Ach, wie schön hat’s Afrika: voraufklärerische Religionsnostalgie

Ich kann ja nur davor warnen, mit wem man sich einlassen will, aber entscheiden muss man es dann schon selbst. Da gibt’s zum Beispiel im Norden Berlins eine afrikanisch-deutsche Pfingstgemeinde [1] mit dem etwas agrarindustriell klingenden Namen „Jesus Miracle Harvest Church Int“. Richtig international scheint die Kirche nicht zu sein, aber per Google findet man immerhin, dass Pastor Bismarck mal in den USA einen Prophetie-Workshop besucht hat und sich ganz herzlich für die empfangenen Prophezeiungen bedankt. Warum es für unsere internationalen Physik-Workshops keine Testimonial-Seite gibt, ist mir ein Rätsel; aber wir empfangen da ja auch nicht Prophezeiungen.

Was Pastor Bismarck alles in solchen Workshops gelernt hat, teilt er uns freigiebig auf der Gemeinde-Seite mit. Da referiert er relativ kenntnisfrei und gar nicht allegorisch über die Schöpfung und den Garten Eden, dass es in dem auch noch keine Krankheiten und kein Böses gab, weil das alles erst mit dem Sündenfall in die Welt gekommen sei. Aber schöner:

Remember also that Witches and Wizards were not in existence or operation then, If all these had been in existence, God could have mentioned them as part of the beings to be dominated.

Was wohl heißen soll, dass heute sehr wohl Hexen und Zauberer unter uns sind. Was aber in Pastor Bismarcks Weltbild auch nicht weiter verwunderlich ist:

Now after the temptation of man, Unseen and Invisible creatures and Forces including the devil and his fallen Angels invaded the earth and took dominion, establishing their stay in the waters, on earth and even in the Air, challenging not only Man from ruling the earth but even oftentimes challenging Heavenly Authorities sent to bring help to desperate Men in the Old testament who knew how to exercise their Authority (before the coming of Christ).

Von da ist der Gedanke an Exorzismen im Berliner Wedding wohl nicht weit. Kein Wunder, dass solche Leute Fantasy-Literatur für satanische Tatsachenberichte halten; offensichtlich fällt ihnen die Unterscheidung im Allgemeinen schwer.

Aber Gott sei dank gibt’s da ja noch Gott, der den lieben langen Tag mit Gemeindemitgliedern spricht und schwatzt und prophezeit, wie er das seit George Bush mit niemandem mehr gemacht hat. In der kurzen Kirchenhistorie allein finden sich mindestens zwölf direkte Eingriffe Gottes in die Geschichte — ja, derselbe Gott, der sich vom Holocaust nicht seine Sabbat-Dekade hat kaputtmachen lassen wollen, hier ist er mal dabei. Und hat Pastor Bismarck eine gute Frau an die Seite gestellt, die auf der Seite auch ein wenig predigen darf, aber nicht zu viel:

If you are a woman, do not compete with men in their roles because there are even no grounds for the competition. You are already unique and special by nature.

Das musste ja schon lange mal klargestellt werden.

Diese Menschen haben ein relativ kaputtes Weltbild. Das ist okay, das dürfen sie behalten. Für sich behalten, zum Beispiel. Daneben trifft man in ihrem Umfeld immer wieder auf Verbindungen zu Leuten wie dem Wunderheiler und Teleevangelist Benny Hinn, etwa bei der kooperierenden Mission For Jesus International und den Prophetie-Workshoplern oben. Und das ist schon nicht mehr so harmlos.

 

Ich weiß nicht, was in echt gläubigen Menschen so vor sich geht, ob mich das auch alles so belustigt anwidern würde, wenn ich einer wäre. Aber wenn man nun mal große Ziele hat und überhaupt nicht voran kommt, muss man wohl auch die Nähe zu solchen Leuten suchen, auch wenn man sich vielleicht ein bisschen schämt und die Webseite nicht verlinkt. Wie es gerade Strassenpastor versucht, der von einem Besuch der Gemeinde derart angetan war, dass er direkt wieder selbst Gottes Stimme hört, wenn auch ein klein bisschen allegorisiert:

Ich muss zugeben, dass auch mich Gott erst durch prophetische Worte von verschiedenen Menschen auf diese simple Tatsache aufmerksam machen musste.

Die Tatsache, die sich nun wirklich nur Gott hat ausdenken können, ist ungefähr die: Afro-Deutsche sind unsere Rettung. Wobei ich jetzt nicht weiß, ob Gott auch den Begriff Afro-Deutscher geprägt oder verwendet hat.

Menschen aus anderen Ländern sind der fehlende Schlüssel Gottes für eine tiefgreifende, christliche Transformation unserer deutschen Städte.
Afro-Deutsche werden dabei eine wichtige Rolle spielen!
In der Kultur anderer Länder hat Gott Werte eingepflanzt, die uns als Deutsche fehlen.

Was so nicht ganz richtig ist. Das Weltbild eines Zehnjährigen sein Leben lang zu behalten und anzubeten, war durchaus auch mal in unserer Kultur eingepflanzt. Wenn man dahin zurück will, sollte man nicht rumpfingstlern, sondern Schulen, Universitäten und Büchereien schließen — oder eben auf den Stand afrikanischer Gesellschaften runterfahren. Dann klappt das mit der Gegenaufklärung, und bald glauben hier auch wieder alle jede Dummheit. Aber Strassenpastor hat einen anderen Plan, wie sich die Afro-Deutschen hier verhalten sollen:

Aber ich will nicht verschweigen, dass auch Menschen aus Afrika umdenken müssen. Es geht für sie nicht nur darum, in der deutschen Gesellschaft zu überleben und sich, so gut es geht, zu integrieren. (…) Sie müssen anfangen, Deutschen mit ihren Möglichkeiten im Alltag zu dienen. (…) Und geht weiter mit kreativen Ideen, wie Afro-Deutsche unsere Kieze in Berlin und in anderen Städten sicherer, sauberer, bunter und lebenswerter machen können. (Hervorhebungen von mir, k.)

Die Ideen hatte ich allerdings auch schon mal gehört, wenn auch aus ganz anderer Ecke. Strassenpastor meint das natürlich nicht so, aber man muss nicht wirklich Arbeit reinstecken, um die Satire darin zu sehen. Das ist halt ein Problem, wenn man andere Menschen für seine Vorstellungen und Pläne instrumentalisieren will. Nicht mal Afro-Deutsche sind alles Pfingstler und Evangelikale. Und sollten Afro-Deutsche tatsächlich mal ein Nachbarschaftszentrum aufmachen, dann vielleicht einfach nur, weil sie wollen; nicht weil sie deutsche Frömmler um das Haus streichen sehen wollen, die das Ganze nur für ein PR-technisch gut verpacktes Missionierungszentrum halten.

Aber den Unterschied lernt Strassenpastor im Diesseits bestimmt nicht mehr.

 

[1] Gut, man hat eine Bewegung, die sich auf das direkte Wirken des Heiligen Geistes und direkten Kontakt zu Gott beruft. Und die teilt sich dann mehrmals, weil man sich über Glaubensfragen nicht einig werden kann. Wie absurd darf das werden, bevor man das öffentlich nur noch als lächerlich wahrnimmt?

4 Responses to “Ach, wie schön hat’s Afrika: voraufklärerische Religionsnostalgie”

  1. kamenin ist wahrscheinlich die Wiedergeburt eines Mitglieds der allbewährten Pariser Kommune :-) und gehört zu den Guten. Fehlende persönliche Wissenslücken fühlt er leicht durch freies Assoziieren auf. Locker werden fehlende Emphatie, Rassimus mit Hexenthemen etc, kombiniert.. Vorsicht die Neger kommen!

  2. … und wenn die “Neger” noch Freunde haben, dann schreiben die wahrscheinlich alle von einem Alice-DSL-Anschluss in Berlin.

    Ich lass das mal so stehen, weil es ja doch für sich spricht ;)

  3. Man kann ja den Wunsch zu missionieren niemandem vorwerfen, grade wenn die Mission zum Kern seiner Religion gehört (natürlich darfs einen trotzdem stören).
    Und wer kanns Straßenpastor verübeln, sich über eine stark missionierende Gemeinde in seiner Nachbarschaft zu freuen: die bisher in Berlin ansässigen Kirchen scheinen für ihn ja offensichtlich zu wenig Wert auf eine tiefgreifende, christliche Transformation unserer deutschen Städte zu legen (oder haben sonstwelche Probleme, die sie davon abhalten, keine ahnung).

    Dass unsere Gesellschaft das komplette Wortfeld von “missionieren” bis “Missionarsstellung” mittlerweile überhaupt nicht mehr positiv besetzt sieht, braucht ihn ja nicht kümmern.

    aber, sicher richtig im Bezug auf die ganze Wunderwirkschiene:
    “Und das ist schon nicht mehr so harmlos.”

    Hier bräuchte es so eine Art christlichen Randi, der konsequent und ausdauernd darauf hinweist, dass in Kirchen jeglicher Art keinerlei Wunder gewirkt oder Menschen wundersamerweise geheilt werden. Nur irgendwie scheint sich da niemand so richtig um diese offene Stelle zu reissen..

    achja, und gegen “Fehlende persönliche Wissenslücken” kann man nichts machen, höchstens per Alkohol oder vorsätzlicher Verdummung. Ist aber meistens unnötig, fehlende Wissenslücken fallen in den seltensten Fällen auf ;)

  4. Ach, ich bin da ehrlich gesagt immer etwas zwiegespalten, wenn es um Sachen wie die oben geht. Ich habe keinen Zweifel, dass Strassenpastor und die Pfingstler oben eigentlich nette Menschen sind, die ihrer Meinung nach “Gutes” tun wollen — ich halte es nur objektiv wie subjektiv für schlecht und schädlich: gegenaufklärerisch, volksverdummend, problemignorierend, gesellschaftsspaltend, Abhängigkeiten fördernd, antirational… Und diese charismatische Heilig-Geist-Sache zudem noch für so ausgesprochen albern. Und billig.

    Randis Verdienste liegen ja eher in der praktischen Demonstration des Versagens übernatürlicher Behauptungen. Religion lässt sich auf sowas ja gar nicht ein: da gibt es ja auch ein Jesuszitat gegen. Und sie müssens ja auch nicht, weil’s ja genug Leute einerseits glauben und andererseits darauf trainiert sind, die Überprüfung der Behauptungen schon als beleidigend zu empfinden. Und dann gibt’s da natürlich noch Hochtheologie, die Atheisten dauernd vorhält, wie komplex-philosophisch Gott doch eigentlich gedacht werden muss — aber immer nur Atheisten, den innerkirchlichen Gottvereinfachern halten sie das nie vor. Lügen und Überzeugungslosigkeit für den Herrn…
    Aber eigentlich wollte ich nur sagen, dass die Randi-Idee vermutlich nur schwer umzusetzen sein wird. Dass außer Jesus sonst niemand übers Wasser laufen kann, wissen die Leute ja. Und dass die meisten Leute in Lourdes auch nicht geheilt wiederkommen, kann jeder selbst überprüfen (da wird dann natürlich schnell die Kategorie gewechselt, dass es spirituell natürlich trotzdem wunderbar war). Außer immer wieder dagegen Argumentieren, Fehlschlüsse aufzuweisen und Widerlegtes auch so darzustellen, kann man da wohl wenig machen.

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