Katie Melua kriegt’s mal so gar nicht hin

Fräulein Melua und ihre Liebeserklärungen - rein persönlich, ich wär beleidigt. Okay, der Gedanke zählt, und singen kann sie ja ganz apart, es ist sogar ein netter Song. Aber als Wissenschaftler wär ich beleidigt und würde mich fragen, ob sie das verstanden hat, was ich ihr die ganze Zeit erkläre. Also:

There are nine million bicycles in Bejing - that’s a fact. It’s a thing we can’t deny.

Aber:

We are twelve billion lightyears from the edge - that’s a guess. No one can ever say it’s true.

Und dann noch:

There are six billion people in the world - more or less.

Gut, das Letzte stimmt eben mehr oder weniger. Aber die ersten zwei Aussagen wären in einer Geek-Beziehung schon fast ehrenrührig. Wenn überhaupt ist die Zahl der Fahrräder in Peking doch eine Schätzung und vermutlich nicht einmal eine besonders gute. Selbst wenn man nur eine signifikante Stelle angibt (eben die 9) und somit alles zwischen 8.5 und 9.4 Millionen Fahrräder die Aussage erfüllt, ist das eher ungewiss und eben keine Tatsache. Ich möchte es jedenfalls trotz ihrer anderweitigen Beteuerung bezweifeln. Da glaube ich das mit den sechs Millionen Menschen auf der Erde schon eher.

Und die 12 Milliarden Lichtjahre vom Rand der Universums? Tja, das ist kompliziert. Vielleicht hat das Universum gar keinen Rand. Die dazu gehörende Kosmologie mit ihren ganzen Geometrien ist für mich jedenfalls zu kompliziert, um sie zu durchschauen. Von daher wäre die Aussage schon falsch und nicht mal eine Schätzung. Sollte das Universum einen Rand haben, wären wir aber vermutlich nicht 12 Milliarden Lichtjahre davon entfernt. Vermutlich denkt Frau Melua entweder an ein 12 Milliarden Jahre altes Universum (in dem wir aber nicht unbewegt in der Mitte sitzen und die Ränder sich mit Lichtgeschwindigkeit von uns wegbewegen sehen). Oder sie nimmt die am weitesten entfernten bisher gemessenen Objekte. Die geben uns aber nicht unsere Entfernung zum Rand an - da wir nicht in der Mitte des Universums sitzen, ist unsere Entfernung zum Rand geringer als die am weitest entferntesten Galaxien oder Quasare oder was auch immer. Zudem ist der Rand des Universums gar nicht dadurch festgelegt. Ein 12 Milliarden Lichtjahre entferntes Objekt, das wir am Rand des Universums vermuten, strahlt ja auch in die andere Richtung Licht ab. Es gibt also Masse, nämlich Photonen, auch jenseits dieses Gebildes. Aber sowieso: eine solche Zahl nennt man ein Messergebnis; das ist dann als vorläufige Erkenntnis anzusehen, unterliegt aber in jedem Fall ganz anderen Wahrheits-Bewertungskriterien als die Anzahl der Fahrräder in Peking. No one can ever say it’s true? Unverschämtes kleines Ding! Geh doch zurück, wo du wohnst.

 

Was ich jedenfalls sagen will: Katie Melua könnte ganz andere und wesentlich sicherer bestimmte Fakten anführen, mit denen sie unsere Liebe vergleichen könnte. Wär das Lied an mich gerichtet, ich hätte jetzt so meine Zweifel. Da muss ich vielleicht mal mit ihr drüber reden, wenn sie demnächst nach Berlin kommt.

Nachtrag: Okay. Ich geb auf. Wir leben in einer Welt, in der alles schon mal gesagt wurde. Gerade klick ich mich auf Link-Suche noch ein bisschen durch Wikipedia und finde das hier von Simon Singh:

 

“We are 13.7 billion light-years from the edge of the observable universe,
That’s a good estimate with well-defined error bars,
Scientists say it’s true, but acknowledge that it may be refined,
And with the available information, I predict that I will always be with you.”

Mit folgenden Zusätzen in Wikipedia:

 

Die Folge war eine rege Diskussion von Befürwortern und Gegnern von Singhs Ansichten. Während einer Folge der Radiosendung Today des britischen Senders BBC Radio 4 stellte Melua die neue „Singh-Version“ des Titels vor, entschied sich jedoch dazu, weiterhin die Version von Mike Batt zu verwenden, da diese angenehmer zu singen sei.

Andererseits, wenn bei “zwei Dumme, ein Gedanke” der eine Dumme schon Simon Singh ist, dann ist das auch nicht so extrem beunruhigend für mich. Wenn ich jetzt noch mehr gerade erschienene Musik hören würde, komme ich das nächste Mal vielleicht nicht wieder zwei Jahre zu spät.

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