Sonntags-Predigt für die Dekonvertierten: Der ahistorische Jesus

Persönlich bin ich eher weniger daran interessiert, ob sich die neutestamentarischen Erzählungen tatsächlich auf das Leben einer historischen Person mit dem Namen Jesus (oder Joshua oder von mir aus auch Kevin) beziehen, oder besser: das Datenmaterial ist einfach zu knapp, um eine definitive Antwort zu geben. Die handvoll Stellen außerhalb des NT, die angeblich Jesus belegen sollen, beziehen sich meist auf irgendeinen Erlöserkult, von dem nicht klar ist, ob es sich überhaupt um die Christen handelt, weil es zu der Zeit im Nahen Osten offensichtlich nicht ganz unüblich war, seinen eigene kleine Sekte zu gründen, und Opfer- und Auferstehungssymbolik waren auch nicht so außergewöhnlich wie man uns gerne erzählen möchte. Beispiel bei Gottkennen.com:

Jesus von Nazareth wurde an einem Kreuz hingerichtet und begraben. Drei Tage später erstand er von den Toten. Das Christentum ist in dieser Hinsicht einzigartig.

Das kann man so sagen. Aber nur, wenn man von den anderen religiösen Mythen, die eben genau das wieder und wieder über ihre Erlöserfiguren behauptet haben, keine Ahnung haben will, weil’s beim Lügen stört.

Und dann gibt’s natürlich die Sekundärquellen der Marke “Die Christen erzählen, dass…” die aus irgendwelchen Gründen auch immer in der Liste außerbiblischer Jesus-Indizien aufgeführt werden, obwohl die keinerlei weitergehende Kenntnisse vorgeben als eben das, dass Christen was behaupten. Ganz zu schweigen von den offensichtlich “nachbearbeiteten” Texten, wie z. B. dem Josephus, von dem heute gar nicht mehr klar ist, was davon Original und was christliche Fälschung ist; klar ist nur, dass auch Josephus nur Geschichten aus dem Hören-Sagen, mithin Gerüchte weitergibt.

Die Frage nach der Historizität der Person Jesu ist also schwer eindeutig zu beantworten und letztlich nicht besonders beweiskräftig: es wird ja auch nicht an der Existenz der Person L. Ron Hubbards gezweifelt, sondern an dem metaphysischen Müll, den Scientologen über ihn verkaufen.

Aber das Schöne an einer Predigt ist, dass man da sich nicht auf Bewiesenes einschränken lassen muss: darum diesen Sonntag der Verweis auf ein neues Atheisten-Blog, The Atheist Blogger: Jesus Christ — Fact or Fiction, der sich mit der Frage beschäftigt.

Die Darstellung stützt sich weitgehend auf die schon im Film The God Who Wasn’t There ausgebreitete Argumentationslinie über die historischen Lücken im Leben und nach dem Tod Jesu, bis schließlich der Jesus gänzlich unbekannte Paulus damit begann, Gemeinden zu organisieren und Briefe zu schreiben. Der Film sei hiermit ausdrücklich empfohlen. Schon allein der Soundtrack von DJ Madson und der Thievery Corporation lässt die 90 Minuten lohnen.

Gewarnt sei vor dem anderen am Ende des Postes verlinkten Film Zeitgeist. Der stützt sich zwar ebenfalls weitgehend auf The God Who Wasn’t There, übernimmt sogar Bilder und Animationen, bereichert das Ganze aber noch um einen astrologischen Hintergrund, der wahr sein mag oder nicht (astrologische Fixpunkte als Hintergrundwissen und Ordnungspunkte des christlichen Glaubens, nicht als Erklärung für irgendwas reales). Und das ist nur der erste Teil — der Film driftet danach in Verschwörungstheorien über den 11. September und noch weitergehende Theorien über internationale Finanzverschwörungen ab.

Nur weil man als Atheist nicht jeden Scheiß glaubt, heißt nun mal leider nicht, dass nicht manche Atheisten dann doch wieder anderen Scheiß glauben.

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