Störche über Berlin? In Berlin? Mitte März?

Es ist (aufgrund seiner Falschheit) noch kein besonders beeindruckener Beleg für den Klimawandel, wenn ich Mitte März schon zum wiederholten Male auf meinem Balkon sitze und wie gewohnt den lieben Gott keinen guten Mann sein lasse. Auch nicht, wenn das der zweite Frühfrühling in Folge ist. Erstaunlicher fand ich da schon, als sich plötzlich jenseits der großen Straße aus dem Wilmersdorfer Grün diverser Vor- und Kleingärten ein ziemlich breitschwingiger Vogel erhob und auf einen gegenüberliegenden Schornstein niederließ. Trotz allgemein guter Fernsicht konnte ich allerdings nicht sicher sagen, ob das nun ein Storch sei oder nicht. Dazu muss man wissen, dass ein im Ruhrgebiet Großgewordener Störche sowieso nur aus Bilderbüchern und Tiersendungen kennt und sie gerade mal so eben von Weißkopfseeadlern zu unterscheiden weiß; zumal selbst die Kenntnis, dass Kühe nicht lila sind, bei mir eher auf Gnade der frühen Geburt zurückgeht.

Mein erster Griff ging darum sinnloserweise, trotz bereitliegender digitaler Kamera, erst mal zu dem alten Fernglas aus dem Nachlass meinen Großvaters. Das etwas modernere, das ohne Luftwaffen-Markierungen. Was man so braucht, wenn man an einer Straße wohnt und es für einen Spaß hält, sich die Nummerschilder zu schnell fahrender PKW zu notieren. Bis ich das hatte, schwang sich der vorgebliche Storch schon etwas weiter nach Süden, tauchte da ab und zu noch mal auf, seine Details ließen sich aber über die größere Distanz auch mit technischem Hilfsmittel nur bedingt ausmachen. Derweil sich meine Nachbarn da schon gefragt haben mögen, was der Verrückte von gegenüber da mit dem Fernglas auf seinem Balkon macht. Kurz danach zog schon die eigentliche Sturmfront auf, und das Biest blieb verschwunden. Ein heranzoombares Bild wäre viel brauchbarer zur Identifizierung gewesen als die kurzen Blicke, die ich mit dem Feldstecher auf es habe werfen können, und hätte hier wunderschön gezeigt werden können. Aber man sieht schon wieder, dass ich auch publizistisch nicht mal auf dem Niveau eines BILD-Leserreporters operiere.

Da es mir dafür heftigst eingeprügelt wurde selbstverständlich ist, der Beobachtung auch die Analyse folgen zu lassen, hab ich noch mal im Netz nachgesehen, was das noch hätte sein können — schließlich, siehe oben, sind Störche für mich eher mythische Fabeltiere, die ich eher in Ostmasuren oder von mir aus im familiengeschichtlich nicht ganz so nahestehenden Schleswig-Holstein verorten würde — und muss nun feststellen: es kann auch ein Kranich gewesen sein. Kraniche sehen aus der Entfernung nicht furchtbar anders aus, insbesondere haben einige Arten (Bilder hier und hier) auch diese randgeschwärzten Flügel. Und zumindest einen leuchtend roten Schnabel konnte ich auf die Entfernung durch den Berliner Smog nicht ausmachen.

Der Kranich ist zwar weniger mythisch aufgeladen als der Storch. Aber wenn man dann mal nachguckt, muss man feststellen, dass es in Deutschland sogar noch deutlich weniger Kraniche gibt, die hier zur Aufzucht herkommen, als Störche, nämlich nur etwa 6000. Aber die kommen tatsächlich einen Monat früher als sonst. Und einer von denen ist aus irgendeinem Grund gerade in Berlin unterwegs, entweder wegen des Charmes der Großstadt oder um einfach hier zu verrecken. Das kann man bei Berlin sowieso nicht so streng unterscheiden.

Physikalisch ist die Navigation von Zugvögeln übrigens auch von stetem Interesse. Die nachts fliegenden Vögel scheinen sich dabei mittels eines Eisenklumpens im Schnabel, dem so genannten Magnetiten (Nerdspäße werden hier nicht gemacht), auch am Erdmagnetfeld orientieren zu können. Ganz geklärt ist das alles derweil noch nicht, und es schwirrt auch immer wieder die Idee durch die Debatte, dass sogar die Auswirkungen auf die Elektronenspins im Vogelschnabel da sensitiv eine Rolle spielen könnten. Wie plausibel das wirklich ist, ist dabei eine ganz andere Frage als die, wie hübsch sich das in DFG-Förderanträgen liest.

 

p.s. Ist eine etwas ruhigere Woche hier wegen verschiedener Termine. Die begrenzt weltanschauliche Debatte findet derweil in verschiedenen Kommentaren statt, hier und anderswo.

7 Responses to “Störche über Berlin? In Berlin? Mitte März?”

  1. Hmm…also ich finde das dieser ungewöhnlich warme Winter, die zurückkehrenden Störche und blühende Wildkirschbäume im März sowie die krassen Stürme DOCH ein Indiz für den Klimawandel sind. Sowas gab es “früher”, noch vor wenigen Jahren nicht in dieser extremen Häufung.

    Der Mensch zerstört das natürliche Gleichgewicht und die Natur schlägt zurück, ganz einfach.

  2. Das Zugverhalten gerade von Langstreckenziehern kann man natürlich schon als Klimaphänomen betrachten, insbesondere weil es eben mehr ist als nur von einer ungewöhnlichen Wetterlage abhängig. Allerdings wäre ich mit Bewertungen von milden Wintern vorsichtig: auch die können vom Klimawandel und den so sich verändernden Wettermustern beeinflusst sein. Aber letztlich sprechen wir von Globaler Erwärmung, und für die ist das Wetter in Deutschland zweitrangig. Auch wenn wir jetzt fünf besonders harsche Winter in Folge bekämen, spräche das keinen Deut gegen einen Anstieg globaler Temperatur.

  3. Also hier (BaWü) sind manche Störche schon seit Anfang/Mitte Februar wieder da. Soo ungewöhnlich wäre das also wirklich nicht. Außerdem gibt es auch Störche, die nicht wegziehen, weil sie von Hand aufgezogen wurden o.ä.
    Zum Thema andere Vogelarten: Kranich halte ich für extrem unwahrscheinlich. Dann schon eher ein ganz normaler Graureiher.. die sind sehr häufig und haben auch etwas dunklere Flügel.

  4. Mein Vogelwissen ist da ziemlich begrenzt. Aber wie ein Graureiher (nach Wikipedia aus zu urteilen) sah’s eher nicht aus: die Flügel waren auch nicht einheitlich grau sondern weiß (oder vielleicht hellgrau) mit deutlich abgehobenem schwarzen Rand.
    Ist Anfang/Mitte Februar nicht ungewöhnlich? Warum ziehen die überhaupt weg, wenn sie so früh wiederkommen — in meiner Erinnerung war Anfang Februar temperatur- und schneemäßig eher Höhepunkt des Winters, mehr als Ende Dezember.

  5. Warum sie so früh zurückkommen… puh, so gut kenne ich mich da auch nicht aus.
    Ich habe mal gelesen, dass die Störche inzwischen teilweise in Spanien oder Portugal bleiben, weil es da warm genug ist, anstatt normal in Afrika zu überwintern, da kämen sie natürlich schneller zurück.
    Vielleicht machen sie ihren Rückkehrzeitpunkt auch wirklich an einer hohen Temperatur fest und es liegt somit am milden Winter… ich kann mich gut erinnern, dass Ende Februar in manchen Jahren noch viel Schnee lag, aber in den letzten paar Jahren war das nicht mehr so. Und die meisten Störche hier waren auch in den letzten 3 Jahren vor Mitte März da.

  6. Das ist interessant, weil ich gerade noch gelesen habe, dass Langstreckenziehern fester genetisch veranlagt sei, weswegen die in einem sich wandelnden Klima eher in den Nachteil geraten. Möglicherweise sind Umweltvariablen also doch wichtiger. Vielleicht machen wir uns aber auch gerade vor Ornithologen lächerlich, die das alles genauer wissen und am mangelnden Allgemeinwissen der Bevölkerung verzweifeln :)

  7. Das mit Spanien steht z.B. auf http://www.nabu.de/m05/m05_03/07771.html
    Aber kann natürlich gut sein, dass wir die Ornithologen amüsieren ;o)

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