Wenn Wissenschaftsjournalisten den Witz nicht verstehen
Der hehre deutsche Wissenschaftsjournalismus… das heilige Recherchieren von Hintergründen, die Einordnung in den geschichtlichen Verlauf des Erkenntnisgewinns… die Lektüre der Veröffentlichung und das Nachschlagen aller wichtigen Fußnoten… die sprachlich subtile und dennoch unterhaltsame Komposition des Artikels… die tiefe Befriedigung aus dem Wissen heraus um die Förderung des öffentlichen Diskurses…
Wenn die Drogen dann zu wirken aufhören, kann man einen zweiten Blick wagen auf eine Profession, die heutzutage möglichst preisgünstig, prägnant und pointiert arbeiten soll — und dafür in Kauf nehmen muss, nicht mehr präzise, prüfend und parteilos über Wissenschaft berichten zu können. Das ist tragisch. Zum einen für die Wissenschaftsjournalisten selbst, die, so hoffe ich zumindest, darunter genau so leiden wie unter den von ihren Redaktionen an sie weitergegebenen ökonomischen Zwängen; zum anderen für das Niveau des Wissenschaftsjournalismus. Wenn keine Zeit mehr bleibt, sich kritisch mit den zu besprechenden Veröffentlichungen auseinanderzusetzen, dann ist das halt Essig mit der Wissensvermittlung; dann betreibt man seinen Journalismus auf keinem höheren Niveau als die Kollegen von der Klatschspalte. Ich habe hier ja auch schon mal die Errichtung eines wissenschaftlichen Feuilletons gefordert. Von Feuilletonisten kann man wenigstens erwarten, dass sie die Inhalte, über die sie berichten, auch wirklich gelesen und sich mit ihnen auseinandergesetzt haben; dass sie mithin nicht einfach Pressemitteilungen wiedergeben.
Nehmen wir als neues Beispiel die publizistischen Beiträge zu gerade erschienenen Erkenntnissen des britischen Forschers Sam Shusters über die Verbindung zwischen Testosteronspiegel und Humor, die er in monatelanger Arbeit über die Reaktionen auf Einradfahrer aus dem nebligen Dunst vermeintlichen Welt-Anscheins förmlich herausgeschält hat: Als Ergebnis erhält er einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Testosteron und Witzigkeit und damit auch zwischen Humor und Aggressivität. Das Einrad hat er übrigens selbst durch die Stadt gefahren. Die Reaktionen, auf die er dabei traf, nennt er surprisingly consistent; und so möchte ich auch fast die Reaktionen des deutschen Wissenschaftsjournalismus bezeichnen:
Michaela Monschein schreibt drei Absätze für pressetext.de (”Männer sind lustiger als Frauen”). Schönster Satz: “Shuster betont, dass die Idee, dass Einrad fahren an sich lustig sei, diese Forschungsergebnisse nicht erklären könne.” Einwände: keine.
Holger Dambeck, dessen kritische Fähigkeiten hier schon Thema waren, leitet für SpiegelOnline (”Hormonthese: Das Geheimnis des männlichen Witzes”) wieder mit einer nett selbst gemachten Generalisierung über Frauen und Humor ein, schildert die Veröffentlichung in fünf Absätzen und fügt noch, vermutlich selbst recherchierte, Aussagen von Alfred Messerli hinzu, der zu demselben Thema in Zürich forscht. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sich nicht um Zusatzrecherche bemüht hat. Schönster Satz: “Aber gibt es eigentlich Frauen, die witzig sind? Oder die es zumindest versuchen?” Einwände: keine.
Pia Heinemann für die WELT (”Humor hängt vom Testosteronspiegel ab”): Sieben Absätze über die Veröffentlichung. Schönster Satz: “Streng systematisch ging er dabei vor…” Einwände: ‘recht gewagter Schluss’, ’selbst ernannter Anthropologe’.
Eva Obermüller für den ORF (”Männlicher Humor: vielleicht nur versteckte Aggression”) mit 13 Kurzabsätzen über den Bericht. Schönster Satz: “Von da an ging er das Ganze systematischer an.” Einwände: ‘gewagte These’, ‘nur semi-quantitativ, wie der Forscher einräumt’.
Werner Bartens für die Süddeutsche Zeitung (”Ein Einfall mit dem Einrad”) mit einem weniger eng an die eigentliche Veröffentlichung angelehnte Einleitung, dann aber ausführlicher Schilderung der Ergebnisse. Schönster Satz: “Shuster kommt nach einem Jahr voller Schmähungen, Beschimpfungen und Spötteleien jedoch zu dem Schluss, dass die männliche Aggression wohl ein zu hoher Preis für diese Art von Humor ist.” Einwände: ‘wilde Theorie’, Ergebnisse leicht ironisiert.
“jl” für die österreichische Die Presse (”Biologie: Warum Männer soviel Humor haben”): Eine ironisierte Nacherzählung der Veröffentlichung. Schönster Satz: “Dass wir Männer die Frauen vor allem mit einem Talent für uns einnehmen – dem Humor –, ist so bekannt, dass es keiner weiteren empirischen Studien bedarf.” Einwände: starke Ironisierung der Ergebnisse.
Ein beeindruckender Querschnitt des deutschsprachigen Wissenschaftsjournalismus aus den ersten zwei Google-Seiten zu dem Thema. Wer sich die sehr kurze Veröffentlichung selbst durchlesen will, findet sie im Britisch Medical Journal hier. [1] Und da kann er dann Sätze lesen wie den hier:
As a cyclist, I had occasionally thought of using more or fewer wheels, but it was only when choosing a grandson’s gift that I got seriously lost in contemplation of a gleaming chrome unicycle. My wife said “buy the bloody” thing, which I did on the whim of the moment.
Zum Materalienteil:
As I had no idea what the phenomenon was, my reservoir of multipurpose preconceptions could not provide a testable hypothesis: (…)
Ein Drittel der Veröffentlichung besteht überhaupt nur aus Auflistungen der verschiedenen Beleidigungen, Aufmunterungen und Witze, die Shuster sich auf seinem Einrad anhören durfte. Bevor wir zu einer noch bemerkenswerten Stelle im Diskussionsteil kommen:
The existence of an overwhelming sex difference inevitably raises the possibility of biological advantage, in particular whether male humour enhances female sexual preference. Marty Feldman, a notoriously unprepossessing comic, had no doubt of it, and Diane Keaton said she was mostly won over by men who made her laugh. Darwin’s Descent of Man defined the dominant evolutionary role of sexual selection.1 The components of mate attraction are becoming defined2—the male woos and the female selects—and male humour seems to be involved.3
Die Erörterung der gefundenen Ergebnisse beruft sich also auf Marty Feldman, Diane Keaton und Charles Darwin — und letzterer wird nur eingeführt, um überhaupt etwas für die Zitierungsliste zu tun. Denn die im tiefsinnigen letzten Satz verzeichneten Verweise sind die drei einzigen Zitate in der ganzen Veröffentlichung.
Oder, um es noch kürzer zu machen: Das Ganze ist ein Witz! Britischer Feiertags-Nerd-Humor! Hallo, SpiegelOnline, WELT und ORF — jemand zuhause? Irgendwo in Englang sitzt ein pensionierter Dermatologe auf seinem Einrad und lacht mit seinen Kollegen über zwei Drittel der Wissenschaftsjournalisten, für deren Art von Journalismus es unerheblich ist, wie offensichtlich, albern oder unsachlich man seine Späße mit ihnen macht: solange es der Form halber nach Wissenschaft aussieht, wird auch als solche darüber berichtet. Das gibt ein paar sexy Artikel im Qualitäts-Print-Journalismus, auf den wir alle so stolz sind, und weiter geht’s. Verwursten wir die nächste Pressemitteilung, ohne einmal darüber zu reflektieren, was wir da tun. Und weiter so.
Dass unter denen, die das gar nicht verstanden haben, drei Frauen und Holger Dambeck waren, lasse ich mir mal unkommentiert. Mir ist, als wären da irgendwo noch ein oder zwei Witze mehr versteckt.
[1] Shuster, Sam: Sex, aggression, and humour: responses to unicycling; British Medical Journal; 335:1320-1322
Nachtrag: Mehr Humor von Sam Shuster gibt’s hier über Marx’ Hautkrankheiten (He wrote to Ludwig Kugelmann in 1867: “I still have a carbuncle on the left loin not far from the centre of propagation, as well as numerous furuncles.” (…) His only consolation, he told Engels, was that carbuncles were “a truly proletarian disease”.) und die daraus folgende Notwendigkeit, die Geschichte des Kommunismus neu zu bewerten: “Das erklärt neben seinem Selbsthass auch die Entfremdung, die Marx gefühlt haben muss und die sich durch sein ganzes Werk zieht.” Unbezahlbar.
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[...] Was englische Wissenschaftler sagen und deutsche Journalisten schreiben, das sind natürlich zwei Paar Schuhe. Herrlich. This entry was written by Mark, posted on 22 [...]
[...] war doch sehr verwundert über diese angebliche Einrad-Humor-Studie. Bei kamenin in der "Begrenzten Wissenschaft" las ich dann von all den naiven Schreiberlingen, die dem guten Sam Shuster auf den Leim [...]
Ähm, wenn hier deutsche Wissenschaftsjournalisten am britischen Witz gescheitert sind, dann frage ich mich aber, warum auch so viele englischsprachige Medien daran gescheitert sind und die Studie ebenfalls wiedergeben, siehe http://tinyurl.com/33kv73. Nur weil Sam Shuster die Ergebnisse humoristisch aufgeschrieben hat, heißt das noch lange nicht, dass er diese Untersuchung niemals durchgeführt hat. Wie hier die Verbreitung behauptet wird, die ganze Sache sei ein Witz, ohne aber dafür irgendeinen harten Beleg zu haben oder sich darum bemüht zu haben, finde ich schwach. Typisch Blogs halt - da vertraue ich doch lieber weiter der Zeitung…
@Arne Gans
Dein Link funktioniert nicht. Aber es steht Dir frei, die oben verlinkte Originalpublikation durchzulesen.
Bei der Lektüre wirst Du feststellen, dass es entweder ein Witz ist oder die unwissenschaftlichste Publikation überhaupt, in Ausdruck, Methodik, Analyse, Bewertung und so weiter. Du kannst aber nicht zu dem Ergebnis kommen, dass das relevante Wissenschaft ist, deren Ergebnisse man unhinterfragt verbreiten sollte, weil’s so einen netten Artikel gibt. Und das ist, was Du in den Zeitungen finden wirst.
Sicher wurde die “Untersuchung” auch durchgeführt, nur hat nicht jede “Untersuchung”, die ja explizit beschrieben wird, deshalb wissenschaftlichen oder überhaupt Erkenntnis fördernden Anspruch.
Die einzigen Quellen, die sich explizit getraut haben zu sagen, dass es ein Witz ist, dass aus der Arbeit jedenfalls keinen Deut hervorgeht, dass Frauen weniger Humor haben oder Witz testosteroninduziert ist, sind da leider Blogs. Bei denen, die sich nur auf Zeitungen verlassen, kommt dann eben das an: Fehlinformation.
Und dass englischsprachiger Wissenschaftsjournalismus besser sei als deutscher, dass der nicht genau so oft einfach Pressemitteilungen abtippt, habe ich nicht behauptet.
Danke für den Hinweis auf den kaputten Link. Tatsächlich funktioniert er nur ohne den Punkt am Ende, also so: http://tinyurl.com/33kv73
Das sind im Übrigen nur 14 Links, die sich auf die Studie beziehen, und bis auf zwei bekannte britische Zeitungen, die wissenschaftlich öfter in Probleme geraten (Elektrosmog, alternative Medizin -> badscience.net), sind das nur ein paar Lokalzeitungen. Und die haben offensichtlich keinen Wissenschaftsjournalisten da sitzen, der die Agenturmeldungen noch mal nach Stichhaltigkeit überprüft.
Bist Du sicher, dass Du Dein Vertrauen da nicht in die falschen Leute setzt?
[...] Wenn Wissenschaftsjournalisten den Witz nicht verstehen Archiv: [...]
Danke für die Aufklärung und die Links! Wobei man ehrlicherweise sagen muss, daß die Schreiber der Beiträge für bbc news, The Independent und den Telegraph den humoristischen Aspekt dieser “Forschung” offensichtlch auch übersehen haben. Nur in einem Blog bei Nature steht’s unmissverständlich: “Every year the British Medical Journal adds to the jollity of nations with a holiday issue packed with silly research. “
Danke, der letzte Link setzt es ja noch mal in den eindeutigen Zusammenhang.
Den hatte ich beim Schreiben gar nicht, aber wenn man täglich mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen arbeitet, ist Shusters Arbeit auf den ersten Blick als Witz erkennbar. Da stellt sich schon die Frage, warum bezahlte Wissenschafts-Journalisten die Textkompetenz nicht besitzen oder ob nicht mal mehr das oberflächliche Überlesen der Veröffentlichung zur Recherche gehört.
[...] haben, ist bekannt. Herrlich, wenn Wissenschaft mal einen Witz macht und die Journalisten ihn gar nicht [...]
[...] anderen Journalisten hemmungslos über die böse Anarchie der Blogger schwatzen. Damit die humorlosen Experten des hochwertigen deutschen Wissenschaftsjournalismus das Internetpublikum nicht ganz so [...]
[...] Wissenschafts-Ente überhaupt identifiziert worden wäre, wenn kamenin in seinem Blog "Begrenzte Wissenschaft" und ich in diesem Werkstattartikel nicht hartnäckig darauf verwiesen [...]
[...] den Wissenschaftsblogs Wissenswerkstatt und Begrenzte Wissenschaft arbeiten sich die Blogger-Kollegen dieser Tage an der Wissenschaftsrezeptionsfähigkeit der [...]
Hallo Kamenin,
wenn sich daraus eine Debatte entfaltet, wie wir als Leser gute von schlechter Wissenschaft unterscheiden können, bin ich sehr froh.
Bis dahin denke ich allerdings, dass die Kritik übers Ziel hinaus schießt.
Grüße vom Zettmann
… weil ich wohl zu blöd zum trackbacken bin, hier unser Artikel zur Shuster-Geschichte.
Wir haben substanzielles beizutragen:
http://www.scienceblogs.de/plazeboalarm/2008/01/humor-ist-wenn-man-lacht.php
Viel Spaß
[...] little debate in the German Blogosphere (kamenin, Wissenswerkstatt, zettmann) inspires me to render some associations on [...]