Die Probleme des philosophischen Idealismus: Wenn Materie nur noch ein Gedanke Gottes ist

Bevor wir uns hier mit den etwas komplexeren Interpretationen quantenmechanischer Phänomene beschäftigen, machen wir einen kleinen Schwenker in die Philosophie und werfen in einen Blick auf die Grundidee des Idealismus nach George Berkeley [1] — eben weil dessen Thesen und ihre Auswirkungen für die weitere Diskussion noch relevant sein werden.

Glauben wir an eine objektive Wirklichkeit, mögen wir den menschlichen Wahrnehmungsprozess so darstellen wollen: wir erhalten über unsere Sinnesorgane Signale, die uns über unsere Umwelt unterrichten; das Gehirn (oder: der Geist) verarbeitet und ordnet diese zu einem Bild; die Übereinstimmung zwischen dem geistigen Bild unserer Umwelt und der Umwelt selbst, erlaubt uns Erkenntnisse und Manipulationen, ist somit für unser Überleben grundsätzliche Voraussetzung. Aus Sicht der Evolutionsbiologie könnte man noch hinzufügen, dass eben der Abgleich zwischen Repräsentation der Umwelt in unserem Geist und der Umwelt selbst ein wesentlicher Schritt unserer Evolution zu handelnden und denkenden Wesen war; dass wir somit durch natürliche Auslese über die Zeit nützliche und soweit auch korrekte, damit aber noch kein vollständige Wahrnehmung und Repräsentation erlangen konnten.

Der Idealismus trifft eine grundsätzlich andere Annahme. Da die einzigen Erfahrungen, von denen wir wissen, unsere Sinneseindrücke sind, hat es keinen Sinn, darüber hinaus noch anderen Annahmen „objektive” Realität einzuräumen. In diesem Verständnis konstituiert erst das menschliche Bewusstsein die Welt um uns herum. Sich eine Welt zu denken, die nicht von Bewusstsein erfasst wird, ist somit sinnlos, weil niemand von ihr irgendeine Kenntnis haben könnte. So drastisch wurde der Idealismus erstmals von George Berkeley im 18. Jahrhundert formuliert.

Wissenschaftsgeschichtlich hatten durchaus beide Ansichten ihren Raum. Auch wenn Wissenschaftler heute vermutlich eine weitgehende pragmatische Weltsicht mit Trennung zwischen objektiver Welt und forschenden Beobachtern zuneigen, hatte der Idealismus doch stets Einfluss: die Annahme, nichts Unnötiges und Unüberprüfbares in die Interpretation hinzuzunehmen, ist ja nicht zuletzt Merkmal wissenschaftlicher Reduktion auf das Wesentliche und Reproduzierbare und erscheint damit zumindest statthaft. Indirekt waren zudem gerade in Deutschland idealistische Strömungen in Philosophie und Kultur immer wieder in Mode, und dies blieb natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die in ihrer Kultur verankerten Wissenschaftler selbst.

Der Idealismus hat allerdings einige Probleme. Zum einen scheinen Menschen in ihrem Wahrnehmen weitgehend übereinzustimmen. Sie sehen vielleicht einen Gegenstand aufgrund ihrer unterschiedlichen Perspektive und individuellen Ausprägung etwas unterschiedlich, aber über die grundsätzliche Form und Natur werden sie im Allgemeinen zu derselben Ansicht kommen. Dies legt zumindest nahe, dass es tatsächlich einen Gegenstand außerhalb der zwei subjektiven Wahrnehmungen gibt, der da erfasst wird. Zudem sind unsere Wahrnehmung mit Konstanz verbunden: wenn ich den Raum verlasse und nach einiger Zeit wiederkehre, finde ich ihn unverändert vor. Mehr noch, wenn ich ihn verändert vorfinde, erwarte ich einen Grund für die Veränderung — und werde ihn normalerweise, so ich genügend nachforsche, auch finden können. Es scheint die Welt, ob Illusion oder nicht, nicht wirklich zu interessieren, ob sie wahrgenommen wird oder nicht; sie verhält sich scheinbar stets nach demselben Muster: die Veränderung in meinem Raum scheint genau so abgelaufen zu sein, wie ich sie hätte beobachten können, wenn ich nur wahrgenommen hätte.

Für George Berkeley war das Ganze kein großes Problem; immerhin war er hauptberuflich Theologe. [2] Wenn wir also die Illusion haben, dass unsere Wahrnehmungen Konstanz und Kausalität zeigen, dann nicht, weil es da nun mal eine unseren Maßstäben nach konstante und kausale Außenwelt gibt. Stattdessen offenbart sich darin für uns die Konstanz Gottes. Wenn niemand anderes hinsieht, ist Gottes Bewusstsein immer noch da und sorgt dafür, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Es ist Gott, der für uns eine Außenwelt denkt und uns diese Gedanken in unsere Sinne einflößt, wenn wir wahrnehmen. Problem gelöst.

Heute sind solche Ansichten eher selten geworden. Hauptgrund mag sein, dass es einfach arbeitssparend ist, sich an die Existenz einer intuitiv sowieso angenommenen Außenwelt zu gewöhnen, als die ganze Zeit sich seine Erlebnisse als von Gott vorgesetzt vorzustellen. Dass direkte menschliche Erfahrung sowieso nur über Sinnesorgane und im Geist abläuft, trifft schließlich auch zu, wenn es eine Außenwelt gibt — wo sollten die Erfahrungen sonst auftreten? [3]

Und wenn man einmal diese Ansicht hat, gibt es nichts im Idealismus, der dann noch dafür spricht: eine idealistisch funktionierende Welt, in der Gott die Illusion einer objektiv existierenden Umwelt aufrecht erhält, ist nun mal durch nichts von einer Welt zu unterscheiden, die ohne ihn funktioniert. Ob es nur so scheint, dass die Welt sich nicht wirklich darum kümmert, dass sie gerade nicht wahrgenommen wird, oder ob es eben wirklich keinen Unterschied macht, hat keine nachprüfbaren Konsequenzen mittels derer man das eine Modell vom anderen unterscheiden kann. Jedenfalls nicht, solange Gott nicht die Geduld verliert und mal was wirklich verrücktes, naturwissenschaftlich nicht erklärbares macht. Aber das scheint ihm lange nicht mehr eingefallen zu sein. Vielleicht will er aber auch einfach nicht, wer weiß.

 

Ganz tot ist der Idealismus trotzdem nicht. Als theologische Spekulation überlebt er immer noch, wenn es darum geht, für Gott einen Platz in der immer enger werdenden Welt zu finden; dazu taugt der nicht beweisbare, in seiner Konsequenzlosigkeit aber eben auch nicht widerlegbare Idealismus allemal. [4] Und gerade hat noch Robert Spaemann seinen Gottesbeweis dadurch führen wollen, dass er Gott jetzt nicht so sehr für die Konstanz weltlicher Wahrnehmung verantwortlich macht, sondern für die behauptete Konstanz abstrakter menschlicher Begriffe wie „Wahrheit” — womit er es geschafft hat, das eigentlich schon etwas unplausible Argument um noch zwei unbewiesene Behauptungen zu bereichern: dass es überhaupt Sinn hat, von menschlichen Abstraktionen wie „Wahrheit” überhaupt als objektiv zu reden und dass die dann auch noch konstant sein sollen.

Leider waren idealistische Ansichten noch so lange in der deutschen Kulturlandschaft vertreten, dass sie auch in der Physik wieder auftauchen sollten, nämlich bei der Deutung der rätselhaften Phänomene, die im Rahmen der Quantenphysik beobachtet wurden. Davon hat sich insbesondere der deutsche Diskurs noch nicht vollständig erholt, während man im englischen Sprachraum, in denen der Idealismus schon früher an Bedeutung verloren hatte, weit weniger Ballast mit sich rum trägt.

Am meisten freut das die Pseudowissenschaftler und Esoteriker, die ihr Glück kaum fassen können, mit halbwegs wissenschaftlich und plausibel aussehenden Argumenten und in diesem Fall sogar echten Zitaten irregeleiteter Wissenschaftler aus falschen Behauptungen ihre eigenen sinnwidrigen Schlussfolgerungen ziehen zu können.

 

[1] Weiter ins Detail werden wir hier kaum gehen können. Genau so, wie es inzwischen hunderte, wenn nicht tausende christliche Untergruppierungen gibt, die sich kaum auf ihr Glaubensbild einigen können, gibt es auch dutzende, wenn nicht hunderte Formulierungen und Ausgestaltungen idealistischer Weltbilder. Sollte einem vielleicht zu denken geben.

[2] Um genau zu sein, wurde er später auch zum Bischof ernannt. Zuvor war ihm neben seiner Erkenntnistheorie ein besonderes Anliegen, zu erklären, warum Sklaverei eine lobenswerte christliche Tradition sei, dass man seine Sklaven aber bitte taufen solle. Was wäre nur unsere heutige Ethik ohne die Verankerung im Christlichen Menschenbild?

[3] Ludwig Wittgenstein soll einmal gefragt haben, warum die Menschen über Jahrtausende davon ausgegangen seien, dass die Sonne um die Erde kreise. Auf die Antwort, dass es nun einmal so aussehe, als ob die Sonne um die Erde kreise, erwiderte er angeblich: Wie hätte es denn ausgesehen, wenn es die Erde gewesen wäre, die sich dreht?

[4] Die Gläubigkeit eines Theologen müsste man demnach etwa daran ablesen können, wie lange er im Fall eines ihm entwendeten Gegenstands dafür braucht, um von der naiv-pragmatischen Frage „Wer hat das genommen?” zum eigentlichen Problem seines Weltbilds zu kommen: „Warum bürdet mir Gott diese Prüfung auf.”

 

4 Responses to “Die Probleme des philosophischen Idealismus: Wenn Materie nur noch ein Gedanke Gottes ist”

  1. Hallo!
    Es macht immer wieder Spaß mit Ihnen zu diskutieren!

    “Der Idealismus: Da die einzigen Erfahrungen, von denen wir wissen, unsere Sinneseindrücke sind, hat es keinen Sinn, darüber hinaus noch anderen Annahmen „objektive” Realität einzuräumen. In diesem Verständnis konstituiert erst das menschliche Bewusstsein die Welt um uns herum. Sich eine Welt zu denken, die nicht von Bewusstsein erfasst wird, ist somit sinnlos, weil niemand von ihr irgendeine Kenntnis haben könnte.”

    Nun, einer der anspruchvollsten Vertreter des subjektive Idealismus war Kant. Und seine Darstellung der Problematik ist wesentlich überzeugender als ein naiver Realismus. Die meisten Vertreter des Idealismus haben eine Realität nicht geleugnet, aber, um es in der Kantschen Terminologie zu sagen, das “Ding an sich” affiziert unsere Sinnesorgane, die Welt, wie sie uns erscheint, ist jedoch ein Konstrukt unseres Geistes. Ein naiver Realismus, der behauptet, wir könnten die Welt so erkennen wie sie ist, ist schlechte Metaphysik.

    “Der Idealismus hat allerdings einige Probleme. Zum einen scheinen Menschen in ihrem Wahrnehmen weitgehend übereinzustimmen. Sie sehen vielleicht einen Gegenstand aufgrund ihrer unterschiedlichen Perspektive und individuellen Ausprägung etwas unterschiedlich, aber über die grundsätzliche Form und Natur werden sie im Allgemeinen zu derselben Ansicht kommen.”

    Kant erklärt das mit den allen Menschen gemeinsamen Anschauungsformen von Raum und Zeit, die ja subjektiv sind, d.h. den Menschen zukommen, und wenn man sie mit Lorenz erklären möchte, unser evolutionäres Erbe sind. Was aber doch nicht sagt, daß das “Ding an sich” so beschaffen ist. Insofern scheint mir dieser idealistische Ansatz wesentlich wissenschaftlicher zu sein als ein naiver Realismus.
    Wenn man nun die Frage stellt, wie es kommt, daß nun unsere Theorien so gut auf die Natur passen, so liegt das daran, daß die Natur nichts geistfremdes ist (Hegel).

    “Zudem sind unsere Wahrnehmung mit Konstanz verbunden: wenn ich den Raum verlasse und nach einiger Zeit wiederkehre, finde ich ihn unverändert vor. Mehr noch, wenn ich ihn verändert vorfinde, erwarte ich einen Grund für die Veränderung — und werde ihn normalerweise, so ich genügend nachforsche, auch finden können.”

    Nun scheint mir das eher ein Problem des Empirismus zu sein. Als Induktionsproblem hat Popper das ausgearbeitet und daraus seine “Falsifikationforderung” formuliert. Es ist doch aus bisheriger Erfahrung nicht logisch ableitbar, das ein bestimmtes Ereignis auch in Zukunft auftreten wird. Man kann das nur durch die Annahme erklären, daß es konstante Naturgesetze gibt. Dieser Satz wäre dann aber kein aus der Erfahrung gewonnener Satz.

  2. Um ehrlich zu sein, ich kenne niemanden, der bezogen auf unser tägliches Erleben noch ernsthaft einen dogmatischen Idealismus a la Berkeley vertritt. Es gibt zwar immer wieder theologische Andeutung in die Richtung (und Spaemanns philosophische Versuche), aber wie ernst man die nehmen muss, was konsequente Überzeugung angeht, halte ich für eher fragwürdig.
    Der Post ist eine Einleitung zur Diskussion weiterer Quantenphysik — in deren Deutung finden wir dann allerdings Ansichten, die weitgehend korrelieren mit Berkeleys Idealismus und die von Esoterikern, uninformierten Medienvertretern und teilweise auch PR-interessierten Wissenschaftlern vorgebracht werden. Darum, als Bezugspunkt, diese Darstellung hier.

    Allerdings muss ich auch sagen, dass ich niemanden kenne, der (reflektiert) heutzutage noch einen naiven Realismus vertreten kann oder würde. Jedenfalls keinen modernen Wissenschaftler, so er denn wenigstens am Rande mal mit Philosophie (oder mit Atomphysik) in Berührung gekommen ist. Naiven Realismus habe ich ja hier auch nicht vertreten (”…damit aber noch kein vollständige Wahrnehmung und Repräsentation…”).

    Kant würde ich nicht unbedingt als Vertreter des subjektiven (=dogmatischen) Idealismus sehen, aber vielleicht ist das auch nur mein Missverständnis über Begrifflichkeiten. Insbesondere nimmt Kant ja durchaus eine objektive Außenwelt an. Sein Erkenntnismodell ist sehr nahe an dem, was insbesondere klassische Wissenschaft ausmacht, gerade weil seine Philosophie auch bedeutenden Einfluss auf Wissenschaftler hatte. Der Umbruch in der Deutung der Quantenmechanik beruht zum Teil ja gerade darauf, dass die kantischen Erklärungsmuster da so nicht mehr greifen. Was man Kant kaum vorwerfen kann :-) Inzwischen kennen wir jede Menge Beispiele dafür, dass das Ding an sich (inklusive die kantischen Wahrnehmungskategorien Raum und Zeit) nicht so ist, wie wir es wahrnehmen. Allerdings haben wir immer noch Wege gefunden, sinnvolle und reproduzierbare Aussagen über die Dinge, wie “an sich” die auch sein mögen, zu treffen.

    Natürlich kann man nicht streng beweisen, dass die Welt wirklich nach Naturgesetzen funktioniert. Darum kann man ja auch nicht mit endgültiger Sicherheit den dogmatischen Idealismus widerlegen. Mir persönlich langt die Erfolgsgeschichte der Wissenschaft und das offenbare Funktionieren unserer modernen Welt, um der Annahme von Naturgesetzen eine sehr viel höhere Plausibilität zuzugestehen als der Gegenannahme. Aber das ist natürlich kein stringenter Beweis, darum kann man philosophisch natürlich über alles mögliche diskutieren — man kritisiert dann aber im Extremfall ein Gebiet, weil es nicht hundertprozentig sicher ist, und vergleicht es mit einem anderen, das überhaupt keine unterstützenden Daten vorbringen kann.

    Oder kurz: eigentlich stimmen wir, glaube ich, hier fast vollständig überein :-)

  3. Guten Morgen!
    Ich habe den naiven Realismus oben auch nur angeführt, um die Position pointiert darzustellen; ich weiß, daß Sie nicht so denken.
    Zum subjektiven Idealismus: Hier liegt ein begriffliches Mißverständnis vor. Subjektiv ist dieser Idealismus, weil die Anschauungsformen von Raum und Zeit dem Subjekt zukommen und nicht dem “Ding an sich” . Das Ding an sich hat aber eine Problematik, die philosophiegeschichtlich zum objektiven Idealismus bei Hegel führte. Aber das ist eine andere Geschichte. Heute wird dieser objektive Idealismus von Hösle vertreten, der, wenn ich das recht in Erinnerung habe, sich mit ca 24 Jahren habilitierte und kurz darauf eine Professur innehatte.

  4. Schöne Grüsse aus Bad Goisern nach Berkeley. Als Jurist kann ich nur sagen, dass Idealisten öfter Probleme im Leben haben als Realisten.

Leave a Reply