Thomas Schärtl: Neuer Atheismus –- eine akademische Debatte

Eine im Vergleich mit vielen anderen Darstellungen schon wesentlich substanziellere Auseinandersetzung mit dem so genannten Neuen Atheismus findet sich in der aktuellen Ausgabe der Stimmen der Zeit: Die Zeitschrift für christliche Kultur im Artikel von Thomas Schärtl Neuer Atheismus: Zwischen Argument, Anklage und Anmaßung [pdf]. Strukturell geht es zuerst um eine Charakterisierung und Kategorisierung von Atheismus, dabei dann um die theologische, theistische Auseinandersetzung mit den Inhalten. Bei aller Kritik, die ich an dem Artikel anzubringen habe, muss man das doch auseinanderhalten von Diskursbeiträgen wie solchen von Alexander Kissler, in denen es nicht um Verständnis sondern zuvorderst um publizistisch wirksames Missverstehen geht und die damit eigentlich nur die intellektuelle Armut ihres Theismus als gut verkaufbare Bankrotterklärung unter Beweis stellen.

Natürlich stimme ich mit Schärtls Folgerungen nicht überein, aber das kann man anerkennen. Es gibt keinen Grund, eine eigentlich humanistische Ethik mit Häme zu überziehen, nur weil sie meint, eines begründenden Theismus zu bedürfen. Das nicht zu sehen, halte ich für ein Missverständnis, das Atheisten wie Theisten zu oft im Wege steht, sich über die eigentlichen ethischen und gesellschaftlichen Fragen zu unterhalten, in denen sie weniger trennt, als beide Gruppen manchmal vermuten. Gleichzeitig wird das auch dadurch gefördert, dass die theistische Kritik wohlfeil theoretisiert, aber an der notwendigen Kritik eigener Strukturen, wie sie sich in Kirchen realisieren, kraftlos abprallt: theistische Kirchenkritik erscheint immer wieder sorgsam durchdacht, akademisch, aber eher konsequenzlos. Da werden atheistische Kritiken bestätigt, sich angeeignet, aber es ändert sich eben nichts, auch nicht in der Identifikation der eigenen Position. Im Zweifelsfall steht einem der eigene Theismus immer näher als die wohlformulierte Theologie oder der eigene ethische Anspruch. Dass sich diese Art theistische Kirchenkritik eben nicht von Kirche lösen lässt und in der Öffentlichkeit unverhört verrauscht, wird anschließend den Atheisten vorgeworfen, die sich aus ihrem eigenen Anspruch heraus erst mal mit der Realität Kirche befassen müssen. Ja, würden doch Atheisten ihre Kritik nur argumentativ auf die Hochposition des Theologie beziehen… Dabei geht es dem Neuen Atheismus eben nicht mehr um die philosophische Auseinandersetzung mit philosophischen Theismus-Konstrukten. Erst mal geht es um gesellschaftliche Realitäten und Veränderungen. Sollen doch Theisten wie Schärtl endlich ihre Religion so umbauen, dass sie in der was zu sagen hätten — auf die neue Debatte lassen Atheisten sich dann schon gerne ein. Aber so lange sie in der eigentlichen Debatte nur eine akademische Irrelevanz darstellt, wird das halt eher auf obskuren Blogs abgehandelt, und es wird nicht vorgetäuscht werden, dass sich irgendwas an den eigentlichen Verhältnissen dadurch ändert, dass man in fast ebenso obskuren Zeitschriften auch Hochtheologie vertreten kann.

Diesen Einwand muss man voranstellen, weil auch Schärtl gleich mit der hübschen Legende von der angeblichen Wiederkehr der Religion beginnt. Das einzige, was für kurze Zeit wiederzukehren schien, war ein Erwachen im von Bild-Schlagzeilen gesteuertem Volksglauben, ein kurzes Rucken in der Matrix esoterischer und abergläubischer Vorlieben, die sich ob des Medienrummels um den Papst und des Aufschreckens über islamischen Terrorismus doch wieder mal zu katholischen und protestantischen Deutungsmustern zurücksehnte. Ansonsten war da nicht viel. Die einzigen, die heute noch dazugewinnen, sind die durch ihre Missionierungskrankheit getriebenen protestantisch-fundamentalistischen Gruppierungen. Die stellen aber das genaue Gegenteil der Hochtheologie dar, die Schärtl vertreten will; mithin sollte er dasselbe Problem mit ihnen haben wie Atheisten. Das dummdreiste Esoterikchristentum der Pfingstler und Evangelikalen wird nicht bei Rahner nachschlagen, was sie denken, anbeten und aus ihrem Glauben folgern sollen. Auch nicht in der Stimmen der Zeit.

 

Teil I: Schärtls Kategorisierung von Atheismus

Teil II: Schärtls machtloser Theismus

 

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