Miracle Mile revisited: Kulturbezug und Wissenschaft
Ah, die späten 80er. Anthony Edwards hatte noch Haare, und Frauen brauchten nur einen Haarschnitt, keine Frisur. Menschen trafen sich in wunderbar unironischen Outfits, mit denen man heute jenseits des Prenzlauer Bergs nicht mehr auftreten könnte: türkisfarbene Sakkos, Kombinationen aus verschiedenen Plaste-Elaste-Teilen in aufeinander abgestimmten Lilatönen, Leggins inklusive, und zum Sport trug man grelle Gummistretch-Höschen und Oberteile aus Ballonseide. Handys waren selten und groß wie Thermoskannen, und Stewardessen hießen noch Stewardessen und waren uniformiert, wie heute nicht mal mehr Disney-Angestellte rumlaufen würden. Die gute alte Zeit also.
Miracle Mile, um den Cloverfield-Post nach nochmaliger Ansicht des Films abzuschließen, ist ein relativ lässiger, manchmal karikierender B-Katastrophen-Film, mit dem Unterschied, dass es hier um Reaktion auf die herannahende Katastrophe geht. Das Budget war offensichtlich überschaubar, aber dafür holt es alles raus, was man aus der Geschichte machen kann. Die lebt derweil hauptsächlich von dem gnadenlos runterzählenden Countdown, mit dem der erwartete Nuklearangriff näherzukommen scheint, und der zentralen Frage, ob das überhaupt alles real ist — die wachsende Panik der Stadt beruft sich allein auf die immer weiter gesteigerten Gerüchte, die der Hauptcharakter erst in Gang gebracht hat, von deren Zuverlässigkeit er aber selbst nicht überzeugt ist. Natürlich gibt’s ein paar unnötige Plot-Verwicklungen, um die Zeit zu füllen: die unnötigsten sind da wohl die vorhersehbaren Schwierigkeiten, wenn ein Pärchen zusammen fliehen will, aber sich dabei wiederholt aus den Augen verliert. Ein Katastrophenszenario mit einer rückblickenden Narration der Hauptfigur beginnen zu lassen, verrät natürlich einiges über den Ausgang — andererseits hat das bei Fred Zinnemanns Verfilmung von Das Siebte Kreuz, da allerdings ganz anders gerechtfertigt, ja auch nicht viel zu bedeuten gehabt.
In einer der wichtigeren Nebenrollen ist Denise Crosby dabei, die mein Halb-so-altes-Ich damals vermutlich gerade noch nicht als Tasha Yar kannte. Und dasjenige konnte wohl auch noch nichts damit anfangen, dass sie in ihrem einführenden Auftritt aus dem Aktenkoffer eine (fiktive) CliffsNotes-Ausgabe zu Thomas Pynchons Gravity’s Rainbow aus dem Aktenkoffer zieht und die per SpeedReading durchzugehen beginnt — präziser kann man den Platz eines Films in der Kulturgeschichte wohl kaum in einer fünfsekündigen Szene charakterisieren.
Eine prominente Rolle, unter anderem spielt da die fünfminütige Anfangssequenz, nehmen auch die La Brea Teergruben samt angeschlossenen Museums mitten in Los Angeles ein. Das ist eine der bekanntesten Fossilien-Lagerstätten in den Vereinigten Staaten, wenn sie auch nur etwa 30.000 Jahre zurückgeht: die Skulptur des im flüssigen Asphalts versinkenden Mammuts könnte bekannt sein. [1] Der Zufall dabei war, dass ich gerade erst einen längeren Artikel dazu gelesen hatte, den ich hiermit dringlichst anempfehlen möchte: Jennifer Ouellette von Cocktail Party Physics hat vor einer Woche zum ersten Mal das Museum besucht und einen Beitrag darüber just vergangenen Freitag veröffentlicht, in dem sie ausgiebig Geschichte und Bedeutung der La Brea Tar Pits darstellt.
Die eine, ziemlich unbedeutende Sache, die ich (in stark erweitereten Begriffsverständnis:) physikalisch nicht in Ordnung fand, erspar ich mir hier zu erläutern. Insgesamt war’s ein netter Film mit ein paar Erinnerungen, nicht immer ganz sicher, in welches Genre er sich einordnen will, aber dadurch auch nicht ganz so vorhersehbar. Kein Meisterwerk, aber gute und teils auch ernste Unterhaltung für die 87 Minuten, die er dauert.
[1] La Brea ist wohl auch Schauplatz in den Filmen Volcano und Last Action Hero. Dazu kann ich nichts sagen.
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