Der Münster-Tatort und Hamlet-Quote-Mining
Ja, mal wieder ein launiger Münster-Tatort mit vielen Klischees und Überzeichnungen, aber auch ganz unterhaltsam. Aber wo kommt das eigentlich her, dass immer, wenn ein deutscher Soldat deutscher Schauspieler einen Totenschädel vor die Kamera hält, er dazu “Sein — oder Nichtsein?” hersagen muss, wie gestern wieder Jan Josef Liefers als Professor Börne? Das ist vermutlich mit das beliebteste Fehlzitat der Literaturgeschichte. Das ist schon so verbreitet, dass es selbst schon Eingang in den (Pop?-)kulturellen Codex gefunden hat. Ein wenig bei Google nachgeschlagen, und man findet “Hamlets bange Totenkopf-Frage” beim Abendblatt, bei der taz, in Musical-Castings, wieder beim Abendblatt (wo sich Thomas Frankenfeld vielleicht mal eine neues Klischeelexikon kaufen könnte), in professoralen Kunst-Besprechungen, in Predigten und so weiter und so fort. Das gipfelt in sinnlosen Anleitungen, Hamlets Monolog am besten mit etwas in der Hand zu lernen (”muss nicht zwingend ein Totenkopf sein”, beruhigend), und in Herausforderungen, “die ‘Sein oder nichtsein’ Szene aus dem Macbeth (die mit dem Totenkopf)” nachzuspielen.
Kommt das Ganze aus Lubitschs Sein Oder Nichtsein? Entstammt das der Tradition, den Hamlet so runterzuverkürzen, dass man beliebige Szenen zusammenfasst? Oder vermengt sich da nur in der vorgeblichen Rezeption das eindringliche Bild von Hamlet mit dem Totenschädel mit Hamlets eindringlichem Monolog, den er leider nun mal nicht am Anfang des fünften Akts mit dem Schädel in der Hand hält, sondern schon am Anfang des dritten Akts und da ganz allein und ohne Requisit? Wenn es also überhaupt eine “bange Totenkopf-Frage” gibt, dann wohl: “Wo sind nun deine Schwänke? deine Sprünge?” Immerhin befasst sich Hamlet in dem Monolog mit der menschlichen Vergänglichkeit am Beispiel des ehemaligen Hofnarren, dessen Schädel er da in Fingern hält, während er zuvor, mit sich allein, über Selbstmord und das mögliche Schicksal im Jenseits kontempliert.
Sollte der Leser sich also in einer Situation mit Totenkopf und Publikum wiederfinden, muss er schon selbst entscheiden, ob er einen nicht wirklich korrekten, aber leicht zu verstehenden Popkultur-Witz reißt, oder ob er mit oben angeführtem Zitat lieber korrekt Yoricks (und damit unser aller) Sterblichkeit bedauert und darauf hofft, dass irgendwer das versteht oder sogar lustig findet. Ich würde lachen, versprochen. Schon weil auch Überraschung die Seele des Witzes ist.
Und ansonsten gibt’s natürlich noch die Calvin-und-Hobbes-Version zum Monolog.
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Wie dem auch sei, ich empfand es als eher nicht so ernst gemeinte Anlehnung an das genau erwartete auf dieses Bild. Oder schlichtweg sehr lustig: Es war ein guter Tatort :-)
[...] von gutturalen Lauten. Darüber aber bitte nicht vergessen, dass Hamlet zum Sein oder nicht Sein keinen Schädel nötig hatte. This entry was written by Mark, posted on 14 November, 2007 at 11:26 nachmittags, filed under [...]