Kuhn in kurz: Nutzen, Relevanz und Missbrauch von Wissenschaftstheorie

Jetzt musste ich doch mal meinen Kuhn aus dem Buchregal ziehen und wieder ein wenig darin blättern und lesen; ich halte den übrigens für ein sehr empfehlenswertes und intelligentes Buch. Es besteht aber leider die Gefahr, dass, wenn man keine Erfahrung in tatsächlicher wissenschaftlicher Arbeit hat, den schnell in seiner Aussage (und Bedeutung) sehr überschätzt. Oder sich zu Schlüssen verleiten lässt, die Kuhn sich selbst wohl eher nicht zu eigen machen würde. Anlass des Ganzen ist die heroische von Wissenschaftlern erwartete Diskussion, die Ludmila Carone gerade im Kommentarteil ihres Beitrags „Was ist Wissenschaft” führt. Wobei ich hier gar nicht einzelne Vertreter drüben angreifen will; es geht eher um Grundsätzliches und vielleicht ein wenig um meine Verwunderung darüber, einen einzelnen Baum für übermäßig wichtig zu halten, wenn jemand anderes gerade über die Entwicklung des deutschen Waldbestands schreibt.

Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, ist im Grunde eine Skizze, wie sich Wissenschaft in Sprüngen weiterentwickelt. Die letzte Lektüre liegt bei mir vermutlich drei Jahre zurück, darum gibt’s das Ganze hier nur als hoffentlich richtige Verkürzung in eigenen Worten. Und ich verwende noch nicht mal den Begriff Paradigma.

Wissenschaft arbeitet unter gewissen Annahmen an Problemen, nimmt Daten auf und versucht einen erklärenden Erzählstrang herzustellen. An gewissen Punkten kommt sie zu Phänomenen, die sie mit den bisherigen Annahmen und Theorien nicht erklären kann: wenn man zum Beispiel misst, dass Sternenlicht aus allen Richtungen mit derselben Geschwindigkeit auf die Erde trifft; dass sich die Erde aber natürlich auch bewegt — dann ist das ein Problem, wenn man davon ausgeht, dass für Lichtteilchen dieselben Gesetze gelten wie für alltagsanschauliche Objekte und man zudem noch Vorstellungen über einen Newtonschen absoluten Raum mit sich rumträgt. Nach dem Bild müsste die Geschwindigkeit des Lichts, das die Erde erreicht, um die Relativgeschwindigkeit der Erde vermindert oder erhöht erscheinen. Wir haben hier also einen Widerspruch zwischen Weltbild und Messung: unsere Theorie kann nicht richtig sein, unser Erzählstrang, wie die Welt sich verhält, ist gerissen.

Im beschriebenen Fall wurde der Widerspruch natürlich durch Einstein und die Relativitätstheorie gelöst: das „Verhalten” von Körpern ist geschwindigkeitsabhängig, der gemessene Unterschied zwischen Licht und alltäglichen Gegenständen beruht eben nur auf diesen unterschiedlichen Geschwindigkeiten; die Annahme eines absoluten Raums wird überflüssig und kann fallengelassen werden. [1] Ob man das jetzt als Veränderung oder Berichtigung des Weltbilds bezeichnet oder daraus einen Umsturz macht, die Wissenschaft hätte jetzt ein vollkommen anderes, neues Weltbild sich zu eigen gemacht: das ist weitgehend eine Sache der Bewertung. Je mehr jemand Wissenschaft für ein soziales Konstrukt hält, um so mehr wird er wahrscheinlich das Revolutionäre im Umbruch hervorstellen und betonen, das ein ganz neues Weltbild ein altes, vollkommen überholtes ersetzt hätte; weil es so besser in seinen eigenen Erzählstrang passt.

An dem Punkt ist Wissenschaft dann wieder erst mal auf sicherem Grund, kann weiter Daten aufnehmen und Details erklären. Bis sie wieder auf neue Phänomene trifft, die sich in die bisherigen Theorien nicht integrieren lassen. Dann beginnt die Suche nach einer neuen Theorie, die Widersprüche beseitigt und damit das Weltbild verändert. Heute gibt es solche Widersprüche zum Beispiel in der Vereinbarkeit zwischen Quantenphysik und Relativitätstheorie. Bei aller derzeitigen Nichtwiderlegbarkeit von Stringtheorien sollte man im Hinterkopf behalten, dass Theoretiker sich da durchaus an einer wissenschaftlich relevanten und statthaften Frage abarbeiten.

 

Soweit gibt es eigentlich keinen Konflikt, und Kuhn verdient sicher Anerkennung, dass stringent und gar nicht mal so schlecht zu lesen aufgeschrieben zu haben. Es gibt im Umgang von Wissenschaftlern und Wissenschaftstheoretikern trotzdem Probleme, die teilweise einfache Missverständnisse sein mögen, anderweitig aber auch auf offensichtlichen Fehlannahmen beruhen.

Erst mal, bei aller Wertschätzung für Kuhn, sind seine Ansichten so revolutionär nicht. Jeder Wissenschaftler, auch wenn er nicht an der aktuellen Revolution des Weltbilds arbeitet, ist mal als kleines Kind gestartet. Er hat sich mühsam Wissen erarbeiten müssen, und in dem Prozess hat sich sein eigenes Weltbild ständig verändert. Ein Mindestmaß an Reflexionsfähigkeit vorausgesetzt, hat er dadurch auch ein Gespür dafür entwickelt, wo sich gerade Umbrüche andeuten, wo man nicht mit der Sicherheit absoluten Wissens argumentieren sollte, wo andererseits man sich seiner Sache aber relativ sicher sein kann. Auch wenn der das im Einzelfall nicht besonders elegant ausformulieren kann. Zum Beispiel würde ich nicht mein Leben davon abhängig machen, dass die Relativitätstheorie der Weisheit letzter Schluss ist — aber es steht vollkommen außer Zweifel, dass sich die Natur in weiten Teilen sehr genau gemäß Einsteins Vorstellungen verhält. Das ist gemessen, und selbst wenn eine neue Theorie daherkommt, die Relativität ersetzen wird, ist die Gültigkeit dieser Daten gesichert. Unsere Narration mag sich im Rahmen einer neuen Theorie ändern, Vorhersagen oder Erklärungen etwas obskurerer Probleme werden sich verändern — aber das relativistisch schnelle Muon wird immer noch wesentlich länger leben als das ruhende, unsere Satelliten werden trotz der neuen Theorie Ort und Zeit mit heutiger Genauigkeit bestimmen können und dieselben Bahnen beschreiben, und irgendwas biegt dann immer noch das Licht um schwere Galaxien, wie immer wir das dann nennen werden.

Wissenschaft ist natürlich auch Narration, weil Wissenschaftler auch Menschen sind, über ihre Theorien reden müssen und die ja auch Ingenieuren und der Welt mitteilen wollen. Von daher kann man natürlich sagen, dass Sprache unser Verständnis von Wissenschaft formt, weil wir unseren Erzählstrang nur in Sprache wiedergeben können. Sprache und naive Annahmen über die Natur können direkt einem schlüssigen Verständnis der Welt entgegenstehen, was einer der Gründe ist, warum Quantenphysik heute so unverständlich scheint. Konstruktive Wissenschaftsphilosophie sollte eigentlich dazu beitragen, diese Rolle der Sprache zu hinterfragen, um uns eben weiter davon frei zu machen. Aber das ist dann auch die Art von Wissenschaftsphilosophie, die jeder Naturwissenschaftler als Teil seiner Arbeit selbst erledigen muss, wenn er eben in relevanten Feldern arbeiten will. Von daher ist es oft wenig Neues, was man dem Wissenschaftler erzählt, wenn man über die Begrenzungen der Sprache und Kultur ausführt — er ist sich dessen durchaus bewusst; im schlimmsten Fall interpretiert der Wissenschaftler einen solchen Hinweis als Angriff, weil er nicht verstehen kann, wieso ihm jemand Selbstverständlichkeiten als große Erkenntnis verkaufen will, wenn dahinter nicht doch was anderes stecke.

Vereinfacht gesagt, strebt Wissenschaft nach einer schlüssigen, in sich konsistenten Beschreibung der Welt. Die Beschreibung könnte auch anders aussehen. Aber Naturwissenschaft beschäftigt sich halt nicht mit der Frage, ob die auch anders sein könne. Die wissenschaftliche Frage ist: wie kann die Beschreibung sein, dass sie dann immer noch konsistent ist. Darum wählen auch Wissenschaftler nicht die Regeln, nach denen sie Wissenschaft betreiben oder Wissen deuten. Sie sind gebunden an die Konsistenz ihrer Theorien, die sich untereinander immer mehr ergänzen, und werden ein neues Theoriebild nur dann annehmen, wenn es mehr Konsistenz schafft. Die Frage „ob” ist Wissenschaft zu spekulativ. „Wenn”, dann bitte, mach mal und zeig es… Alles in Frage zu stellen, mag wie Gebildetheit aussehen, aber solange man keine Konsequenzen daraus ableiten kann, bleibt es philosophische Spekulation, die zu ignorieren der Wissenschaft nicht furchtbar schwer fällt. Und im Zweifel kann sich ja auch die Kultur der Wissenschaft anpassen, die Beziehung ist also keineswegs eine Einbahnstraße.

 

Leider tendiert eine philosophisch-soziologische Theorie, die Wissenschaft als soziales Konstrukt untersucht und sich dabei vielleicht nicht so ernst genommen fühlt, wie sie sich selbst sieht, dazu, sich zu radikalisieren und ihre vermeintlichen Erkenntnisse als noch relevanter darzustellen, als sie ohnehin nicht sind. Schließlich lehnt sie vielleicht Wissenschaft selbst als reines soziales Konstrukt ab oder spielt zumindest in der Öffentlichkeit mit solchen Gedanken und Andeutungen. Das verwechselt aber die noch nie ernsthaft bestrittene oder widerlegte Unumstößlichkeit der Datenlage und den daraus gebauten Erklärungsstrang. Es mögen sich Bilder ändern mit der Veränderung einer Theorie, auch Ideen für neue Experimente entstehen. Durch eine neue Theorie wird aber das Pendel nicht schneller pendeln; die Bewegung wird immer noch an die Gravitation, Masse und Energieerhaltung gekoppelt sein, ganz egal, wie ich die dann bezeichne oder auffasse. Und mehr behauptet Naturwissenschaft gar nicht ernsthaft. Aber eben auch nicht weniger, selbst wenn’s andere stört oder die das als unhöflich empfinden. Die Kritik an Schul- oder Journalistenbildern von Wissenschaft oder selbst die Irrungen einzelner Wissenschaftler betreffen die Idee Wissenschaft nur als schlechte PR und internen Widerstand.

Wissenschaftsphilosophie kann durchaus auf der Narrationsebene, auf der ich einzelne Phänomene erkläre, Kritik üben und ihre Begrenzungen betonen; selbst wenn es bedeutungslos bleibt, solange es im Sprachlichen abläuft und das Mathematische ignoriert, was ich für den größten Mangel vorgeblicher Wisenschaftskritik halte. Wissenschaft aber auf die Narration zu reduzieren, wie es immer wieder geschieht, hat damit aber nichts zu tun — das ist nur noch Leugnung einer nachweisbaren, vom Beobachter unabhängigen Realität. Den Vorwurf möchte ich Wissenschaftsphilosophen oder -theoretikern gar nicht machen, weil es sich dabei auch gar nicht mehr um Wissenschaftsphilosophie handelt, sondern um Mystizismus, Obskurantismus und zur praktischen Dummheit ausgeformte Spekulationsfreude.

Die leider sehr reale Gefahr einer sich selbst etwas ernster als nötig annehmenden Wissenschaftsphilosophie ist dabei durchaus, dass Interessierte zwischen Anspruch und Grenzen nicht mehr unterscheiden und ihre Argumentationsmuster übernehmen und missbrauchen, um ihren irrationalen Unfug damit zu verteidigen und damit eben Wissenschaft angreifen. Das betrifft gewisse Philosophen und Postermodernisten, philosophisch „anspruchsvollere” Neokreationisten und schließlich ziemlich depperte Möchtegern-Naturalismuskritiker, die keinerlei Ahnung davon haben, wie man ein Auto repariert, aber immer die ersten sind, die einen wissenden Blick unter die Motorhaube werfen wollen, wenn mal was nicht klappt.

Das eigentlich Ironisch an solcher Philosophiererei ist aber, dass sie selbst fast ausschließlich über Sprache funktioniert und sich aus diesem Dilemma eben nicht mit davon unabhängiger Datenaufnahme befreien kann. Sie unterliegt damit ihrer eigenen Kritik, der Formung von Anschauung durch Sprachspiele, viel mehr als die Wissenschaft, die sie angreifen will. Sie gleicht einem gefesselten Philosophen in einer vollkommen dunklen Zelle, der seinen Nachbarn angreift, dass der offfensichtlich nur in einer Zelle sitze; derweil der sich gerade zumindest ein Fenster gehauen und über die Klopfgeräusche vom Philosophen nicht viel mitbekommen hat.

Der vermeintliche Philosoph bestreitet oder banalisiert danach die Existenz des Fensters in einem klugen Traktat, dass er nur im Schein des durchfallenden Lichts schreiben kann.

 

[1] Eine sehr vereinfachte Darstellung, zwangsläufig. Natürlich hängen die Geschwindigkeiten auch davon ab, dass Licht (ruhe-)masselos ist, der absolute Raum wird durch eine neue, relativistischen Kosmologie ersetzt. Für den Punkt hier alles nicht besonders relevant, aber da Einstein einen Großteil seines Lebens über den Fragen gebrütet hat, hat er hier wenigstens noch eine eigene Fußnote verdient.

6 Responses to “Kuhn in kurz: Nutzen, Relevanz und Missbrauch von Wissenschaftstheorie”

  1. Kuhn bzw. Teile seines Vokabulars werden in etwas gehobeneren Diskussionen sehr gern gegen den Anspruch der naturalistischen Wissenschaften auf die bestmöglichen Methode zur Erkenntnisgewinnung in Stellung gebracht. Siehe beispielswiese hier:

    http://theolounge.wordpress.com/2008/02/24/wie-wirklich-ist-die-wirklichkeit-von-watzlawick-uri-geller-bis-zumwinkel/#comment-2681

    Besonders oft ist mir dies im alternativmedizinischen Kontext begegnet :

    http://www.gwup.org/skeptiker/archiv/2006/3/media/christian_ullmann_fakten.pdf

    Es geht da weniger um eine tatsächliche Auseinandersetzung mit wissenschaftstheoretischen Hintergründen, als vielmehr um die Nutzung (angeblicher) Kuhnscher Sichtweisen als Steinbruch für die Argumentation, dass die eigene, vom “Establishment” als pseudowissenschaftlich angesehene Idee in Wahrheit nur abgelehnt wird, weil die Wissenschaftler den nötigen Paradigmenwechsel noch nicht vollzogen haben oder nicht vollziehen wollen (wegen Verschwörung/satanischen Einflusses et.cet.).

  2. Hey, das hilft mir weiter!

    Ich musste irgendwann die Waffen strecken, weil ich zugegebenermaßen alles andere als bewandert auf dem Gebiet bin.

  3. @MountainKing
    Eben, dabei verstehe ich Kuhn gar nicht so — man kann ihn jedenfalls ohne esoterische Anwandlung als interessante Analyse wissenschaftlicher Abläufe lesen. Nur absolut nehmen sollte man den nicht bzw. als denkender Zeitgenosse auch im Hinterkopf behalten, dass Wissenschaftlichkeit was anderes ist, als Kuhns Vokabular zu beherrschen.
    Schön auch das immer Unverständnis signalisierende Beispiel vom stabilen Tisch und den tanzenden Atömchen…

    @L.C.
    Musst Du auch nicht, Du wirst ja erst mal fürs Forschen bezahlt, nicht fürs folgenlose Philosophieren ;) Ich hab immer den Eindruck, dass das meiste grundsätzlich schon ganz ähnlich verstanden wird in den Wissenschaften, wie Kuhn es schreibt, ohne dass viele den gelesen hätten.
    Aber vielleicht hab ich ihn auch nur zu naiv oder pragmatisch verstanden/erinnert.

  4. Eine sehr lesenswerte neuere Dissertation zu Kuhn und seiner Rezeption findet man hier:

    http://webdoc.sub.gwdg.de/diss/2004/rose/index.html

    Der Autor geht zum Beispiel auch darauf ein, dass Kuhn sich vom Begriff Paradigma später quasi distanziert hat, weil er sich zu sehr verselbständigte und in allen möglichen Kontexten verwendet wurde (was teilweise aber auch an Kuhn selbst lag). Zumindest habe ich das so in Erinnerung, müsste sonst auch noch mal selbst nachlesen. :P

  5. [...] Kuhn in kurz: Nutzen, Relevanz und Missbrauch von Wissenschaftstheorie [...]

  6. [...] Modellen entscheiden zu können. Irgendwann, wenn’s chronologisch passt, werden auch noch Thomas Kuhns Thesen zum Paradigmenwechsel vorgestellt, aber selbst da wird dem aufmerksamen Leser klar, dass es eher [...]

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