Das ITER-Projekt: USA spaltet in der Fusionsforschung

Wenn Politik und Wissenschaft aufeinandertreffen, endet das nicht immer schön. Aber wenn Wissenschaft und international vermeintlich verbindliche Verträge schließlich zum Spielball parteitaktischer Überlegungen werden, kann das noch wesentlich unangenehmer werden. Ein Sittengemälde über die Bedeutung von Wissenschaft, politische Lagerkämpfe in der USA und die Auswirkungen auf den Wissenschaftsbetrieb.

Man kann über die Möglichkeiten von Kernfusion zur Erzeugung von Energie geteilter Meinung sein, sowohl was die Realisierbarkeit als auch die gesellschaftlichen Auswirkungen angeht. Solange unser Wirtschaftssystem aber rein wachstumsorientiert ist, gibt es nicht viele Optionen, die uns mittelfristig bleiben: Rohstoffe werden verbraucht und bisherige alternative Energien haben bei aller Förderung ihre Grenzen. Will man sich nur auf vorhandene Energiequellen verlassen, muss man also sowohl eine Änderung des Wirtschaftssystems, der privaten Einstellung zu Energieverbrauch und nicht zuletzt eine aktive globale Bevölkerungspolitik betreiben. Meine Achtung für alle, die das für einen realistischen Weg halten und sich dafür einsetzen. Persönlich habe ich meine Probleme damit, weil ich es für etwas utopisch halte — in der Realität, befürchte ich, werden solche Änderungen erst dann konkret angegangen werden, wenn es praktisch zu spät ist und sich Welt- wie Gesellschaftsordnung, wie wir sie jetzt kennen, unter Verteilungskämpfen schon aufgelöst haben wird; und dann ist noch lange nicht gesagt, wie wir auch nur den Anschein einer liberalen Gesellschaft unter den neuen Rahmenbedingungen beibehalten können, oder ob der Weg dann nicht ganz neue Arten von Totalitarismus hervorbringen wird. Das ist vielleicht extrem pessimistisch, aber Hoffnungs- und Optimismusblogs gibt’s schon genug.

Nutzbare Kernfusion hätte viele Vorteile: es gibt keine Knappheit der Rohstoffe; beim Energieerzeugungs-Prozess selbst entstehen keine klimarelevanten oder ansonsten bedenklichen Emissionen [1]; im Vergleich zur konventionellen Kernkraft, die auf Kernspaltung beruht, fallen deutlich weniger und nur schwach radioaktive Abfälle an, zudem besteht nicht die Gefahr einer Kernschmelze mit anschließender breiträumiger Verstrahlung. Aber die technische Umsetzung ist schwierig und wird eher mehr Anstrengungen benötigen als einst das Manhattan Project. Die Forschung ist aufwendig und kostspielig und wird nur über internationale Kooperationen gestaltet werden können.

Eine solche ist die ITER-Organisation, der neben Europa Japan, China Russland, Indien, Süd-Korea und die USA angehören, und deren Aufgabe es ist, im französischen Cadarache einen Versuchsreaktor zu bauen, von dem man sich erhofft, dass er der erste wirklich Energie erzeugende Fusionsreaktor der Welt sein wird. Die Organisation rechnet optimistisch mit 500 Megawatt. Ob das so funktionieren wird und wie lange es brauchen wird, so weit zu sein, ist ungewiss. Am 24. Oktober 2007 trat das ITER-Abkommen in Kraft, das die Finanzierung sicherstellen sollte, nachdem alle Vertragsparteien das Abkommen ratifiziert und damit eine Bereitstellung der versprochenen Mittel zugesagt hatten. Der Bau soll womöglich noch dieses Jahr beginnen und bis 2016 abgeschlossen werden.

Zehn Prozent der Finanzierung von ITER wurden von den USA vertraglich zugesichert, und eben dieses Geld tauchte dann im entsprechenden Haushaltsentwurf der Regierung für 2008 auf, zusammen mit einer moderaten Mittelerhöhung für die physikalische Grundlagenforschung in den USA. Den entsprechend bezuschussten Institutionen würde Grünes Licht gegeben, um über das Geld zu verfügen, die ihre eigenen Budgets darauf aufbauten. Der Haushaltsentwurf ging in die entsprechenden Gremien. Abgeordnete fügten weitere Geldbewilligungen für Projekte in ihren Wahlkreisen hinzu. Am Ende umfasste der Haushalt mehr Geld als geplant, und Präsident Bush entdeckte sein Herz für fiskalischen Konservativismus und drohte, den Entwurf mit einem Veto zu belegen, wenn nicht Kürzungen vorgenommen würden. Und das tat der Kongress dann auch: er strich vor allem drastisch die Mittel zusammen, die den Forschungsinstitutionen zugedacht waren. Und das Budget für ITER, das als staatliches Vertragsprojekt explizit im Budget ausgewiesen worden war, strich er vollständig und belegte es sogar mit dem bedenkenswerten Zusatz, dass die Mittel dafür nicht aus anderen Geldern für die Forschung dahin umgelegt werden dürften. Ob der demokratisch kontrollierte Kongress das tat, um Bush die lange Nase zu zeigen, indem es von ihm zugesagte Mittel kürzte, oder ob man einfach Gelder strich, welche die Gesamtheit der Wähler kaum vermissen würden und mit denen die Abgeordneten schlecht in ihrem Wahlkreisen Werbung für sich selbst hätten machen können, ist im Prinzip egal: die Folgen sind dieselben.

Durch die Kürzungen befindet sich die Teilchenphysik und damit die physikalische Grundlagenforschung in den USA in der Krise. Die Arbeit an zwei Großprojekten, BaBar und der b-factory am Stanford Linear Accelerator Center (SLAC), werden dieses Jahr im Februar eingestellt. Und der Aufbau des International Linear Collider (ILC) sowie des Neutrino-Experiments NOvA wurde abgebrochen. An verschiedenen Instituten wird mit massiven Stellenkürzungen gerechnet, und wer sich im wissenschaftlichen Betrieb auskennt, weiß, dass das nicht die bestehenden Professuren betreffen wird.

Am ITER sieht es nicht ganz so dramatisch aus, weil eben nur ein kleinerer Teil der Finanzierung von den USA getragen werden sollte. Inwieweit die fehlenden Mittel den Aufbau von ITER beeinträchtigen werden, wird man sehen müssen; ob die USA noch einmal in das Projekt zurückfinden, da inzwischen über einen permanenten Ausstieg spekuliert wird, auch. Das mag auch abhängig vom Ergebnis der Präsidentschaftswahlen dieses Jahr sein. Vor allem macht es aber keinen besonders gelungenen Eindruck, aus einem bereits ratifizierten Vertrag auszusteigen, sobald es an die Einlösung finanzieller Zusagen geht. Speziell, wenn man von den Ergebnissen natürlich auch profitieren will.

Ich will nicht verschweigen: Grundlagenforschung kostet eine Menge Geld. Die kann man nicht mehr in einem kleinen Keller am Institut betreiben, das sind jeweils Großanlagen. Und inwiefern man Geld ausgeben will für Untersuchungen, die frühestens mittelfristig Profit und umsetzbare Technologie erzielen werden, mag jeder anhand seines Weltbilds mit sich selbst ausmachen. Aber hier geht es um elementare Projekte, die sowohl für die Wissenschaftler-Ausbildung eines Landes elementar wichtig sind, wie auch für den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt allgemein. Und bei ITER geht es nicht zuletzt darum, wie unsere Gesellschaft in 100 Jahren aussehen wird. Wir sprechen da auch nicht über Horrorsummen: wir reden, je nach Projekt, von zwei bis dreistelligen Millionenbeträgen — Geld, mit dem man sich kaum ein ganzes Jagdflugzeug kaufen kann. Oder, um es weiter in Bezug zu setzen: ITER hätte die USA 2008 etwa 150 Millionen USD gekostet; das sind in Relation etwa 0,03 Prozent des Haushalts; 0,2 Prozent der für Irak und Afghanistan vorgesehenen Ausgaben (die sicherlich im Laufe des Jahres noch weiter erhöht werden); oder, als wertneutraler Vergleich: 1,8 Prozent der Kirchensteuereinnahmen in Deutschland.

Deutschland steht noch zu seinen finanziellen Zusagen, auch wenn es die SPD-Bundestagsfraktion schon mal über mögliche Einsparungen nachdenken lässt. Aber wenn wir diese Diskussion ernsthaft führen müssen, dann sollte man sich bei der ach so teuren Grundlagenforschung vor Augen halten, über welche Beträge wir hier wirklich reden und wie wir unser Geld bisher in unsere Zukunft “investieren”.

 

Die deutsche Presse hat das Thema derweil nicht aufgegriffen. Google News Deutschland findet zum Stichwort ITER nur einen einzelnen Beitrag des Deutschlandfunks.

 

[1] Im Prozess selbst fällt nur Helium an, das die nette Eigenschaft hat, aufgrund seines geringen Gewichts nicht in der Atmosphäre zu verbleiben. Und die freigesetzte Menge dürfte auch eher vernachlässigbar sein.

Anhang: die weitergehende Darstellung, Diskussion und Verlinkung der Vorgänge in den USA findet man bei den verlinkten Einträgen von Gordon Watts und auf seinem Blog Life as a Physicist

4 Responses to “Das ITER-Projekt: USA spaltet in der Fusionsforschung”

  1. [...] das für das internationale Fusionsprojekt ITER vorgesehen war, wie kamenin heute in seinem Blog berichtet. In diversen anderen amerikanischen Blogs wird schon vorausgesagt, dass die USA ganz aus [...]

  2. Allein für den Titel gibt’s 10 von 10 Punkten von mir.

    Die Geschichte erinnert mich ein bisschen an die Geschichte mit SOFIA. Da gab’s ähnliche Probleme…

  3. Die USA haben eh ein eher “realpolitisches” Verhältnis zur Vertragstreue, nicht nur bei Forschungskooperationen. Mein Lieblings-Beispiel ist immer noch, wie sie 2001 nach etwa 10 Anthrax-Todesfällen Bayer das Impfstoff-Patent wg. nationalen Notstands aberkennen wollten — um vielleicht ein oder zwei Jahre später am meisten zu zetern, als es um bezahlbare AIDS-Medikamente für Afrika ging.

    Aber genug Anti-Amerikanismus, vielleicht braucht man ja doch noch mal ein Visum.

  4. [...] Das ITER-Projekt: USA spaltet in der Fusionsforschung [...]

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