Uhrzeigersinnlosigkeiten (Galaxy-Zoo-Update)
Als der Blog noch sehr jung war, hatte ich schon mal auf das Galaxy-Zoo-Projekt hingewiesen, das Interessierte daran teilhaben lässt, Galaxien zu katalogisieren - ganz Web-2.0-mäßig ohne Bezahlung oder eigenen Nutzen - und dabei auch drüber spekuliert, ob die Seite nicht genug Vandalismus anziehen würde, um die Aussagekraft der Ergebnisse deutlich zu schmälern.
Phil Plait bloggt gerade von der Konferenz der American Astronomical Society (AAS) und hat einen der mit dem Projekt befassten Post-Docs interviewt. Vandalismus war kein Thema, aber einen unvorhergesehenen Effekt gab es trotzdem: in den von Usern ausgewerteten Daten schienen deutlich mehr gegen den Uhrzeigersinn rotierende Spiralgalaxien aufzutauchen als sich im Uhrzeigersinn drehende.
Wenn man das tatsächlich der Fall ist, ist es eine sehr ernst zu nehmende und dringend der Erklärung bedürfende Beobachtung.
Es gibt zwar Bereiche in der Natur, in denen Drehrichtungen nicht beliebig sind. [1,2] Diese spielen aber in den bisherigen Modellen zur Galaxienentstehung keine Rolle, zumal die treibende Kraft dafür die Gravitation ist: und die ist eben richtungs-invariant. Es sollte also nach bisherigem Modell genau so viele Spiralgalaxien im wie gegen den Uhrzeigersinn geben. Noch mysteriöser wird es, wenn man bedenkt, dass die Drehrichtung einer Galaxie davon abhängt, von welcher Seite man sie betrachtet — eine von “oben” im Uhrzeigersinn rotierende Galaxie erscheint von “unten” eben umgekehrt. Das zu erklären bedürfte dann schon höhere Kosmologie.
Die Lösung des Problems scheint woanders zu liegen. Zur Überprüfung, ob das ein echter Effekt ist [3], wurden den Teilnehmern in letzter Zeit gespiegelte Aufnahmen gezeigt: die einzige für die Untersuchung relevante Änderung in den Bildern ist, dass sich die Drehrichtung der Galaxien umdreht, wie jeder Anhand eines Spiegels und einer Uhr leicht ausprobieren kann. Es kam aber nicht dazu, dass jetzt mehr Galaxien im Uhrzeigersinn gefunden wurden: die Teilnehmer klickten immer noch bevorzugt den Button für gegen den Uhrzeigersinn drehende Galaxien an.
Das kann tiefe psychologische Ursachen haben (hingerotzte Jungsche Deutung: es spricht aus dem Unbewussten der archetypische Wunsch nach Verweigerung an der Leistungsgesellschaft, hier symbolisiert durch den sich uhrzeigersinnlich drehenden Uhrzeiger). Oder es kann an einem irgendwie tendenziösen Webdesign liegen. Das wird jetzt weiter untersucht. Spekulationen über eine Kraft, die dafür sorgt, dass auch Galaxien eine Richtungs-Bevorzugung aufweisen, können damit jedenfalls erst mal wieder eingestellt werden.
Oder, um mit Phil Plait William Shakespeare zu paraphrasieren:
So, the fault lies not in our stars, but in ourselves.
[1] Berühmtes Beispiel sind Aminosäuren, die in zwei eigentlich äquivalenten räumlichen Konfigurationen vorkommen, von denen nur eine in biologische Moleküle eingebaut wird. Das ist allerdings etwas täuschend, weil sich die Aminosäuren in ihren Bindungseigenschaft schon unterscheiden, die für die dahinterliegende Chemie also nicht identisch sind. Dass wir in der Natur auf ein durchgehaltenes Muster treffen, ist nur ein weiterer Baustein in der langen, erschöpfenden Belegkette für die Richtigkeit der Evolutionstheorie.
[2] Bedeutender sind die eindeutig nachgewiesenen Effekte, in denen Physik die Richtungs-Invarianz verletzt (nachgewiesen von Wu et al. 1956) - das ist eine reale Eigenschaft von Materie und ist vermutlich essenziell dafür, dass wir überhaupt in einem Universum leben, in dem es kurz nach Beginn schon mehr Materie denn Antimaterie gab; dass es somit überhaupt noch Materie im Universum gibt, nicht nur Strahlung.
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