Erfolge und Rückschläge des Atheismus

Wieder mal eine Leseempfehlung: Der “neue Atheismus” — eine Polemik beim SkepTicker

Ein paar Anmerkungen und persönliche Ergänzungen zu einem Eintrag, mit dem ich weitgehend übereinstimme:

Im Grunde sind es zwei unterschiedliche Auseinandersetzungen, die thematisiert werden: dass der rein rationale wie instrumentelle Konflikt mit dem Theismus lange vorbei ist, ist ja richtig und mitnichten vergessen; dass schlägt sich vor allem in den Universitäten und Akademien nieder, wo Religion (jenseits der theologischen Fakultät) nachhaltig auf das verdrängt wurde, was man Menschen nicht nehmen kann: ihre Privates. Wer heute noch in irgendeiner Weise ein sachliches Argument mit seinen privaten religiösen Empfindungen vermischt (oder gar begründet), macht sich da lächerlich. Und das wird sich auch nicht mehr ändern. Dass der gesellschaftliche Einfluss von Religion deshalb nicht so drastisch zurückgegangen ist, wie man als Atheist hoffen mochte, liegt aber vor allem daran, dass der Diskurs auf dieser Ebene ein ganz anderer ist. Der wissenschaftlich-intellektuelle Atheismus hätte ruhig versuchen können, seinen Sieg in der akademischen Diskussion der Gesellschaft aufdrücken zu können. Er wäre nur eben nicht gehört worden. Im Zweifelsfall sind die religiösen Versprechungen und Sozialveranstaltungen eben eindrucksvoller als das dem alltäglichen Leben doch eher ferne Argument, dass man intellektuell aber nun mal weiter sei.

Nicht, dass “alter Atheismus” nichts falsch gemacht hätte. Er war zum Beispiel nicht laut genug und hat die Unterschiede im Weltbild nie klar genug kommuniziert. Es ist kein Wunder, dass bei vielen Menschen ankam, dass man ihnen vor allem etwas wegnehmen wolle [1], ohne ihnen einen Gegenentwurf zu liefern oder ihnen zumindest zu erklären, dass Religion nur vermeintlich das liefert, was sie behauptet. Weil man sich nicht aufregen wollte und lieber still blieb, hat man es tatsächlich geschafft, dass Theologen lange vor sich hinphantasieren konnten, dass ohne Christentum und Christliches Menschenbild Grundrechte, Wissenschaft, ja selbst Glaubensfreiheit nie zustande gekommen wären. Das ist vielleicht der eigentliche Unterschied des “Neuen Atheismus”, wenn man den Begriff denn braucht: dass er sich das nicht mehr gefallen lässt und offensiv auf die Menschen zugeht. Und das ist ja wohl auch, was die Theologen erschreckt, dass sie in ihrem ureigensten Territorium auf einmal auf Widerstand treffen. Das ganze Gerede über “atheistischen Fundamentalismus” kann man ja bei Kerner an irgendwelchen dann doch nicht spezifizierten Argumenten festmachen wollen — in Wirklichkeit kennt man all die atheistischen Argumente schon ewig; dass sie jetzt in die breite Öffentlichkeit getragen werden und nicht länger nur irrelevanten Tischgesprächsstoff der “intellektuellen Eliten” bildet, ist das, was wirklich diese Angstphantasien auslöst.

Dass der “Neue Atheismus” bei der Popularisierung seiner Thesen dieselben Fehler macht, wie jede progressive Bewegung, nämlich sich erstmal in Untergruppen zu verstricken, ist eigentlich eher belustigend denn bedenklich. Die Gesellschaft hat sich seit 1960 trotz aller Mao- und K-Gruppen drastisch verändert, und mehr will der “Neue Atheismus” ja auch nicht — eine Änderung der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Die Zersplitterung am Rand ist da schon eher eine Garantie, dass, selbst wenn Verdummer mit Eigeninteressen kommen, die wenig Chancen haben werden.

 

[1] Erschwerend kommt hinzu, dass man keine Probleme hat, von beidem das vermeintlich Beste mitzunehmen: man wird nicht vom technischen, politischen oder sozialen Fortschritt ausgeschlossen, nur weil man sich daneben noch von seinem Priester sagen lassen will, wie toll Gott einen findet und was für eine Spitzenparty er nach dem Tod mit einem feiern wird. Irgendwann haben es umgekehrt sogar die Kirchen notgedrungen toleriert, dass man nach dritter gescheiterten Ehe mit seiner neuen Lebenspartnerin und unehelichem Kind den Gottesdienst feiern möchte.

5 Responses to “Erfolge und Rückschläge des Atheismus”

  1. [...] Andere Augen Jump to Comments Da freut sich der Skeptiker, über den SkepTicker. Dank an Begrenzte Wissenschaft. [...]

  2. die inhaltliche konflikt mit dem theismus ist (angeblich seit langem) vorbei, voila, wir befinden uns in der gesellschafltichen debatte. nehmen wir das einmal an.

    eigenartig ist doch, dass neben dem andauernden hickhack zwischen “rationalen” und “gläubigen” mitgliedern der gesellschaft die dann notwendige auseinandersetzung über soziale wertesysteme total ausbleibt; da muss es wohl so sein, dass atheistische denker zur ethik der angestrebten religionsfreien welt einfach nichts substantielles vorzutragen haben. (die bemühungen zb der giordano bruno stiftung sind möglicherweise im gange, aber…)

    die erkenntnis ist eben eindeutig, dass der konflikt rationales gegen glaubensmotiviertes gesellschaftsbild über eine pattstellung nie hinauskommen wird, da die nichtexistenz gottes sich nicht beweisen lässt sowie die historische faktizität des lebens jesu gegeben ist (sorry, ich musste mich wiederholen). es gibt keine sieger, weder auf religiöser, noch auf wissenschaftlicher seite, i’m sorry to name it.

    wir sollten die eher primitiven untergriffe gegen das christentum beiseite schieben, und über das heute und morgen unserer gesellschaft reden.

  3. Ich weiß nicht, was Du verpasst hast; in meinem Umfeld, gesellschaftlich wie politisch, gibt es ständig Auseinandersetzung über Wertefragen. Und wenn es noch nicht ganz klar ist: der Ton ist da heute fast ausschließlich säkular. Ab und zu gibt’s noch ein paar kirchliche Stimmen und gläubige Laienvertreter. Aber ansonsten ist die säkulare Debatte eben schon die atheistische.

    Wenn Du hingegen auf eine streng atheistische oder streng wissenschaftliche Herleitung eines bestimmten, feststehenden Wertesystems wartest, wirst Du enttäuscht werden. Du kannst nicht aus einer Beschreibung weltlicher Zusammenhänge auf eine absolute Ethik des menschlichen Miteinanders schließen. Das wäre ja genauso absurd, wie sich einen Gott auszudenken, damit man die eigenen Vorstellungen damit erschöpfend rechtfertigt bzw. so unangreifbar zu machen hofft.

    Eine Pattsituation hätten wir die nur dann, wenn Glaube denn irgendeine überprüfbare Erkenntnis der Welt liefern würde. Da er das nicht kann, sogar jedesmal gescheitert ist, wenn er es versuchte, bleibt er zwar unwiderlegbar, ist aber nicht mal unterlegen — er definiert sich nur jedesmal, wenn er in Bedrängnis kommt, die Regeln um. Mithin ist er nicht mal mehr ein Gegner, sondern weitgehend Zuschauer, der selbst noch nicht merken will, dass das eigentliche Spiel inzwischen ohne ihn abläuft und er das höchstens noch durch Zwischenrufe beeinflussen kann.
    Ob es einen Gott gibt oder wie die Welt aufgebaut ist, wird schon lange nicht mehr im Vatikan oder im freikirchlichen Gemeinderaum entschieden.

    Ich rede ständig über das Heute und Morgen unserer Gesellschaft. Nur lasse ich Glauben nicht als Beleg für eine These zu. Eine argumentierender Bischof mag recht oder unrecht haben; einer der sich auf den Glauben beruft oder den voraussetzt, argumentiert aber nicht. Darum muss ich so einem nicht mal mehr widersprechen.

  4. Huch, da wird doch nicht etwa jemand die Absicht haben, die Menschen mit seinem Weltbild zu missionieren aufzuklären?

    Auch wenn du mich vermutlich für einen intolleranten, hoffnungslosen Fanatiker hälst, ich halte es für absurd, christlichen Glauben und Wissenschaft in Konkurrenz zueinander zu setzen. Der Glaube betrifft hauptsächlich eine ganz andere Ebene des Seins als die Naturwissenschaft. Mir ist schon klar, dass radikale Wissenschaftler gerne das Deutungsmonopol beanspruchen wollen, aber die haben halt einfach keine Ahnung von Gott. Sowenig wie ich von Quantenphysik vermutlich. ;-)

    Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.
    (1.Korinther 2,14)

  5. [...] gläubig - deutsch Veröffentlicht in 1. Februar 2008 von kamenin Aus meinem Kommentarteil. Ein Beispiel dafür, wie für Gott argumentiert wird und was davon bei mir [...]

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