Cloverfield und Miracle Mile: Filmtipps zur Flucht vor dem Unentrinnbaren

Der Cloverfield-Trailer, der in der amerikanischen Szene offensichtlich schon für weit mehr Aufsehen erregt hat, war bisher an mir vorbeigezogen. Ist vielleicht auch dem Umstand geschuldet, dass ich im letzten halben Jahr kaum in’s Kino gekommen bin. Trotzdem einen der am besten gemachten Trailer, die ich seit langem gesehen habe:

Das kann jetzt immer noch einer der schlechtesten und, auf mindestens 90 Minuten gedehnt, langweiligsten Filme überhaupt sein, aber immerhin ist es eine clevere Idee. Und das virale Marketing scheint ja schon mal zu funktionieren. Inzwischen gibt’s auch einen zweiten Trailer, der zwar noch weniger Handlung erklärt, aber in Kombination schon zeigt, wohin der Film wohl gehen könnte.

Das ist aber unwesentlich. Für mich hat der Trailer, seine Beschränkung auf die Perspektive der Handelnden, die nicht wissen, was vor sich geht und trotzdem davor fliehen müssen, wieder Erinnerungen ausgelöst an einen ewig alten anderen Film, von dem sich das Halb-so-alte-Ich damals offenbar so sehr beeindrucken ließ, dass im Hinterkopf immer noch ein paar Eindrücke und Plot-Fragmente gespeichert waren — und mehr braucht man dank Google heute nicht mehr, um jeden noch so obskuren Film zumindest identifizieren zu können [1]. Der ungefähre Plot: junges amerikanisches Pärchen trifft sich in einem Diner und fängt mehr zufällig einen Anruf in einer Telefonzelle an einem öffentlichen Fernsprecher ab. Der Anrufer kann noch erklären, dass gerade der Dritte Weltkrieg ausgebrochen und der atomare Holocaust schon auf dem Weg sei, bevor er offenbar niedergeschossen wird. Die beiden Protagonisten müssen erstmal rausfinden, ob das nicht alles nur Verarsche war, haben dafür aber keine Zeit, weil Atomraketen auch nicht so ewig lange zur halben Erdumrundung brauchen. Aber wohin fliehen, wenn der ganze Kontinent gerade untergeht? Offenbar gibt es einen Notfallplan zur Evakuierung der Elite in die Antarktis. In einer Stadt, die langsam merkt, dass es ihre letzte sein wird, versuchen die beiden, ihre Flucht vor dem unmittelbar bevorstehenden Tod zu bewerkstelligen.

Ob’s wirklich ein so guter Film war, kann ich jetzt (noch) nicht sagen, weil mein Halb-so-altes-Ich nicht unbedingt ein verlässlicher Filmkritiker war. Aber immerhin konnte ich den Film nach ein paar Versuchen finden: augenscheinlich handelt es sich um den 1988er Film Miracle Mile von Steve De Jarnatt, in Deutschland unter dem sinnfreien, weil beliebig oft verwendeten Namen Nacht der Entscheidung veröffentlicht. Zumindest ist er Träger des Großen Jury-Preises des Sundance Film Festivals 1989, von daher kann er nicht ganz schlecht sein. Hauptdarsteller ist übrigens der junge und später durch ER bekannter gewordene Anthony Edwards, der es allerdings wohl nicht in die Reihe von Assistenzärztins Sexiest Docs Alive schaffen wird [2]. Reine Spekulation bleibt, ob der Film durch sein Timing und mit seiner Heraufbeschwörung des nuklearen Untergangs [3] vielleicht nicht sogar mehr zum Ende des Kalten Krieges beigetragen hat, als der betrunkene David Hasselhoff mit Ukulele und seinem Song: I’ve been looking for freedom

Die Frage überlasse ich den Historikern. Ich werd jedenfalls versuchen, mir bald eine Kopie von dem Film zu beschaffen und dann zu schauen, ob der wirklich was taugt. Manchmal führt einen diese ganze Internet-Sache, die einen sonst auch schön vom realen Leben abhalten kann, halt doch auf die von traditionellen Medien geprägten Erinnerungen des heranwachsenden Selbst zurück.

[1] Warum gibt’s bei Wer wird Millionär eigentlich noch keinen Google-Joker? Eine Suchanfrage mit drei Begriffen, und man darf sich nicht mehr als die erste Google-Seite anschauen, also keinesfalls auf die Links klicken. Zu einfach? Zu erklärungsbedürftig und verwirrend für das ältere Publikum?

[2] Mein Favorit: Dr. Spaceman aus 30 Rock! Trivia am Rande: Die Hauptdarstellerin von Miracle Mile, Mare Winningham, hat es aber zumindest in die dort wohl gern gesehene Serie Grey’s Anatomy geschafft, wenn auch nur für ein paar Episoden als Susan Grey.

[3] Es gibt ja immer noch Leute, die sich für ungemein clever halten, weil sie „humanitäre Katastrophe“ für ganz furchtbares Deutsch halten. Kann man sich auch wunderbar drüber aufregen und sich dabei ganz toll tief bei vorkommen. Geht aber leider an der Sprachrealität vorbei, in der man solche Beispiele zuhauf finden kann. Und wenn Sprachrealität gegen Bastian-Sick’sche Sprachtheorie steht, hat die Sprachrealität meistens die besseren (und besser ausformulierten) Argumente.

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