Die letzte Verursachung

Es gibt Sätze, die eine derartige durchaus noch vorbewusste Plausibilität haben, dass man Tausende von Logikern, Wissenschaftler und Philosophen tausend Jahre lang auf tausend Schreibmaschinen stichhaltige Erwiderungen tippen lassen könnte, um die Unsinnigkeit dieser Sätze bis ins letzte Detail aufzuzeigen, ohne dass es in der populären Wahrnehmung irgendeinen Effekt hätte. Ein solcher Satz ist auch der, dass doch alles im Leben irgendeine Ursache habe, dass man sich die Welt oder das Universum somit nicht ohne Ursache vorstellen könne: es muss da draußen irgendwas geben, was die Welt hervorgebracht hat. Und dieses etwas identifiziert man als Gott. Weil’s so schön passt. Und obwohl der Satz weitestgehend als sinnfrei und zirkulär entlarvt wurde, ist er intuitiv immer noch einer der psychologisch wirksamsten Verteidigungslinien, auf die Religion zurückfällt und ohne die sie heute kaum noch existieren würde.

Populär nennt man dieses Argument immer noch den kausalen Gottesbeweis und beweist damit erst mal, dass man den Begriff „Beweis” ähnlich frei verwenden will wie amerikanische Verteidigungsminister vor UN-Versammlungen: denn hätte man etwas bewiesen, müssten wir uns heute ja nicht mehr darüber unterhalten. Es ist ein auf Indizien beruhendes Argument, mehr nicht, und weder die Indizien noch das Argument selbst sind besonders überzeugend.

Im Allgemeinen wird diese Art der Gottesbehauptung vom Argumentativen angegangen, da es hier schon offensichtliche Lücken gibt. Selbst wenn es eine Verursachung der Welt gäbe, müsste nach demselben Argument gefolgert werden, dass auch dieser eine Ursache voraus gegangen sei; selbst wenn es eine Verursachung der Welt gäbe, könnten wir die noch lange nicht mit Gott identifizieren; schließlich, warum sollte eine mögliche Verursachung nicht einfach eine natürliche Ursache sein, eine zutiefst naturalistische — dass man Schwierigkeiten hat, die heute zu bestimmen, ist ja kein Argument gegen den Einwand. Schon gar nicht von Leuten, die sich über Jahrtausende trotz allen Blutvergießens, aller Theologie, aller Erleuchtung und aller Zwiegespräche bis heute nicht einigen konnten, wer oder was denn Gott sein soll und was um Himmels Willen er eigentlich die ganze Zeit von uns will.

Letztendlich wird dadurch in dem Argument vorausgesetzt, was man hinten bewiesen sehen will. Man nimmt an, dass es außerhalb der Natur etwas geben müsse, da man nicht zugestehen oder sich vorstellen will, dass Natur selbst schon unverursacht einfach sein könne — es muss einem dann nicht wie Offenbarung vorkommen, dass aus dieser Annahme zurückschließt, dass da wohl ein außer- wie übernatürlicher Verursacher im Spiel sein muss. Es gehört dann allerdings etwas Chuzpe dazu, das einen Beweis zu nennen.

 

Die Wirkung wird somit ausschließlich auf psychologischer, mitnichten auf der vorgegebenen logischen Ebene erzielt. Der Mensch ist von Natur wie von Kultur aus dahin geformt worden, Kausalketten zu suchen und zu finden. Auf natürlicher Ebene ist es ein offensichtlich elementarer Überlebensvorteil, richtige Schlussfolgerungen ziehen und dann richtige Kausalketten bestimmen zu können: etwa vom Aussehen einer Frucht auf ihre Bekömmlichkeit oder vom sich bewegenden Hochgras auf ein sich anpirschendes Tier zu schließen. Das ist noch nicht mal menschlich sondern Basis des Lebens und biologisch weitgehend in uns hinterlegt; selbst die Pflanze bildet unbewusst eine natürliche Kausalkette wider, wenn sie ihre Blätter gegen das einfallende Licht ausrichtet. Bei höheren Tieren kommen Lernkompetenzen dazu und ergänzen genetisch gewachsene Disposition, womit sie komplexere Strategien und Verhaltensmuster ermöglichen. Schon hier sieht man übrigens bereits das Auftreten von Aberglauben: es erfordert wenig Mühe, in einem entsprechenden Pawlowschen Experiment Tieren Kausalitäten vorzutäuschen, wo keine sind, bis sie unter absolut randomisierten Bedingungen fast schon psychotisch komplexe Strategien ausführen, die ihnen natürlich keinen Vorteil verschaffen: aber das Tier glaubt offensichtlich einen solchen zu erlangen, und die statistisch auftretende „Bestätigung” überwiegt emotional die genauso statistisch, sogar häufiger auftretenden „Widerlegungen” des Glaubens.

Beim Menschen wird das alles durch den kulturellen Lernprozess ergänzt, in dem immer komplexere Abläufe auf Ursachen zurückgeführt werden. Schließlich lernt er den Gebrauch von Werkzeugen, um Kausalketten selbst auszulösen, wie er auch lernt, im Voraus zu planen und Prognosen zu treffen, weit über das biologisch angelegte hinaus, weil er mit Sprache und Kultur auch einen Weg gefunden hat, seine Kinder zu unterrichten und damit ihre kulturelle Ausgangsposition zu erhöhen. Dabei verschwindet der tierische ererbte Aberglaube durch zufällige Konditionierung aber nicht. Alle Experimente zeigen, dass der Mensch in Situationen, in denen er nicht alle Variablen endgültig bestimmen kann, zu genau den selben Irrtümer und ihrer Festschreibung gelangt: er versucht Kausalitäten zu finden und wird im Zweifelsfall eher eine falsche akzeptieren, als sich einzugestehen, dass er keine finden kann. Auch hier überwiegt die Wirksamkeit selektiver Bestätigungen die von zuwider laufenden Ergebnissen. Und auch diese abergläubischen Vorstellungen können kulturell festgeschrieben, weitergegeben und im Laufe der Generationen ergänzt werden: eine primitive Naturreligion kann sich so schon bilden.

Darüber hinaus wird solcher Aberglaube aber nicht nur festgeschrieben, er wird zudem mit der Zeit personalisiert. Je mehr der Mensch in Kultur aufgeht und die Natur beherrscht, desto mehr werden für ihn interpersonale Beziehungen wichtiger; die Frage nach dem Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und der ihn erreichenden Antwort stellt sich weniger zwischen ihm und dem Verhältnis zur Natur, denn zwischen ihm und dem Verhältnis zu den Anschauungen und Motiven anderer Menschen. Der Fokus seiner Aufmerksamkeit richtet sich zwangsläufig danach zu fragen, welches Motiv hinter einem Konflikt oder einem Problem steckt, wie er sich verhalten muss, um diese Motivation zu verändern, um zu dem von ihm gewünschten Ergebnis zu kommen. Hier können sich in Situationen, in denen die Motive anderer nicht klar vor ihm liegen, ebenso abergläubische Verhaltensweisen herausbilden. Und da man sich nun schon hauptsächlich mit fremden Motiven rumplagt, liegt die Übertragung auf die Natur nahe. Wie es im Zweifelsfall weniger schädlich ist, eine überflüssige natürliche Ursache in der Natur anzunehmen, in Form eines nicht zu kostspieligen Aberglaubens, weil eine richtig gefundene Kausaliät soviel Zugewinn bringt, dass man die im gegenteiligen Fall nicht verpassen darf; so ist es in der Kultur auch meist besser, eine zusätzliche, nicht vorhandene Motivation anzunehmen, selbst wenn keine da ist, anstatt gegenteilig zu irren und eine motivierte Handlung nicht als solche zu erkennen. So füllt sich das Weltbild mit immer komplizierten Dogmen und die Naturreligion langsam mit fremdem, undurchschaubarem Bewusstsein. Wie der Mensch in einer Großstadt jeden unfreundlichen Blick und jedes Missgeschick auf sich beziehen mag, bezieht er die Abläufe des Universums, der Welt und der Natur um ihn herum erst auf sich selbst: irgendeine Motivation muss doch dahinterstecken. Der Ausgangspunkt des Theismus.

Der so genannte kausale Gottesbeweis beschreibt aber nur diese Psychologie: es muss doch eine Motivation dahinterstecken, sagt der darauf konditionierte, sich nicht von seinen Vorurteilen freigemachte Mensch. Wo sonst soll diese Motivation stecken, wenn nicht in Gott… q.e.d... Denn eigentlich meint man sowieso das göttliche Motiv hinter allem — die natürliche Ursache weist weder auf Göttliches, noch auf Unerkennbares. Es klingt bloß wesentlich logischer, wenn man in der Prämisse noch vom natürlichen Begriff der Verursachung spricht, auch wenn man dann im Schluss wieder auf Gott zurückfallen muss, den als reine „Ursache” zu beschreiben, eigentlich das eingebildete Wesen Gottes beleidigt.

 

Mehr als 220 Jahre hat man sich nun sagen lassen müssen, dass die Nichthinterfragung abergläubischer Vorurteile selbstverschuldet ist. Vielleicht kann man da mal einen Blick auf das inzwischen errungene Bild der Welt versuchen, wie sie sich vor uns erstreckt.

Nichts deutet im großen Bild darauf hin, dass irgendeine Motivation hinter dem allen steckt, schon gar keine Motivation, die sich auf uns beziehen würde. In einem ewig weiten Raum stecken wir irgendwo am Rand, sind vermutlich nicht die einzigen und denken immer noch, wir könnten mit Gott reden und ihn für uns einnehmen, wenn wir nur die richtigen, magischen Prozeduren befolgen; wie die Taube, die in ihrem Käfig eine Abfolge neurotischer Kopfschlenker vollführt, weil das doch schon mal geholfen hat, ein Nahrungsstück in der zufällig ablaufenden Futterstation erscheinen zu lassen.

Und der Kausalitätsbegriff, ins uns eingeimpft durch die Evolution und unseren kulturellen Hintergrund, verschwimmt zusehends bei der Betrachtung der Seinsgrenzen. Wir wissen noch nicht mal, ob unser Universum einzigartig ist oder endlich, ob da überhaupt ein Platz für eine Ursache sein kann, um von dem einen Verursacher noch ganz zu schweigen. Es erscheint absurd, unser intuitives Kausalitätsverständnis dahin tragen zu wollen, wo wir nicht mal mehr unseren Zeitbegriff verorten können. Aber wir haben inzwischen verstanden, auf welchem Weg wir vielleicht irgendwann die Frage beantworten können. Die Kosmologie wird die beantworten, nicht die Theologie, die sich das am Rand angucken und hoffen kann, dass die Wissenschaft ihr möglichst lange Spielraum für unbegründbare Spekulationen lasse. Irgendwo mag es vielleicht sogar eine prinzipielle Erkenntnisgrenze geben, aber auch da deutet nichts mehr darauf hin, dass es jenseits derer etwas geben müsste, was nicht naturalistischer Beschreibung gehorchen sollte, auch wenn wir nicht in der Lage sein mögen, diese Beschreibung zu entwickeln. Zumal, wenn sich weiter herausstellen sollte, dass aus diesen Jenseitigen nur naturalistisch Beschreibbares in diesem Universum entstanden ist. Die Theologie unternimmt den Versuch, aus einen naturalistischen Universum abgeleiteten Aberglauben auf das Jenseitige, Unbekannte zu übertragen und hofft, dass es da dann wenigsten stimmen möge — abseits aller Logik, aber unterstützt durch weltlich wirksames Ressentiment vor dem Nichtwissen und die dem Aberglauben inhärente Plausibilität.

In unserem eigenen Universum stoßen wir derweil an die Grenzen unseres evolutionär geprägten, makroskopischen Kausalitätsbegriffs. Auf grundlegendster Ebene finden wir eben nicht mehr auf determinierte Kausalität, sondern auf statistisches Verhalten, und ringen noch damit, vielleicht doch noch zugrunde liegende Abhängigkeiten aufdecken zu können. Aber auch diese Frage ist naturwissenschaftlich beantwortbar und steht mit im Zentrum aller Quantenphysik. Der Missversteher mag sich da die Option offen halten, notfalls Gott auch in dieser Nichtkausalität auszumachen, eben als wissenschaftlich nicht mehr bestimmbare, aber allem zugrunde liegende, alles durchziehende Verursachung und Beeinflussung. Eben wie der abergläubische Mensch in jedem nicht vorhersagbaren Phänomen vor allem Metaphysik hat ausmachen wollen. Das ist dann eine Metaphysik, in der uns Gott als Festleger eines Würfelwurfs erscheint, und schon darum analog zum Aberglauben des Spielers. Es hat dabei aber auch den unschönen Nebeneffekt, dass zwar der Einzelwurf nicht vorhergesagt werden kann, die statistische Verteilung der Würfe aber sehr wohl. Damit ist Gott dann eben nicht mehr grundsätzlicher oder ursächlicher als statistische Theorie und das kausale Gottesargument endgültig absurd.

 

Oder man hört endlich mal auf, sich Sachen einzubilden, weil man mit seiner eigenen Begrenztheit nicht klarkommt, und lebt mal ausnahmsweise sein Leben. In uns sind alle Möglichkeiten für ein glückliches Leben angelegt, und dazu haben wir die Kompetenz, unsere biologischen Grenzen intellektuell zu verändern, in Kultur festzuschreiben und weiterzugeben. Wir unterdrücken weitgehend unsere biologischen und zuvor auch kulturalisierten Tötungsimpulse und lehren unsere Kinder dasselbe. Gleichsam ist auch der religiöse Aberglaube überwindbar, der sich aus ebenso biologischen wie kulturalisierten Impulsen nährt; dass einige noch den wohligen Schauer randomisierter Bestätigungen einer aufgeklärten Weltsicht vorziehen, den Aberglauben gar als tugendhaft und sittsam verkaufen wollen, macht ihn nicht weniger falsch und überflüssig. Jemand, der ohne Religion aufgewachsen ist, empfindet die abergläubischen Rituale organisierter Religion als genauso neurotisch und lächerlich wie eine sich herumdrehende Taube, die darauf hofft, dass ihr Gott Zufall mal wieder ein Korn schenke…

Wenn sie’s denn nur endlich herausfände, welches Verhalten den Zufall zu ihren Gunsten beeinflusste.

14 Responses to “Die letzte Verursachung”

  1. Es gibt natürlich keinen Beweis, dass eine übersinnliche Kraft den Menschen geschaffen hat. Aber wie soll die Wissenschaft, die sich ja auf die Sinne stützt auch etwas Übersinnliches untersuchen können? Seit ich Gödels Unvollständigkeitssatz begriffen habe, erwarte ich auch keine universelle Antwort oder gar einen Beweis auf diese Frage. Das soll doch jeder mit sich selbst ausmachen.

    Mir scheint, dass du die Wissenschaft gewaltig überschätzt - sie leidet an den gleichen Fehlern wie die Menschen, die sie ausüben: Subjektivität, Eitelkeit, Interessenskonflikte, … Und leider beantwortet sie oft die einfachsten Fragen nicht oder widersprüchlich oder alle 10 Jahre wieder anders. Dies ist kein Plädoyer gegen die Wissenschaft, sondern eines für sie: man sollte ihre Ergebnisse genauso skeptisch hinterfragen wie seine eigene Wahrnehmung oder weitverbreiteten Aberglauben. Und man sollte seine Erwartungen dämpfen.

  2. Und man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Natürlich kann Wissenschaft keinen universellen Gegenbeweis gegen “Übersinnliches” führen (wobei wiss. Instrumentarium eine deutliche Erweiterung des “Sinn”-Begriffs darstellt). Sie kann aber erstens zeigen, dass alles Erfahrbare prinzipiell keiner übersinnlichen Erklärung bedarf. Und sie kann zeigen, dass die Vorstellung von dem, was Du übersinnlich nennst, auf natürlichen Wegen in die Welt kommt, damit also auch kein Übernatürliches benötigt. Es wäre schon komisch, wenn man Wissenschaft ihre Begrenzungen vorwirft und gleichzeitig behaupten wollte, in unseren kleinen Köpfen könnte wir nur mit Nachfühlen dann aber doch zu großen Erkenntnisse kommen.
    Von daher muss es zwar jeder irgendwo mit sich selbst ausmachen; aber die Annahme, man könne keine informierte Entscheidung treffen oder das Problem sei beliebig zu beantworten, ist halt auch — Beliebigkeit.

    Wissenschaft leidet vielleicht wie alles Menschliche am Allzumenschlichen. Aber wenigstens hat sie Verfahren entwickelt, menschliche Schwächen mit der Zeit herauszufiltern. Auch hier ist wieder die Kritik an einzelner Wissenschaft eine Sache; das Interessantere wäre eine überlegene Alternative… die es nicht gibt.

    Ich finde es immer wieder (so häufig ist es leider) amüsant, wenn man sich ernsthaft zuhause vor seinen Rechner setzt und in die neue Tastatur tippt, dass Wissenschaft oft nicht mal die einfachsten Fragen beantworten kann. Da sollte man seine eigenen Ansichten dann auch mal mit einem nötigen Fragezeichen versehen. Vielleicht hast Du Dich ja doch etwas zu sehr dran gewöhnt, dass Du immer nur zwei Klicks von den neusten Videos der letzten Marsmission entfernt bist? Es ist im Grunde eine Art institutionalisiertes Impostor-Syndrom, wenn man nach jeder Antwort sagt: “das war ja zu einfach”, wenn man ohne Wissenschaft noch in der Höhle säße und über die unbekannten Feuer am Himmel spekulieren könnte.

    Natürlich muss man wissenschaftlichen Hypothesen gegenüber Skepsis aufbringen — aber auch hier ist Skepsis eben nicht eine “wer weiß es schon”-Haltung, sondern ein sehr aufwendiges Hinterfragen, was bisher Hypothese ist, was brauchbare Theorie und was jenseits aller Konstruktion wohl als “wahr” übrig bleiben wird, egal, wer da gerade Wissenschaft treibt.

  3. Ich gebe dir grösstenteils Recht und möchte unterstreichen, dass ich die wissenschaftliche Methode bei all ihren Unzulänglichkeiten für die Basis und den kleinsten gemeinsamen Nenner der Kommunikation über Phänomene unserer Welt betrachte. Die gewaltigen Fortschritte, die sie gebracht hat, sind erstaunlich (und es scheint, als ob die technische Entwicklung schneller voranschreitet als die moralische Entwicklung der Menschen). Aber sie ist auch Teil dieses Systems, das sich unsere Welt nennt. Und sie ist nicht in der Lage, Aussagen über Wahrheiten ausserhalb dieses Systems zu treffen oder auch nur die exakten Grenzen des Systems zu bestimmen.

    Der Dialog zwischen atheistischen Wissenschaftlern und rationalisierenden Theologen, die beide mit irgendwelchen argumentatorischen Verrenkungen eine Wahrheit beweisen wollen, die nicht beweisbar ist, ist deshalb stets unfruchtbar, um nicht zu sagen sinnlos.

  4. Sie ist dazu besser in der Lage, als jede andere Form menschlicher Erkenntnissuche. Es sind dann ja nicht Wissenschaftler, die postulieren, dass es neben unserer Welt noch eine grundsätzliche verschiedene davon gibt. Nur weil wir uns aus unseren weltlichen Anschauungen einen Begriff von “außerhalb davon” gebildet haben, können wir den noch lange nicht sinnvoll auf die Welt an sich anwenden und dann der Wissenschaft vorwerfen, dass sie die sinnlose Spekulation nicht widerlegen kann.

    Und der Atheismus hat es da noch leichter. Der gibt nämlich noch weniger vor, was zu wissen. Wenn die theistischen Behaupter endlich aufhören, ihre Annahmen/Wünsche/Geschichtchen als “Wahrheit” zu verkaufen, kann der Atheist sich auch zurücklehnen. Er muss also mitnichten irgendeine abstrakte Wahrheit beweisen: er muss nur darlegen, warum wir alle nichts darüber wissen und besser schweigen sollten — die Ablehnung theistischer Behauptungen ist nicht die Postulierung endgültiger Wahrheitskenntnis, nur eine Kritik an den diesbezüglichen theistischen Irrungen. Die im übrigen innerweltlich sind und keine Auseinandersetzung mit unbeweisbar Außerweltlichem bedürfen.

  5. Ich würde sagen, Wissenschaft ist die beste Art von Erkenntnissuche, die für alle Menschen gilt (deshalb habe ich das auch “kleinster gemeinsamer Nenner” genannt), also bei der Suche nach objektiven Erkenntnissen. Meditation ist ein Beispiel für individelle Erkenntnissuche, die für Menschen subjektiv besser sein könnte (jedenfalls gibt es Menschen, die das für sich behaupten, übrigens auch Wissenschaftler wie Edison).

    Dass Atheisten vorgeben, nichts zu wissen, das gebe ich dir nicht Recht. Das gilt für Agnostiker. Atheisten sind ebenso wie Theisten Vertreter eines Wahrheitsanspruchs (was man man am Verhalten ihren Repräsentanten wie Richard Dawkins oder Michael Salomon-Schmidt auch deutlich erkennen kann).

  6. Ich habe nichts gegen Meditation als Konzentrations- oder sonstige geistige Übung. Und Wissenschaft beschäftigt sich mit objektiver Erkenntnis, schon richtig. Wenn Du meinst, dass Deine durch Meditation gewonnenen “Erkenntnisse” für mich aber irgendwie relevant sein sollen, müsstest Du die wohl aus Deinem Subjektiven in das Objektive überführen. Und dabei viel Spaß. Solange Du das nicht kannst oder Deinem subjektiven per se den Vorrang gibst, kann ich Dich lassen, aber Du wirst mir bestenfalls literarisches mitzuteilen haben — da Du einen Erkenntnisanspruch daraus wohl kaum ableiten kannst.

    Das Verhältnis zwischen Agnostikern und Atheisten ist ein weit missverstandenes. Agnostizismus ist weitgehend in Verruf geraten, weil er oft mit dramatischer Beliebigkeit vorgetragen wird: ich weiß es nicht, du weißt es nicht, also vielleicht hast du ja auch recht und Gott möchte, dass wir das kleine Hautstückchen von unserem Penis schälen… Pointiert ausgedrückt. Und das ist Theisten natürlich sehr recht, weil sie von der Art Agnostikern keinen Widerstand zu erwarten haben, wenn sie wieder losphantasieren (leichtes Kopfschütteln aus agnostischer Ecke gilt nicht).
    Atheismus ist nichts als eben ein A-Theismus: ich weiß es nicht, du kannst es auch nicht wissen, vielleicht könntest du dann mal aufhören, Stuss zu behaupten, den als normativ und moralisch überlegen vorzugeben und noch unseren Kindern einflößen zu wollen. Das ist nichts weiter als ein entschiedener, informierter Agnostizismus, der eben nicht meint, dass alles, was behauptbar ist, auch gleich plausibel oder gleich respektabel ist. Aber es ist kein Wahrheitsanspruch, die Natur der Dinge letztendlich, endgültig und allumfassend erkannt zu haben.

    (zumal Du nicht über Dawkins urteilen solltest, wenn Du gerade noch auf Deinem Blog geschrieben hast, dass Du ihn nicht gelesen hast, und als einzige Quelle Deiner Informationen eine theistische Polemik dazu nimmst)

  7. Ich habe nicht behauptet, dass man die subjektive Erkenntnis in objektive überführen sollte. Ich glaube nicht, dass das geht und dass das sinnvoll ist.

    Der Widerstand, den sowohl Theisten und Atheisten von Agnostikern erwarten dürfen, den hast du ja durch meine Kommentare bereits gespürt ;-)

    Deinen letzten Kommentar in Klammern hättest du dir sparen können. Ich habe zwar den Gotteswahn nicht gelesen (übrigens aber das egoistische Gen, ein tolles, keinesfalls polemisches Buch!), kenne aber Dawkins Ansichten aus Zeitungsartikeln, Videos und Rezensionen. Sein Auftreten wirkt nicht wie das eines Erkenntnissuchers, sondern eines Menschen, der seine Erkenntnisse mit der Brechstange an den Mann bringen will. Aber auch hier darf ja jeder seinen eigenen Eindruck haben.

  8. Ist nicht schon die Bezeichnung als Erkenntnis dann eigentlich irreführend; es ist doch dann mehr eine Ansicht oder Einstellung? Es hat jedenfalls eine ganz anderen Bezug als das, was man in der Welterforschung oder Religion eine Erkenntnis nennen würde.

    Ich kann nur von Deinem Post aus urteilen. In dem schreibst Du, dass Dawkins “religiöse Menschen” als “dumm und geisteskrank” bezeichnen würde und dass es es in seiner Logik ein “religiöses Gen (…) oder eine Gruppe von Genen” geben müsste”; und das Du Dich bei der Beurteilung auf eine Rezension verlässt. Beide Behauptungen stimmen aber nicht: die erste in der unseglichen Verallgemeinerung, die Dein Rezensent da reingelesen hat; die zweite zu den viel komplexeren Überlegungen, die sich selbst Dawkins, den der Ursprung von Religion nur am Rande interessiert, dazu gemacht hat; unter Zuhilfenahme anderer Theoretiker.
    Wenn Du das für seine Erkenntnisse hältst, liegt das Bild mit der Brechstange nicht fern. Bloß stimmt es nicht und lässt zumindest Zweifel zu, wie informiert Deine Beurteilung seines Auftretens ist (bzw. von wem und durch was informiert).

  9. Come on! Du wirst doch nicht in Frage stellen, dass Dawkins seit ein paar Jahren vor allem als Religionskritiker unterwegs ist, der es sich zu seiner Aufgabe gemacht zu haben scheint, Menschen von ihrem Glauben abzubringen. Das ist für mich ein grosser Unterschied zu einem Agnostiker. Und hat das noch etwas mit Wissenschaft zu tun?

  10. Das klingt irgendwie so, als wäre “Religionskritik” für Dich negativ besetzt. Ich wüßte nicht, warum es das für einen Agnostiker sein sollte. Was bist Du denn für ein Agnostiker, wenn Du nicht sagen kannst: die wissens auch nicht? Davon musst Du doch auch ausgehen, sonst wäre Dein Agnostizismus leicht widersprüchlich.
    Dawkins geht auch nicht rum, zündet Kirchen an und entführt Kinder von Schulhöfen. Er hat ein Buch geschrieben, hält Vorträge, gibt Interviews und hat eine Webseite. Mithin dasselbe, was unzählige Religiöse, Agnostiker und Meditationsvertreter** auch machen.

    Ich sehe nicht, was das mit Wissenschaft zu tun haben muss. Er ist Wissenschaftler (kein forschender mehr, übrigens), und Wissenschaft informiert seine Ansichten. Ja und? Ich hab das Memo nicht gekriegt, dass ich als Wissenschaftler keine Meinung haben oder nicht über die Grenzen meiner tatsächlichen Arbeit hinausdenken darf.

    (** gibt’s da ein anderes Wort für? Meditativling? Meditationistiker? ;-) Meditierender klingt nicht richtig logisch, sofern wir nicht über die aktuelle Ausübung reden)

  11. Nein, Religionskritik ist für mich nicht negativ besetzt. Ich störe mich allgemein, wenn jemand einem anderen vorschreiben will, was gut und richtig ist. Religionen tun sich damit ja bis heute besonders hervor. Deswegen hoffe ich auch, dass Wissenschaft nicht selbst zur Religion wird ;-)

  12. Da bin ich dann allerdings auf Deiner Seite. Obwohl ich gegen eine Feiertag für Wissenschaft nichts hätte, mal so zum Ausgleich was Reales feiern ;-)

  13. Nur so als ergänzenden Gedanken:

    Ich störe mich allgemein, wenn jemand einem anderen vorschreiben will, was gut und richtig ist.

    Du willst mir also sagen, dass es nicht gut und richtig sei, jemand anderem zu sagen, was gut und richtig wäre? Hmmm… ;-)

  14. Da sind wir wieder bei Gödel…

    Die Idee mit dem Feiertag der Wissenschaft, die gefällt mir übrigens gut.

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