Geburtstagsständchen für Joseph Weizenbaum, Piñata-Schlagen inklusive

Der Versuch, einen verdienten alten Mann an seinem Geburtstag zu ehren, indem man ihm eine halbe Zeitungsseite freiräumt, ist ja an sich löblich. Und Joseph Weizenbaum hat in seinem Leben genug geleistet, um es sich verdient zu haben. Wenn dann der entsprechende Artikel aber, selbst mit dem ebenfalls löblichen Ziel, eine andere Ethik zu propagieren, hauptsächlich dazu genutzt wird, Falsch- und Dummheiten von sich zu geben, nützt das niemandem. Es mag dann gemein sein, in dem Zusammenhang eine Dummheit dumm und eine Falschheit falsch zu nennen — aber andererseits war ich zu der Feier ja nicht eingeladen, fühle mich darum auch nicht zu besonderer Zurückhaltung verpflichtet; und trotz aller Geburtstagsrührseligkeit vertrete ich nicht das Weltbild, dass alles, was man sagen kann, gleich viel wert ist. Manches ist nämlich gar nichs wert.

Die Naturwissenschaften sind nicht die einzige Quelle der Wahrheit. Das Fundament der Naturwissenschaften ist der Glaube, nämlich der Glaube, dass die Naturgesetze - nicht nur die, die wir heute kennen - im totalen Raum und seit Anbeginn und bis in die ewige Zukunft herrschen. Doch kein Experiment kann diesen Glauben verifizieren.

So beginnt Joseph Weizenbaum seinen heutigen Beitrag im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Es lohnt sich fast schon nicht mehr, auf solchen Unsinn einzugehen, weil es doch immer wieder dieselbe Anhäufung an Wissensrelativierung und ungelehrtem Geschwätze ist. Aber immerhin erscheint es in Online- und Print-Augabe der S.Z. und Weizenbaum ist einigermaßen angesehen und Wissenschaftler, sogar Professor am MIT, was seinen Ausführungen zusätzliches Gewicht verleiht. Auf den zweiten Blick merkt man dann, dass er Professor für computer science, also Informatik, war, und darum mit forschender Naturissenschaft erst mal keinen Deut zu tun hat. Das erklärt aber, wie er in den einleitenden Sätzen Wissenschaftlern Ansichten unterstellen kann, die ich keinen Wissenschaftler je habe äußern hören. Dass Weizenbaum das aus einem ehrenwerten Ziel her unternimmt, nämlich eine andere Ethik einzufordern, macht ihn sympathischer, aber seine Dummheiten nicht weniger dumm. Dass er heute 85 Jahre alt wird, was wohl Anlass der S.Z. war, ihm das Forum zu überlassen, ebenfalls nicht.

Man sollte einem Informatiker eigentlich nicht den Unterschied zwischen einer Arbeitsgrundlage und einem Glauben erklären müssen. Man sollte einem MIT-Professor nicht erklären müssen, dass die Physik keinen “totalen Raum” kennt, nicht mal eine Idee von etwas ähnlichem hat (und es ist ja offensichtlich nicht der absolute Raum der klassischen Mechanik gemeint, der im Übrigen keine wissenschaftliche Erfindung, sondern der direkten menschlichen Anschauung entlehnt ist). Vielleicht gibt es einen “Anbeginn”, wenn man damit die Entstehung des Universums meint, aber nicht zwingend eine ewige Zukunft — angesichts seiner ansonstigen Ahnungslosigkeit kann man nur hoffen, dass Weizenbaum seine Begriffe auch nur strikt auf das Universum anwendet, in dem allein unser Zeitbegriff existiert. Aber selbst, wenn man all diese Begriffe klärt: kein Wissenschaftler verwettet sein Nachleben oder das Seelenheil ansonsten unschuldiger Kinder darauf, dass “die Naturgesetze” ewig, überall und unveränderlich wirken. Warum sollte er?

Tatsächlich beruht Wissenschaft auf dem Versuch, Naturgesetze, also mathematische Beschreibungen aus dem Lauf der Welt abzuleiten, um damit den weiteren Verlauf der Welt vorhersagen und beeinflussen zu können. Das gelingt uns bis hierher offensichtlich. Kann es sein, dass irgendwo, meinetwegen auf sehr kleinen Skalen oder bei sehr hohen Energien, keine mathematische Beschreibung mehr möglich ist? Möglich ist es. Muss ich das dogmatisch ausschließen, das Gegenteil dafür als Glaubenssatz lehren? Hab ich keinen Anlass zu. Aber solange naturgesetzliche Zusammenhänge findbar sind, kann ich die weiter erforschen und erwiesene Zusammenhänge als Wahrheit betrachten — in dem Rahmen, in dem ich sie gefunden habe. Es wäre vermessen, Aussagen zu treffen, die ich nicht belegen kann, etwa über Dinge, die außerhalb des Universums liegen. Aber dieser Vermessenheit macht sich eben nicht die Wissenschaft schuldig, sondern bestimmte Philosophien und die Religion. Ist das schon klinisch-psychiatrische Projektion, wenn man die Tatsachen so verdreht, damit sie dann wieder ins eigene Weltbild passen?

Was sind denn im Übrigen die anderen Quellen der Wahrheit? Da gibt’s noch Philosophie, das logische Erörtern der Zusammenhänge mittels menschlicher Begriffe. Dummerweise muss die noch viel mehr annehmen, wie weit sie Logik und menschliche Begriffe tragen, weil sie schwer deren Grenze finden wird. Mithin fällt sie noch viel mehr unter die Vorbehalte. Und dann gibt’s natürlich noch Religion, die Berufung auf die eigenen Wünsche und überlieferte Aufzeichnungen der Wünsche heute toter Menschen — wer immer die noch als Weg der Wahrheitsfindung ansieht, muss das schon mit sich selbst ausmachen. Aber Weizenbaum benennt auch überhaupt keine anderen Wege der Wahrheitsfindung. Das Streuen von Zweifeln scheint ihm in diesem Artikel zu genügen.

 

Leider belässt Weizenbaum es nicht bei der Sottise des Anfangs, sondern lässt uns weiter an seinen Einsichten teilhaben:

  • Wissenschaft (und der so mögliche technische Fortschritt) könne als Teil einer Kultur nicht wertfrei sein, was eine unbestreitbare Plattitüde ist: einen Hammer aus dem Baumarkt kann ich ebenfalls sowohl als Werkzeug, wie auch als Mordinstrument benutzen, was Heimwerkertum als Teil einer Kultur dann eben auch nicht wertfrei sein lässt. So ähnlich wie man auch einen Beitrag im S.Z.-Feuilleton mit intelligenten Bemerkungen oder mit fragwürdigen Auslassungen füllen kann.
  • Eine Ameise könne man nicht aus Genetik und Neurologie allein verstehen, sondern müsse dafür die Ameise im Sozialzusammenhang betrachten: was angesichts fehlender kultureller Unterrichtung von Jungameisen überrascht, da man zumindest erst mal davon ausgehen sollte, dass die sozialen Rollen und Verhaltensmuster bereits genetisch und neurologisch angelegt sind.
  • All unser wissenschaftliches Wissen sei nur metaphorisch, denn ein Schwarzes Loch sei weder schwarz, noch ein Loch und “elektromagnetische Teilchen ‘entfliehen’ den ordinären Sternen nicht”. Wieso darf man im Feuilleton der Süddeutschen über die Verwechslung von Realität und Metapher dozieren und das dann belegen, indem man selber Realität und Metapher verwechselt? Ist das für den Professor peinlicher oder für die Süddeutsche? Natürlich ist ein Schwarzes Loch kein Loch; das ist ein Bild, damit alternde Informatiker und Redakteure zumindest eine Anschauung haben von den Eigenschaften haben, ohne dass man ihnen Schwarzschild-Radien erklären müsste. Und natürlich ist es zuallererst schwarz: es strahlt nämlich kein Licht aus, schon gar nicht sichtbares — welchen metaphysischen Begriff des Wortes “schwarz” kann man haben, der dem entgegensteht? Wie immer man es macht, mathematisch, nüchtern-trocken oder mit einem Minimum an bebilderndem Sprachschatz — man kann Wissenschaft nicht darstellen, ohne es falsch zu machen. Die mathematische Auseinandersetzung mit Beobachtungen und die versuchte Falsifizierung ist eben genau das, der Versuch, Realität und menschliche Metapher zu trennen.
  • Weizmann verwechselt Information, genauer: deren mathematische Definition mit der kulturell-menschlichen. Nur die letzte will er als Information anerkennen, was ihm freisteht, damit aber nur eine Begriffsumdeutung ist. Das darf man machen, verneint damit aber die vielfach bewiesene Nützlichkeit des Begriffes in der Naturwissenschaft. Die kann man jetzt natürlich auch umbenennen; nur Erkenntnis gewinnt man aus solchen Sprachspielchen nicht.
  • Insgesamt geht’s Weizenbaum um eine Änderung der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer materiellen Orientierung, wobei es sein Geheimnis bleibt, was das mit Wissenschaft zu tun hat. Wissenschaft könne den Klimawandel nicht verhindern, nur gesellschaftliche Veränderungen. Man kann ihm schwer widersprechen, und ich wünsche ihm viel Glück, aber warum deshalb Wissenschaft aufhören sollte, Gegenmaßnahmen zu finden oder erst mal das Problem zu benennen, bleibt rätselhaft. Inwieweit Wissenschaft seiner gesellschaftlichen Utopie im Wege steht, auch. Es erinnert ein wenig an die Tradition, als erstes die Boote hinter einem zu verbrennen, damit man dann nur noch den Weg nach vorne hat.

Wie gesagt, es lohnt sich eigentlich kaum auf den Unsinn, der da über Wissenschaft behauptet wird, noch einzugehen. Aber einerseits denke ich nicht, dass man Weizenbaum einen Gefallen tut, wenn man ihn stattdessen lieber als senil abschreibt und einfach reden lässt; er hat es verdient, dass man seinen Unsinn intellektuell ernst nimmt und darum auch Unsinn heißt — was im S.Z.-Feuilleton wohl entweder niemand kann oder niemand wollte. Und andererseits ist doch bekannt, bei wem solche Beiträge am besten und unhinterfragt ankommen; aus welcher Ecke man sich dann anhören darf, dass Wissenschaft doch auch nur Glauben sei; wie dann die Berufung nicht mehr auf einen 85-jährigen Informatiker, sondern auf den “bedeutenden Wissenschaftler” Weizenbaum erfolgt.

Die Süddeutsche hat weder sich noch Joseph Weizenbaum einen Gefallen getan mit dem Abdruck, zumal das Ganze in keiner Weise als Beitrag zu seinem Geburtstag gekennzeichnet ist. Nicht, indem sie jemanden über seinen Glauben hätte sprechen lassen, was als persönliche Note gerechtfertigt sein mag, hier aber nicht oder höchstens auf der Metaebene Thema war — sondern weil sie einem verdienten Mann dazu verholfen hat, seine Reputation auf seine alten Tage ein wenig mehr zu ruinieren. Und weil sie mit der kommentarlosen Übernahme der Thesen den Diskurs wieder etwas hat verdummen lassen. Oder um es mit Joseph Weizenbaum zu sagen:

Die höchste Priorität der Schule ist es, den Schülern ihre eigene Sprache beizubringen, sodass sie sich klar und deutlich artikulieren können: in ihrer stillen Gedankenwelt ebenso wie mündlich und schriftlich. Wenn sie das können, dann können sie auch kritisch denken und die Signale, mit denen sie ihre Welt überflutet, kritisch interpretieren. Wenn sie das nicht können, dann werden sie ihr ganzes Leben lang Opfer der Klischees und Schablonen sein, die die Massenmedien ausschütten.

 

Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, Grenzen des Wissens: Wir gegen die Gier von Joseph Weizenbaum, 08.01.2008

6 Responses to “Geburtstagsständchen für Joseph Weizenbaum, Piñata-Schlagen inklusive”

  1. Hallo!
    “Die Naturwissenschaften sind nicht die einzige Quelle der Wahrheit. Das Fundament der Naturwissenschaften ist der Glaube,….”
    Dieser Satz scheint mir völlig einleuchtend. Es ist doch in der Tat so, daß die Naturwissenschaft glaubt, daß z.B. die Naturgesetze im gesamten Kosmos gelten. Ich glaube das auch und dieser Glaube scheint mir auch durch unsere bisherige Erfahrung begründet zu sein, nicht desto trotz ist die Aussage nicht mit den Methoden der Naturwissenschaft zu begründen! -
    Die Frage nach der Wahrheit ist schwierig. Die Naturwissenschaft vertritt meines Erachtens eine Korrespondenstheorie der Wahrheit. Sie kann deshalb nur solche Sachverhalte als wahr oder falsch bewerten, die ihrer Methode zugänglich sind - ich sage das mal ganz vorläufig, da es mir selbst noch nicht klar ist. Der Philosoph Picht meint: Die Frage nach der Wahrheit kommt in der modernen Naturwissenschaft gar nicht vor. Sie sei durch das Experiment ersetzt.
    Die Beschränkung naturwissenschaftlicher Aussagen wird im Folgenden deutlich:
    “Eine Ameise könne man nicht aus Genetik und Neurologie allein verstehen, sondern müsse dafür die Ameise im Sozialzusammenhang betrachten…”
    Vielleicht ist das Ameisenbeispiel nicht gut, wenn man aber den Menschen als Beispiel heranzieht, wird wohl deutlich, was gemeint ist. Der landläufige materialistische Physikalismus behauptet, man könne alle Phänomene letztlich physikalisch erklären. Etwa so: Es gibt diesen Kosmos und sonst gar nichts. Letztlich ist alles auf Physik reduzierbar. (Daß das ein Glaube ist, braucht wohl nicht begründet zu werden.)
    Das würde bedeuteten, daß letztlich die gesamte Biologie auf Physik/Chemie reduzierbar wäre (Eine Position, die u.a von Ernst Mayr abgelehnt wurde.) und die Psychologie auf Biologie und die Soziologie und Ökonomie auf Psychologie. Daß man diesem Glauben nicht zustimmen muß, ist einsichtig.

    Zur Information:
    Nun würde ich hier dem Urteil eines weisen, alten Mannes trauen, zumal er auf diesem Gebiet ausgewiesener Spezialist ist.
    Der Shannonsche Informationsbegriff ist nützlich. Ich erinnere mich daran, den Informationsgehalt in Ja-Nein Entscheidungen von Polynukleotiden berechnet zu haben. Wenn Weizenbaum auf die Interpretation, also auf die Semantik verweist, trifft er jedoch das Wesentliche der Information, was so auch für biologische Information gilt. “Wenn wir ..von biologischer Information sprechen, so soll … genau dieser semantische Aspekt der Informatiion gemeint sein” (Bernd-Olaf Küppers; Der Ursprung biologischer Information;S.61)

    Zur “Wertfreiheit” und zur Kapitalismuskritik
    Wertfreiheit bedeutet nicht eine gewisse Neutralität der Wissenschaft, aus der heraus man, um im Beispiel vom Hammer zu bleiben, den Schmied nicht dafür verantwortlich machen darf, was der Nutzer mit dem Hammer macht. Ich glaube im Übrigen nicht an diese Neutralität. Ich denke, daß der Chemiker Haber, der die Mittel für den Gaskrieg (Chlor) im Ersten Weltkrieg bereitstellte, nicht ganz aus der Verantwortung entlassen werden kann. Doch das nur am Rande. - Gemeint ist bei Weizenbaum meines Erachtens, daß die Naturwissenschaft auch Kind des Zeitgeistes ist, der mit Beginn der Moderne hervortrat. Dazu gehört die Betonung der Subjektivität, des “Ichs” (Descartes: Ich denke,…), und weiter, das der Mensch sich nicht mehr als Teil der Natur, sondern die Natur als Objekt betrachtete, das man erst dann, wenn man es beherrschte, verstanden hatte. Erst in der Moderne entstand die Triade Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, die den Platz der Wissenschaft in unserer Zeit aufzeigt. Der oben erwähnte Philosoph Georg Picht formulierte dazu den Satz: Eine Wissenschaft (und in deren Gefolge Technik und Wirtschaft), die unsere Lebensbedingungen zerstört, kann nicht wahr sein. (In : Der Begriff der Natur und seine Geschichte) - Weizenbaum hat auch Recht, wenn er von der Naturwissenschaft, deren Philosophie der Physikalismus ist, nicht die Einsicht in die Frage “Was sollen wir tuen?” erwartet, da diese Philosophie das gar nicht leisten kann, weil sie kein ethisches Potential hat.
    PS.
    J. Weizenbaum ist ein weiser Mann!

  2. Okay, noch mal: was passiert, wenn wir einen Bereich des Universums finden, in dem unsere Gesetze nicht mehr gelten und wir auch sonst keine finden können? Bricht dann Wissenschaft zusammen, stürzen Flugzeuge und Satelliten vom Himmel, versagen Solarzellen? Nichts davon. Wir definieren einfach einen Bereich, in dem unsere Gesetze gelten und machen in dem weiter Wissenschaft.
    Nur zur Aufklärung, unsere Wissenschaft ist jetzt schon auf bestimmte Bereiche begrenzt: wir sprechen nur über unser Universum, und über physikalische Singularitäten können wir auch nur sehr begrenzt und vorsichtig was sagen.
    Wo ist denn jetzt der Glauben? Hat der irgendwelche Konsequenzen?

    Natürlich kann Wahrheit nie vollständig beschrieben werden, was ich ja auch nicht geschrieben habe. Es wäre aber absurd (oder zumindest sehr unplausibel) zu behaupten, dass Wissenschaft nicht an der Wahrheit dran wäre — offensichtlich ist sie ja nah genug an der Außenwelt, um Flugzeuge in der Luft zu behalten, Strom aus Licht zu erzeugen, komplizierteste Teilchen- oder Satellitenbahnen vorauszusagen. Philosophisch kann man den Wahrheitsbegriff immer bestreiten und theologisch beliebig mit unüberprüfbaren Behauptungen vermehren — das sind für mich Sprachspiele. Weil sie keine nachvollziehbaren Auswirkungen mehr haben auf unsere Welt.

    Das Beispiel mit der Ameise habe ich nicht gewählt. Dass man einen erwachsenen Menschen mit bisheriger Wissenschaft komplett beschreiben kann, habe ich nicht behauptet. Ich würde zwar meinen, dass eine dynamische 1:1-Kopie aller Moleküle und Zustände (nicht möglich) denselben Menschen hervorbringt, mit all seinen Erfahrungen und derselben Persönlichkeit, beweisen kann ich es aber nicht. Muss ich es deshalb “glauben”? Nein, ich kann das einfach weiterer Forschung überlassen, weil die Frage eben keine praktische Relevanz hat.

    Deine Ausführungen zur Information verstehe ich nicht: Küppers bringt eine Hilfsdefinition zur weiteren Verwendung. Shannon geht anders, und Du selbst sagst ja, dass Shannon auch hilfreich ist. Wie gesagt, es ist eine reine Diskussion der Begrifflichkeiten, die nichts über die Welt aussagt, nur über unsere Wortverwendung.

    Ich würde auch nie argumentieren, dass Wissenschaftler keiner Ethik unterliegen. Wer an Waffen forscht, muss sich auch damit auseinandersetzen. Genau so wie ein Schmied einen Hammer oder ein Schwert schmieden kann. Dass heißt aber nicht, dass Schmiedekunst oder Wissenschaft an sich schon mit Wert aufgeladen sind. Und es ist diese Frage, die Weizmann meint. Das sagt er explizit. Keine Not, das auszudeuten.
    Ob die wissenschaftliche Methode auch funktioniert, wenn man Forscher und Objekt gedanklich nicht trennt, wage ich (ohne Hintergrundwissen) erst mal zu bezweifeln. Wissen ist nun mal immer ein Mittel der Beherrschung, das ist ja nur ein anderer Aspekt des Experimentier-Begriffs, der die Wissenschaft erst hervorgebracht hat. “Ganzheitliche” Ansätze mögen da hübsch zu lesen, am Ende aber unrealistische Utopie sein.
    Wissenschaft allein zerstört die Welt niemals (Unfälle ausgenommen ;-)). Den Wahrheitsbegriff dann wie Picht nochmals umzudefinieren, ist eben wieder nur ein Sprachspielchen, in dem man zu faul ist zum Duden zu greifen und stattdessen Erklärungsanspruch und Ethik in einem Wort zu vermischen, um seinen eigenen Ansichten den Anschein von Objektivität zu geben. Wie gesagt, Sprachspiele sind erlaubt, aber fall doch nicht immer darauf herein, dass die Umdefinition eines Begriffs Wissen erzeugt.

    Niemand, niemand, niemand erwartet von der Wissenschaft die Antwort auf ethische Fragen. Höchstens rein instrumentell (”vielleicht weniger CO2 produzieren?”). Das ist ein immer wieder aufgebauter Popanz, den ich hier nie vertreten und schon wiederholt bestritten habe, den im Übrigen nicht mal Weizmann benutzt hat. Es bleibt ein Popanz, so gerne Theologie, gewisse Philosophien und bestimmte Phantastereien das vermischen wollen, um ihrer angeblichen Wahrheit einen größeren Anschein von Relevanz zu verleihen. Vielleicht kannst Du das Argument mal jemandem vorhalten, der es tatsächlich bestreitet.

    Und Weizenbaum ist oder war möglicherweise ein weiser Mann. Das fiele leichter zu beurteilen, wenn er nicht soviele plakative Unwahrheiten und Dummheiten über Wissenschaftler und Wissenschaft an sich von sich geben würde. Das schadet seinem Argument mehr, als ihm all die ethischen Betrachtungen nützen.

  3. Hallo!
    1) Die Frage “Was passiert, wenn..? ist für die Beurteilung der Aussage nicht relevant. Wesentlich ist, ob eine Aussage durch wissenschaftliche Erfahrung gesichert ist, dann ist es Wissen, oder nicht, dann ist es Glauben. Ob es Konsequenzen hat, wenn man diesen Glauben revidieren muß, ist doch völlig belanglos für die Beurteilung der Aussage.
    2) Mit aller Vorsicht - Ihr Wahrheitsbegriff reduziert sich auf einen rein funktionalen, wahr ist was funktioniert. Dieser Wahrheitsbegriff resultiert aus der naturwissenschaftlichen Methode. Insofern hat Picht vielleicht recht, wenn er sagt, die Frage nach der Wahrheit sei durch das Experiment ersetzt worden. Im Übrigen:Die Ptolemäischen Planetenberechnungen funktionierten auch. Hier geht es nun nicht um theologische Zusatzbehauptungen oder ähnliches. Ich möchte lediglich vor allzu naiven Urteilen warnen und die Problematik auf Sprachspiele herunterzustufen ist wohl eher als Denkverbot zu interpretieren.
    3) Wenn Sie der Meinung sind, daß eine 1:1 Kopie eines Menschen denselben Menschen hervorbringen, so ist das die klassische physikalistische Position. Wenn Sie diese Position einnehmen, glauben Sie sie (was man ja kann). Ob das irgendeine Relevanz für Ihr Leben hat ist doch für die Beurteilung der Position als Glauben belanglos.
    4) Das was Küppers zur biol. Information sagt ist sowenig eine Hilfsdefinition wie das, was Weizenbaum über das Telefonbuch von New York sagte. Ich kann natürlich den Informationsgehalt des Telefonbuchs von N.Y. bestimmen, aber was habe ich dann? Nichts Wesentliches. Wesentlich wird die Information nur für den Empfänger, der ihr eine Bedeutung zumißt. Auch das sind keine Sprachspiele.
    5) Es ist doch klar, daß Wissenschaft nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum stattfindet. Welchen Naturbegriff eine Gesellschaft und darin Naturwissenschaftler haben, entscheidet doch über den Umgang mit Natur. Ein Naturbegriff ist nicht wertfrei und damit auch nicht die Naturwissenschaft. - Naturwissenschaft funktionierte nur, nachdem Natur zum Objekt geworden war und das ist wohl auch unverzichtbar für diese Art, Wissenschaft zu betreiben. Aber es muß doch klar sein, daß, wenn man sich der Natur so nähert, man einer Abstraktion anheim fällt. Das sage ich ganz ohne Polemik. Eine solche Einsicht kann aber vielleicht heilsam eine bestimmte Wissenschaftsgläubigkeit relativieren..
    6) Was Picht anbetrifft - ein flottes Urteil! Ich bin überzeugt , daß er mehr als den Duden gelesen hat. Aber auch das nur am Rande. Wie Sie an seinem Satz sehen, ist der Wahrheitsbegriff, der sich darauf beschränkt, ob etwas funktioniert, vielleicht doch nicht der Weisheit letzter Schuß. Picht meint hier, daß die naturwissenschaftliche Wahrheit womöglich nicht die Ganze ist, was, wenn man akzeptiert, daß Naturwissenschaft eine Abstraktion ist, einleuchten ist.
    7) Bei der Ethikfrage hilft nun keine Hinweis auf Popanz und Vernebelung. Fakt ist, daß eine Ethik aus einer materialistischen Sicht nicht zu begründen ist; mir ist jedenfalls eine solche Begründung nicht bekannt. Sie können zwar in der Soziobiologie erklären, wie bestimmtes Verhalten evolutionär entstanden ist, auch welchen Nutzen es hat. Aber das sagt nichts über die Geltungsfrage. Wenn Sie sich auf einen Humanismus berufen, machen Sie Anleihen bei anderen Philosophien, die aber durch einen aggressiven Materialismus mehr und mehr bedrängt werden. Wie sehr das der Fall ist zeigt doch die aktuelle Geist - Materie Diskussion um Singer, Roth u.a. Hier wird ein massiver Angriff auf die Freiheit des Individuums geführt, durch den sich ethische Überlegungen als Illusionen entpuppen würden.
    8) Ein Letztes noch: Wissenschaft ist ein faszinierendes Unternehmen. Diese Faszination wird auch durch die erhalten, die durch eine kritische Haltung die Naturwissenschaften davor bewahren, zu Glaubensartikeln zu verkommen oder Naturwissenschaftler zu dummen Eseln einer exorbitanten Wachstumswirtschaft.

  4. 1) Die Aussage “was wäre, wenn” ist elementar, um zu überprüfen, ob irgendjemand einen beschriebenen Glauben auch vertritt — es reicht nicht zu sagen, eine bestimmte Aussage wäre Glauben, und die dann der Wissenschaft unterzuspielen, wenn Wissenschaft diesen Glauben eben überhaupt nicht vertritt. Es gibt keinen Glauben ohne Konsequenzen, somit: fehlende Konsequenzen = kein Glaube.
    Ansonsten nehmen Sie einfach zwei verschiedene Begriffe von Glauben und setzen die gleich — ein Sprachspiel, das nur Beliebigkeit im Urteil fördert, nach dem Motto: wenn eh alles nur Glauben ist, kann ich auch jeden Dreck glauben und darauf mein Leben aufbauen.
    2) Sie verwechseln DIE WAHRHEIT mit unserer Kenntnis von Wahrheit — wieder nur eine Sprachverwirrung. Unsere Kenntnis von Wahrheit muss sich überprüfen lassen können. Eine Ansicht kann ja wahr sein, aber wenn wir sie nicht überprüfen können, können wir das nicht feststellen, damit auch keine Aussage über die Wahrheit machen. Das Gegenteil einer unüberprüfbaren Behauptung ist dann genau so wenig widerlegbar, und wir können zu keiner Entscheidung kommen. Diskussionen über solche Fragen enthalten also keinerlei Erkenntnisgewinn und verraten uns über DIE WAHRHEIT nichts.
    3) Zwei verschiedene Begriffe von Glauben. Es gibt behauptenden, versichernden Glauben, der positive, aber nicht belegte Aussagen über die Natur der Dinge macht. Und es gibt die Für-möglich-Erachtung bezüglich einer unentschiedenen Frage, woraus gar nichts gefolgert werden kann, bis das nicht geklärt ist. Das erste ist weitgehend unstatthaft, das zweite statthaft. Wenn Sie beide Positionen unter dem Wort Glauben subsummieren wollen, betreiben Sie Verwirrung, vermutlich aus einem Eigeninteresse.
    4) Zwei verschiedenen Definitionen von Information, von der Sie nur die eine für wesentlich erachten. Wenn Sie beide Definitionen in Inhalt und Reichweite nicht trennen wollen, betreiben Sie Verwirrung mit Worten und Begriffen.
    5) Wissenschaft ist eine Abstraktion, richtig, genau wie im Übrigen auch Sprache. Da es keinen unvermittelten Zugang zur Wirklichkeit gibt, muss der Mensch die über Abstraktionen beschreiben. Das allein macht keine Aussage über den Wahrheitsgehalt einer Abstraktion — insbesondere nivelliert es nicht Wissenschaft mit unprüfbarem Glauben (der selbst genau so abstrahiert).
    6) “Eine Wissenschaft, die unsere Lebensbedingungen zerstört, kann nicht wahr sein.” Doch kann sie. Vielleicht nicht wünschenswert, aber das ist dann eben eine Vermischung aus “wahr” und ethischen Urteilen. Darum: Sprachverwirrung. Und im Übrigen eine absurde Vermischung zwischen Wissenschaft, Technik, Gesellschaft und Politik. Ich kann Wahrheit natürlich auch zur Vernichtung benutzen, deshalb ist sie trotzdem “wahr”. Wie gesagt, eine reine Umdefinition des Wortes “wahr” mit persönlichen Wünschen und Ansichten — das ist keine höhere Einsicht, sondern der Missbrauch von Sprachmöglichkeiten, um seine Position zu verabsolutieren.
    “Eine Bundesligasaison, in der Schalke nicht Meister wird, kann nicht wirklich wahr sein.” Unfug.
    7) 18. Mal: Ethik ist nicht materialistisch ableitbar. Niemand behauptet das. Sie wollen aber eine absolut und objektiv begründete Ethik. Das ist Ihr persönlicher Wunsch. Dann suchen Sie sich eine solche Begründung. Aber werfen Sie nicht der Wissenschaft vor, dass Sie Ihre vielleicht einfach irrealen Wünsche (Ihren “Glauben”) nicht befriedigen kann. Damit begehen Sie nämlich den Fehler, den Sie anderen vorwerfen wollen.
    Auch die Geist-Materie-Diskussion hat in Wirklichkeit keine Auswirkungen auf menschliche Ethik, verschiebt nur die Ebenen der Betrachtung. Wenn ihr Begriff von individueller Freiheit sich davon bedroht fühlt, dann befürchten Sie vielleicht, ein nachprüfbar widerlegbares Menschenbild zu vetreten. Andererseits könnte die Widerlegung ja nicht “wahr” sein, weil sie sich nicht mit Ihren Wünschen deckt… Sehen Sie, wohin Sie Ihr Sprachgebrauch bringt: ein reine Unterwerfung des Überprüfbaren unter ihr Wunschdenken, mit dem Sie am Ende doch nur wissenschaftlich Überprüfbares aus subjektivem Verlangen bestreiten können. Das alles zwar auf einem wesentlich höherem Niveau als sonst in Religion, aber am Ende leider doch nicht mehr.
    8) Sie haben mir immer noch keinen Glaubensartikel der Wissenschaft genannt. Nur, dass Sie sich *wünschen*, dass Wissenschaft sich auf unreflektierten Physikalismus reduzieren lässt, damit Sie die dann effektiver angreifen können, kümmert die Wissenschaft wenig. Abgesehen davon ist die grundsätzliche Verweigerung des Physikalismus ein viel dogmatischerer Glaube. Ich habe keine Probleme damit, die Frage durch weitere Forschung klären zu lassen; Sie wollen offensichtlich jetzt schon zu einem Urteil kommen. Sind es ja offensichtlich sogar schon, und müssen sich jetzt Wissenschaft so zurechtbiegen, dass Sie ihr Urteil nicht mehr bedroht.

  5. Hallo!
    Nur noch einige Anmerkungen:

    Psychologische Verdächtigungen (wünschen, angreifen, zurechtbiegen, bedroht fühlen, Verwirrung stiften, etc.) sagen wohl mehr über den Schreiber als über mich.
    Es geht mir um die philosophische Position des Materialismus. Bei der Kritik des Physikalismus geht es mir um Argumente, die gewogen werden können. Dabei bin ich neugierig und dankbar für gute Argumente. Das dürfte doch auch in Ihrem Interesse sein, wenn Ihre Beiträge mehr als nur Propaganda für einen Atheismus oder für Wissenschaftsgläubigkeit sein sollen.
    Zu den einzelnen Punkten will ich mich nicht wiederholen. Vielleicht lesen Sie das ein und andere nochmals mit mehr Gelassenheit . Die Ausführungen zur Wissenschaft, Technik und Wirtschaft für absurd zu halten, spricht auch nicht für den Schreiber. Wie wohl auch das Hammerbeispiel zum Thema Wertfreiheit am Problem um Längen vorbeischoß, so ist auch der formalistische Vergleich des Pichtsatzes mit “Eine Bundesligasaison etc.”, der die unterschiedlichen Bedeutungshintergründe von z.B. Wissenschaft (s.oben,meinen Pkt.Wertfreiheit und Pkt5) und Bundesliga ignoriert, wohl eher ein dünnes Brett.
    Viele Grüße

  6. Sehen Sie, die Kritik des Physikalismus steht Ihnen offen, wie gerechtfertigt sie sein mag oder auch nicht. Das ist eine offene Frage. Es wird nur an dem Punkte unredlich, wo Sie ein falsches Bild realer Wissenschaft zeichnen, um mit dem Physikalismus, den heute niemand beweisen oder widerlegen kann, auch gleich die Wissenschaft an sich anzugreifen.
    Vielleicht finden Sie Wissenschaftler, die den Physikalismus für sich privat als Glaubenssatz lehren. Das kümmert das Unternehmen Wissenschaft aber wenig, das sind private Anmaßungen und kulturelle Deutungen/Spekulationen Einzelner. Solche Aussagen auf Wissenschaft zu verallgemeinern, ist diskreditierend und zeugt nicht von Sachkenntnis.
    Vielleicht probieren Sie es mal in einer ruhigen Minute: “Ich weiß es nicht - vielleicht ist es so, vielleicht aber auch so.” Das ist kein Glaubenssatz. Mehr sagt Wissenschaft über all das, was sie noch nicht ihrer Überprüfbarkeit unterworfen hat, nicht aus; sie trifft keine Aussagen und legt keine Dogmen fest. Wenn wir das ernsthaft Glauben nennen wollen, hoffe ich, dass sich auch alle anderen Glaubensrichtungen daran halten werden — dann hätten wir nämlich die Diskussion nicht. Solange bestehe ich aber auf einer begrifflichen Unterscheidung zweier grundsätzlich gegenläufiger Erkenntnismodelle.

    Der Satz “Ich weiß es nicht” ist in der Wissenschaft sowieso der schönste. Wenn Sie den nicht hören können, ohne daraus zu folgern “dann müssen Sie doch auch glauben”, dann haben sie Wissenschaft nicht verstanden. Und dann werden Sie mit stets unvollständiger und begrenzter Wissenschaft vermutlich nicht glücklich in Ihrem Leben.

    Und da Sie meine Picht-Parodie so humorvoll aufgenommen haben, dazu doch noch was, was Ihnen meiner Meinung nach Probleme machen könnte: Die Wahrheit ist wert- und ethikfrei. Der Wahrheit ist es egal, ob ein Drittel aller Menschen an der Pest sterben oder alle auf einmal durch einen unglücklich daherfliegenden Asteroiden. Es tut mir leid, die Wahrheit kümmert sich offenbar absolut nicht um die Sonderrolle des Menschen in der Natur — vielleicht, weil es die nur in unserem Kopf gibt und wesentlich weniger wahr ist als die Wahrheit des Pestauslösers.
    Forschen Sie nach der objektiven Sonderrolle des Menschen! Finden und belegen Sie sie! Aber solange die nicht bestätigt ist, sehen Sie bitte davon ab, Wissenschaft in dem Punkt für falsch zu halten, weil Sie ihren Wünschen nicht entspricht. Und vor allem, definieren Sie nicht den Begriff Wahrheit um, nur damit er Ihre Vorstellungen vor dem Finden eines Ergebnisses schon voraussetzt — das macht nämlich ebenfalls einen unredlichen, leicht orwellianischen Eindruck. Die Berufung auf einen Philosophen entlässt Sie da nicht aus der Verantwortung.

    Beste Grüße,
    k.

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