Das letzte Scheitern: Zum Tod von Norman Mailer

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Norman Mailer ist heute Morgen im Alter von 84 Jahren in New York gestorben.

Meine Norman-Mailer-Phase liegt jetzt gut zwei Jahre zurück, als ich über ein Jahr hinweg das meiste gelesen habe, was ich in die Hände kriegen konnte, ob in Stockholm oder Berlin, im Winter im Café oder im Sommer am Badesee. Angefangen bei An American Dream über die buchlangen Reportagen der Präsidentschaft-Nominierungs-Conventions (Miami and The Siege of Chicago, 1968, und St. George and the Godfather, 1972) zu den Verwerfungen der späten 60er Jahre (Armies of the Night) bis zu den etwas exotischeren Sachen wie Cannibals and Christians, ein weitgehend vergnüglicher (für meinen abseitigen Humor) Essay-Band. Bezeichnenderweise habe ich mich nie dazu durchringen können, mehr als zehn Seiten von dem Roman zu lesen, mit dem er berühmt geworden ist: seinem Kriegsroman The Naked and the Dead. Die neueren Veröffentlichungen habe ich weitgehend vermieden, nachdem seine Schreibe mit der Zeit obskurer und langweiliger zu werden schien. Vielleicht irgendwann. Dass sein letztes Buch sich schließlich um Hitlers Jugend und des Teufels Hand in all dem drehte, hat mich auch nicht wirklich neugierig gemacht. Aber das wird jetzt sein letztes Buch bleiben.

Was bleibt also außer persönlicher Erinnerungen an ein Jahr mit Norman Mailer? Eineinhalb Jahrzehnte Einblicke in eine der spannendsten Perioden amerikanischer Geschichte in unvergleichlich persönlich gefärbter Schilderung. Ein ganz neues Genre, die belletristisch verkleidete Reportage. Abseitig mystische Theorien und Anstrengungen, doch das große Buch zu schreiben. Die unablässige Selbstinszenierung, der vorgebliche übersteigerte Machismo, die Arroganz des großen Analytikers, in dessen Rolle er schlüpfte —- und das große Scheitern, immer wieder, immer von Neuem. Und der herrliche Humor, wenn Mailer nicht zu bemerken scheint, wie er sich selbst inszeniert und doch wieder scheitert, wenn er seine eigenen Übertreibungen und Mystizismen zu glauben vorgibt. Wenn Mailer sich, Chicago 1968, von den campierenden Yippies im Angesicht aufziehender Polizeitruppen zurückzieht, nachdem er zehn Seiten lang seine eigene Courage mystifiziert hat, weil Tränengas oder gar noch eine Verletzung nun wirklich das Letzte ist, was er bei seinen näherrückenden Abgabeterminen brauchen kann, und sich stattdessen die Straßenkämpfe mit einem Glas Scotch von seinem Hotelfenster anschaut. Oder wenn er über Seiten überlegt, wie er sich am schnellsten und ungefährlichsten vor dem Pentagon verhaften lassen kann, weil das nun mal dazugehört und niemand es verstehen würde, wenn ausgerechnet er da nicht verhaftet werden würde.

In einem Interview hat Norman Mailer mal gesagt, dass seine gesamte frühe Schaffensperiode überschattet war von dem Vorbild Hemingways, der vorgemacht hätte, wie man sein eigenes Selbstbild für die Öffentlichkeit inszeniert und es dann auch lebt. Irgendwann hätte Mailer das nicht mehr geschafft. Zu alt, zu erschöpft. Da war er schon berühmt und verachtet, hatte (erfolglos) für das Bürgermeisteramt von New York kandidiert, (erfolglos) versucht die zweite seiner schließlich sechs Ehefrauen auf einer Party zu erstechen und auch sonst wenig ausgelassen. Irgendwann musste mal genug sein. Und jetzt ist wirklich Schluss.

Aber, was dabei rausgekommen ist, ist herrliche Literatur — wenn auch nur eine Literatur des Scheiterns. Am Ende hat es für zwei Pulitzerpreise gereicht und einen National Book Award. Für den Nobelpreis nicht. Aber das wäre vielleicht auch nicht der richtige Abschluss gewesen für so ein Leben.

 

Einen sehr lesenswerten Nachruf gibt’s bei SpiegelOnline; tagesschau.de hat eine Auflistung der wichtigsten Werke (inklusive deutscher Titel, die ich hier nicht rausgesucht habe); deutsche Blog-Reaktionen gibt’s bisher nur wenige: Matt Jenny von paxx:blog schätzt vor allem seine kriegskritischen Texte; Sportblogger Jürgen Kalwa erinnert auf American Arena an Mailers legendäre Box-Reportagen.

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4 Responses to “Das letzte Scheitern: Zum Tod von Norman Mailer”

  1. Ein fantastischer Artikel!

  2. [...] Das letzte Scheitern: Zum Tod von Norman Mailer [...]

  3. Danke :)

  4. [...] …Begrenzte Wissenschaft…  [...]

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