Wissenschaft, der große Übeltäter: Vox Day und ein kostenloser Anti-Atheismus-Literaturtipp

Blogger, die Bücher schreiben, sind ja keine Seltenheit mehr. Jeder zweite Scienceblogger (der amerikanischen Variante) scheint gerade dabei, sein Buch fertig zu stellen, und es liegt nun auch nahe: wenn man sowieso seine Zeit mit Schreiben verbringt… Von akademischen Wissenschaftsbloggern, die über ihr Fachgebiet schreiben, kann man dann zumindest ein fundiertes Fachwissen erwarten.

Aber es gibt ja auch die andere Art von Blogger, die ihren Mangel an Fachwissen mit einer sehr großzügigen Selbsteinschätzung ihrer Fähigkeiten wettmachen — also auch jenseits dieses Blogs hier. Als solchen könnte man wohl Vox Day beschreiben: Libertarianer, Fantasy-Autor, Christ und eben Blogger, der durch seinen, nach Selbstbekundung, einzigartig hohen Intellekt, aber vielleicht auch durch seine schon absurd christlich-konservativen, antifeministischen und allgemein konträren Ausführungen eine treue Fangemeinde in der eher rechten amerikanischen Blogszene für sich gewinnen konnte. Was liegt für so einen näher, als auch noch eine Erwiderung auf die in den letzten Jahren erschienenen atheistischen Veröffentlichungen zu schreiben? Das Ganze natürlich mit dem Anspruch, Atheismus damit endgültig widerlegt zu haben:

The Irrational Atheist
Dissecting the Unholy Trinity of Dawkins, Harris, and Hitchens

Man könnte das natürlich ignorieren — wer kennt schon Vox Day, und eine Veröffentlichung des Buches hierzulande steht wohl nicht zu erwarten: das ganze ist eher ein amerikanisches Phänomen, wo sich Bücher blendend verkaufen, mit denen hier niemand in der U-Bahn gesehen werden wollte. [1] Aber Vox Day, in vorbildlicher Manier des Web 2.0, stellt sein Werk auch noch als kostenlosen Download auf seiner Webseite zur Verfügung. Wie er selbst sagt: damit Atheisten keine Entschuldigung hätten, es nicht zu lesen. Denn dass sein kleines Büchlein schließlich all der Gottlosigkeit den Todesstoß seiner reinen, überlegenen Logik versetzen wird, das meint er durchaus ernst.

Ich hab inzwischen immerhin ein Viertel des Buches gelesen. Und lobend muss ich sagen, dass es vom Sprachstil her nicht unlesbar ist, mit der Einschränkung, dass die Fußnoten offenbar ungefähr zwanzig Prozent des Gesamttextes ausmachen. Schön auch, dass, öh, Herr Day gänzlich auf Bibelstellen oder glaubensimmanente Argumente verzichtet. Aber ansonsten…? Einerseits die üblichen Missverständnisse über die Begriffe atheistisch und agnostisch. Die üblichen Auslassungen, wie religiös und erfolgreich Wissenschaftler doch früher waren, und wie atheistisch und erfolglos heute. Die üblichen persönlichen Verspottungen der besprochenen Autoren, wie man sie aus Blogs kennt und wie ich sie hier ja auch gerne praktiziere. Die üblichen Insinuationen über Hitler, Stalin und Atheismus. In dem Sinne nicht viel Neues.

Bis es dann halt doch ganz amüsant wird, weil Vox Day unbedingt originell sein will. Oder weil seine kleine Polemik sonst so schnell zu Ende wäre. Das dritte Kapitel, The Case Against Science, ist schon ein Genuss. Wenn moderne Technologie in den Händen religiöser Fundamentalisten eine tödliche Gefahr darstellt, wessen Schuld ist das offensichtlich? Natürlich die der Wissenschaft. Schließlich gibt es Religionen schon seit Jahrtausenden ohne die Welt zum Untergang gebracht zu haben, und kaum taucht Wissenschaft auf, schon haben wir die ganzen Salat. Islamischer Fundamentalismus ist kein Problem, weil Muslime seit 1200 Jahren keine Fortschritte in der Waffentechnologie zustande gebracht haben — und dann kam die Wissenschaft. Sicher, Gläubige produzieren mehr Nachkommen und tragen so deutlich mehr zur alles bedrohenden Überbevölkerung bei. Aber war das ein Problem über all die Jahrtausende, bevor Wissenschaft daherkam und die Lebenserwartung drastisch erhöht hat? Wohl kaum. Was waren das noch für Zeiten, als man sich mit Überbevölkerung nicht rumschlagen musste, weil man anstelle von Medizin und Pharmazie gegen Infektionen und Seuchen nur Gebete hatte, mit bekanntem Erfolg? Glückliche Zeiten. Sagt Vox Day. Wenn auch nicht so deutlich.

Ich kann das Buch nur empfehlen. Das ein oder andere Argument schafft es bestimmt auch noch mal über den großen Teich hierhin. Und es ist schon fast amüsant, mal dumme Apologetik ohne evangelikalen Hintergrund zu lesen. Es bietet sich die gleichzeitige Lektüre des Weblogs an, um die sehr unterhaltsame Selbstüberschätzung des Autors mit den tatsächlich vorgebrachten Argumenten abgleichen zu können. [2]

Also bitte, immerhin ist Fastenzeit. Da gehört ein bisschen Stolz im selbsterwählten Leiden schon dazu. Schon aus Tradition.

 

[1] Amazon.com dazu: Customers Who Bought This Item Also Bought — Liberal Fascism: The Secret History of the American Left, From Mussolini to the Politics of Meaning — Darwin Day In America: How Our Politics and Culture Have Been Dehumanized in the Name of Science.

[2] Ja ja, die stete Gefahr, zu herablassend zu wirken. Aber wer das Blog tatsächlich mal liest, sich dazu mal die mehreren hundert treu beipflichtenden Kommentare ansieht, wird vermutlich verstehen, dass man bei aller Anstrengung es gar nicht schaffen kann, sich wirklich soweit herabzulassen, um auf Augenhöhe darüber schreiben zu können.

Leave a Reply