Keuschheit statt Porno, Vorurteile statt Erfahrungswerte
Menschen diskutieren bei Maischberger über das Thema “Keuschheit statt Porno — brauchen wir eine neue Sexualmoral?”, und eingeladen ist natürlich auch wieder ein religiöser Vertreter, der das macht, was er am besten kann: über Sachgebiete dozieren, von denen er keinerlei Kenntnis hat.
Nathanael Liminski
Der 22-jährige Geschichtsstudent hat schon früh den Entschluss gefasst, keinen Sex vor der Ehe zu praktizieren. Der überzeugte Katholik (aktuelles Buch “Generation Benedikt”) kritisiert die weit verbreitete “Verhütungsmentalität” und warnt vor den Folgen von zu frühem Sex.
Denn, wenn man schon von jemandem eine neue gesellschaftliche Moral entwerfen lassen will für den Umgang mit dem anderen (oder, Gott behüte, gar mit dem eigenen) Geschlecht, dann doch bitte von einer 22-jährigen Jungfrau. Jedenfalls wenn’s ein selbstauferlegter Zölibat aus Glaubensgründen ist; ich vermute, der unfreiwillige Zölibat manches 22-jährigen Nerds, den man hier und da noch in entsprechenden Instituten beobachten kann, verdient den Respekt nicht.
Aber als Katholik braucht man weder eine theologische Ausbildung, noch ein abgeschlossenes Studium und schon gar nicht eigene Erfahrungen mit Sexualität, und seien die auch ehelich gewonnen — die könnten das Weltbild ja nur verwirren. Man könnte aus ihnen zum Beispiel die Erkenntnis gewinnen, dass eine “Verhütungsmentalität” eigentlich eine tolle Sache wäre, wenn es sie denn unter der unvorstellbar schlecht aufgeklärten Jugend gäbe; dass die angesichts des eigenen Horrors vor Abtreibungen sogar propagiert werden sollte. Aber das mag einen 22-jährigen überzeugten Katholiken wohl nicht mehr anfechten — als solcher hat man vermutlich eine beängstigende Routine entwickelt, sich widersprechende Fakten in seinem Kopf so zurecht zu legen, dass sie die eigenen Phantasien nicht zu sehr belästigen.
Das Buch, das ihm zugeschrieben wird, hat Liminski derweil vor allem als Herausgeber zu verantworten. Je dümmer und kleiner die eigene Bewegung ist, desto bereitwilliger scheint man ihr in populärstupidster Verschlagwortung den Stempel Generation selbst zu verleihen; da weiß man wenigsten, auf welchem Niveau man sich bewegt. In dem Buch beschäftigen sich dann Liminski und andere gleichsam qualifizierte mit den großen Fragen, etwa: “Welchen Beruf soll ich ergreifen?”, oder: “Wie finde ich die Liebe fürs Leben?” Damit das für den Leser nicht zu kompliziert wird, werden die Antworten gleich mitgeliefert, und zwar, wie es wörtlich auf dem Cover steht: “Antworten im Geiste des Papstes”. Außerhalb der katholischen Autoritätengläubigkeit würde man so etwas wohl als besonders stumpfsinnige Form von Fan-Fiction begreifen, die eines 22-Jährigen (mag er in seiner sexuellen Entwicklung aus eigenem Entschluss auch zurückgeblieben sein) nicht mehr würdig erscheint. Aber bitte, Glaube hat seine eigenen Gesetze.
Dank Amazons Empfehlungslinks auf Bücher, die Leser dazu noch gekauft oder sich angesehen haben, kann man sich ein Bild von denen machen, die so etwas wirklich ernst genug nehmen, das Buch zu kaufen: in der Liste taucht neben der “Kurzgefassten Verteidigung der Heiligen Inquisition” (eine vorgebliche Satire, die den Rezensionen nach eben doch nur das ist: eine Verteidigung), zwei Ratzinger-Büchern, dem Spaemann und “Generation Credo” dann auch das eigentlich das Genre definierende Werk auf: “Katholizismus für Dummies”.
Als ob es auch einen anderen gäbe.
Nachtrag, 05.12.07: Es geht hier nicht darum, Liminskis privat gelebte Absonderlichkeiten zu beurteilen. In wen der wann sein Ding steckt, ist mir persönlich genau so egal wie bei allen anderen Teilnehmern der Runde. Es geht hier nur darum, dass jemand der Auffassung war, seine durch keine Erfahrungen getrübten Ansichten hätten das Forum in der Talkshow verdient. Ab einem gewissen Punkt ist man leicht peinlich berührt, wenn man jemanden über Sex reden hört, der nicht weiß wovon er spricht, seine Ahnungen aber mit entwaffnend simplifizierten Dummheiten vertritt (”Sex ist heilig” — deutet wahrscheinlich auf ein grundsätzliches Problem der katholischen Wahrnehmung hin: was man nicht kennt, ist heilig; was heilig ist, kennt man nicht, deckt sich aber komischerweise doch mit der gerade aktuellen Kirchendoktrin und -politik).
Da passt es auch ins Bild, dass Nathanael Liminiski seine eigene Position so wenig reflektieren kann, dass er sie als selbst entdeckt wahrnimmt; die Deckung mit der Kirchendoktrin sei zufällig. Das erinnert an peinliche 70er-Jahre-Soziologiestudenten, die durch hartes eigenes Nachdenken doch nur immer wieder die Marx’schen Erkenntnisse bestätigt finden; trotz des Unterschiedes, dass Marx verglichen mit unserem bayerischen Knödel-Intellektuellen-Papst tatsächlich fast unfehlbar wirkt. Hinfällig wird Liminskis Scharade dann, wenn sich zufällig auch jede andere seiner Positionen mit katholischer Anweisung deckt, sei es zu Sexualaufklärung, Verhütung oder Homosexualität. Damit erledigt sich auch seine inszenierte Selbstverharmlosung als “private Wahl”, die er sonst niemandem gegen seinen Willen nahelegen wolle. Spätestens, wenn ich Aufklärung als Tabubruch mit bedauerlichen Folgen angreife, geht es eben nicht mehr darum, dass jeder seine eigene Wahl treffen können soll.
Menschen bei Maischberger, 04.12.2007: Keuschheit statt Porno — Brauchen wir eine neue Sexualmoral?: mit Michaela May, Lady Bitch Ray, Oswald Kolle, Nathanael Liminski, Wolfgang Büscher.
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[...] doch relativ zahm, was aber vielleicht einen Grund hat, denn dafür werden sie dann auch in seriöse Talkshows eingeladen. Der Wahnsinn kann eben schreien und flüstern. This entry was written by Mark, posted on 5 [...]
Darf ich mir den Vergleich mit den Soziologie-Studenten irgendwann mal ausleihen? Der ist einfach zu gut ;)
Klar — ich erhebe kein Urheberrecht auf Soziologiestudenten-Bashing :-)
Dawkins-Anhänger könnten versucht sein, Hilfe bei dem laut Dawkins auf vorbildliche Weise einer tiefen Naturreligösität frönenden Albert Einstein zu suchen. Und siehe da: Dieser hatte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorehelichen Sex:
(Wikipedia:) “Erst 1987 wurde durch die Veröffentlichung privater Korrespondenz publik, dass dem (der Eheschliessung vom 6.1.1903) schon im Januar 1902 die Geburt der unehelichen Tochter Lieserl vorausgegangen war, zu einem Zeitpunkt, als die Mutter bei ihren Eltern in Serbien weilte.
Über Lieserls weiteres Schicksal wird lediglich gemutmaßt: Ihre bloße Existenz wurde von den Eltern zur Wahrung der Sittsamkeit verheimlicht. Wahrscheinlich wurde sie mit einem Down-Syndrom (Trisomie 21) geboren. Auch ist es fraglich, ob Einstein sie jemals zu Gesicht bekam. Möglicherweise wurde sie zur Adoption freigegeben, andere Quellen sprechen von einem frühen Tod im Alter von 21 Monaten.”
Na also, da haben wir doch eine Ethik aus dem naturreligiösem Nichts: Ausserehelicher Sex (mit Cousine Elsa Löwenthal 1917-19) ist gut und führt zu weiteren Eheschliessungen, uneheliche (kranke) Kinder sind gesellschaftlich nicht mehrheitsfähig und daher abzuschieben, Karriere im Namen der (begrenzten ;-) ) Wissenschaft ist ein höheres Lebensgestaltungsprinzip, alle wichtigen Arbeiten sind vor dem 30. Lebensjahr abzuschliessen.
Den Rest des Lebens beschäftigt man sich mit den wahrhaft wichtigen Dingen des Universums, Atombomben und Sex. . (Wikipedia:) Die letzten eineinhalb Jahre seines Lebens verbrachte Einstein mit der Bibliothekarin Johanna Fantova, deren im Jahre 2004 entdecktes Tagebuch Aufschluss über einige Details gibt. Er verglich sich demnach mit „einem alten Auto, das voller mechanischer Probleme ist“. Ob sich dies auf seinen unheiligen Sex bezog?
Ich bin mir fast sicher, dass der Kommentar in Deinem Kopf mehr Sinn ergeben hat, als das, was Du dann hier geschrieben hast; das klingt nämlich etwas verwirrt.
Es scheint fast so, als wolltest Du nicht “Danke” sagen für ein Gesellschaftsmodell, in dem Du frei entscheiden konntest, wann Du mit wem Geschlechtsverkehr hattest bzw. wann und ob Du deshalb heiraten wolltest, obwohl Du sicher von diesem Recht Gebrauch gemacht hast — noch so, als würdest Du es begrüßen, dass dank überwundener Sittsamkeits-Scheinheiligkeit heute uneheliche Kinder kein Stigma mehr tragen und darum auch nicht mehr versteckt oder abgegeben werden müssen. Vielleicht ist Dir aber selbst nicht ganz klar, welches Gesellschaftsbild Du angreifen willst.
Vielleicht beruht das Ganze aber auch auf rein katholischen Missverständnissen zwischen Sachfragen und Personenkult, die sich in der Kirche ja nicht immer trennen lassen.
Aber ich muss jetzt wirklich meine wichtigen Arbeiten abschließen, nachdem das mit 30 nicht geklappt hat. Sonst hab ich im Alter hinterher zu wenig Zeit für Sex (der Horror?).
Gott sei Dank kam die kaum erwähnenswerte Allgemeine Relativitätstheorie auch erst weit nach Einsteins Dreißigstem.
Die Grundlagen für die ART wurden vom 26-jährigen Einstein 1905 gelegt, die Veröffentlichung liess dieser 1916 folgen. Ersetzen wir also 30 durch 37, um dem kleinlichen Einwand zu begegnen.
Klarheit ist doch was Schönes, also: Richard Dawkins weist zu Recht darauf hin, dass Christen versucht haben, Einstein im Namen der christlichen Religion zu vereinnahmen. Dieses Vereinnahmen um der vermeintlichen Vorbildwirkung lehne ich grundsätzlich ab.
Um dies (sarkastisch) zu untermauern, hatte ich den Lebensweg des Nobelpreisträgers zitiert: Wie passen denn Einsteins vorehelicher Sex, das uneheliche Kind, sein ausserehelicher Verkehr, seine zweite Ehe, oder auch seine ursprüngliche Zustimmung zum Bau der Atombombe ‘gegen Deutschland’ mit christlichen Moralvorstellungen à la Keuschheit statt Porno zusammen? Nobody is perfect, und lassen wir A.E. einfach den grossartigen Wissenschaftler sein, der er war, das reicht doch wirklich.
Unsere freie Welt ist eine grosse Errungenschaft, die ich niemals missen wollte. In anderen Zeiten konnte man sagen: Religion ist Trost im Elend, Zuflucht in der Unterdrückung, oder auch Opium fürs Volk. Ich denke, erst in genau unserer heutigen Freiheit ist es besonders spannend, sich auf Religion einzulassen: Meine freie Entscheidung in einer weitestgehend freien Gesellschaft.
PS: Zu Richard Dawkins’ Gotteswahn werde ich mich noch im Einzelnen äussern. Dieser ‘Marathon ins Nichts’ hat es sich redlich verdient.
Dass man ab einem gewissen Alter eher selten wissenschaftliche Revolutionen (mit)auslöst, ist ein relativ oft beobachtbares Phänomen. Ich weiß nicht, was das über Einstein aussagen soll. Ihm Altersfaulheit vorzuwerfen, wäre wohl sachlich mehr als falsch. An welchen Maßstäben würde man das auch messen wollen?
Die Vereinnahmung zusammenhangsbefreiter Zitate ist allerdings bedauerlich. Ich bezweifle aber, dass da Hinweise auf den Lebensstil korrigierend wirken. Von interessierter Seite wird doch heute alles mögliche aufgegriffen, wenn es auch nur im Entferntesten dazu dienen könnte, einen missverstandenen Atheismus anzugreifen.
Aber wie dem auch sei. Schreib mal was zu Dawkins — ich hatte schon begonnen, mir Sorgen um Deinen Blog zu machen. Vielleicht schreib ich dann mal einen Aufsatz: Religion als Relaxans der Furcht in der freien Gesellschaft ;-)
Für die Sorgen um meinen Blog möchte ich mich bedanken, da könnte ja eine Prise Anteilnahme versteckt sein ;-) …aber so schnell gebe ich mein Bloggen dann doch nicht auf… bleibt die Sache mit der Zeit, die nicht immer so leicht zu lösen ist.
Immerhin habe ich eine lose Serie zum Thema Gotteswahn begonnen, da komme ich vielleicht noch in den Genuss Deines Aufsatzes: Religion als Relaxans… ich muss mich doch nicht fürchten ;-) ?
ein kleiner link zu einem grossen Thema: http://stefan888.wordpress.com/2007/12/21/die-arche-noah-des-atheismus-1-oder-meine-einfachen-fragen-an-richard-dawkins/
Hey, Anteilnahme ist eine grundatheistische Eigenschaft — und vielmehr wohl noch Zeitnot, wo wir doch nur dieses eine Leben haben :-)
Deine Dawkins-Replik ist bisher ja eher eine Bestimmung Deiner eigener Position, aber schaun wir mal.Für den Tag habe ich schon genug Fundamentalkritik geleistet, darum musst Du sowieso nichts befürchten, was Du von hier nicht kennst.