Zum Zahltag im Revier: Das Zahlen zählende Gehirn
Marc Scheloske hat bei sich einen interessanten Eintrag über Zahlen und Sprache — mit der Feststellung, dass Menschen, die in ihrer Sprache oder Ausdrucksfähigkeit Zahlen nicht darstellen können, auch nicht richtig zählen können und dass etwa Fische über sehr vergleichbare Fähigkeiten verfügen.
Spaepen schlußfolgert, daß es eine notwendige Bedingung darstellt über numerische Begriffe zu verfügen, um sich in komplexeren Zahlenräumen zu orientieren. Die Sapir-Whorf-Hypothese und damit der linguistische Relativismus ist um ein Indiz reicher.
Um das Ganze aus der Sicht eines Naturwissenschaftlers, der mit linguistischem Relativismus erst mal weniger am Hut hat, anzureichern: Wahrnehmungsexperimente z. B. zeigen in eine ähnliche Richtung. Soll heißen, wenn ich eine Menge Gegenstände nur unaufmerksam wahrnehme, bin ich in der Lage, eine Anzahl von etwa 3 noch intuitiv als „drei” Gegenstände zu erfassen. Das kann man gerne auch zu Hause mal ausprobieren oder im Alltag drauf achten. Die genaue Anzahl ist individuell verschieden und sollte etwa 3 oder 4 betragen.
Bei einer größeren Menge, deren genaue Anzahl man bestimmen will, muss man seine Aufmerksamkeit drauf lenken und eben zählen, wobei das nicht unbedingt ein Zählen einzelner Gegenstände sein muss; je nach Anordnung wird man zum Beispiel imstande sein, Gruppen von „drei Gegenständen” zu zählen, weil man diese drei Objekte eben noch intuitiv als drei erfassen kann.
Diese Differenzierungssfähigkeit einer niedrigen Anzahl von Objekten scheint also biologisch in uns angelegt zu sein, und das wird durch die Fisch-Versuche durchaus gestützt. Es ist dann keine allzu große Überraschung, dass Menschen, die keine Zahlensystematik beigebracht bekommen haben, diese auch nicht spontan aus sich heraus entwickeln können. Es sind weniger die fehlenden Begrifflichkeiten, die man für eine Vergegenwärtigung auch braucht. Vielmehr müssen die dafür zuständigen Beziehungen im Gehirn offensichtlich erst angelegt werden, weil sie nicht angeboren oder in der DNA angelegt sind.
Ganz ähnlich, zumindest der Theorie zufolge, liegt übrigens die Sache mit Japanern und R- und L-Lauten. Da es im Japanischen kaum eine Unterscheidung zwischen den zwei Lauten gibt, wird ein Japaner, der das nicht früh in seiner Erziehung zusätzlich beigebracht bekommen hat, entsprechende Schwierigkeiten haben, beide zu unterscheiden. Das hat nichts mit der Artikulations- oder Schreibfähigkeit zu tun, was man beides trainieren kann; R wird dann beim Sprechen wie beim Hören trotzdem oft zum L, L manchmal aber auch zum R. Mithin ist es also sehr wohl ein Wahrnehmungsproblem; dass allerdings auch hier nicht in der Sprache zu verorten ist, sondern in Gehirnstrukturen. Das mag menschenverachtend und grausam klingen, aber auch das kann man mit einem japanischen Kollegen bei Zeiten ja mal austesten. Wissenschaft muss nicht immer politisch korrekt und spaßfrei sein.
Gerade beim Zählen ist es also wichtig, einem Kind das beizubringen, und das funktioniert natürlich nur über Kommunikation und Symbolisierung, wie sie Sprache, aber auch Mathematik darstellt. Man kann das Ganze natürlich linguistisch interpretieren; aber zugrunde liegt doch eher ein neuronales Phänomen. Ich wäre also zumindest vorsichtig, das als „linguistischen Relativismus” zu bezeichnen. Dass man Unterscheidungen und Differenzierung erst lernen muss, dass man sein Gehirn erst darauf trainieren muss, Phänomene wahrzunehmen und zu kategorisieren, ist die Basis aller Erziehung und Bildung und klingt bei weitem nicht so revolutionär.
Dass unsere Gesellschaft sich immer mehr zur Wissensgesellschaft entwickelt und Wissen fast schon hortet, liegt eben daran, dass solche Wahrnehmungsbarrieren überschritten werden können. Das kann der Erwachsene nur noch mit viel Aufwand, aber danach kann es dem Kind in seiner Frühentwicklung weitaus leichter beigebracht werden. Insofern ist Naturwissenschaft eben auch der stete Versuch, Sprachbarrieren zu durchbrechen oder zumindest zu erweitern, um Sprache dadurch an die objektive, nicht evolutionär in uns angelegte Welt anzunähern. Das Gelingen des Versuchs kann man dann aber auch nicht mehr mit Sapir und Whorf beurteilen. Dem Linguisten fehlt da nämlich die Methode, seinen eigenen Horizont überschreiten zu können. Sapir-Whorf beschreibt im Grunde einen Ist-Zustand, was zwar warnend oder aufmerksamkeitsfördernd durchaus sinnvoll sein kann; aber die Naturwissenschaft, die sich im Grunde um die Überwindung der bereits in Sprache gegossenen Erkenntnisgrenzen bemüht, lässt sich davon nicht zu sehr beeindrucken.
Und das im Übrigen mit Erfolg. Nicht nur, dass Wissenschaft Sprache verändert; offensichtlich sind wir ja auch alle imstande zu zählen. Unsere Kultur und Wissenschaft haben also irgendwann mal die Grenzen der Sprache soweit durchbrochen, dass wir sie entsprechend bereichert haben. Wer also wirklich denkt (und dazu zähle ich Marc Scheloske nicht, nur um das noch mal klarzustellen), Sprache sei ein Absolutum, jenseits dessen man nichts wahrnehmen könne: irgendwer scheint das trotzdem schon mal erfolgreich geschafft zu haben.
Und tut das vielleicht noch heute…
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