In Verpackungs- und Erklärungsnöten: Guido Meyer und eine WELT-Exklusivmeldung
Wer schon mal seinem zuständigen Finanzbeamten gegenüber in Erklärungsnot war, der weiß, was für ein unseliges Gefühl das sein kann: Erklärungsnot. Umso bedrückender war dann der gestrige Artikel der WELT, dass sich in ebensolcher die Astronomen und Kosmologen weltweit befinden sollen. Guido Meyer erklärt da grob, und im Groben und Ganzen auch informativ, den Inhalt einer gerade veröffentlichten Publikation im Astrophysical Journal: “Immense Anzahl neuer Schwarzer Löcher entdeckt”. Und man sollte vielleicht nicht zu streng mit Herrn Meyer sein. Wissenschaftsjournalismus steht immer vor der Herausforderung, aktuelle und meist trockene und hochkomplizierte neue Forschungsergebnisse einigermaßen attraktiv abzupacken, so dass der Leser auch was davon mitnimmt. Eine journalistischer Kniff dazu ist die Schilderung menschlicher Dramen und Konflikte; das spricht den an Boulevard-Magazine gewohnten Leser an und kann auch sehr anschaulich vermitteln, was für einen Umbruch die neuen Erkenntnisse in der Welt der Wissenschaft verursachen. Oder verursachen könnten. Von daher seien Guido Meyer Sätze erlaubt wie: “Die Entdeckung ist unbequem, denn sie bringt Astronomen in Erklärungsnot.”
Weitaus fragwürdiger ist dann die Feststellung: “Ihre neueste Entdeckung ist aber so unbequem, dass viele Sternenkundler vor ihnen (sic!) wohl lieber die Augen verschließen würden.” Denn wenn es eines gibt, was Wissenschaftler normalerweise zum Strahlen bringt und aus dem manchmal langweiligen Trott alltäglicher Datenauswertungen wirft, dann ist das Erklärungsnot. Nehmen wir also für den Moment an, dass Guido Meyer die Relevanz der neuen Beobachtungen richtig einschätzt. Sollen wir uns dann vorstellen, dass heute morgen die weltweite Schar der Astrophysiker verkatert und widerwillig im Büro erschienen ist (falls überhaupt), um sich dann gegenseitig zu bemitleiden und mit dem wissenschaftlichen Schicksal zu hadern? Das Gegenteil wäre wohl der Fall gewesen. Eine solche Umwerfung bisheriger Theorien mag dem ein oder anderen ungelegen kommen; für die anderen ist es erstmal etwas, was ihren Job sichert. Und der besteht darin, sich die alten Daten neu anzusehen und zu schauen, wie die zu dem neuen Phänomen in Zusammenhang stehen könnten. Nicht nur das, eine Vielzahl Forscher wird ihre alten Veröffentlichungen durchkramen und schauen, was für inzwischen verworfene oder als unwahrscheinlich abgetane Theorien wohl zu den neuen Daten passen. Es gibt für einen Forscher wenig Lustvolleres als auf der nächsten Konferenz “I always told you so!” in die Runde schmettern zu können. Und nichts bringt einen dem unerreichbaren Nobelpreis wenigstens ein Stück näher.
Aber gut, die Zuspitzung auf Persönliches ist im Wissenschaftsjournalismus, gerade bei Tageszeitungen, vermutlich genau so unumgehbar wie in der heutigen Politik. Bedenklich ist dann aber, wenn man nach kurzer Recherche überhaupt nicht mehr ausmachen kann, worum es bei der von Guido Meyer propagierten Entwertung aller bisherigen kosmologischen Modelle eigentlich geht, bzw., wie er um Himmels Willen auf diese Idee kommt. Man kommt nicht umhin, erst einmal festzustellen, dass die von Meyer zitierten Forscher wesentlich nüchterner klingen als der aufgeregte Beitext des WELT-Artikels. Emanuele Daddi, der Erstautor, muss allerdings zugeben, dass man noch nicht alles wisse über die Entstehung Schwarzer Löcher im Zentrum junger Galaxien. Insbesondere sei die direkte Korrelation zwischen Masse der Galaxie und des zentralen Schwarzen Lochs noch nicht erklärt. Vielleicht ist das seine einzige Erklärungsnot, denn eigentlich ist das schon das Aufgeregteste, was er von sich gibt.
Nun mag diese Korrelation und die Mechanismen bei der Entstehung dieser Schwarzen Löcher noch nicht vollständig aufgeklärt sein, und ich bin auch kein Astrophysiker. Grundsätzlich sind aber noch unklare Stellen wie diese das Normalste überhaupt in der Aufklärung wissenschaftlicher Phänomene — gäbe es keine Fragen mehr, die noch nicht ganz erklärt wären, könnten die Herren Wissenschaftler zusammen mit den Herren Wissenschaftsjournalisten auch einpacken und sich einen Putzjob suchen. Bezeichnenderweise ist die aber Korrelation so rätselhaft nicht, wie es Guido Meyer fast schon mystifizierend andeutet: “Woher weiß das entstehende Schwarze Loch, wie viel Masse in der es umgebenden Galaxie vorhanden ist? Und woher weiß die Galaxie, aus wie vielen Sternen sie bestehen muss, um der Masse und damit der Anziehungskraft des Schwarzen Lochs in ihrem Zentrum zu entsprechen?” Das mögen unglückliche Formulierungen sein, vor allem aber ist die Einsicht dahinter nicht besonders tief. Denn wenn man davon ausgeht, dass Schwarze Löcher sich aus der Materie in ihrer Umgebung nähren und entsprechend Masse gewinnen: wie anders sollte es dann sein, als das Schwarze Löcher in massereichen Galaxien ebenfalls massereich sind? Die gegenteilige Korrelation — je schwerer die Galaxie, desto leichter das zentrale Schwarze Loch — hätte die Astrophysik vermutlich vor ein wesentlich größeres Rätsel gestellt.
Forscht man weiter nach der Quelle Guido Meyers Besorgnis, wird es endgültig rätselhaft. Ein Blick auf die Veröffentlichung [1] zeigt erst mal recht wenig Alarmismus von Seiten der Forscher, die den entsprechenden Zusammenhang in Stern- und Loch-Wachstum in den Galaxien sehr nüchtern feststellen. Vor allem ist aber die WELT natürlich nicht die erste Zeitung, die über die Ergebnisse berichtet, aber wohl scheinbar die erste, die den alarmierenden Umschwung in der Astrophysik festgestellt hat. Neben vielen anderen Magazinen hat ScienceDaily.com schon vor drei Wochen darüber berichtet. Der bezeichnende Titel dieses Artikels: “Missing Black Hole Report: Hundreds Fund!” — “Die fehlenden Schwarzen Löcher: Hunderte gefunden!” [2]
Und dieselben Forscher, deren Zitate bei der WELT für einen vermeintlichen Erklärungsnotstand herhalten müssen, werden da zitiert mit Aussagen darüber, dass man die jetzt gefundenen Schwarzen Löcher seit 30 Jahren suchen würde und dass man sie nun endlich, Gott sei Dank, gefunden hätte. Anstatt Erklärungsnot sieht der Artikel die neuen Beobachtungen korrekterweise als Verständnisgewinn und einen Schritt dazu, noch mehr Erklärungen finden und damit Erkenntnisse gewinnen zu können.
Wie kommt es also zu so einem Artikel in der WELT? Ging der tagelang hin und her zwischen dem Autor und seinem Chef, der irgendwas greifbareres wollte, etwas dramatischeres als die Überschrift: “Weitere Fortschritte in der Astronomie”? Gab es eine Reihe von Missverständnissen bei den Interviews, die Guido Meyer wohl mit den Forschern geführt haben muss, in denen Daddi und Nebenautor Marc Dickinson nicht alle Fragen beantworten konnten oder zu schwammig um die Probleme rumgeredet, diese vielleicht sogar, um sich wichtig zu machen, hochgeredet haben? Oder hat Guido Meyer andere Quellen als alle anderen Medien, die über die Ergebnisse berichtet haben? Darauf kann ich hier, mit meinen begrenzten Ressourcen, auch keine Antwort geben. Ich kann nur feststellen, dass der alarmistische Artikel in der WELT durch nichts in der sonstigen Berichterstattung gedeckt ist und auch die Dramatisierung merklich übertrieben scheint.
Wirklich bedauerlich ist dabei eigentlich nur, dass es genug Leser der WELT und ihres Onlineangebots gibt, die solche Recherchen nicht anstellen können und dem Bericht glauben schenken müssen. Diese haben vielleicht ein wenig was über Galaxien und Schwarze Löcher gelernt, ansonsten aber ein falsches Bild vom Stand der Astronomie und dem Ablauf von Wissenschaft bekommen. Und das sollte nicht Ziel von Wissenschaftsjournalismus sein.
Einige sind sogar sehr beunruhigt. Das hier hochgeschätzte theolounge-Blog, über das ich auf den Artikel aufmerksam geworden bin, sieht sich gleich, voll christlicher Anteilnahme, genötigt, eine Liste seiner liebsten gescheiterteten Gottesbeweise mit der Meldung zu verknüpfen, wohl um den erschütterteten Wissenschaftlern aufbauend entgegenzuhalten: “Nur Mut — so sieht echte Erklärungsnot aus! Und wir machen ja auch trotzdem weiter!” Anders kann ich seinen Beitrag nicht verstehen. Denn seien wir ehrlich: der einzige Grund, dass Wissenschaft überhaupt manchmal so etwas wie Erklärungsnot hat, ist doch der, dass aus anderen Disziplinen noch nie so etwas wie eine Erklärung gekommen ist. Und das steht wohl auch nicht zu erwarten. [3]
[1] E. Daddi et al., Multiwavelength Study of Massive Galaxies at z ~ 2. II. Widespread Compton-thick Active Galactic Nuclei and the Concurrent Growth of BlackHoles and Bulges ; The Astrophysical Journal (2007), 670:173-189
[2] Scienceticker.de veröffentlichte einen Tag später eine deutsche Fassung (oder Übersetzung) des Artikels. Die Folgerungen der WELT findet man aber auch darin nicht.
[3] Theolounges Blog wird von mir, trotz aller hier gebotenen Ironie, im Allgemeinen wirklich geschätzt. Gegen religiös motivierten Humanismus werde ich jedenfalls nichts sagen, abgesehen davon, dass ich die Motivation nicht teile bzw. auch nicht für nötig halte. Die Hoffnungen auf einen baldigen Zusammenbruch des wissenschaftlichen Weltbilds, um die entstandene Lücke wieder mit Gott füllen zu können, sollte der Verfasser bei Gelegenheit aber nochmal überdenken.
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Also erstmal: wir stellen hier keine gescheiterten Gottesbeweise zur Disposition, da Gottesbeweise die Eigenschaft habe, immer zu scheitern - aufgrund unserer mangelnden Erkenntnisfähigkeit nämlich.
Es sind Fragen und Denkanstöße, die hier angegeben werden und die dahin gehen, das derzeitige - mancherorts rein materialistische, wissenschaftliche Weltbild nach Demokrit und Epikur - kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls platonische und aristotelische Ergänzungen zuzulassen.
will heißen: es gibt möglicherweise eine immaterielle Seele, es ist nicht klar, was die Unendlichkeit ist, wenn es sie denn gibt und es ist nicht klar, warum denn alles überhaupt ist, warum es also “das Seiende” überhaupt gibt und was es ist.
Hoffnungen auf einen Zusammenbruch des naturwissenschaftlichen Weltbildes haben wir nicht, also ich zumindest nicht. Aber es geht darum, weiterzudenken. Es geht auch nicht darum, eine wissenschaftliche Lücke mit Gott füllen zu wollen, aber es gibt Dinge, die zum Nachdenken anregen. Beispielsweise die Frage nach allem Ursprung, der aus gläubiger Sicht mit Gott beantwortet wird natürlich.
Das heißt aber nicht, dass man Gott nun in die Lücken setzt, sondern nach der Ursache allen Seins fragt.
Interessant vielleicht auch zum Thema:
http://theolounge.wordpress.com/2007/05/17/neue-erkenntnisse-der-astrophysik/
Tach zusammen,
bin besagter Guido Meyer, dessen Artikel in der “Welt” hier so herzhaft zerpfückt wurde.
Also, so einiges:
“Ihre neueste Entdeckung ist aber so unbequem, dass viele Sternenkundler vor ihnen (sic!) wohl lieber die Augen verschließen würden.”
Ob Sie´s glauben oder nicht, aber dieser Satz ist nicht von mir, sondern mir “reinredigiert” worden. “Sternenkundler” ist auch überhaupt nicht meine Wortwahl, und ich halte das Bild (Augen verschließen) auch in der Tat für nicht treffend.
“Woher weiß das entstehende Schwarze Loch, wie viel Masse in der es umgebenden Galaxie vorhanden ist? Und woher weiß die Galaxie, aus wie vielen Sternen sie bestehen muss, um der Masse und damit der Anziehungskraft des Schwarzen Lochs in ihrem Zentrum zu entsprechen?”
Dieser Satz IST von mir, und genau das haben mir Daddi und Dickinson, mit denen ich letzte Woche Telefoninterviews geführt habe (da ich daraus auch einen Hörfunkbeitrag für NDR info, den SWR und den ORF gemacht habe, Beispiel:
http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/campus/-/id=658620/nid=658620/did=2662100/4mora3/index.html )
übereinstimmend als offene Frage geschildert, die sich aus den neuen Erkenntnissen ergibt. Wenn Sie das anders sehen und es Ihnen (un-)logisch erscheint, schlage ich vor, dass Sie die beiden Wissenschaflter von Ihrer Sicht der Dinge zu überzeugen versuchen.
Dass die Ergebnisse schon vor einigen Wochen erschienen sind, ist richtig, so bin ich ja auch auf das Thema gestoßen. Wir hatten uns aber dafür entschieden, die Geschichte sowohl im Radio wie in der “Welt” an der Veröffentlichung im “Astrophysical Journal” aufzuhängen, und die war erst diese Woche.
Inhaltlich stehe ich ansonsten zu jedem Wort des Artikels.
Ich freue mich aber, dass sich Menschen so intensiv mit diesem Thema bzw. mit der Medienberichterstattung dazu auseinandersetzen!
Schönen Gruß
Guido Meyer
Ich glaub’s Ihnen, und ich habe in dem Artikel ausgewogen darzustellen versucht, was alles bei der journalistischen Aufbereitung wissenschaftlicher Ergebnisse schiefgehen kann, inklusive einer zu enthusiastischen Redaktion und inkompetenter Kommunikation von Seiten der Wissenschaftler.
Ich habe gerade nochmal in meine populärwissenschaftliche und etwas zu anmaßend benannte Astronomie-Enzyklopädie von 1977 gesehen, und selbst da findet sich schon als eine vermutete Entstehungsursache von Schwarzen Löchern die Bildung in der galaktischen Gasscheibe in der Entstehungsphase der Galaxien. Ich weiß nicht, woher die Annahme kommt, da müssten immer Galaxien kollidieren oder fusionieren, um zentrale Schwarze Löcher entstehen zu lassen, wenn wir doch eine Menge offenbar ungestörter Galaxien mit ZSL sehen. Von daher klingt das für mich, als ob sich Dickinson und Daddi etwas sehr aus dem Fenster gelehnt haben, um ihre Ergebnisse interessanter erscheinen zu lassen.
Ich erkenne auch an, dass ihr Radiobericht, den Sie vermutlich direkter zu verantworten haben, kaum etwas von den Aufgeregtheiten des WELT-Artikels teilt, um die es mir eigentlich ging.
Das Ganze war kein persönlicher Angriff, als den Sie ihn ja hoffentlich auch nicht verstanden haben, sondern ein Beispiel für einen fragwürdigen, weil in der Gesamtaussage (weniger in der Darstellung der Wissenschaft) missverständlichen wissenschaftsjournalistischen Artikel. Da es so aussieht, als seien die unzulässigen Zuspitzungen und Dramatisierungen vielleicht eher von Ihrer Redaktion zu verantworten, können Sie den gerne mit Gruß von mir an die entsprechenden Stellen weiterleiten.
Nichts für ungut und Beste Grüße in den Sunshine State,
k.
man kann es auch kurz sagen: es gibt eben sehr schlampige autoren, die nicht viel von der sache verstehen. begeisterung allein reicht nicht. etwas sachkenntnis, kritische distanz und fähigkeit zur recherche sollten schon da sein. aber papier ist bekanntlich geduldig und so wird viel blödsinn gedruckt.
Ist zwar richtig, scheint hier aber doch etwas komplizierter zwischen allen beteiligten Parteien verlaufen zu sein.