Wenn Religion eben keine Privatsache mehr ist
Das ist das, was dann als legitimer politischer Diskurs durchgeht:
Nur zur Erinnerung: das ist der liberale, linksgerichtete Hoffnungsträger, der sich da mit Moses vergleichen lässt und uns über die Macht des Gebetes aufklärt; das ist nicht der sympathische evangelikale Rechtsfundamentalist, der Homosexualität mit Pädophilie und Sodomie gleichsetzt, Evolutionsbiologie für kinderschädliches Geschwätz hält und vorschlägt, dass Abtreibungen, wenn überhaupt, dann doch bitte selbstmedikamentös vorgenommen werden sollten (in den USA ist die Haltung auch bekannt als compassionate Christian conservatism).
Es geht noch nicht mal darum, dass Barack Obama Christ ist, wie überzeugt auch immer. Es geht darum, dass eine Demokratie gut damit fährt, für Standpunkte rationale Begründungen zu fordern, die sich nicht durch suggestive, pseudoreligiöse Bildstrecken ersetzen lassen. Mich interessiert auch herzlich wenig, ob die Merkel oder der Beck in ihrer Freizeit gemäßigtem Christentum oder gepflegter Skepsis anhängen — wenn Glaube oder Unglaube zum begründenden Argument für eine Wahlentscheidung herhalten soll, hat das mit Sachfragen und thematischen Abwägungen zwangsläufig nichts mehr zu tun.
Politischer Diskurs ist sonst nicht mehr von der eigenen Parodie zu unterscheiden, und Wahlwerbung findet dann endgültig auf einem intellektuell niedrigeren Niveau als Deutsche-Bank-Spots statt. Roland Koch ist so schon unerträglich genug, ohne dass sich seinesgleichen noch in aller scheinheiliger Obszönität in der Kirche ablichten lässt. Oder sich ablichten lassen muss, weil religiöser Popanz Wählerstimmen zu bringen verspricht. Die Inszenierung ersetzt schließlich das Argument, und anstatt Programme oder zumindest Ansichten abzugleichen, darf man stattdessen in die Meta-Diskussion einsteigen, was uns der Politiker wohl am ehesten mit seinem Spot sagen will: der Politiker wird nur noch zur Interpretationsfläche, auf die wir unsere Assoziationen über seine mediale Inszenierung kleben dürfen.
Was das dann noch mit aufgeklärter Demokratie zu tun hat, mögen die sich in stiller Runde fragen, die diese Art von Inszenierung nicht abstoßend finden.
(via Glenn Greenwald, der den gesamter Flyer vorstellt und sich inzwischen vor seiner amerikanischen Leserschaft dafür rechtfertigen muss, dass er es gewagt hat, diese Art des politischen Diskurses zu kritisieren)
p.s.: “Es ist doch jetzt auch schon schlimm”, ist nicht wirklich ein Gegenargument… Und jeder, der widersprechen will, dass Glaubende auf sowas Billiges hier doch nicht reinfallen würden, kann mir mal erklären, wieso sie es in den USA offensichtlich doch tun.
Nachtrag: zu Roland Koch und Religion hatte Uwe Becker bei SPAM wohl ähnliche Assoziationen.
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Der Grund für diese mediale Kampagne dürfte sein, dass Obama sich noch immer hartnäckig gegen Gerüchte zu wehren versucht, er sei in Wirklichkeit zum Islam konvertiert und schiebe das Christentum nur zum Wohle seiner politischen Kandidatur vor sich her. Aus europäischer Sicht schwer zu verstehen, aber für alle US-Wahlkampfinteressierten durchaus nachvollziehbar, da die ganze Diskussion um Obamas religiöse Zugehörigkeit seinem Wahlkampf bereits schwer geschadet hat. Insofern ist das, was hier kritisiert wird, als eine Art “Flucht nach vorn” zu verstehen, und wird durchaus nicht von allen Kandidaten so praktiziert.
Aber so ist das eben mit dem “Christian bashing”. Hauptsache erst mal drauf auf einen Religiösen - über die Hintergründe kann man sich ja später noch Gedanken machen…
Da Huckabee in diesem Blog wegen seiner Ansichten zur Homosexualität und zur Evolutionslehre ja schon mehrfach in die Pfanne gehauen wurde und nun offenbar auch noch Obama dran ist, warte ich jetzt schon auf den großartigen Tag, an dem sich der Autor auch mal traut einen islamischen Politiker zu kritisieren - es soll da nämlich durchaus Länder geben, in denen Homosexuelle und Frauen mit “falschem” Lebenswandel hingerichtet werden…
Zur Scheinheiligkeit von Koch: Wenn Ihnen eine Kandidatin wie Frau Ypsilanti mehr zusagt, die öffentlich die Abschaffung von Privatschulen und die Einführung von Gesamtschulen fordert, während sie ihren eigenen Sohn gleichzeitig auf eine teure Privatschule schickt, die vom eigenen Wohnort auch noch weiter entfernt ist als die nächste Gesamtschule, dann ziehen Sie doch nach Hessen und wählen Sie die SPD. Wenn dann das Niveau in den Schulen im Namen der Gleichmacherei noch weiter sinkt, haben Sie wenigstens auch in Zukunft noch genügend Stoff für Blogartikel, in denen Sie sich darüber aufregen können, wie das Land bildungstechnisch vor die Hunde geht…
Erst mal wollen wir doch die Dinge beim Namen nennen: die “Gerüchte” sind gestreute Lügen und Verunglimpfungen von rechtskonservativen Blogs mit christlich-konservativem und islamophoben Hintergrund. Solche, die auch gerne mal auf die Seite verlinken, die Sie hier mit Ihrem Namen in Verbindung bringen.
Inwiefern soll das ein Gegenargument dazu sein, dass Religion im öffentlichen Diskurs dazu tendiert, sachliche Diskussion zu ersetzen? Das ist doch ein mustergültiges Beispiel für eine Gesellschaft, die so sehr auf Religiösität fixiert ist, dass Glaubensbekenntnisse und -zugehörigkeit Sachfragen ersetzen, bis hin zu hysterischen Verschwörungstheorien über Geheimislamiker, die das Land unterwandern. Nur falls Sie’s in christlicher Empörung übersehen haben: das war der Punkt, den ich da oben vorgebracht habe.
Ich ließe mir ungern vorschreiben, wen ich wann hier zu kritisieren hätte, schon weil ich aus einer persönlichen Perspektive schreibe: es ist nicht mein Anliegen, alle Probleme der Welt hier anzusprechen oder gar aufzuklären. Insbesondere habe ich aber wenig Geduld mit ereiferten Beschwerden, wen ich hier angeblich dauernd in die Pfanne gehauen und wer dafür hier einen Freifahrschein hätte. Nur als Tipp: oben rechts ist ein Suchfenster, da überprüfen Sie nächstes mal, auf welches Blog Sie sich eigentlich gerade verirrt haben (”warte auf den Tag”, haha) — das ließe Ihre Vorwürfe dann plausibler und Sie weniger textinkompetent erscheinen.
Der Rest spricht für sich.
Na ja, bis zu einer gewisser Grenze ist Religion bei Politikern keine Privatsache, denke ich. Ich würde es z.B. gerne vorher wissen, wenn der nächste Kanzler, den ich wähle, vorhat, seine Politik durch Eingebung Gottes bestimmen zu lassen.
In den USA geht das alles aber viel zu weit, da stimmt ich zu. Auch Clinton musste ja, als sie anfing, über eine Kandidatur als Präsidentin nachzudenken, immer mehr öffentlich betonen, wie oft sie doch in die Kirche gehe, obwohl da vorher selten von die Rede war.
[...] zu werben. Nebenbei ist Frau Winfrey übrigens eine der zugkräftigsten Unterstützerinnen von Barak Obama. Das nur mal so als Seitenhieb gegen die manchmal nicht ganz so verständliche Obamamanie, die in [...]