Titelkauf und Visitenkarten-Optimierung für Fortgeschrittene (und natürlich legal)
Einen akademischen Titel ohne die nötige Qualifikation zu führen, ist in Deutschland illegal, und mit jedem Tag meiner Doktorarbeit finde ich, das sollte strenger bestraft und energischer verfolgt werden. Gleichzeitig muss ich mich natürlich auch geistig auf den Fall vorbereiten, was passiert, wenn es mit dem Titel so nicht klappt — oder für den positiven Fall, ob man das nicht noch ein wenig aufhübschen könnte. Dr. Kamenin klingt ja schon toll (’Durchlassen - ich bin Doktor’). Aber andererseits kann man heute seinen Doktor ja in allem möglichem machen, nicht zuletzt in der Medizin. Oder, sagen wir mal, in der Linguistik, was auch nicht so spannend ist, wie es klingt. Hier also ein paar Anregungen, wie man mit seiner Visitenkarte möglichst Eindruck erwecken kann, ohne dafür zwangsläufig was geleistet zu haben, bzw. Anlässe, sich überhaupt erst mal welche drucken zu lassen. Inklusive Bewertung, ob man diese Visitenkarte mit der Kreditkarte der Kellnerin zustecken sollte, wenn man denn wollte. Oder dem Personalchef beim nächsten Bewerbungsgespräch.
1) Müller-Hansum, FCD
Angelehnt an den Ph.D., den man wie den M.A. hinter dem Namen trägt (aber wer trägt schon den M.A. stolz auf seiner Visitenkarte), gibt’s auch den FCD. Das steht für Friend of Charles Darwin. Positiv: das Ganze ist umsonst. Man muss sich nur auf der entsprechenden Webseite registrieren lassen. Negativ: In Saudi-Arabien wird man gesteinigt, im Bible-Belt kriegt man im McDonalds kein Essen, und in Europa denkt jeder, man sei ein Nerd. Oder schwul. Oder beides. Und wahrscheinlich zurecht. Romantisches Potenzial: Keines. Möglichkeit zur Präselektion von Geschlechtspartnern (’Charles Darwin? Ne Band?’) Bewerbungs-Potenzial: Gilt als erstes Symptom gut versteckter Soziopathie. Fazit: Für Einzelgänger. Die trotzdem Visitenkarten haben wollen. Hm?
2) Meyer-Brockhaus, freischaffender Journalist
Intellektuell anmutende Berufsbezeichnung, die Kompetenz vorgibt, wo nicht zwingend welche zu sein braucht. Positiv: nicht juristisch geschützt. Somit kann sich jeder so nennen. Aber wenn’s nicht zu viel Arbeit ist, kann man dem zuständigen Lokalredakteur auch einen Zwanziger zustecken, damit er ein selbstgeschossenens Bild vom letzten Schützenfest im Mini-Format abdruckt. Nichts sagt so charmant: arbeitslos. Negativ: Nichts sagt so deutlich: arbeitslos. Romantisches Potenzial: Dank fortwährender Sprach- und Schreibzentrierung im weiblichen Teil der Bevölkerung durchaus vorhanden. Weckt aber nicht erfüllbare Ansprüche an Briefe, E-Mails und SMS. Nichts sagt so charmant: Du zahlst. Bewerbungs-Potenzial: Senkt das Anfangs-Gehalt um mindestens 20%; man ist schließlich gewohnt, mit wenig Geld auszukommen. Fazit: Für arbeitslose Journalisten. Oder Leute, die Linguistik-Erstsemester rumkriegen wollen (Warnung: ab dem Hauptstudium unbrauchbar: ‘Hast du keinen Job?’).
3) Hans-Martin Moselthal, DPG-Mitglied
Mitglied in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft? Aber hallo. Positiv: Man vermittelt ein grundsätzliches Aufgeschlossensein gegenüber naturwissenschaftlichem Erkenntnisgewinn. Man bekommt noch eine monatliche Zeitschrift umsonst in seinen Briefkasten gesteckt. Negativ: Naturwissenschaftler sind humorlos und spröde. Ohne wenigstens das Diplom vor dem Namen wirkt es albern; mit dem Diplom vor dem Namen wirkt es als Verstärkung der Albernheit, sein Diplom vor den Namen zu setzen. Die Jahresbeiträge liegen zwischen 35 € (für freischaffende Journalisten) und 96 €. Romatisches Potenzial: Keines. Nicht mal in Verbindung: DPG-Mitglied, freischaffender Journalist. Sagt dann nur: Ich zahl. Bewerbungs-Potenzial: 10% Abzug beim Einstiegsgehalt; dafür die Erlaubnis, die Mitgliedschaft in der Betriebskegelgruppe auf die Visitenkarte drucken zu dürfen. Fazit: Für Konferenzen der Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V. Nur um mal klarzustellen, wer überhaupt Grundlagenforschung betreibt.
4) Fritz Reinhard Kuzorra, Mitglied Schalke 04
Königsblauer S04, du bist König im Revier. Positiv: Man hat überall Freunde. In gewissen Gegenden aber nicht viele. Negativ: Man kriegt kein Bier in Dortmund, wird in allen deutschen Olympiastadien beschimpft und von Schwaben belächelt. Man wird vom bayerischen Chef getriezt. Man war seit praktisch 50 Jahren kein Meister mehr und muss etwa jeden zweiten Montag im Büro Niedergeschlagenheit demonstrieren. 12 bis 50 € jährlich (nach Alter, also auch für freischaffende Journalisten). Romantisches Potenzial: In Gelsenkirchen ja, da aber auch Geschlechtsverkehr-Grundvoraussetzung, also nichts besonderes. Weckt manchmal Bemutterungsinstinkte und Errettungssehnsucht in Dortmund, Berlin, München, Stuttgart, Kaiserslautern und Bremen. Ansonsten eher nicht. Negative Folgen durch Einschränkungen in der eigenen Partnerwahl. Bewerbungs-Potenzial: Je nach geistiger Orientierung des Personalchefs. Eventuell späterer Klagegrund gemäß Diskriminierungsgesetz (’Religionsfreiheit’). Fazit: Ein Leben lang. Sonst besser gar nicht.
5) Reiner Dünnbrett, Member of the New York Academy of Sciences
Ah, all die Assoziationen. Die National Academy of Sciences. Die Preußische Akademie der Wissenschaften. Die Französische Akademie der Wissenschaften. Intellektueller Olymp und Ehrung hart erworbener Leistungen. Positiv: Freier Zugang zu Veranstaltungen der NYAS. Man muss nicht berufen werden, im Gegensatz zu den zuvor aufgezählten Akademien. Man muss auch nicht in New York geforscht haben. Oder in New York leben. Oder überhaupt je geforscht haben. Oder New York auf einem Globus finden können. Negativ: Schwer zu verkörpern, besonders vor Vollendung des 50. Lebensjahres. 115 $ jährlich (damit aber billiger, als die DPG-Mitgliedschaft). Romantisches Potenzial: Vorhanden, wenn man’s rüberbringen kann. Also erst nach Vollendung des 50. Lebensjahres. Verkörpert Weltläufigkeit, Bildung und hohen Status, die man durch seine Erscheinung und sein Benehmen nur beschädigen kann. Nichts sagt deutlicher: Ich zahl. Bewerbungs-Potenzial: Durchweg positiver, fast schon begeisternder erster Eindruck. Bis der Personalchef das Bewerbungsfoto sieht und die NYAS googelt. Danach keine Einladung zum Bewerbungsgespräch. Fazit: Für Profis fortgeschrittenen Alters. Die DPG-Mitgliedschaft in Gold und in billiger. Außerdem ein klasse Geschenk für den nächsten Geburtstag oder wenn einem am 23.12. immer noch ein Geschenk für die Freundin fehlt.
6) Herne-Eickel Kamenin, http://kamenin.wordpress.com
Freie Medien für freie Bürger. Positiv: Pro verteilter Visitenkarte ein neuer Besucher. Der nur einmal kommt. Aber besser als seine Blog-Adresse an alle denkbaren E-Mail-Adressen zu verschicken (’könnt ihn ja interessieren…’). Grundsätzliche Assoziationen mit Schreibfähigkeit und Computer-Kenntnissen. Das Ganze ist umsonst, man muss sich nur auf der entsprechenden Webseite registrieren lassen. Negativ: Computerfreaks sind humorlos. Blogger sind selbstbezogen und noch nicht erwachsen. Hohes Suchtpotenzial mit einhergehendem Zeitverlust. Fragliche Rechtsgrundlage, Folgekosten möglich. Romatisches Potenzial: Begrenzt. Wirkt nerdig. Weckt Befürchtungen, enttäuschende Sexualerlebnisse im Internet ausgebreitet zu finden. Oder gleich Nacktfotos. Für jüngere Zielgruppen geeigneter, dann aber gleich bei myspace. Bewerbungs-Potenzial: ‘Der arbeitet doch eh nur an seinem Blog’. Potenzieller Büro-Privat-Surfer. Gilt als gescheiterte Karriere im freien Journalismus. Erstes Symptom einer schlecht versteckten Soziopathie. Potenzieller Büro-Amokläufer. Keine Einladung zum Bewerbungsgespräch, dafür drei Abmahnungen vom Firmenanwalt. Fazit: Für Idealisten und resignierte arbeitslose Journalisten. Für Geeks und Nerds!
(inspiriert von einer Diskussion auf theolounge)
(zum Thema freier Journalismus)
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