Confirmation Bias und Selektive Wahrnehmung

Letzten Samstag hatte ich eines dieser vermeintlich mysteriösen Erlebnisse, um die man manchmal Leute viel Aufheben machen sieht [1]: ich hatte gerade einen Beitrag über Sprachrelativismus und Wissenschaft geschrieben, den dritten in einer thematisch verwandten Gruppe, hatte mich dafür noch mal mit Sapir-Whorf beschäftigt und mir meine Ansichten ein wenig zusammenklamüsert. Aber dann musste ich los (Spieltag…) und griff noch schnell in mein Bücherregal, um bei der Fahrt durch die Stadt auch was zu lesen zu haben; damit’s in die Jackentasche passt irgendeinen Reclam-Band von Carl Friedrich von Weizsäcker, Ein Blick auf Plato, was man halt so als Schalke-Fan griffbereit im Regal stehen hat. In der S-Bahn überblätter ich das Vorwort zum ersten Aufsatz und finde: “Über Sprachrelativismus”. Von Weizsäcker über und gegen Benjamin Lee Whorf. Nun hatte ich das Buch der Erinnerung nach vor einigen Jahren mal gelesen und seitdem offenbar gründlich vergessen. Als ich hier das erste mal wieder über Whorf schrieb, kam mir nicht mal der Name bekannt vor, und erst “Sapir-Whorf” brachte dunkle Erinnerungen, darüber schon mal was gehört zu haben. Nachdem ich also eine Woche doch immer wieder drüber nachgedacht hatte, fiel mir wie von Zauberhand dieses Buch in die Finger, das ich seit Jahren nicht mehr angerührt hatte. [2] Ich fand’s erstaunlich.

Das war es zwar auch und ein hübscher Zufall, aber mysteriös war es natürlich nicht. Die hundert Male vorher, dass ich mir im Rausgehen noch ein Buch eingesteckt hatte, dass sich dann als eher irrelevant herausstellen sollte, hatte ich mir über sowas nie Gedanken gemacht. Und in dem Fall war’s wohl auch kaum ein kosmischer Fingerzeig. Was hätte Gott mir damit auch sagen wollen: “Das mit Babel war nicht so gemeint”? Nur sind es eben ähnliche Ereignisse, eigentlich reine Zufälle, die manchmal sehr wohl als Zeichen angesehen werden können, wenn es in einen sinngebenden Zusammenhang zu passen scheint.

Im Englischen gibt es für das zugrunde liegende Phänomen den sehr schönen Begriff Confirmation Bias, der solche psychologischen Phänomene beschreibt: wir neigen dazu, Ereignisse oder Interpretationen, die unseren Ansichten entsprechen oder unser schon bestehendes Weltbild bestärken, mehr Bedeutung zuzugestehen als solchen, die dem widersprechen. Der deutsche Begriff Selektive Wahrnehmung geht in eine ähnliche Richtung, wenn er auch durchaus mehrdeutig ist.

Confirmation Bias ist dabei weder exotisch noch krankhaft, sondern mit das Menschlichste, was es gibt. Ob menschliche Beziehungen oder gar Ehen überhaupt so eine glückliche Idee wären, ganz ohne entsprechende Bewertungsvorlieben, lasse ich mal dahingestellt. Aber ansonsten ist es erst mal eine Arbeitsersparnis, nicht durch jede zufällige Schwankung alteingesessene Ansichten immer wieder von neuem hinterfragen zu müssen, und vielleicht ist es sogar elementar dabei, überhaupt kausale Zusammenhänge aus dem Wust der Alltagserfahrung herausfischen und die zumindest als Arbeitshypothese erst mal durchhalten zu können, bis die Informationen eindeutiger geworden sind.

Bedenklich wird es da, wo die Wahrnehmung eben so selektiv wird, dass man sich zu belügen beginnt. Liefert beispielsweise ein wissenschaftliches Experiment zweimal nicht das gewünschte oder erwartete Ergebnis, beim dritten Mal schon, ist man schnell dabei, die ersten zwei Ergebnisse zu verwerfen. Das kann durchaus gerechtfertigt sein, nur sollte man besser nachprüfen, ob man das auch mit mehr als nur der eigenen Erwartung an das Ergebnis begründen kann — oder zumindest das neue Ergebnis zuverlässig reproduzieren kann, nachdem man jetzt ja alle Schwierigkeiten überwunden zu haben glaubt. Als Experimentator weiß man sowas natürlich, darum sind solch offensichtlichen Fehler an deutschen Instituten praktisch nicht denkbar. Und werden andernfalls auch nicht wirklich anders als als wissenschaftlicher Betrug aufgefasst.

Auf nichtempirischen Gebiet wird es da schwieriger. Horoskope funktionieren nur dadurch, dass Menschen selektiv die bestätigenden Ergebnisse rauspicken und den Rest vergessen. So ähnlich ist es mit wirkungsloser Alternativmedizin: die ersten drei Tage tut sich halt nichts (”braucht seine Zeit… Erstverschlechterung…”); wenn’s danach langsam besser wird, wird das wohl das “Medikament” gewesen sein. Die positiven Wirkungen werden als Bestätigung aufgefasst, die negativen weginterpretiert.

Die Schwierigkeit liegt natürlich darin, dass das Bild mit tatsächlicher Medizin dasselbe ist. Man kann nicht sagen, wie lange der Schnupfen gedauert hätte, wenn man die Medizin nicht genommen hätte. War’s ein besonders schwerer, darum hat’s auch mit Medizin so lange gedauert, oder hat die Medizin gar nicht gewirkt? Darum gibt es aufwändige Wirksamkeitsstudien für Medikamente, in denen solche statistischen Faktoren herausgerechnet werden sollen. Aber selbst die sind nicht fehlerfrei. Und vor allem kommt es beim Menschen draußen nicht an. Wie erklärt man jemanden, dass sein subjektives Gefühl kein Maßstab für wissenschaftliche Wirksamkeit sein kann, obwohl es doch seine Gesundheit betrifft? Das ist bei Schnupfenhomöopathika herzlich irrelevant, aber nicht, wenn sich dem “alternative” AIDS-Theorien anschließen (via Kritisch Gedacht).

Effekte des Confirmation Bias finden sich genauso in der Psychologie: wer unter der Annahme operiert, dass er intelligent/dumm ist, wird in der Realität immer Bestätigungen für seine Intelligenz/Dummheit finden und kann so viel effektiver eine entsprechende Karriere/Neurose daraus machen. Das zieht sich bis zu den von Watzlawick beschriebenen selbsterfüllenden Prophezeiungen, nach denen sich jemand als negativ empfindet, dafür selektiv Bestätigungen findet und als Reaktion tatsächlich negativer wird oder sich negativer verhält.

Die Religion bedient sich des Effekts manchmal auf fast intentionale Weise und wirkt in der Hinsicht wenig redlicher als anderer Aberglaube. Das Verhältnis zu Gebeten ist da nur ein Beispiel. Ganze Theologien sind im Grunde in Stein gehauener Confirmation Bias, indem sie zwei Maxime ins Zentrum stellen: Dankbarkeit (für alles Gute, Positive) und die Ideen von Gottes mysteriösem Handeln bzw. von “Prüfungen” (für alles Negative). So einfach baut man sich sein eigenes Kategoriensystem für komplexe Realität, inklusive einer Tugend, möglichst viel das Weltbild bestätigende zu suchen. Darüber hinaus werden aber auch Zufallsereignisse wie das anfänglich beschriebene mystisch aufgeladen und überhöht. Ich erspare euch, mir und demjenigen die Verlinkung, aber mancher Jungevangelikale hat schon Gottes direktes Handeln darin entdeckt, dass er seinen Schlüssel verlegt und plötzlich wiedergefunden hat. Das Wirken des Heiligen Geistes scheint im dem Sinne sowieso hauptsächlich auf Wahrnehmungspräferenzen und sich selbst erfüllende Prophezeiungen zurückzuführen sein. Wer hätt’s gedacht.

Ernster liegt die Sache, wenn Menschen zum Beispiel vermeinen, prophetische Zeichen zu vernehmen, etwa über herannahenden Tod von Verwandten. Meine (nicht mal besonders religiöse) Großmutter hatte zum Beispiel mal einen Raben am Fenster sitzen, der danach in Richtung einer sterbenskranken Bekannten davongeflogen ist, und wusste folglich: jetzt ist es soweit. Und wenige Wochen später war die Bekannte tatsächlich tot. Rational gesehen ist sowas natürlich amüsant, aber für die jeweils Betroffenen, die von sowas auch durchaus selbst überrascht werden können, hat es eine psychologische Realität, die man auch nur bedingt mit Statistik und Wahrscheinlichkeiten wegdiskutieren kann oder sollte. Wenn, dann sollte man es vielleicht auf die überzeugendere, nicht allein rationale Art versuchen.

Aber vor allem ist der Rationalist und der Atheist natürlich denselben Effekten ausgesetzt, selbst wenn er allem vielleicht kritischer, machmal auch des Problems bewusster gegenübersteht und weniger offensichtliche Mystik mit sich rumschleppt, die er bestätigt finden kann. Er unterliegt den gleichen psychologischen Effekten und bastelt sich seinen Alltag auch nur so zurecht, dass es halt passt; er mag erst mal passende Experimente auch lieber als unpassende; er kriegt von seiner Freundin einen vor die Omme, wenn er die Beziehung runterrationalisieren will; und wenn Manuel Neuer nunmal partout besser hält, wenn man selber sein Vereinsshirt anhat — wer ist man denn da, den Erfolg des Vereins auf Spiels zu setzen.

Auch mit Ratio muss ja mal irgendwo genug sein.

 

[1] Hier natürlich nicht, hier wird sowas nebenbei in 3000 Worten auf der Metaebene abgehandelt.

[2] C. F. v. Weizsäcker nimmt in dem Aufsatz übrigens Philosophie selbst gegen Sprachrelativismus in Schutz, dass man gegen den irgendwann auch mal Wissenschaft verteidigen müsste, schien ihm wohl zu unplausibel, um es zu erwähnen. Die Argumentation erfolgt, nicht ganz unähnlich, wie ich sie hier schon geführt habe**, darüber, dass Sprachrelativismus sich im Grunde selbst widerspräche, indem es mit Sprache über Sprache philosophiere, und letztendlich Philosophie nicht über das hinausgehe, was auch der Sprachrelativist als gegeben und nicht relativ annehmen muss.

** Joah — ich bin schon klasse! Irgendwer muss es ja mal sagen. Das kommt im öffentlichen Diskurs viel zu wenig zur Sprache!

 

3 Responses to “Confirmation Bias und Selektive Wahrnehmung”

  1. Robert Anton Wilson nannte diese Art Zufälle auch Synchronizitäten - und erwähnte überdies in einem zitierwürdigen Satz, dass Zufälle “der Aberglaube des Wissenschaftszeitalters” seien. Natürlich ist das zulange her, als dass ich irgendwas argumentatives zusätzlich zum Schlagwort parat hätte. Mir passieren solche Dinge ab und an wirklich in merkwürdigem Ausmaß. Ich habe in meinem Leben zwei Bücher gefunden, das eine war ein Spanisch-Katalanisches Wörterbuch was ich den ganzen Tag über vergeblich zu kaufen versucht hatte, dass andere ein englisches Buch über deutsche Grammatik dessen Autor mich bei einem Gastvortrag so begeistert hatte, dass ich beschloss, es mir irgendwann mal zu kaufen. Klar, die zahllosen Groschenromane usw. zähle ich nicht mit ;-)

  2. Paul Auster beschäftigt sich auch immer wieder mit solchen absurd erscheinenden Zufällen und erzählt schon ziemlich faszinierende Geschichten. Etwa im sowieso dringendst empfohlenen The Invention of Solitude, aber danach hat er auch einige Bücher explizit dazu geschrieben.
    Scheinen einigen Leuten öfter zu passieren als anderen (was auch nicht unbedingt gegen die Stochastik spricht). Wobei bei Auster natürlich auch reinspielen kann, wenn man ein berühmter Schriftsteller mit großem Fan- und Bekanntenkreis kreis ist, der bekanntermaßen solche Sachen sammelt.

  3. [...] die dem entgegenlaufen. Sagt die Wikipedia zum Confirmation bias, und Kamenin weitet das noch auf religiöse Verhaltensweisen und die Rezeption von vermeintlich begründeten Zufälle [...]

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