Zensur ist, wenn man trotzdem lügt? Kreationisten und ihr unfair hartes Leben
Was da draußen so alles passiert… Ein kreationistischer Altenpfleger stößt in Populärliteratur wiederholt auf die Behauptung, Rückenschmerzen seien in dem für den Menschen eher untauglichen Aufbau der Wirbelsäule begründet und dies lasse sich ohne Probleme aus der Evolution verstehen: dieselbe Wirbelsäule findet sich in anderen Säugetieren, und seitdem der Mensch sich zum aufrechten Gang entschlossen habe, sei noch nicht genügend Zeit oder keine Möglichkeit für eine entsprechende Anpassung der Anatomie gewesen. Das ist, wie er durchaus zu Recht feststellt, etwas einfach gedacht. Die Tatsache, dass es Evolution gegeben hat, bedeutet nicht, dass wir alle unsere Probleme oder Befindlichkeiten mit einer Küchenevolution zu erklären versuchen sollten; oder gar dass wir damit dann auch noch recht hätten. Das ist ein Problem, das man im Hinterkopf behalten sollte, wenn einem ein Journalist mal wieder erklären will, warum Frauen schlechter einparken können („haben halt früher keine Mammuts gejagt…”). Was macht Markus Rammerstorfer, unser Held, also: er recherchiert ein wenig und findet, dass Rückenschmerzen auch bei Hunden auftauchen [1] und dass in wissenschaftlichen Veröffentlichungen keineswegs der Aufbau der Wirbelsäule als grundsätzlich problematisch bewertet wird, dass die menschliche Wirbelsäule eher gut mit dem aufrechten Gang harmoniere.
Das könnte die ganze Geschichte sein, und die Moral wäre dann wohl: man soll Journalisten und Pflegeratgeber-Autoren nicht unbedingt trauen, wenn sie über wissenschaftliche Theorien reflektieren. Eine ganz einwandfreie Moral, die sich auch in jedem journalismuskritischen Eintrag hier wiederfindet. Aber darum geht’s dem Kreationisten ja nicht. Aus irgendeinem Grund hält er das für ein gutes Beispiel, mal was grundsätzliches über Intelligentes Design und Evolution abzuleiten, obwohl, wie gesagt, er die Berichtigung des journalistischen Missverständnisses direkt aus evolutionsbiologischen Veröffentlichungen übernommen hat. Er hat die nicht nachgeprüft, wozu er auch, ganz ohne Vorwurf, gar nicht die Möglichkeiten hätte.
Markus Rammerstorfer wollte nun einen Artikel veröffentlichen, in dem er das alles darstellte und in dem er es neben evolutionskritischen Allgemeinplätzen sorgsam vermied, auf seine kreationistischen Vorstellungen einzugehen. Das für so was wohl zuständige, mir sonst nicht bekannte, Fachblatt Physiopraxis zeigte auch Interesse, schlug aber die Umarbeitung in eine Glosse vor. Das hätte man jetzt schon mal als kleinen Hinweis darauf verstehen können, wie ernst die Zeitschrift den Artikel genommen haben muss. Obwohl ich das natürlich kenne: meine Artikel kamen bisher auch immer von Nature zurück mit der Bemerkung, ob ich nicht lieber eine Glosse daraus machen oder das gleich in der Weihnachtsausgabe des British Medical Journal veröffentlichen wolle. Aber Rammerstorfer fand den Vorschlag in Ordnung, stellte das als Glosse um und schickte es zurück. Und anbei ein paar biographische Angaben und ein Hinweis auf ein von ihm verfasstes kreationistisches Buch. Physiopraxis war danach nicht mehr wirklich daran interessiert, die nicht mal so sehr evolutionskritische, sondern vielmehr journalismuskritische Glosse zu veröffentlichen, weil die Redakteure das als Werbung für die Ansichten des Autors verstanden. Der bekam derweil sein Manuskript zurück, schickte es an ein anderes obskures Fachblatt, pt — Zeitschrift für Physiotherapeuten, ganz ohne Hinweis auf sein Buch oder seine anderen Ansichten, und pt veröffentlichte die ziemlich belanglose Glosse schließlich in der Rubrik, in der sie sich mit populären Missverständnissen auseinandersetzt. Vermutlich eine Woche nach dem bahnbrechenden Artikel, dass Rotweinflecken mit Salz doch nicht so gut rausgehen.
Auch hier könnte die Geschichte eigentlich vorbei sein. Und bis hierhin schildert der Autor sie auch entsprechend unaufgeregt. Dann aber bricht es aus ihm heraus. Schrieb er gerade noch, dass er sich nicht als Opfer einer Hexenjagd fühle, kommt er bald zur Theoretisierung seines erlittenen Traumas:
So funktionieren die Mechanismen der Macht. Es geht nicht um Argumente. Es geht nicht um Fairness. Es geht um Deutungshoheit in Ursprungsfragen. ID steht auf der schwarzen Liste, die Herausforderung an seine Vertreter es in die „mainstream scientific literature” zu bringen ist reine Makulatur. ID muss zu Fall gebracht werden, ID-Vertreter ausgebremst werden.
Noch mehr steigert sich anschließend der Journalist Benno Kirsch da rein. Auf seinem Blog schreibt er dann von einer „Fachzeitschrift”, die Rammerstorfers „eigene Forschungen” und seine „wissenschaftliche Leistung” nicht veröffentlichen wolle, weil sie dessen „Gesinnung” nicht ertrage, ganz so wie dereinst das „SED-Regime”:
Auf individueller Ebene werden Karrieren blockiert und Chancen verbaut. Strukturell gesehen wird wissenschaftlicher Fortschritt behindert und werden wissenschaftliche Standards gesenkt, weil unorthodoxe Ansätze von vornherein nicht zugelassen werden. Das Zeugnis etwa, das sich besagtes Journal selbst ausstellt, fällt denkbar schlecht aus.
Persönlich finde ich Pathos und Generalisierungen ja auch ziemlich gut und lasse keine Gelegenheit aus, hier pathetisch abzugeneralisieren. Je offensichtlicher man das allerdings macht, um so mehr steigt die Gefahr, dass irgendwer Nüchternes vorbeikommt und feststellt:
Bullshit…
Und in dem Fall hier muss man nicht mal besonders nüchtern sein, um den Bullshit vor einem liegen zu sehen.
Erst mal geht es hier nicht um einen wissenschaftlichen Artikel. Das Nachschlagen zweier wissenschaftlicher Artikel mag in gewissen Gesellschaftswissenschaften Ausgangspunkt für eigene wissenschaftliche Arbeit sein, in der Naturwissenschaft ist es erst mal nur Literaturrecherche und, wenn sonst nichts mehr folgt, bloßes Hobby. Insbesondere Benno Kirsch, der das ganze tatsächlich für eigene und relevante Forschung und wissenschaftliche Leistung hält, sollte sich bei Gelegenheit mal fragen, ob er sich wirklich derart der Lächerlichmachung aussetzen will; dass in kreationistischen Kreisen das Zusammentragen von Textstellen schon ernsthaft zur naturwissenschaftlichen Forschung stilisiert wird, verdeutlicht aber sehr schön den Unterschied der dahinter liegenden Methoden. Naturwissenschaft ist da auch nur eine Sache von Literaturkritik. Jahrhunderte der Anwendung der wissenschaftlichen Methode sind offenbar an solchen Leuten spur- und eindruckslos vorbeigegangen.
Dann kann man natürlich darüber streiten, ob man die beiden Magazine als Fachzeitschriften beschreibt und ob in der Hinsicht die Bäckerblume nicht auch eine solche ist. Auf jeden Fall sind es keine wissenschaftlichen Magazine, keine Journals, und die Glosse, publiziert oder nicht, geht durch keinerlei wissenschaftlichen Begutachtungsprozess. Das ist aber elementar wichtig für die Bewertung. Die Prozesse zur Annahme oder Ablehnung wissenschaftlicher Artikel sind nämlich gerade dazu konstruiert, weltanschauliche Differenzen oder persönliche Animositäten zu neutralisieren und die wissenschaftliche Argumentation als solche zu bewerten. [2] Ein Kreationist kann einen wissenschaftlichen Artikel über Rückenprobleme in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlichen, wenn er sich an die Regeln wissenschaftlicher Beweisführung hält. Das scheitert dann oft daran, dass er entweder seine Argumentation auf unbewiesene Grundannahmen aufbaut oder schnell bei der Sache ist, aus banalen Ergebnissen zu abenteuerlichen teleologischen oder weltanschaulichen Spekulationen zu kommen. Das ist natürlich total unfair, dass die Journale an Ergebnissen interessiert sind, nicht an den weltanschaulichen Schlussfolgerungen daraus. Sobald Kreationisten das mal verstanden hätten und eben auch an Ergebnissen interessiert wären, anstatt die nur als Grundlage für ihre Phantasien zu begreifen, könnten sie es wesentlich leichter haben und würden auch verstehen, warum sie derzeit keiner wissenschaftlich ernst nimmt.
Will ein Kreationist aber eben keinen wissenschaftlichen Artikel veröffentlichen, weil er keine wissenschaftliche Forschung betrieben hat, wie eben hier Rammerstorfer; sondern stattdessen eine kleine Glosse. Dann gelten neben wissenschaftlichen Standards aber auch nicht mehr die Regeln objektiver Beweisführung, sondern eben die des Journalismus. Das mag den wissenschaftlich unbeleckten Kreationisten überraschen, dass es da einen Unterschied gibt. Aber vom Journalismus auf die Neutralität der Wissenschaft zurückzuschließen, ist ungefähr so plausibel, wie von einer Dönerbude Ableitungen über die türkische Kultur vorzunehmen.
Dass man als Naturwissenschaftler Menschen, die sich als Journalisten bezeichnen, erklären muss, dass ein und derselbe Artikel ganz anders verstanden werden wird, wenn ich ihn einem anderen Autoren zuschreibe, ist schon bedenklich. Der Satz „Juden haben einfach keinen Sinn für Humor” wird allerdings anders gesehen, wenn darunter “Woody Allen” steht, nicht “Holger Apfel”. [3] Die Glosse, von einem Evolutionsbiologen verfasst, wird als Warnung vor unbelegter Küchenevolutions-Theoretisierung verstanden werden; dieselbe Glosse von einem Kreationisten erscheint dem Leser natürlich (und im Übrigen ja auch zurecht, denn so war sie ja gemeint) als Kritik an Evolutionsbiologie und Werbung für den Kreationismus wie auch für das kreationistische Buch des Autors. Das kann man machen oder tolerieren. Ich sehe aber nicht, warum man das müsste.
Wenn der ganze Skandal also sein soll, dass eine Therapeutenzeitschrift nicht belanglose Texte mit Werbung für den Kreationismus verbinden will — dann bitte: sollen sich die Herren Kreationisten über das wissenschaftliche Establishment aufregen, das, ganz wie die SED früher, bis runter zur Redaktion der Bäckerblume alles kontrolliert.
Wissenschaft geht derweil weiter.
Nachtrag: Den Begriff Kreationist verwende ich ohne Unterscheidung für alle verschiedenen Vertreter solcher Richtungen, auch wenn sich selbst so bezeichnende “Intelligent-Design-Theoretiker” das vielleicht nicht mögen. Mir ist es ehrlich egal, ob man sich vorstellt, dass Gott vor 6000 Jahren die Erde in 6 Tagen geschaffen hat; oder ob man sich lieber einbildet, er hätte alle 1000 Jahre mit seinem Finger in der DNA rumgepatscht. Das eine ist so lächerlich wie das andere und beschreibt nur zwei unterschiedliche Methoden göttlicher Schöpfung. Seltsamerweise gibt es Leute, die Evolution für nicht plausibel halten, Gottes rührenden Finger aber schon. Das stelle man sich vor…
[1] Eine Ursache dafür ist allerdings auch Überzüchtung; mithin also durchaus ein „evolutionäres” Problem, wenn es auch auf einer anderen Form der Auslese beruht.
[2] Das ist mal mehr, mal weniger erfolgreich. Beispiele für schlecht gelaufene Begutachtungen, in denen minderwertige oder plagiierte Arbeiten erfolgreich veröffentlicht werden, gibt es leider zur Genüge. Und Untersuchungen über den Ablauf solcher Prozesse zeigen zum Beispiel auch immer wieder, dass Veröffentlichungen von Autoren mit exotischen oder eindeutig als weiblich zu identifizierenden Namen regelmäßig kritischer oder ablehnender begutachtet werden — als dieselben Veröffentlichungen, wenn sie mit einwandfrei westlichen Männernamen eingereicht werden.
[3] Nein, liebe Kreationisten: ihr seid keine Nazis und keine NPDler. Das ist eine Analogie. Das kennt ihr doch. Eure ganze Pseudowissenschaft ist doch durch nichts anderes gedeckt als Analogien.
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In meiner Sicht haftet den Erklärungen (für was auch immer), die auf die Einsicht in evolutionära Abläufe verweisen, immer zwangsläufig was unbefriedigendes an. Das kann so gewesen sein wie behauptet, vielleicht gibt es ja eine bessere Erklärung, vielleicht findet sich ein schlüssiger Einwand, vielleicht läßt sich dem Einwand schlüssig widersprechen… jedenfalls gibt es keinen komplett überzeugenden Beweis, der die Sache positiv abschließt. Im Gegensatz zum Konzept der Evolution, von dem ich meine, daß es sich durch Beobachtungen und Experimente stützen lässt, sind die konkreten Auslegungen, ob es nun Darwins These vom Einfluß alter Jungfern auf den Erfolg des britischen Imperiums ist oder die spieltheopretische Begründung des Altuismus, wie sie bei Dawkins (im egoistischen Gen?) referiert werden, zwar interessante Überlegungen, ich scheue mich aber immer, sowas für verläßliche Wahrheit zu halten - zumal ich den aktuellen Stand in der Literatur nicht kenne, in der so schöne eingängige Thesen durch den Verdauungsprozeß der Disskusion gehen. Und nicht immer ist die Zweifelhaftigkeit so einer These so offensichtlich wie im Fall der Zurückführung Wirbelsäulenbeschwerden auf den aufrechten Gang.
Kann es sein, dass die meisten Phänomene oberhalb von Physik und Chemie nur als in einem dynamischen Systems geworden begreifbar sind? Und in einem Bereich zwischen extremer Detailforschung und der Einsicht ins Prinzipielle (wie die Evolution selber) eher ganz ungeeignet für große abschießende Aussagen, die so gern (und so zwangsläufig) in der Popolärwissenschat kolportiert werden?
Ja und nein. Na, eher nein. Es ist natürlich so, dass wir nicht jeden evolutionären Schritt im Detail kennen. Das liegt sowohl an der Menge der zu analysierenden Daten wie auch an der Schwierigkeit, an die zu kommen. Die Begründung der Evolutionsbiologie in der Genetik erlaubt aber immer mehr, die evolutionären Prozesse auch jenseits des Phänomenologischen, z. B. von Fossilienfunden, nachzuvollziehen und damit eben auch in Physik und Chemie zu verankern.
Oberhalb des dadurch bisher schaffbaren ist man natürlich noch auf Spekulation und Theoretisierung angewiesen. Die spieltheoretischen Begründungen sind dabei hauptsächlich angewandte Mathematik und ein Modell für das tatsächlich geschehene. Es ist damit natürlich falsifizierbar und bisher unser bestes Modell für das Auftreten und die Stabilität von biologisch angelegten Verhaltensmustern; aber es ist natürlich nur ein Modell. Genau wie im Übrigen aber auch nur die Fallgesetze ein Modell sind, die auf klar vom realen Durcheinander getrennten Idealannahmen beruhen: nichtsdestotrotz stimmen wir wohl darin überein, dass die Fallgesetze etwas weitgehend (im meßbaren Fehlerrahmen und abzüglich relativistischer ‘Korrekturen’) “wahres” beschreiben, obwohl in der Realität immer Störungen, Schwankungen usw. auftreten werden.
Bei sozialevolutionären Theorien wäre ich auch sehr vorsichtig — Evolution bezieht sich erst mal auf Natürliche Auslese, und wenn wir die auf Gesellschaften anwenden, dann haben wir alles andere als das: Kultur ist praktisch die Negation Natürlicher Auslese. Von daher können Betrachtungen über britische Jungfern und Beeren sammelnde Urfrauen interessant sein, vielleicht auch einen Teil Wahrheit enthalten, aber sie sind erst mal nur Analogien und Spekulationen über ein noch weniger verstandenes, noch komplexeres System. Ich würde das doch recht strikt von eigentlicher Evolutionsbiologie trennen.
Und an dem was Journalisten, Gesellschaftstheoretiker und Küchenpsychologen an vermeintlich evolutionären Begründungen liefern, sind Zweifel durchaus angebracht. Wie gesagt, meist sind das Analogien, und die dahinter stehende Argumentation ist meistens naturwissenschaftlich wenig begründet (wenn deshalb auch noch nicht falsch). Wenn man Evolution aber nur als Analogie verwendet, sind die dadurch getroffenen Schlüsse auch nicht mehr wert, als die mit anderen Analogien begründeten.
Hm. Wahrscheinlich hatte ich meinen Kommentar auch unter dem Eindruck eines momentanen Ärgers zugespitzt. Der konkrete Grund ist, dass ich eben in May Berenbaums Buch ‘Blutsauger, Staatenbildner Seidenfabrikanten’ lese und ein paar starke Indizien gegen einiges finde, was sich in meinem Kopf zu einem vollkommen klaren Bild der evolutionären Soziobiologie der Insekten (und speziell zur Staatenbildung ) geformt hatte, unter heftiger Inanspruchnahme von Aussagen, die aus Dawkins egoistischem Gen stammen.
Ich muss also nochmal nachlesen, was er genau gemeint hat und wo die Sache vielleicht auch nur in ihrer populären Darstellung bzw meinem Verständnis hinkt. Das kommt davon, wenn man meint, etwas zu verstehen, weil man ein Buch gelesen hat. Übrigens bin ich kein Wissenschaftler, sondern blos wissenschaftlich interessierter Techniker und infolgedessen bei so einem Thema, das mich auch aus verschiedenen Gründen auch praktisch interessiert, nicht auf dem allerneusten Stand. Und dann meine ich eigentlich auch, dass ein Teil der Enttäuschungen an der mangelnden Haltbarkeit so schöner klarer Theorien aus der falschen Fragestellung nach einem ‘Warum’ irgendwelcher Prozeßresultate kommt - vor allem wenn da eine(!) Antwort erwartet wird. Grade wenn es um Evolutionäres geht, hat man es mit einem ziemlichen Bündel von begünstigenden und hemmenden Effekten für beispielsweise die Entwicklung eines Verhaltens zu tun. Im ungünstigen Fall (von dem ich befürchte, er ist der Standart) verändert der Erfolg dieses Verhaltens die Situation, in der es entwickelt wurde derart, dass das Ensemble der Gründe bloß noch fragmentarisch nachvollzogen und verstanden werden kann. Das ist ungefähr, was ich da meinte. Aber vielleicht irre ich mich im konkreten Fall sogar komplett und sowas wie Staatenbildung läß sich auch mit Automaten virtuell oder real experimentell nachvollziehen. Bzw. läßt es lassen sich irgendwo eine theoretisch vorausgesagte Zwischenform beobachten.
Übrigens wird mir auch mal wieder klar, was den Unterschied zwischem kostengünstigem kulturphilosophischen Skeptizismus und der insitierenden und gewissermaßen endlosen wissenschaftlichen Detailgraberei ausmacht.
Also das Buch kenne ich nicht, und Dawkins Ausführungen zur Evolution des Bienenstaates habe ich auch nur noch in Grundzügen im Kopf. Und da Du zu Deinem Bild davon nichts sagst, kann ich da auch schlecht was zu sagen, wie das übereinzubringen ist. Evolutionsbiologe bin ich auch nicht, und darum mit dem allerneuesten Forschungsstand nicht vertraut. Wenn ich das richtig übersehe, gibt es im Moment durchaus noch Unsicherheit über Bienen und Staaten, weil neben dem eigentlich wohlbegründeten gen-basierten Annahmen Dawkins auch wieder Gruppenselektion von Leuten wie D.S. Wilson da ins Spiel gebracht werden.
Naturwissenschaft kann sich solche Streits und Unbestimmtheiten leisten, weil es eben der beste Weg ist, näher an die Wahrheit zu kommen. Und es ist auch ein Luxus, dass naturwissenschaftliche Modelle eben so nicht auf die Gesellschaft übertragen werden sollten — dadurch hat man mehr Spielraum, als gleich Ansichten in Politik umsetzen zu müssen.
Spieltheorie lässt sich mit Mathematik oder Computersimulationen allerdings sehr gut untersuchen, und die Evolution zu stabilen Systemen kann so nachvollzogen werden. Die begünstigenden und hemmenden Nebeneffekte treten darin natürlich auch auf, auch wenn man natürlich irgendwo ein solches Modell isolieren muss: man kann nicht die ganze Biosphäre gleichzeitig simulieren.
Das ist noch nicht die endgültige Verankerung in der Genetik, die wohl auch kaum zu schaffen sein wird (schon gar nicht mit den Vorbehalten und möglichen Risiken, die mit Genmanipulation in Verbindung stehen) — aber gelungene Modellierung ist ein wichtiger Faktor der Erkenntnisgewinnung. In dem Fachgebiet bin ich aber auch nur interessierter Beobachter.
Der letzte Satz erschließt sich mir nicht so ganz, aber Skeptizismus ist eigentlich nie wirklich kostengünstig. Das einfache Annehmen fragwürdiger Argumente erspart einem doch meistens deutlich mehr Nachdenken :-)
Ich hatte nicht die ehrenwerten wissenschaftlichen Zweifel im letzten Satz gemeint, sondern meinen prinzipiellen Verdacht zurücknehmen wollen, die evolutionäre Geschichten betreffenden Aussagen ließen sich womöglich prinzipiell nicht beweisen. Das wäre ein unter Umständen Grund zum nicht weiter nachdenken gewesen. Und sowas kann doch keiner ernstlich wollen ;-)
Nicht mehr weiter nachdenken, wäre allerdings furchtbar. Aber das gibt’s nur bei absolutem Chaos oder bei endgültiger Gewissheit ;)
[...] Autor dieses Beitrags in der linken Wochenzeitung FREITAG, der Wissenschaftsjournalist Benno Kirsch (Weblog des Autors), hat übrigens auch folgenden Text in der rechten Tageszeitung DIE WELT [...]