Eine Entschuldigung: Beteigeuze explodiert! Nicht?

Einen Tag, nachdem ich einen meiner Lieblingssterne (ja, sowas gibt’s… etwas mehr Toleranz für Geeks bitte) schon mal erwähnt hatte, kommt Bad Astronomer Phil Plait und will eine Leseranfrage beantworten:

In the live chat tonight, I was asked when Betelgeuse will explode. The answer is, we don’t know.

Und im Folgenden geht er auf zwei vollkommen obskure, mir nicht weiter bekannte Sterne ein, die seiner Meinung nach viel früher explodieren müssten. Das ist wissenschaftlich interessant, weil so eine Supernova-Explosion nicht alle Tage vorkommt und uns die direkte Beobachtung einer solchen durchaus voranbringen könnte in unserem Verständnis von Sternentwicklung und Element-Synthese: denn eine Menge der schwereren Elemente, die wir hier auf der Erde finden, werden bisherigen Wissens nach ausschließlich in eben solchen Supernovae-Ereignissen erzeugt. Kann man mal drüber sinnieren, wenn man Zeit hat. Außerdem erreichen uns mit dem Licht der Supernova eine Menge Elementarteilchen, was nicht ganz ungefährlich sein kann (Röntgenstrahlung…), aber ganz außerordentlich interessant für zum Beispiel die Neutrino-Forschung ist.

Als ich jedenfalls noch kleiner, Zeit habender Student war, war der heißeste Kandidat für die nächste Supernova eben Beteigeuze — möglicherweise datiert die Information aber auch auf die Studentenzeit des Kernphysik-Profs zurück, der uns das zu vermitteln versuchte. [1] In den nächsten 800 Jahren, aber auch vielleicht noch heute nacht, sollte der Stern halt explodieren. Und weil der nur etwa dreihundert Lichtjahre entfernt von uns liegt, heißt das erstens, dass es den vielleicht schon gar nicht mehr gibt, das Explosionslicht uns nur noch nicht erreicht hatte [2] — zum anderen würde die Supernova aufgrund der Nähe zu uns nicht ohne Spuren vorbeigehen. Wie hell genau Beteigeuze als Supernova werden wird, ist nicht ganz einfach vorherzusagen, aber sagen wir mal: man wird es sehr deutlich sehen können, dass sich da was am Himmel verändert hat. Und dass sowohl im Winter, wenn Beteigeuze bei uns am Nachthimmel steht, als auch im Sommer. Dann wird man selbst tagsüber den sich verabschiedenden Stern am Himmel stehen (bzw. wandern) sehen.

Jener Professor, nie um Anekdoten verlegen, versteifte sich sogar zu der Behauptung, dass japanische Wissenschaftler derart nervös seien, die Supernova zu verpassen, wenn sie alle paar Wochen ihren Superkamiokande-Detektor zur Rekalibration für eine halbe Stunde runterfahren müssten, dass sie lieber einen ersetzbaren Doktoranden die entsprechenden Prozeduren durchführen liessen: wenn dessen wissenschaftliche Karriere damit vorbei sei oder er sich japanischem Ritus nach in sein Schwert stürzen müsste, sei das für die Wissenschaft (und für die Professoren) verschmerzbar.

Beteigeuze hat jedenfalls den Vorteil, dass man ihn im Winter relativ leicht finden kann: es ist der linke Schulterstern des Orion, ein leicht zu findendes und indentifizierendes Sternbild, wenn man sich damit mal beschäftigt hat. Darum bietet es sich sehr schön an, wenn man ein paar Geschichten über Sternbilder am sichtbaren Beispiel erzählen will. Nur dummerweise scheint die Wissenschaft inzwischen nicht mehr zwangsläufig davon auszugehen, dass Beteigeuze so bald explodiert. Als deutliches Anzeichen hatte bisher gegolten, dass Beteigeuze offensichtlich schon in einer Phase seines Lebens ist, in dem er sich periodisch aufbläht und wieder zusammenfällt und bereits Material ausstößt. Nur haben neuere Beobachtungen an anderen Sternen inzwischen gezeigt, dass es von dem Stadium bis zur tatsächlichen Supernova doch noch länger braucht. Insbesondere die von Plait vorgestellten Sterne sind scheinbar in einem noch fortgeschritteneren Stadium, ohne bisher explodiert zu sein.

 

Und an der Stelle muss ich mich jetzt entschuldigen. Bei den verschiedenen Mädchen, die ich ohne Not in die Winternacht rausgenommen hab, um ihnen wissenschaftlich nicht länger haltbare Geschichten über Orion und Beteigeuze zu erzählen. Dafür, dass ich sie mit meinen ewig langen Überleitungen über Größenklassen und Sternentwicklung gelangweilt haben dürfte. Nur um irgendwann endlich an die Stelle zu kommen, zu erklären, wie man sich die willkürlich erscheinenden Abkürzungen der Größenklassen (O, B, A, F, G, K, M) anhand eines Merksatzes memorieren kann, um sie danach nie wieder zu vergessen: Oh, Be A Fine Girl, Kiss Me.

Es tut mir leid! Ich tat es mit reinem Gewissen… Ich bin nur ein Geek…

Und ihr wolltet es doch auch!

 

[1] Allerdings ist das unwahrscheinlich. Die Astronomie hat enorme Fortschritte in den letzten Jahren gemacht, nicht zuletzt durch bessere Instrumente wie das Hubble Space Telescope. Und Beteigeuze war tatsächlich einer der Sterne, die mit dem Hubble zuerst im Detail angeschaut wurden. Der Stern ist dermaßen groß und nah, dass er einer der wenigen ist, die man tatsächlich nicht nur als Lichtpunkt sondern als strukturbehaftete Scheibe beobachten kann.

[2] Man erspare mir bitte die exaktere Formulierung im Sinne von Ereignishorizonten und relativistischer Gleichzeitigkeit.

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