ZDF-Nachtmagazin: Volker Panzer und die Unabwendbarkeit der Schläfrigkeit

Dann und wann beschäftigt sich das ZDF-Nachtmagazin (heute wiederholt auf PHOENIX und ansonsten auch in der ZDF-Mediathek als online-Video abrufbar) mit naturwissenschaftlichen Themen. Das ist erst mal begrüßenswert für eine eher kulturell ausgerichtete Sendung, zeigt es doch ein Kulturverständnis, das sich im deutschen Feuilleton noch zu wenig durchgesetzt hat. Allerdings zeigt sich bei solchen Sendungen leider besonders die, sagen wir mal, eh schon bemerkenswert unaufgeregte Moderationstechnik des Gesprächsleiters Volker Panzer. Die trifft dann auch noch auf sein Moderatorenverständnis, seine unbestreitbare Kompetenz nicht zu aufdringlich zur Schau zu stellen. Man merkt wohl Volker Panzers Interesse, er hat sich auch grundsätzlich auf die Begrifflichkeiten der Materie vorbereitet. Aber eine richtige Gesprächsrunde kann will er dann, vermutlich der ihm nicht abzusprechenden Lässigkeit wegen, doch nicht in Gang halten. Immer wieder fragt er nach alleinstehenden Einzelbegriffen, die vom Gespräch eher weg führen als es zu verstärken, und lässt sich Stichwörter erklären, die dem mit dem Thema nicht vertrauten Zuschauer wohl unbekannt, aber auch selten dem bisherigen Gesprächszusammenhang entlehnt sind. Die Fragen drängen sich nun mal nicht auf, um es so zu sagen. In seiner ruhigen Art ist Volker Panzer somit die natürliche ZDF-Personifizierung des Sandmännchens, noch viel mehr als man es früher Heiner Bremer nachgesagt hat. Irritationen, wie sie durch Konfrontationen oder engagierte Darstellung von Zusammenhängen auftreten können, treten eher nicht auf. Problematisch wird das dann allerdings bei der Wiederholung am Sonntag Mittag. Die plötzlich aufkommende innere Gemütlichkeit führt zu leicht zu dem Wunsch nach behaglichem Schlafe. Gerade wenn man sonntags noch was an seiner Arbeit schreiben will, sollte das eigentlich vermieden werden. [1]

So drehte sich heute die Runde munter weitgehend gemächlich um die Frage nach außerirdischem Leben und außerirdischer Intelligenz: „Die zweite Erde — Gibt es doch Leben im All?” Da durfte der Science-Fiction-Autor Andreas Eschbach ausreichend über die Handlung seiner offensichtlich eher an den jugendlichen Leser gerichteten Bücher ausführen. Der Sozialwissenschaftler Hans-Arthur Marsiske plauderte spekulativ aber belanglos über Folgen auf das Selbstverständnis des Menschen. Und der Astrophysiker Harald Lesch durfte manchmal die Physik hinter allem erklären, blieb aber auch lange Zeit sich selbst überlassen und nutzte die Zeit, der Runde und der Öffentlichkeit ein Beispiel zu geben, was Geek-Humor ist. Der Witz lag dann wohl eher im Verständnis des Betrachters. Dem Nachtmagazin angemessen entwickelten sich einige, aber für das Thema zu wenige Gedanken, die es zu vertiefen würdig gewesen wären, aber von Volker Panzer weitgehend nicht aufgegriffen wurden. Aber bitte, man will ja auch nicht mit einer revolutionären Infragestellung des menschlichen Selbstverständnisses in die Nacht entlassen werden.

 

Ein Missverständnis will ich aber dennoch aufgreifen, weil es mir wichtig erscheint, in der Runde aber nicht erkannt wurde. Wenn man tatsächlich einen bewohnbaren erdähnlichen Planeten findet, und darunter schien vor allem das Vorhandensein einer der irdischen ähnelnden Atmosphäre verstanden zu sein, dann ist der nicht nur bewohnbar, sondern aller Wahrscheinlichkeit auch schon bewohnt. Entscheidend ist hier gar nicht mal, ob sich Leben auf erdähnlichen Planeten zwangsläufig spontan bildet — wofür im Übrigen einiges spricht. Der Hauptpunkt ist: ohne Leben hätte auch die Erde keine lebensfreundliche Atmosphäre. Die hat sich das Leben praktisch erst selbst geschaffen. Der gesamte Sauerstoffanteil der Atemluft stammt aus Jahrmillionen von Photosynthese. Das Auffinden einer Sauerstoffatmosphäre wäre darum nicht nur aufregend, weil der Planet bewohnbar ist, sondern vor allem, weil mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendetwas diese Sauerstoffatmosphäre gebildet und gegen die schon durch Feuer und spontane Oxidation ablaufenden Prozesse aufrecht erhalten hat. Und da wäre die sehr wahrscheinlich korrekte Vermutung eben Leben selbst.

Das sollte man wissen, bevor man sich in Richtung eines erdähnlichen Planeten direkt in ein Raumschiff setzt, wie Andres Eschbach phantasierte. Ansonsten erwartet einen am anderen Ende der Route vielleicht jemand, der mit den Kolonisierungsplänen nicht ganz einverstanden ist. Und sei es nur ein zum irdischen vollkommen inkompatibles Ökosystem.

 

[1] Das sind natürlich die Ausführungen eines, der es nicht besser machen muss: der unbezahlbare Vorteil des Kritikers. Der Nachteil des (privat bloggenden) Kritikers ist allerdings, dass er dafür tatsächlich nicht bezahlt wird.

One Response to “ZDF-Nachtmagazin: Volker Panzer und die Unabwendbarkeit der Schläfrigkeit”

  1. [...] der neuen Reihe von Talkshows machte am 4. November das nachtstudio mit Volker Panzer, dem ich in diesem Beitrag mehr Unrecht getan habe, als nur seine Sendung falsch zu betiteln. In der mit “Ist Gott nur [...]

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