Ruhrgebiets-Weihnachtsgeschichten-Versöhnlichkeit

Weihnachten hat den Vorteil, dass man für ein paar Tage mal fünfe gerade lassen sein kann und sich sentimental in Versöhnlichkeit üben kann, ohne dass es große Auswirkungen auf Verhalten und Einstellungen im Rest des Jahres haben muss. Gut, das war vermutlich irgendwie anders gemeint, aber bitte. Ich versuche meinen Teil, den Riss wenigstens für kurze Zeit zu kitten, der sich durch meine haldenbeschattete Heimat zieht, und nicht nur, weil ich gestern nacht unweit des Ruhrstadions endlich die Bahn verlassen durfte, im Auto danach WDR2 lief und alles ganz gut war. Also, im Rahmen brauchtumsgemäßen und zeitbedingten Friedensschlusses, für den der DFB ja auch die Winterpause eingeführt hat, Erinnerungen an frühere Zeiten:

Schützenhilfe zur Meisterschaft

Zweimal leisteten die Schalker den Dortmundern auf dem Weg zu ihren Meisterschaften Schützenhilfe: 1995 wurde BVB-Konkurrent Werder Bremen am 32. Spieltag mit 4:2 bezwungen. So konnte der BVB (der das leichtere Restprogramm hatte) bis auf einen Punkt auf den Tabellenführer aufschließen. In der Saison darauf machten die Schalker ihren Reviernachbarn zum Meister, als sie am 33. Spieltag den FC Bayern dank eines Kopfballtors von Andreas Möller in der letzten Minute mit 2:1 bezwangen.

Transfer von Stan Libuda

Nachdem die Schalker am Ende der Saison 1964/65 zunächst sportlich abgestiegen schienen, gab Stan Libuda dem Werben der Borussia nach und wechselte nach Dortmund. Durch den Siegtreffer des Schalker Idols konnten die Borussen 1966 ihren ersten Europapokal gewinnen. Libudas 30-Meter-Heber in der 106. Minute des Finales von Glasgow gegen Liverpool ist bis heute in Dortmund Legende.

Stan Libuda kam danach natürlich wieder zurück zu seinem Verein, um mit Schalke 1972 den Pokal zu gewinnen. Aber überhaupt gab es Zeiten, als die Mannschaften eher befreundet waren, denn verfeindet. Wie sollte man sich auch gegenseitig nicht mögen, wenn die ersten hauptamtlichen Trainer in Dortmund erst Ernst Kuzorra und dann Kuzorras Schwager Fritz Thelen waren. Letzterer führte den BVB überhaupt erst in die Erstklassigkeit. Darum auch kein Wunder:

Am 25. Juni 1934 hielt der Sonderzug, der die Schalker nach ihrem ersten Meisterschaftstriumph zurück nach Gelsenkirchen brachte, im Dortmunder Hauptbahnhof. Die Mannschaft stieg aus und wurde zum Dortmunder Rathaus gebracht, wo sie sich in das Goldene Buch der Stadt eintrug. Der Finalsieg über Nürnberg wurde als Erfolg für den gesamten Ruhrpott bejubelt.

So waren damals die Zeiten, an die wir dieses Weihnachten ruhig denken sollten. Dass zwanzig Jahre zuvor zu Weihnachten deutsche und englische Soldaten aus den Schützengräben krabbelten, um miteinander Fußball zu spielen, erscheint dann im Vergleich auch nicht mehr ganz so beeindruckend ist, wenn man bedenkt, dass Engländer im Allgemeinen verständigere Menschen sind und auch noch besseren Fußball spielen als Dortmunder.

Und für die Freunde religiöser Weihnachtsbefeierung: Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen stehen…? Das erklärt dann doch unsere Abwehrleistung. Da gibt’s sogar ein ganzes Buch drüber…

Frohe Weihnachten in die Runde, wie immer man die begeht!

 

Zitate: Thomas Spiegel, Gerd Voss; Fast Alles Über Schalke 04, Kiepenheuer & Witsch, 2007

Nachtrag: Ich befürchte, ab Wiederanpfiff der Saison geht’s doch wieder zusammen mit dem FCN gegen die Schwachgelben. Spätestens dann ist es auch kein ausreichendes Argument mehr, irgendwas auf ein T-Shirt drucken zu können.

One Response to “Ruhrgebiets-Weihnachtsgeschichten-Versöhnlichkeit”

  1. [...] (oder vielmehr verlinkt) hatte ich das Buch schon mal, das jetzt mit Grund für diesen ehrenvollen Preis ist: „Mit Gott [...]

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