Die Unredlichkeiten eines Historikers und Journalisten: Alexander Kissler in der FAS

Glaube verpflichtet nicht zur Redlichkeit. Obwohl das Gegenteil oft behauptet wird, scheint Glaube sogar eher öfter denn selten Menschen, die es eigentlich besser wissen müssen, zur Unredlichkeit zu bringen: dann zum Beispiel, wenn sie sich aufgerufen fühlen, ihren Glauben zu verteidigen.

Ein Beispiel dafür lieferte Alexander Kissler, der sich gerade zum neuen Liebling dieses Blogs schreibt, in der zurückliegenden Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Der Mann ist nach Angaben des Herder-Verlags studierter Historiker, Germanist und Medienwissenschaftler, Kulturjournalist bei der Süddeutschen Zeitung und Träger des Akademiepreises der Evangelischen Akademie in Karlsruhe. Man sollte also davon ausgehen, dass er weiß, einen Zeitungsartikel zu schreiben, und dass er geschult ist im Umgang mit Quellen.

Da ist es eine Sache, dass sein Artikel in der FAS (”Die Wut auf die Differenz”) [1], der sich noch mal mit der Ablehnung der Ferkelbuch-Indizierung befasst, zuerst wie sehr schlechter Meinungsjournalismus daherkommt. Schließlich steht der Text ja auf der Ansichten-Seite. Es erfolgt die übliche Darstellung über die Antisemitismus-Vorwürfe, wobei ausführlich aus der Antragsbegründung des Familienministeriums zitiert wird und ausschließlich Befürworter der Indizierung dazu zu Wort kommen, wobei die nette Wendung “Hetze gegen Juden” gleich vorangestellt wird. Aber dann kommt Kissler endlich zu seinem echten Anliegen, den “Neoatheisten” generell einen zumindest latent vorhandenen Antisemitismus zu unterstellen. Und spätestens da vergisst er alles, was er eigentlich während seines Studiums hätte lernen müssen. So schreibt er:

Bei Richard Dawkins, dem Säulenheiligen der neoatheistischen Bewegung, wie sie sich in der Bruno-Stiftung formiert, heißt es: Die im Judentum “sorgfältig geförderten Spaltungstendenzen” reichten aus, um die Religion zu einer “bedeutsamen Kraft des Bösen in der Welt zu machen”. Die säkulare Erbsünde, die mit den Juden laut Dawkins in die Welt kam, besteht in ihrer “absichtlichen, gezielten Unterstützung der natürlichen Neigung der Menschen, Gruppenangehörige zu begünstigen und andere Gruppen auszuschließen”.

Mit diesen Zitaten als einzigem Beleg versteigt sich Alexander Kissler zu der Folgerung:

Somit heißt das Credo einer breiten Strömung innerhalb des Neoatheismus: “Das Böse kam von den Juden.”

Die sehr selektive Verteilung der Anführungszeichen wirkt hier schon verdächtig. Man ist solche zusammengestückelten Zitate schon gewohnt, etwa von amerikanischen Kreationisten, die mit dieser Art der Zitierung die abenteuerlichsten Thesen in den Mund von Evolutionsbiologen legen, bevorzugt natürlich in den von Charles Darwin selbst. Und die These, die Kissler hier Dawkins unterstellt, ist alles andere unspektatkulär, sondern eindeutig rufschädigend. Die liest sich allerdings ziemlich antisemitisch, ganz anders, als ich irgendeinen religionskritischen Text von Dawkins in Erinnerung habe. Die Zitate sollten also sorgfältig belegt sein. Schließlich bilden sie das Kernstück von Kisslers Argumentation.

Im Text findet sich natürlich keine Quellenangabe. Aber wenn man sich im Gotteswahn etwas umsieht, findet man schnell die entsprechenden Stellen. Beziehungsweise die entsprechende Stelle, denn es handelt sich in Wirklichkeit nur um ein einziges Zitat. Und das lautet bei Dawkins, in meiner englischsprachigen Ausgabe, so:

Even if religion did no other harm in itself, its wanton and carefully nurtured divisiveness — its deliberate and cultivated pandering to humanity’s natural tendency to favour in-groups and shun out-groups — would be enough to make it a significant force for evil in the world.

Das ist die einzige Textstelle, aus der Kissler zitiert bzw. zu zitieren vorgibt. Denn alle seine per Anführungsstrich plausibel gemachten Ausführungen über Dawkins’ Ansichten zum Judentum, das erst das Böse in der Religion gebiert und Gruppendynamik auf die Welt bringt, sind nichts weiter als seine Projektionen. In der bei Dawkins zu findenden Stelle stehen alle wörtlich wiedergegebenen, auseinandergenommenen und wieder mühselig zusammengesetzten Stellen, es geht aber in keinem Wort und in keiner Andeutung um irgendeine Sonderrolle von Juden oder des Judentums; das ist die Zusammenfassung des Unterkapitels Love Thy Neighbour, die sich mit allen Religion befasst und nicht mal ansatzweise damit, was das Judentum auszeichnet oder wie Religion in die Welt kam. Es ist eine reine Kritik kultureller Auswirkungen von Religion, keine Kritik an jüdischer Religion und schon gar nicht am “Judentum”.

Im Besonderen unredlich ist die Inbezugsetzung der Spaltungstendenzen, die sich bei Dawkins auf Religion allgemein bezieht, auf das Judentum, mit dem zusätzlichen Ergebnis, dass man in der anschließenden Nennung von “die Religion” nicht mehr unterscheiden kann, ob es um Religion allgemein oder eben um die Religion, also die jüdische, geht.

Die dazugepappte Formulierung über die säkulare Erbsünde, die durch die Juden in die Welt gekommen sei, und die ebenfalls Dawkins zugeschrieben wird, findet sich in dem Buch meines besten Wissens nach überhaupt nicht. Erbsünde (original sin oder ancestral sin) wird in dem Buch ausschließlich diskutiert als christliche Doktrin; eine Google-Suche nach säkularer Erbsünde oder analogen englischsprachigen Ausdrücken in Zusammenhang mit Dawkins liefern kein einziges Ergebnis. Wenig überraschend trifft das natürlich auch auf den Satz zu: “Das Böse kam von den Juden”. Aber das war ja schon kein Zitat mehr, sondern wurde von Kissler einer unbestimmten “breiten Strömung” zugeschrieben. Sucht man nach entsprechenden Wendungen, trifft man auf einen Menge faschistische und muslimische Seiten — und viele Luther-Zitate. Aber von der Realität will man sich ja nicht seine Argumentation kaputtmachen lassen.

Im Englischen gibt es für einen solchen Umgang mit Zitaten den Begriff Quote-Mining. Im Deutschen ist so was selten, ich vermute, weil sich Journalisten und Zeitungen mit solchem Verhalten sehr schnell Widerrufe, Presserats-Rügen und wer weiß was einhandeln könnten, wenn das Ganze zu offensichtlich praktiziert wird. Das scheint hier nicht zu gelten, oder jemand scheint davon auszugehen, dass im Rahmen dieser Debatte alles erlaubt ist, auch die Verfälschung von Zitaten. Man kann bei einem gelernten Historiker auch nicht ernsthaft mehr von einem Fehler sprechen, als ob das die Sache entschuldigen würde. Zitate dermaßen sinnentstellt wiederzugeben, sie durch eigene Ergänzungen eigentlich erst zu fabrizieren, dabei aber die Anführungszeichen noch so setzen, dass man einem zumindest nicht vorwerfen kann, eine Erfindung als wörtliches Zitat gekennzeichnet zu haben: das lässt schon Vorsatz vermuten. Jedenfalls was verantwortungsvolles Zitieren nach journalistischen Standards anbelangt. Die FAZ scheint es bisher nicht für nötig befunden zu haben, für solche Fälle eine Ombudsstelle bei sich einzurichten.

Der Rest des Textes ist vor allem wieder trivial. Mit deutscher und atheistischer Geschichte wird genauso sorgfältig umgegangen wie vorher mit Zitierungen, aber so etwas zu veröffentlichen liegt in der Freiheit und letztlich der Verantwortung der FAS. Nachdem Kissler durch die dargestellten Zitatmanipulationen den Antisemitismusverdacht ausreichend gestreut hat, führt er einfach jede Aussage gegen das Alte Testament, insbesondere gegen den alttestamentarischen Gott ins Feld, um diese These zu untermauern. Das kann man tun, auch wieder nach dem Motto: bitte nicht den lieben Gott kritisieren, er könnte Jude sein. Das würde bloß niemand Kissler abnehmen, wenn er sich nicht vorher so spektakulär seine These zurechtgebogen hätte.

Abschließend wird der so konstruierte Antisemitismus der “Neoatheisten” noch in einen langen Reigen vorgeblich atheistischer Judenfeindlichkeit gestellt. Als erstes wird ausgerechnet der Heide Celsus aufgeführt, dessen einzige Qualifikation als Atheist wohl sein soll, dass ein deutscher Herausgeber ihn mal als “Voltaire des zweiten Jahrhunderts” bezeichnet haben soll. Mit Voltaire, dargestellt als Ahnherr des Atheismus, geht’s dann auch weiter. Und schließlich wird auf judenkritische Ansichten von Diderot und Kant hingewiesen, mit denen dann die atheistische Tradition der Judenfeindlichkeit belegt sein soll. Ein so vereinfachtes und oberflächliches Geschichtsbild sollte eigentlich einem Absolventen in Geschichte nicht würdig sein. Insbesondere die Zitate von Diderot und Kant handeln von der “Überwindung” des sich separierenden Judentums. Natürlich wären solche Formulierungen heute antisemitisch. Damals waren sie aber so verbreitet wie der alltägliche, gesellschaftsbegründende Rassismus. Mehr noch, hätte Kissler die Lauterkeit, das historisch einzuordnen, könnte er beschreiben, wie, ganz unabhängig von der Frage nach Diskriminierung oder Emanzipation, die Frage nach der Behandlung der Juden immer zuvorderst eine Frage der Überwindung der Glaubensdifferenzen war, natürlich im Sinne von Konvertierung in die christliche Mehrheitsreligion. Selbst im gemischt religiösen Preußen, das früh religiöse Toleranz einrichtete und auch Juden vergleichsweise früh vergleichsweise viele Rechte einräumte, stand erst sehr spät außer Frage, die Juden staatlicherseits vom Jüdischsein abbringen zu wollen. Das war aber keine atheistisch geprägte Vorstellung, sonder eine dezidiert christliche. Diese christlich motivierte Abwertung des Judentums, die sich durch die ganze damalige Kultur zog und die überhaupt erst auf einer vom Christentum ausgehenden Ghetthoisierung und Entrechtung der Juden aufbaute, viel mehr als auf einer selbstgewählten Separation von Juden, heute gerade einigen wenigen Religionskritikern anlasten zu wollen: das ist eine Verdrehung des Geschichtsbilds, die wohl nur der Glaube in einem bewirken kann.

Und weil Glaube ja, wie wir alle wissen, etwas positives ist, weil Kritik am Glaube unhöflich und respektlos ist und weil Glaube es prinzipiell gut mit uns meint, darf man die glaubensmotivierten Fabrikationen und die glaubensmotivierten Oberflächlichkeiten und Verdrehungen auf über einer halben Zeitungsseite in die FAS setzen und kriegt Geld dafür. Ganz großer Qualitätsjournalismus, Frankfurter Allgemeine.

[1] Der Text ist von der FAS nicht frei online gestellt. Für FAZ-Abonnenten ist er noch mal hier.

5 Responses to “Die Unredlichkeiten eines Historikers und Journalisten: Alexander Kissler in der FAS”

  1. Ich habe gerade ausgerechnet bei der “Stimme der Zeit - Zeitschrift für christliche Kultur” einen Artikel [.pdf] gefunden, der Dawkins Position einigemaßen korrekt wiedergibt, inklusive Seitenzahlangaben, und sich ernsthaft damit auseinandersetzt (auch wenn er es nicht lassen kann, Dawkins Position als fundamentalistisch zu bezeichnen und Dawkins “Form” des Atheismus als “denunziatorisch”).
    Da könnte sich Herr Kissler vielleicht abschauen, wie man ohne zu lügen mit jemanden nicht übereinstimmt.

  2. Ja, ich habe den Artikel auch schon gefunden, über die Besprechung
    Argumentübernahme bei Leuchtspur. Ich werd was zu schreiben, weil ich denke, dass er einiges hergibt, wenn auch ich das natürlich anders sehe.
    Das der Artikel ein ganz anderes Niveau hat als das oben, ist allerdings richtig. Hat meine Zimmerpflanze allerdings auch.

  3. [...] Die Unredlichkeiten eines Historikers und Journalisten: Alexander Kissler in der FAS [...]

  4. Den Artikel in der FAS kenne ich nicht, aber anscheinend hat Kissler die Idee, Dawkins zum Antisemiten zu stempeln, so gut gefallen, dass er sie bereits zum Jahreswechsel in der Tagespost breitgetreten hat - mit denselben Mitteln. Auch dass der Atheismus ein Appell an den Egoismus sei, hat er dort messerscharf herbeiphantasiert. Und: Dawkins & Co. seien auch für “gender mainstreaming” - Gott behüte!

    http://www.die-tagespost.de/Archiv/titel_anzeige.asp?ID=37010

  5. Ja, bezieht sich auf dasselbe selbstfabrizierte Zitat. Vielleicht hat er’s irgendwo in seiner Karteikärtchensammlung und zitiert nur noch aus der.

    Wie aber kam es dazu, dass eine Weltgesellschaft, die sich aufgeklärt wähnt, auf die Mindeststandards eines vernünftigen Argumentierens bereit ist zu verzichten, sofern nur monoton genug eigene Urteile und Vorurteile bestätigt werden?

    Alexander Kessler. Glashaus, Stein…

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