Wem Phoenix zu wenig Wissenschaft bringt…

… der kann seine Wissenschaftstalks auch im Netz finden. Ein Beispiel ist zum Beispiel bloggingheads.tv (natürlich nur in Englisch). Das Konzept besteht darin, zwei Personen per Webcam miteinander reden zu lassen und das dann als Video online zu stellen. Damit fällt zwar technischer Schnickschnack in Form virtueller Studios, ausladender Schreibtische und Couchensembles weg, und manchmal treten technische oder menschliche Probleme auf [1], dafür tritt das Inhaltliche wieder mehr in den Vordergrund. Man kann sich die sechzig bis neunzig Minuten langen Videos am Stück ansehen oder auch nur Ausschnitte, die nach Thematik geordnet schon vorgegeben sind — oder sich das Ganze als Video oder mp3-File runterladen und dann bei passender Gelegenheit zu Gemüte führen.

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Die Seite befasst sich mit allerlei inneramerikanischen Debatten über Politik und Onlinekultur, aber daneben nehmen auch Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten das Angebot wahr. Zum Beispiel redet in der aktuellen Ausgabe des Science Saturdays der Wissenschaftsjournalist John Horgan mit dem inzwischen auch hauptsächlich als Journalist und Autor tätigen Mathematiker Jim Holt habwegs kontrovers über philosophische Seinsfragen, die in Frage stehende Konstanz von Naturkonstanten und die Erfolgsaussichten des hier schon vorgestellten Fusionsreaktors ITER. Durch das Format wird der Austausch wesentlich entspannter und zielorientierter als entsprechende Fernsehtalks und nimmt mehr die Form eines Austauschs unter Gleichen an. Gleichzeitig fällt aber natürlich auch der für die Allgemeinheit aufbereitende Aspekt des “Das müssen wir unseren Zuschauern aber noch mal erklären…” weg, mit dem meinetwegen Volker Panzer einen Großteil der Sendezeit seiner wissenschaftlichen Thementalks füllt: einerseits macht das die Diskussion lebhafter und senkt das Niveau nicht immer wieder zurück auf Oberflächlichkeiten, andererseits mag das für Leser/Zuschauer ohne wissenschaftlichen Hintergrund dann manchmal etwas sehr unanschaulich und abseitig erscheinen, weil halt ein bestimmtes Grundwissen bzw. eine gewisse Kompetenz im Umgang mit wissenschaftlichem Vokabular schon vorausgesetzt wird. Was nicht heißen soll, dass die Dialoge ohne Erklärungen der besprochenen Konzepte und Argumente auskommen oder sich in Fachchinesisch verirren.

Wenn es, wie in dem vorgestellten Gespräch, um Philosophisches geht, kann der Zuschauer verfolgen, wie auch Naturwissenschaftler (und eben Mathematiker) da nur mit Wasser kochen können, weil es Substanzielleres hinter den Fragen halt nicht gibt. Wie weit sich dann einzelne Wissenschaftler auf metaphysische Spekulationen einlassen wollen und wo sie die Grenze ziehen, hinter der sie nur noch sinnlose Gedankenspiele vermuten, ist dann natürlich subjektive Entscheidung. Es ist aber für Leute, die weniger mit dem naturwissenschaftlichen Diskurs vertraut sind, vielleicht lehrreich zu sehen, wie selbstverständlich man sagen kann, dass man über bestimmte Dinge letztendlich zu keiner aufrichtigen Antwort kommen kann; und das schließt dann halt auch ein, dass man sich aus seinem Nichtwissen nicht auf eine Position des normengebenden Glaubens zurückziehen muss, weil einem sonst das Weltbild unvollständig erschiene. Die so entstehenden spekulativen Diskussionen über metaphysische Möglichkeiten, die damit eben von Politik und gesellschaftlichen Debatten entkoppelt sind, kann dann eher noch neugieriger und aufgeschlossener geführt werden, weil da eben niemand mit Bibel oder Koran sein Welt-, Gesellschafts- oder Berufsbild rechtfertigen muss.

Diese Art von Videos zeigt jedenfalls wesentlich lebensnäher den tatsächlichen Stil des Umgangs, den Wissenschaftler miteinander pflegen als das, was man im Fernsehen normalerweise vorgesetzt bekommt, wenn Fernsehjournalisten Wissenschaftler als Experten befragen. Oder ihnen gar noch keifende Esoterikerinnen als Gesprächspartner entgegensetzen.

[1] Wenn etwa im Hintergrund das Telefon zu klingeln beginnt und nach einer langen Minute erst mal der Anrufbeantworter drangeht.

9 Responses to “Wem Phoenix zu wenig Wissenschaft bringt…”

  1. In eine ähnliche Richtung, jedoch nur in Audio ist der Podcast “Futures in Biotech” aus Leo Laportes TWiT-Konglomerat. Inhalt sind Interviews mit einem oder mehreren Wissenschaftlern zu einem bestimmten Thema. Und die Themen sind nicht so eng gefasst, wie der Titel vermuten lässt. Es war beispielsweise auch schon Buzz Aldrin zu Gast.

  2. [...] Denn ab heute, erster und notwendiger Schritt, ist dieses Blog in die Riege akademisch qualifizierter Quellen aufgenommen worden (Tusch!) — im Rahmen des Seminars von Volker von Prittwitz zum Thema “Journalistische und künstlerisch-unterhaltende Medien der Politikanalyse” gehört dieses Blog zum Lehrstoff. Am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin (Tusch! Zweimaliges Absingen der Internationale!), der einzigen wirklichen Eliteuniversität, wird es am 29. Mai um “Interaktive Formen der Beschäftigung mit Politik (Blogs, Chats, Rundfunk-Talks)” gehen. Was liegt da näher als ein Verweis auf diesen meinen Beitrag? [...]

  3. Hallo,
    großartig

  4. Hallo Seminarblogger: Großartig

    Erst im Netz groß getönt und dann nicht mehr im Seminar erschienen… Das nenne ich echtes Blocking!

    Volker Prittwitz

  5. Herr von Prittwitz? Sind Sie’s?

    Haben Sie vielleicht Probleme mit im Frühlingswetter verschwindenden Studenten? Wieso steht auf der aktualisierten Seminarliste immer noch kein Referent über meinen Blog? Soll ich ein paar mahnende Worte an die richten, falls die hier noch mitlesen? Muss ich jetzt doch einspringen, um selbst vorzutragen?

    Fragen über Fragen. Aber beste Grüße ans OSI,
    k.

  6. Ja, ich bin’s. Wenn Sie sich herablassen könnten, höchstpersönlich am 29. Mai vorzutragen, wäre ich Ihnen verbunden. Das Thema der Seminarsitzung lautet allerdings nicht : “interaktive Formen der Beschäftigung mit Kamenin”, sondern “Interaktive Formen der Beschäftigung mit Politik”.

    Prittwitz

  7. Als fachfremder Blogger, der sich noch nicht mal mit Politik beschäftigt, sondern mit dem weiteren Umfeld von Wissenschaften, müsste ich da allerdings befürchten, nur Allgemeinplätze zur Diskussion beisteuern zu können. Ich kenne ja noch nicht mal die grundlegenden Begriffe und Beziehungen “Politikanalyse - Journalismus - Kunst/Unterhaltung”. Da gingen wir beide doch ein ziemliches Risiko ein, nicht wahr.

    Über den interaktiven Umgang mit Kamenin hingegen könnte ich Ihnen aus dem Stegreif einen farbig illustrierten, mit Kommentaren und Einsichten aus erster Hand ausgeschmückten Vortrag zaubern. Eigentlich ist das ja auch Thema des Blogs hier.

    Beste Grüße,
    k.

  8. Okay. Überzeugt. Es schadet zwar niemand, sich mit möglichen Beziehungen zwischen Politikanalyse und Blogs zu befassen. Aber ich möchte Ihnen, der anscheinend doch recht zufällig mit dem Seminar in Kontakt gekommen ist, nicht zu nahe treten. Wir sind zwar alle irgendwie Selbstdarsteller; aber bei Sachkommunikation interessiert Selbstdarstellung nun mal nur am Rande.

    Mit freundlichem Gruß
    Prittwitz

  9. Ich würde sogar sagen, dass gerade heute jede Art analytischer Beschäftigung positiver bewertet werden sollte, als dass sie nur nicht schadet. Andererseits würde ich diesbezügliche Anfänge ungern gleich im Rahmen eines akademischen Vortrags unternehmen. Andernorts würde einem Naturwissenschaftler, der sich das zutraute, das vermutlich gar als naturwissenschaftliche Verblendung ausgelegt ;-) Insofern stellt meine Vorsicht also auch einen gewissen Respekt vor Ihrem Fachgebiet dar.

    Grüße aus der Physik (wir können uns noch nicht mal einen Namen für unser Institut leisten),
    k.

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