Schrecken erregende Sachen sagen muss, für die sich sogar Aiman Abdallah nicht dumm genug vorkommt: „im Weltall herrscht Krieg“, „ein Angriff aus dem All“, „große Gefahr“, „Katastrophe“, „die eigentliche Katastrophe“, „die größte Katastrophe“, „unvorstellbares Chaos“ – „Unser Tod!“ Für eine guten Wissenschaftssendung braucht man ferner einen Wissenschaftler, da Aiman Abdallah selbst offenbar außer Verdacht steht, einer zu sein. Den stellt man dann Aiman Abdallah gegenüber und kündigt ihn an als jemanden, der „die reale Bedrohung seit Jahren erforscht“ und gleich einen „alarmierenden Befund“ verkünden muss, nämlich: Ja gut, das Erdmagnetfeld wird durch den rotierenden Erdkern erzeugt. Nicht alarmierend genug? Dann fragt Galileo halt noch mal nach, wie das wäre mit dem Erdkern, ob der nicht auch aufhören könnte zu rotieren. Ja, kann er – Panik. In einigen Milliarden Jahren. Ein klein wenig enttäuschend, aber Galileo macht einfach weiter und beschäftigt sich mit Magnetstürmen, die tatsächlich ab und an die Elektronik auf der Erde durcheinander bringen können. Aber für Galileo Mystery müssen es natürlich gleich „Monster-Magnetstürme“ sein, die das gesamte elektrische Netz der Erde für Jahrzehnte zerstören würden. Wo die auf einmal herkommen? Da gibt es zum Glück eine „zweite Gefahr, die Wissenschaftler entdeckt haben“: die Sonnenaktivität schwankt im 11-Jahre-Rhythmus [1]. Da ist natürlich bedrohlich. Tatsächlich ist 1989 in Quebec deswegen mal der Strom ausgefallen – Aiman Abdallah: „Eine Katastrophe für die Menschen in Kanada.“ Und um das Ganze mal richtig deutlich zu machen, was da alles passieren kann, hat Galileo ein Szenario entworfen, das im Jahr 2012 spielt, weil Wissenschaftler für den Zeitpunkt den „nächsten (!) schweren Magnetsturm“ (!) „berechnet“ (!!) haben [2]. Und so schwelgt Galileo und Aiman Abdallah im Besonderen in der filmischen Aufbereitung dieses Katastrophenszenarios, nennen das ganze unentwegt „unser Szenario“ und hatten doch nur Glück, dass sie im Pro7-Filmarchiv noch passendes Material hatten. Das, was Abdallah da nämlich die ganze Zeit, „unser Szenario“ nennt, ist nichts anderes als notdürftig kommentierte Ausschnitte aus der BBC-Dokufiktion „Perfect Disaster – Wenn die Natur Amok läuft„, die Pro7 vor einem Jahr schon versendet hat. Das ist die gesamte Eigenleistung von Galileo: man nimmt Szenen aus zwei Filmen, an denen man die Rechte hat, unterlegt alles mit schwachsinnig bedrohlichem Kommentar, schneidet ein wenig Archivmaterial von Stromausfällen und ein Interview mit zwei Wissenschaftlern dazwischen (Nettodauer etwa 4 Minuten inklusive eines banalen Experiments, das zeigt, wie man mit Starkstrom Stahl einen Nagel schmelzen kann): fertig. Nein, noch nicht ganz. Am Ende fragt man bei Stromanbietern nach, ob sie sich der Gefahr eines noch nie dagewesenen Monster-Magnetsturms bewusst sind (Abdallah: „Ein Angrif, der unser ganzes Leben beenden kann“). Aus dem Fax-Gerät, dem Sinnbild investigativen Journalismus’, kommt die Antwort von Vattenfall („nö“), und Aiman Abdallah kann noch mal betroffen in die Kamera starren und festhalten: „Vorbereitet ist darauf niemand!“
Vorbereitet war ich auf so einen Unsinn auch nicht, jedenfalls nicht genug, um einen solchen Schund vorauszusehen. Die Werbung zwischen den Programmteilen wirkte dagegen schon subtil und niveauvoll, und als am Ende des Smirnoff-Spots eingeblendet wurde: „Bitte trinken Sie verantwortungsvoll“, wusste ich schon nicht mehr, wieso. Vielleicht erlöst uns ja in ein paar Jahren ein Monster-Magnetsturm von dieser Art TV-Verblödung, die sich, um der Beleidigung noch Verspottung hinzuzufügen, auch noch Wissenschafts-Magazin nennt. Gut, das Ganze kostet keine Gebühren. Das bezahlen die verantwortungsvollen Smirnoff-Trinker und Telekom-Kunden und Spülmittel-Konsumenten. Aber Galileo Mystery gibt’s jetzt auch auf DVD. Das ideale Geschenk für jemanden, der denkt, Privatfernsehen sei umsonst und darum eine tolle Sache.
Die Sendung wird übrigens entweder Montag oder Dienstag Nacht wiederholt. Nächste Woche geht’s dann in Galileo Mystery um Prophezeiungen, und Aiman Abdallah wird „in einem Experiment testen“, ob es Menschen mit hellseherischer Begabung gibt. Vielleicht sollte er mal seine eigene Begabung testen lassen, bevor er in der Woche danach unbestätigten Gerüchten zufolge mit einem Experiment nachschauen will, ob es weiße Raben gibt.
[1] Eigentlich dauert so ein Zyklus, in dem sich das Magnetfeld der Sonne einmal um- und dann wieder zurück koppelt, doppelt so lange, aber wenn man nur die Intensität betrachtet, ist es schon nicht falsch. Die Tatsache ist natürlich seit Jahrzehnten bekannt, und der werte Leser kann sich ja selbst ausrechnen, wie viele Sonnenaktivitäts-Maxima er bereits unbeschadet überlebt hat. Und erst die Eltern und Großeltern.
[2] Witzigerweise spielt die BBC-Dokumentation im Jahre 2011, nicht 2012. Die ach so wissenschaftliche Berechnung sieht wohl auch eher so aus: 1989 + 11*2 = 2011. Das zu erklären ist nicht bedrohlich genug für Galileo, hinterher denkt der Zuschauer, das sei alles banal. Im Jahr 2000 gab es übrigens auch so ein Maximum, aber die einzige Auswirkung war, dass man im Norden Deutschlands schwache Polarlichter sehen konnte. Auch ansonsten können Magnetstürme immer wieder auftreten, nur halt wahrscheinlicher in Jahren hoher Sonnenaktivität; darum konnte ja auch Galileo nach Belieben Jahreszahlen von Stromausfällen und Kommunikations-Schwierigkeiten anführen, die alle nicht in den 11-Jahres-Rhythmus passen.
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Ich hab zwar die besagte Galileo Mystery-Folge nicht gesehen, kann mich aber an die vor etwa 2-3 Monaten erinnern, in der die übernatürlichen Kräfte der Ninjas das Thema waren bzw. wer denn in einem Aufeinandertreffen von Ninja und KSK-Soldat als Sieger hervorgehen würde.
Ich glaube mich zu erinnern, dass da munter japanische und chinesische Mythologie durcheinander geworfen wurde und dass die Erkenntnis, dass ein Ninja nicht über übernatürliche Kräfte verfügt erst fünf Minuten vor Ende enthüllt würde. B-Movie-Science at its best, nur leider nicht als solche präsentiert.
Schamlose Ernsthaftigkeit schlägt gesunden Menschenverstand könnte man auch dazu sagen.
Ach, wenn’s nur Ernsthaftigkeit wäre. Aber das ganze ist ja nur vorgetäuscht. Zuhause schämt sich Herr Abdallah wahrscheinlich, was er da wieder für einen Scheiß moderieren musste. Zu wünschen wär’s ihm jedenfalls.
Oh ja, das ‘vorgetäuscht’ hab ich doch glatt vergessen ;)
Keine Sache, Kommentar-Ergänzungen gehören hier zum Service :-)
Hab tatsächlich heute über ein halbes Dutzend Suchanfragen zum Thema ‘Magnetsturm 2012′ etc. reingekriegt. Der Mist scheint also doch ein paar Leute beunruhigt zu haben. Alle mal zusammen locker bleiben, es herrscht kein Grund zur Beunruhigung. Und wenn doch was passiert im Jahr 2011/2012, dann sollten wir uns, frei nach Schäuble, die Zeit bis dahin nicht auch noch versauen lassen. Schon gar nicht von solchem TV-Müll.
[...] 60 Sekunden Schon seit einigen Wochen online, aber bisher an mit vorübergegangen: Ein Ableger des Scientific American mit dem wunderschön knackigen – und auch einigermaßen zutreffenden – Titel 60 Second Science. Basierend auf dem bereits bekannten Podcast gleichen Namens, der da auch sein neues Zuhause gefunden hat, wird da in recht kurzem, aber doch prägnantem Format auch das geliefert, was versprochen wird. Wissenschaft als populäre Kommunikation, schnell und leicht verdaulich zwar, aber ohne die Inhalte endgültig beliebig werden zu lassen und der Form zu opfern, wie es etliche populäre Wissenschaftsformate hierzulande schaffen. [...]
Das was da gesendet wurde, war wieder Propaganda pur!
Pro7 sponsored by USA!!!
So eine unseriöse Panikmache habe ich (neben dem Klimawandel) noch nicht gesehen!
Ich habe eigentlich nur darauf gewartet, dass sie uns noch weiß machen wollen, dass wir Menschen durch den von uns verursachten Klimawandel daran schuld sind.
Und ihr schönes Szenario war ja auch mehr und mehr unseriös und nie von Galileo.
Außerdem war das nicht die erste „seriöse“ Berichterstattung von Galileo Mystery. -> siehe Mondlandung, etc.
Ich für meinen Teil bin schon gespannt, was sie uns in der nächsten Sendung „unglaubliches“ vorlügen.
hi kamenin,
zu deinen aussagen dass pro7 nur schwarzmalerische storys gebracht hat und panikmache damit betreibt. vielleicht bist du dir persönlich der auswirkungen eines magnetsturms für die erde nicht bewusst. das mag ja sein. jeder kann einfach nicht alles wissen. fakt jedoch ist dass es in etwa um 2012 herum tatsächlich einen extrem starken geben soll. auswirkungen sind wie genannt die stromversorgung die zusammenbricht und flugzeuge die abstürzen könnten.
das hat nix mit panikmache zu tun sondern mit realität. stell dir ein leben vor wenn plötzlich kein strom mehr vorhanden ist. das alleine die heutige wirtschaft in europa oder anderen teilen der erde zusammenbrechen würde brauch ich dir ja nicht erzählen nehm ich an. es läuft heute fast ALLES über computer und die brauchen…na?…genau. strom. es wird einem glaub ich erst bewusst wie abhängig der mensch von strom ist wenn es keinen gäbe. und dafür sollten sich die leute die es betrifft eben JETZT gedanken machen und nicht erst 2 std vor ausbruch der katastrophe wenn ihr mich fragt.
an „therealstories“…
galileo mystery hätte im bezug auf die mondlandung gelogen? naja wenn du das sagst. fakt ist dass die amerikaner oben waren, jedoch sämtliches foto und bildmaterial in filmstudios in england aufgenommen wurde.
zitat von donald rumsfield: es wäre technisch nicht machbar gewesen.
ich empfehle dir den film „nixon, kubrik und der mann im mond. da erzählen rumsfield, kissinger und ein paar ex cia typen wie es wirklich war. die dachten zu dem zeitpunkt die kamera wäre abgeschaltet worden, was aber nicht der fall war.
jetzt würd ich gern deine sicht der dinge zur mondlandung hören. bin schon gespannt auf deine science-fiction story…
“nixon, kubrik und der mann im mond“. Den Film kann ich allerdings auch nur absolut empfehlen — er ist großartig, ohne Übertreibung.
Doch, bin ich. Waren ja schon ein paar seit meiner Geburt. Wieso 2012 den Mega-Monstersturm bringen soll, ist mir allerdings nicht klar. Und selbst dann wäre die Inszenierung nur reine Panikmache gewesen, wissenschaftlich etwa auf dem Niveau einer billigen Waschmittelwerbung.
habe mir gestern (23.mai.09) ebenfalls interessiert den galileo-report angekuckt. über die qualität kann gerne gestritten werden. finde es trotzdem tatsache, das viel der wissenschaft in die abwehr von „bedrohungen“ investiert wird. und um die menschheit nicht zu überstrapazieren, wird vieles einfach nicht populär gemacht. sozusagen als schutz vor der warheit – und natürlich auch – um massen zu manipulieren.
bin bei meinen recherchen zum bevorstehenden magnetsturm schon fündig geworden.
es soll – wegen dem etwas komplexeren sonnenfleckenzyklus (leider in der doku nicht erwähnt) – zwischen 2010 und 2012 einen magnetsturm geben, der zuletzt vor 50 jahren annähernd gemessen wurde.
dazu der nasa-link:
http://science.nasa.gov/headlines/y2006/10mar_stormwarning.htm
habe noch ein par „zitate“ von sience.nase.gov zusammengekratzt. unter dem suchwort 2012 ist da schon einiges zu finden.
1) von: http://science.nasa.gov/headlines/y2007/14dec_excitement.htm
14.12.2007
Many forecasters believe Solar Cycle 24 will be big and intense. Peaking in 2011 or 2012, the cycle to come could have significant impacts on telecommunications, air traffic, power grids and GPS systems. (And don’t forget the Northern Lights!) In this age of satellites and cell phones, the next solar cycle could make itself felt as never before.
2)
10.1.2008
http://science.nasa.gov/headlines/y2008/10jan_solarcycle24.htm
Solar cycle 24 begins
„Solar storms can disable satellites that we depend on for weather forecasts and GPS navigation,“ says Hathaway. Radio bursts from solar flares can directly interfere with cell phone reception while coronal mass ejections (CMEs) hitting Earth can cause electrical power outages. „The most famous example is the Quebec outage of 1989, which left some Canadians without power for as much as six days.“
16.12.1008
http://science.nasa.gov/headlines/y2008/16dec_giantbreach.htm
Giant Breach in Earth’s Magnetic Field
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Here is why they can’t believe their ears: The solar wind presses against Earth’s magnetosphere almost directly above the equator where our planet’s magnetic field points north. Suppose a bundle of solar magnetism comes along, and it points north, too. The two fields should reinforce one another, strengthening Earth’s magnetic defenses and slamming the door shut on the solar wind. In the language of space physics, a north-pointing solar magnetic field is called a „northern IMF“ and it is synonymous with s h i e l d s u p !
The years ahead could be especially lively. Raeder explains: „We’re entering Solar Cycle 24. For reasons not fully understood, CMEs in even-numbered solar cycles (like 24) tend to hit Earth with a leading edge that is magnetized north. Such a CME should open a breach and load the magnetosphere with plasma just before the storm gets underway. It’s the perfect sequence for a really big event.“
1.4.2009
http://science.nasa.gov/headlines/y2009/01apr_deepsolarminimum.htm
Deep Solar Minimum
Pesnell believes sunspot counts will pick up again soon, „possibly by the end of the year,“ to be followed by a solar maximum of below-average intensity in 2012 or 2013.
But like other forecasters, he knows he could be wrong. Bull or bear?
[...] einmal sinnvolle Beiträge von anderen Bloggern, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt hatten. kamenin ist einer von [...]
die Sendung war offensichtlich so gut, dass Sie in der Nacht zum 26.05.2009 wiederholt wurde.
Selbst die Werbung für den Wodka blieb.