Islamischer Unglaube und Atheismus in der BMI-Studie

Auf den ersten Blick mag es unsinnig erscheinen, im Islam oder unter Muslimen Ungläubige zu vermuten, auch wenn es sicher immer wieder amüsante bis tragische Einzelfälle gibt, in denen selbst katholische Priester hinter vorgehaltener Hand zugeben, dass sie eigentlich Atheisten sind, aber sonst halt nichts gelernt haben. Aber letztlich haben wir es doch nur mit einer Begriffsfrage zu tun. Genau wie bei Juden eine zumindest so kulturhistorische wie religiöse Gruppierung mangels besserer Alternative mit dem religiösen Begriff bezeichnet wird, obwohl, gerade bei Juden, viele so zusammengefasste mit der tatsächlichen Religion wenig anfangen und dem Zirkus Orthodoxer weitgehend kritisch gegenüberstehen können, so werden auch die Einwanderer aus muslimischen Ländern hierzulande meist unter dem Begriff Muslime aufgerechnet. Genau wie der Deutsche türkischer Herkunft in der Boulevardpresse immer noch „Türke” ist und in angeseheneren Blättchen den Zusatz „türkischer Abstammung” nicht los wird, so scheint man als Mensch des muslimischen Kulturbereichs auch weiter Muslim zu bleiben, dem tatsächlichen Verhältnis zur Religion zum Trotz. Und letzteres hat wenigstens den Vorteil der Ehrlichkeit, da man im Alltäglichen faktisch vermutlich auch als solcher angesehen wird. Man kann ja nicht an jeder Supermarktkasse seine Vorstellungen oder Nichtvorstellungen über das Übernatürliche bekannt machen.

Benutzen wir also das Wort Muslime für den gesamten Kulturkreis und schauen uns die vom Bundesministerium des Innern veröffentlichte Studie Muslime in Deutschland näher an. [1] Aus verständlichen Gründen interessiert man sich da auch für die Religiosität deutscher Muslime und ihrer Auswirkungen auf die Einstellung zur Gesellschaft. Auf die statistischen Ungenauigkeiten und die inhaltlichen Verschiebungen, die sich aus der Interview-Situation ergeben, [2] kann ich hier nicht eingehen; wer sich wirklich dafür interessiert, wird einiger seiner Fragen in der Veröffentlichung selbst beantwortet finden können. Und wie bei allen auf Umfragen basierenden Ergebnissen, gibt es immer wieder missverständliche Fragen, die zu deuten selbst schon schwer fällt.

Die Studie findet nach ihrer eigenen Kategorisierung einen Anteil von 9% der Muslime, die als wenig religiös gelten können, und weitere 35% mit geringer Religiosität (S. 112); dabei bezeichnen sich selbst aber nur 4,5% als „überhaupt nicht gläubig” und 8,1% als „eher nicht gläubig”, obwohl andererseits über 40% maximal einmal im Jahr beten (28% nie) und 59% maximal einmal im Jahr eine Moschee oder einen Gebetsraum besuchen (32% nie). Die Unterscheidung durch die Einzelfragen nachzuvollziehen, ist nicht ganz einfach, weil religiöses Gebote auch dazu tendieren, sich zu kulturellen Verhaltensmustern abzuwandeln; so mag selbst ein kritischer Muslim weiter Alkohol (62%) oder Schweinefleisch (87%) ablehnen, auch wenn man es mit den religiösen Schlachtvorschriften (52%) oder dem Fasten (38%) dann nicht mehr so genau nimmt. Aber einige der spezifischer theologischen Fragen sind doch wert, hervorgehoben zu werden.

So glauben 20% der Befragten überhaupt nicht, dass ihnen ein Leben als „rechtschaffender Muslim” einen Platz im „Paradies” sichert, und weitere 30% haben da zumindest starke oder leichte Zweifel. Fast 7% glauben „gar nicht”, dass der Koran das wahre Wort Gottes ist — und immerhin 14% haben Zweifel. Die letzten Werte sind vermutlich aussagekräftiger, was das tatsächliche Auftreten von Atheisten und Agnostikern in der Stichprobe angeht; die zuvor genannten legen immerhin nahe, dass es selbst bei gläubigen Moslems eher eine Strömung in Richtung „transzendentes” Gottesverständnis gibt; dementsprechend bestehen auch 68% nicht auf einer wörtlichen Auslegung des Korans für „echte Moslems”. Dass Nichtmuslime von Allah verflucht seien, wollen auch nur 8 bis 16% annehmen. Gleichzeitig halten es aber 26 bis 47% für geboten, Nichtmuslime zu bekehren — möglicherweise ein Hinweis auf die nötige Unterscheidung zwischen religiösem Wahrheitsanspruch bei den Befragten und der bei allen Religion offenbar stark vertretenen und einem Atheisten nicht zu vermittelnde Annahme, dass Glaube an sich schon gut sei, auch wenn er so genau dann doch nicht stimme.

Die Unterscheidung zwischen wenig religiösen und stärker religiösen Muslimen hat deutliche Auswirkungen auf die Integration. Gering Religiöse (und hier wurden die „gar nicht” religiösen mitgezählt) sind weit besser integriert und haben subjektiv auch weniger das Gefühl, von der deutschen Mehrheitsgesellschaft nicht akzeptiert zu werden; wohingegen die Segregationstendenzen mit wachsender Religiosität zunehmen. Die Demokratiedistanz ist für Nichtreligiöse am geringsten (keine für 65%, dagegen nur für etwa jeweils 22% der religiösen und stark religiösen). Ebenso sind sie die einzige Gruppe, die zu mehr als 50%, nämlich zu 70%, politisch oder religiös motivierte Gewalt grundsätzlich ablehnt.

Man würde es sich zu einfach machen, Religion jetzt als Haupthinderungsgrund für Integration zu sehen. Jemand, der als Zuwanderer oder mit anderem familiär-ethnischen Hintergrund schlecht in seine Umgebung integriert ist, wird vermutlich eben dazu tendieren, seine eigenen Traditionen stärker zu betonen und diese Einstellung in seinem gleichsam schlecht integrierten Umfeld bestätigt finden. Trotzdem ist Religion in diesem Fall, aller Versuche christlich-islamischer Dialoge zum Trotz, vor allem eine zusätzliche Barriere, die die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen auseinander hält und Integration erschwert.

Es kann auch nicht darum gehen, die Religiosität der Muslime oder ihre Integration hier schön zu reden. Jemandem, der tatsächlich noch daran glaubt, dass er als rechtschaffener Glaubender ins Paradies kommt, muss ich als Atheist sowieso sagen, dass er mal wieder an die frische Luft gehen soll. Dass über 50% der Muslime diese Ansicht vertreten, lässt sie mir nicht rationaler oder sympathischer erscheinen; der verbreitete Missionierungsgedanke und die ebenso verbreitete Ablehnung westlicher Werte sowieso nicht.

Trotzdem sollte man sich vorsehen, alle Muslime über einen Kamm zu scheren. Es gibt genau so Atheisten und Agnostiker darunter, und die sind besser integriert, demokratischer und stehen Gewalt ablehnender gegenüber, mehr als mancher originär Deutscher. Der Anteil mag derzeit noch gering sein. Aber das muss ja nicht so bleiben. Und vielleicht ist für den deutsch-deutschen Dialog der skeptische Moslem ja doch der bessere Ansprechpartner als der Imam; auch wenn der christliche Gemeindevorstand natürlich lieber mit Leuten reden will, die wenigstens die Grundzüge seines eigenen Aberglaubens teilen, um das dann als Integrationsversuch auszugeben; wenn es manchmal auch eher um das Versichern gegenseitiger Relevanz zu gehen scheint.

Letzthin, wer alle Muslimen differenzierungslos für mögliche Fundamentalisten hält, irrt nicht nur, er spielt sowohl dem rechten Mob wie auch dem fundamentalistischem Islam in die Karten — denn das ist genau das Bild, das beide gleichermaßen vermitteln wollen.

 

[1] Bundesministerium des Innern, Texte zur inneren Sicherheit; Muslime in Deutschland: Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellung zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt; Ergebnisse zur Befragung im Rahmen einer multizentrischen Studie in städtischen Lebensräumen (Hamburg, 2007) -> Download als pdf

[2] „Gläubiger Muslim? Also, Herr Schäuble, so würd’ ich das ja nicht ausdrücken.”

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