Wie sich Texte gleichen können: Abschreiben aus Amerika?
Gewisse Vorwürfe gegen deutsche Journalisten, nicht alle ihre Darstellungen ganz alleine zu recherchieren, sind ja in letzter Zeit schon geäußert worden; etwa in dem Fall eines Spiegel-Korrespondenten, der großzügig aus der Washington Post zitiert hatte. Ich weiß ja nicht, was ich jetzt aus dem Fall machen soll, aber ein bei der Neuen Zürcher Zeitung erschienener Artikel, der gerade beim Brights-Blog vorgestellt wurde, erinnerte mich doch sehr an etwas, was ich schon mal in der New York Times gelesen hatte. Aufgefallen war’s mir vor allem deshalb, weil ich fast denselben Einstieg für einen meiner Artikel gewählt hatte. Nur war das bei mir noch als Zitat gekennzeichnet; in dem NZZ-Artikel sehe ich nicht einmal einen Hinweis auf den von Patricia Cohen verfassten Beitrag in der NYT. Aber schon einige Ähnlichkeiten:
Es gibt dieselbe Story über Kelli Picklers Aufritt in “Are You Smarter Than a 5th Grader?” mit praktisch demselben Zitat in selber Schreibweise (”Hungry? That’s a country?”). Es gibt die Verweise auf zwei weitere neue Bücher, nämlich die von Lee Siegel und Eric G. Wilson. Es gibt natürlich denselben prägnanten Dialog über Pearl Habor als Auslösung des Vietnamkriegs; allerdings schien der in der NYT noch auf einem Interview zwischen Patricia Cohen und der Autorin zu beruhen, in der NZZ fehlt jede Angabe, woher das kommt. [1] Es gibt praktische dieselbe Statistik über amerikanische Jugendliche und Geographie und dieselbe Verbindung zwischen kreationistischer Bibeltreue und Wissenschaftsfeindlichkeit.
Mir wird zumindest unwohl bei all den sehr weitgehenden Ähnlichkeiten. Aber vielleicht bin ich da auch altmodisch und durch wissenschaftliches Zitieren anderes gewohnt. Sollte die Autorin tatsächlich so viel aus einem amerikanischen Artikel übernommen haben, wie es für mich im Moment aussieht, wäre wohl eine Quellenangabe das Mindeste gewesen. Von wegen journalistischer Integrität. Selbst wenn das vielleicht sogar mit der Times abgestimmt sein könnte, wofür aber dem Anschein nach wenig spricht.
Es wäre allerdings schon ziemlich tollkühn, in einem auf die Art “sehr frei” zitierenden Artikel gleichzeitig über das sinkende Niveau von Printmedien zu sinnieren.
[1] Es kann natürlich im Buch selbst stehen und entsprechend von Cohen missverständlich berichtet worden sein, was ich nicht überprüfen kann.
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Die Tendenz zum reinen ‘Content-Mangement’ , also des Abschreibens und Verwaltens fremdrechertierter Inhalte zieht sich ja durch alle Medien; in vielen Fällen werden auch lediglich ein paar grammatikalische oder semantische Veränderungen vorgenommen, um einen eigenen ‘Schöpfungsgehalt’ vorzugaukeln und Zeilenhonorar zu kassieren.
Da stören als solche gekennzeichneten Zitate oder Quellenangaben doch nur ;-)