Separate Realitäten
Da, wo ich herkomme, gibt es Kneipen, auf derem Fernseher, gerade unter der eigentlichen Bildfläche, ein breiter weißer Aufkleber pappt, auf dem in dicken blauen Lettern prangt:
Schalke 04
Deutscher Meister der Saison 2000/2001
Etwas weniger offensichtlich und aus der Entfernung kaum zu lesen, findet sich darunter:
in der regulären Spielzeit.
Das kann man als Außenstehender vielleicht nicht richtig nachempfinden, wieso so etwas eine gewisse Sentimentalität oder gar Heimatgefühle auslösen kann, zumal man denselben Aufkleber natürlich auch rein selbstironisch verstehen oder gar zynisch-gehässig verwenden kann. Eigentlich ist es auch eher traurig, aber wie gesagt, geteilter Schmerz kann verbinden und Selbstironie darüber erheben. Die Interpretation liegt sowieso, wie der Rest auch, im Auge des Betrachters.
Dran denken musste ich durch diese Yahoo-Meldung (via Dispatches From the Culture Wars): die heute meistens vorproduzierten, schließlich wegen sportlichen Misserfolgs aber nicht mehr verwendbaren verkaufbaren T-Shirts und Memorabilia zu Meisterschafts-, Pokal- oder sonstigen Siegen werden zumindest von amerikanischen Teams regelmäßig als Kleiderspende in Entwicklungsländer gebracht.
Ob das hier auch so üblich ist (oder ob bei der Ausgangslage 2001 überhaupt schon was gedruckt worden war), weiß ich nicht. Aber dass irgendwo auf der Welt noch Schalke-04-T-Shirts mit der Aufschrift Deutscher Meister 2001 getragen werden, ganz ohne einschränkenden Zusatz, ist ein zumindest nicht ganz uninteressantes Gedankenspiel…
… bis einem dann wieder einfällt, dass jenseits aller amüsanten Überlegungen die Realität so aussieht, dass ein guter Teil der Weltbevölkerung zu arm ist, diese Spenden abzulehnen, unter anderem deshalb, weil da Kleidung kaum noch profitabel und billig genug lokal produziert werden kann — in den Textilfabriken nebenan werden für Niedrigstlöhne unsere T-Shirts hergestellt, nicht deren, damit wir die als Almosen wieder zurückschicken können, wenn sie uns nicht gefallen. Der, der ein “richtiges” Superbowl-Champions-T-Shirt trägt, lebt mithin in einer vielleicht bizarreren Scheinrealität als der mit einem “falschen”. Wenigstens was die derzeitigen Verhältnisse angeht.
Und um den Tag nicht nur negativ ausklingen zu lassen und sogar was begrenzt nettes über teilweise religiös motiviertes Engagement zu sagen… zur Schalker Fair-Trade-Initiative (inklusive unregelmäßig betriebenem Blog) geht’s hier: Schalke spielt fair. Und für weltanschaulich anders Interessierte gibt’s einen Weltladen-Finder bei weltlaeden.de.
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Sind die Schalker eigentlich eine Bande sentimentaler
Revisionisten ?
fragt ein Bayernfan, der 2001 in
bester Erinnerung hat ;)
Ich verwahre mich gegen den Ausdruck “Bande”. Es sind schließlich nicht unsere Fanbus-Gruppen, die auf Autobahnraststätten einzelne Nürnberger abklatschen.
Sentimentale Revisionisten lass ich aber stehen. Kann man ohne Seele natürlich nicht begreifen :-)
Die gespendeten Schalke-Shirts werden in Afrika übrigens nicht verschenkt, sondern auf den lokalen Märkten verkauft. Meistens von Indern.
Ehrlich gesagt, ob ich als Geschäftsmann ernsthaft in Schalke-Meisterschaftsshirts investieren würde, sei mal dahingestellt. Die Erfahrung lehrt: Mit dem zweiten fährt man besser… :p
Herr Fischer — wo ist denn da die Quellenangabe? Wie soll ich das wieder nachprüfen?
Außerdem werden die Shirts ja erst mal vom Verein selbst hergestellt. Es ist ganz schlimmer Entfremdungskapitalismus, jetzt den Schalkern schon vorzuschlagen, zum Geldverdienen Bayern-Meister-Shirts zu drucken.
Infam.
Immerhin wären sie dann verkäuflich, wenn auch nicht im eigenen Fan-Shop…
Hach, Schalke-Fans ärgern ist herrlich. :-))
Quellenangabe: Das Problem, dass die Kleidung vertickert wird, ist gut dokumentiert, als Beispiel:
http://www.hl-live.de/aktuell/text.php?id=3136
Ne Google-Suche nach “Kleiderspende” bringt dutzende Seiten, auf denen das diskutiert wird.
Die Sache mit den Indern ist allerdings meine persönliche Beobachtung von ostafrikanischen Märkten…
Danke! Das sind mir die liebsten Kommentare, wo ich was neues lerne. Und das war mir bisher nicht bekannt. Dass überflüssige Fanartikel einfach in der regulären Altkleidersammlung landen und nicht über Hilfsorganisationen direkt verteilt werden, ist allerdings wahrscheinlich.