How about if you
Tell me something new
Tell me what will make you happy
Oh you so deserve to be
Elliott Smith
Manfred Lütz kam hier schon am Rande vor, weil er ein Teilnehmer der besprochenen Ausgabe von Volker Panzers nachstudio war, wo er vor allem durch Wehklagen über Richard Dawkins’ Unverfrorenheiten und freies Assoziieren zum Thema Religion, Ethik und Sozialwesen aufgefallen ist. Nebenher ist er natürlich Verfasser des viel verkauften Buchs: GOTT – Eine kleine Geschichte des Größten. Das habe ich, gleich vorweg, nicht gelesen. Eine Rezension der F.A.Z. (von Hermut Löhr) gibt es hier („… all diese Versatzstücke eines reflektierten Lebens sind aber keine wirkliche Einladung zum Mitdenken, zum Nachfragen oder zum Selberlesen. Es bleibt beim geistigen Fast Food, bei den idées reçues eines mild-konservativen Katholizismus. (…) Das Ganze ist damit zuletzt weder informierend noch bildend; der christliche Glaube ist zu billig erworben.“) Von Gottesbeweisen war da noch nicht die Rede. Vielleicht, weil Herr Löhr Nachsicht hat walten lassen.
Jetzt hat sich Manfred Lütz durch einen Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu Wort gemeldet, der allerdings auch nicht online, zumindest bei faz.net nicht zu finden ist. Aber auch dazu gibt es eine Vielzahl von Zusammenfassungen, von denen ich hier nur auf die des nicht unter Skeptizimsus-Verdacht stehenden „Christlichen Medienmaganzins“ PRO verweisen will. Natürlich gibt’s erstmal die üblichen Behauptungen, dass Moralität ohne die christliche, von Gott abgeleitete Ethik nicht möglich sei [1]. Aber dann erlaubt sich Lütz eine positive Aussage, die auf eine Aneignung des Gottesbeweises von Robert Spaemann hinausläuft:
Wenn es keinen Gott gäbe, dann könnte man nicht mehr wirklich sagen: Es wird diesen Moment, in dem ich diesen Artikel lese, gegeben haben. Denn irgendwann wird es keinen Menschen mehr geben, vielleicht auch keine Erde. Nur wenn es Gott gibt und nicht bloß ein gleichgültiges sinnloses All, dann wird es für immer ein Bewusstsein dafür geben, dass da etwas gewesen ist
Gott ist für Lütz also der Ausweg aus der postmoderner Unsicherheit: wenn sich niemand mehr an mich erinnert, habe ich dann trotzdem gelebt? Gott ist hier ein Werkzeug, die Furcht vor der eigentlichen Vergänglichkeit zu bekämpfen. Man fragt sich, weshalb das ein Gottesbeweis sein soll. Von Robert Spaemann, auf den das Ganze zurückgeht, ist das aber durchaus so gemeint und wird da nur etwas weiter ausgeführt.
Man kann jetzt wieder das Buch von Robert Spaemann lesen: Der letzte Gottesbeweis [2]. Aber Robert Spaemann hat auch ebenfalls einen sehr langen Gastbeitrag in der WELT geschrieben, in dem er sich erklären konnte und der sich anzuschauen lohnt.
Der Text ist passenderweise mit „Der Gottesbeweis“ überschrieben, aber die erste Verwunderung stellt sich ein, wenn man feststellt, dass sich die ersten 18 der 21 Absätze mit Kulturgeschichte von Religion und Gottesbeweisen beschäftigen, als würde das etwas zum Thema beitragen. Wieso braucht die Formulierung eines Gottesbeweises erstmal eine sechsmal so lange Einleitung? Vermutlich weil der Gottesbeweis an sich banal ist und keinen so langen F.A.Z.-Artikel trägt. Aber schauen wir uns den an, wenn Spaemann ganz unten, mit viel rhetorischem Beiwerk, endlich darauf kommt:
Von etwas sagen, es sei jetzt, ist gleichbedeutend damit zu sagen, es sei in Zukunft gewesen. In diesem Sinne ist jede Wahrheit ewig. (…) Solange Vergangenes erinnert wird, ist es nicht schwer, die Frage nach seiner Seinsart zu beantworten. Es hat seine Wirklichkeit eben im Erinnertwerden. Aber die Erinnerung hört irgendwann auf, und irgendwann wird es keine Menschen mehr auf der Erde geben. Schließlich wird die Erde selbst verschwinden. Da zur Vergangenheit immer eine Gegenwart gehört, deren Vergangenheit sie ist, müßten wir also sagen: mit der bewußten Gegenwart – und Gegenwart ist immer nur als bewußte – verschwindet auch die Vergangenheit (…) Von welcher Art ist diese Wirklichkeit des Vergangenen, das ewige Wahrsein jeder Wahrheit? Die einzige Antwort kann lauten: Wir müssen ein Bewußtsein denken, in dem alles, was geschieht, aufgehoben ist, ein absolutes Bewußtsein.
Das sind die drei Kernsätze, auf die sich der vermeintliche Gottesbeweis reduzieren lässt. Wenn man das Ganze weiter runterbricht auf die logischen Bestandteile, ergibt sich:
- Wahrheit ist ewig.
- Kriterium der Wirklichkeit von Vergangenem ist beim Menschen die Erinnerung.
- Erinnerung ist ein Bewusstseinsprozess.
- Verschwindet (menschliche) Erinnerung, gibt es kein Kriterium mehr für Wirklichkeit.
- Damit wäre Wahrheit nicht mehr ewig.
- Ergo: Es gibt Gott als außermenschliches und ewiges Bewusstsein, womit Wahrheit wieder ewig ist.
Ein lupenreiner anthropozentischer Fehlschluss. Dass der Mensch notgedrungen sein Bewusstsein heranzieht, um über Wahrheit zu entscheiden, liegt daran, dass er keine andere Wahl hat. Menschliche Erkenntnis findet nun mal im Gehirn statt, wo auch sonst. Das erlaubt aber keine Aussage über die Nicht-Existenz einer objektiven Außenwelt, die auch unerkannt existiert. Der „Beweis“ setzt voraus, was er beweisen will, dass nämlich keine Welt existiert, wenn sie nicht von etwas Bewusstem wahrgenommen wird.
Die Frage, ob Wahrheit dabei überhaupt ewig ist, ist außerdem wohl kaum zu beantworten, weil man den Begriff Wahrheit kaum absolut definieren kann. Was für einen Sinn macht es, von Wahrheit zu sprechen, wenn sich unser Universum irgendwann aufgelöst hat, implodiert oder verdampft ist? Genau wie für unseren Begriff „Zeit“ haben wir keine Vorstellung davon, wie „Wahrheit“ jenseits der Grenzen unseres Universums definiert sein könnte. Wieder: Spaemann will, dass Wahrheit ewig ist, aber der Wunsch allein macht sie nicht ewig. Er kann auch wollen, dass außerhalb unseres Universums seine Armbanduhr weiter tickt, das wäre nicht weniger (aber immer noch absolut) unsinnig. Die zwei Behauptungen, auf die er seinen Beweis stellt, sind unbelegte Wunschvorstellungen, welche die Folgerung schon voraussetzen müssen.
Wissenschaftlich wird das Ganze zudem durch neue Forschungen in Frage gestellt, die belegen, wie wenig unser Bewusstsein überhaupt mit der Außenwelt zu tun hat bzw. wie wenig wir Menschen wirklich bewusst mit dieser Außenwelt interagieren. Dass Spaemann darüber hinaus noch das grob unzuverlässige menschliche Erinnern als Wahrheitskriterium einführt, macht die Sache nur noch schlimmer [3].
Und dazu unredlich: Spaemanns intellektuelle Eigenleistung besteht offenbar darin, dass alles mit einem langen Begleittext zu umgeben und mit einigen grammatikalischen Ausschmückungen zu versehen. Das Argument selbst, dass es keine Außenwelt ohne Wahrnehmung (und unsere Welt damit nicht ohne Gott) gibt, ist sehr alt. Vor 300 Jahren hat George Berkeley schon genau das gesagt, was uns heute Robert Spaemann als seinen neuen Gottesbeweis verkaufen will. Aber wenigstens Manfred Lütz scheint das zu beeindrucken.
[1] Ich halte immer noch dagegen, dass die moderne, europäische christliche Ethik erst als Produkt gewachsener gesellschaftlicher Moralität entstanden ist: durch gestiegenen Bildungsstand, soziale Errungenschaften, Holocaust- und Kriegserfahrung und nicht zuletzt die Entwertung religiöser Welterklärungs-Behauptungen durch den Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis. Ich glaube auch immer noch, dass, sollte die gesellschaftliche Moralität sich wieder ändern, innerhalb kurzer Zeit auch wieder ein ganz anderes Gottesbild im Gespräch wäre. Es gibt keine absolute christliche Ethik.
[2] Robert Spaemann, Rolf Schönberger (2007): Der letzte Gottesbeweis, Pattloch. Ich verstehe den Titel als notfalls einklagbares Versprechen.
[3] Lars Fischers Fischblog hat einen als Einstieg geeigneten Übersichtsartikel.
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[...] Monate nach Veröffentlichung des Buches erschienener lesenswerter Blogbeitrag zum Thema ist bei kamenin zu [...]
Der Gottesbeweis aus http://kamenin.wordpress.com/
Ein guter Blog, ein guter Denker. Aber, zum Beispiel -
(Zitat aus Kamenin)
Dass der Mensch notgedrungen sein Bewusstsein heranzieht, um über Wahrheit zu entscheiden, liegt daran, dass er keine andere Wahl hat. Menschliche Erkenntnis findet nun mal im Gehirn statt, wo auch sonst.
Bewußtsein-Wahrheit-Erkenntnis-Gehirn lautet die logische Kette des Denkers.
Falsch: Bewußtsein ist nicht an das Gehirn gebunden; der Schuh ist ja auch nicht eine Funktion des Fußes und auch nicht umgekehrt. Woher kommt dieses Denken?
usw. …
Denken macht Spaß. Können Sie uns eine wirkliche Philosophische Frage stellen wäre interessant …. -,)
Wenn Ihnen Denken soviel Spaß macht, dann üben Sie doch noch mal an Ihrer Analogie. Die ist überarbeitungsbedürftig. Aua.
„Daniel, am Februar 8th, 2009 um 4:31 Gesagt:
Wenn Ihnen Denken soviel Spaß macht, dann üben Sie doch noch mal an Ihrer Analogie. Die ist überarbeitungsbedürftig. Aua.“
Danke für den Rüffel, nehme ich gerne in Kauf. Das tut immer gut. – Nun mein Gegenrüffel, Herr Daniel: Nennen Sie mir eine Sache die nicht überarbeitungsbedürftig wäre, aber bitte ohne Wortspielerei. Was wäre das?
Lautet Ihr Blogtitel nicht irgendwie auf „begrenzte Wissenschaft?“ Die Frage wäre jetzt für mich: Wer zieht die Grenze? Wie sicher ist diese Grenze? Und dann was kommt jenseits der Grenze? Denn wo es eine begrenzung gibt gibt es sowohl etwas das eingeschlossen ist als auch etwas das hinter dem Zaun liegt, etwas weiteres? Sie setzen die Wissenschaft sozusagen auf eine Insel – „begrenzte“ – und sagen aber nicht, wie der Ozean heißt, in dem das ganze liegt, und und auf welcher Karte – einer geistigen Landschaftsvermessung wenn Sie so wollen – man diese Insel findet, die Sie „Begrenzte Wissenschaft“ nennen? Können Sie dazu mehr sagen, über den inneren Kern von „Daniel´s begrenzte Wissenschaft?“ Es ist nicht boshaft oder zynisch gemeinst es interessiert mich wirklich. – Und zum Stil der Replik: Sie verwenden eine Syntax die „Wenn-dann-doch-das“ das klingt nach mentaler Aggression. Wenn Ihr Denken ein Angriffsdenken ist, was gilt es dahinter zu Verdeitigen? Unsicherheit? Anmaßung? Angst? Denken Sie darüber nach was Ihnen dazu ganz privat einfällt. Denken ist nie etwas persönliches, auch wenn es uns so erscheint. Denken findet mechanisch statt und das, was wir verwenden, ist nur entnommen. Alles was ich an Stichworten hier in Ihrem Blog lese ist entnommen, zb. die Tags – USA, Kulturkampf, Teilchenphysik usw. – Nichts davon ist eigen. Über jedes dieser Begriffe haben schon Millionen Menschen verschiedenes gesagt, immer auf dem aufbauend, was andere davor gesagt haben. Daher ist Denken nichts eigenes, es findet einfach statt, weil Mechanik immer stattfindet sobald sie in Bewegung gebracht wurde. – Nicht ein einziges neues Wort hier. Da tue ich mir wirlklich schwer … lauter Bezeichnungswörter keine Eigenschaftswörter oder anderes aus denen man etwas neues bilden könnte …. hm … das ginge …. ich entnehmen jetzt einige Stichworte aus Ihrem Blog und bilde neue Gedanken-Gänge zb. Medienreligion, Wissenschaftstechnik, Atheismusreligion, Uncategorizeddebatte, usasoziologie, teilchenphysikhumanismus und Katholikenmechanik und Ende. Sehen Sie, jetzt hat eigenes Denken stattgefunden. Es wurden neue Begriffe gefunden und gebildet jetzt müssen sie nur noch mit Inhalt gefüllt werden. Stellen Sie diese neuen Begriffe in Ihrem Blog zur Diskussion und Sie werden sehen wie rasch sie sich mit Inhalt füllen werden. Hat das Sinn? Ja. Es zeigt wie das Denken nichts mit Sinn zu tun hat sondern rein mechanisch abläuft, mind is a machine, not more, not less. Viel Vergnügen, es war nett, mit Ihnen gebloggt zu haben; und ach ja: Beleidigungen machen mir nichts aus; ich finde sie nur gedankliche Energieverschwendung; worauf sollte ich auf aggressiven Repliken aufbauen können?
Der „AESA (oder auch mal A.E.S.A. oder A.ES.A.) Verein eingetragener Verein“ repräsentiert übrigens die Aktiven Esoteriker Austrias. Oder will das: kann ich im Moment nicht übersehen, ob das nicht eher die die Seite eines engagierten Einzelkämpfers mit tollen Plänen und noch tollerer Medienkompetenz ist.
So ganz kann ich dem allen hier nicht folgen. Muss ich auch glaub ich nicht, weil ja Daniel was gefragt wurde. Meine „Subjekt-Prädikat-Objekt“-Syntax würde vermutlich auch nur wie eine verbale Kriegserklärung klingen.
Aber im Rahmen des heutigen Reflexions-Koans:
Wenn die Verdeitigung selbst nur ein Angriffsgedanke ist, wie überbrückt man dann am schnellsten das Mittelfeld?
Tiefe Einsichten hierhin.