Die Frau in der Wissenschaft

Ich bin ein Mann,
Ich geb Dir eine Überdosis Fun
Die Ärzte

 

Das Literaturzitat vorweg als Disclaimer, weil man über Geschlechterrollen nun mal nicht aus einer neutralen Position nachdenken, geschweige denn schreiben kann. Ebenso schreibe ich natürlich nur über Naturwissenschaften, weil ich in andere Disziplinen zuwenig Einblick habe. Aber dem kritischen Leser wird natürlich auch schon an der Überschrift aufgefallen sein: die Selbstverständlichkeit, mit der immer wieder Rollen- und Selbstverständnis von Frauen beleuchtet und analysiert und anempfohlen wird, wird man wohl nicht damit erklären können, dass Geschlecht in Wirklichkeit doch keine Rolle spielt.

Leider hält sich aber gerade das Vorurteil in entsprechenden Debatten um gesellschaftlichen Aufstieg, gerade in der Wissenschaft. Wie gerne betonen wir doch, dass Wissenschaft idealerweise eine reine Meritokratie sein sollte, in der nur Verdienste über Erfolg und Karriere entschieden, ganz anders als meinetwegen in der Wirtschaft mit diesen „Seilschaften”, „Managern” und „Mobbing”. In das so vorbildliche, an objektiven Kriterien ausgerichtete Programm wissenschaftlicher Selektion will man doch nicht ernsthaft durch absolut qualifikationsfremde, den Prozess verfälschende Frauenförderung eingreifen. Ein Sakrileg.

Das ist natürlich nur eine dienliche Halbwahrheit. Natürlich gibt es in der Wissenschaft objektivierte Kriterien, die über Erfolg und Scheitern entscheiden. Genauso gibt es Seilschaften, Gekungele und vor allem Strukturen, die eine Vorauswahl betreiben, den meritokratischen Anspruch verfälschen und strukturell diskriminieren, auch und gerade nach Geschlecht.

Dabei geht es mir hier nicht in erster Linie um direkte oder gesellschaftliche Diskriminierung, die es natürlich auch immer noch gibt: Voreingenommenheit bei Eltern, Lehrern, Kollegen, Vorgesetzten, Professoren, was immer. Es bedarf da nicht offener Misogynie („Das können Frauen eh nicht”), die sanfte Ermunterung reicht da schon („Willst Du nicht lieber…”), und dazu kommt das soziale Umfeld, in dem man als naturwissenschaftlich begeisterte Frau natürlich eher Außenseiter ist, weil der statistische status quo eben ein anderer ist und gesellschaftlich durchaus als normal angesehen, zumindest nicht als dermaßen unnormal empfunden wird. Peer Groups gibt’s eben schon, bevor man die erste Veröffentlichung einreicht.

Das meiste davon spielt sich ab, bevor es überhaupt um das Studienfach oder gar die wissenschaftliche Karriere geht, ist also weniger ein Problem von Universitäten und Wissenschaftspolitik. Der Vorwurf der Voreingenommenheit wird zwar auch gerne bestritten, aber wenn die Frauenquoten bei Erstsemestern nicht tatsächlich mit biologischen Festsschreibungen in Frauenköpfen erklärt wird, dann eben schnell mit kulturellen Setzungen, worauf wir uns in der wiederum schönen Situation sehen, dass Frauen zwar eine kulturelle Abneigung gegen Naturwissenschaft mitbekommen, Männer aber von all dem unbeeinflusst bleiben: Frauengehirne sind halt kulturell viel eher beeinflussbar, Männern das gleiche vorzuwerfen, wäre wirklich weit hergeholt. Das ist natürlich Dummheit und alles nur Apologetentum für einen liebgewonnenen Zustand.

Lassen wir all das beiseite, und man muss den Universitäten zugute halten, dass sie diese Probleme innerhalb ihrer bürokratischen Möglichkeiten angehen, dann reduziert sich das Problem auf eine einfache Frage, mit der jeder überprüfen kann, wie er es um das Geschlechterverhältnis bestellt sieht: Würde ich einer Frau genauso sehr empfehlen, sich auf diesen Berufsweg einzulassen, wie einem Mann? Alles andere, was man sich im Umfeld noch ausdenken oder zurechtlegen kann, ist Rationalisierung. Bei allen Vertretern der „Frauen werden ungerecht gefördert”-Theorie finde ich aber praktisch niemanden, der so konsequent ist: aus der inneren Logik heraus, müsste er doch im Freundinnenkreis ausdrücklich dafür werben, wie toll es Frauen in der Naturwissenschaft haben, und demgegenüber seinen Freunden davon abraten.

Dass Frauen gefördert werden, ist dabei unbestritten. An meinem Fachbereich läuft das zum Beispiel über universitäre Zuschüsse, die er dafür bekommt, eine Professorin zu berufen (und natürlich z. B. über Frauenbeauftragte, weibliche Prüfungsbeisitzer und ähnliches, aber das kann man wohl kaum als Förderung verbuchen). Trotzdem würde ich sicher keiner Frau abraten, in männlich dominierte Naturwissenschaften zu gehen: aber schwerer wird sie’s da dennoch haben. Nicht nur, weil sie hauptsächlich mit Männern zu tun haben wird, mit denen sie da zusammenarbeitet; das mag zu Problemen führen, aber im Allgemeinen sind Naturwissenschaftler eher nettere Personen, trotz aller Vorbehalte, Hormonverwirrungen und Nerdigkeit, auf die man da auch treffen kann. Vor allem wäre ich mit der Empfehlung vorsichtig, weil die wissenschaftliche Karriere fast schon aberwitzig dereguliert ist. Man bekommt ein Mindestmaß an sozialer Sicherheit und mit Universitätsabschluss ein Gehalt, das für einen gut reicht, aber es wird auch, wenn man an Aufstieg, Promotion und vor allem Habilitation interessiert ist, ein Höchstmaß an Einsatz und Flexibilität vorausgesetzt. Das ist erträglich für den Nachwuchs, man weiß ja, worauf man sich eingelassen hat, und auch als durchschnittlicher Wissenschaftler kommt man vermutlich irgendwie bis zur Dissertation. Aber da ist man dann 30 oder älter, und das war’s dann. Die deutsche wissenschaftliche Karriere verläuft ab da über PostDoc-Stellen, bitte sehr doch auch im Ausland [1], über Zeitverträge und Veröffentlichungsmarathons.

Man kann das machen. Aber was man zum Beispiel nicht machen kann: ein Kind bekommen und für mehrere Monate nicht zu forschen. Die Karriere ist damit nicht zwingend vorbei, aber in der Meritokratie Wissenschaft ist das kaum besser als Arbeitsverweigerung, und man wird entsprechend in der Rangliste nach unten durchgereicht. Wenn man nicht gerade in der entlegensten, exotischsten Forschung arbeitet, hat die Konkurrenz nicht geschlafen, neue Ergebnisse produziert und entsprechenden Vorsprung. Den Nachteil kann man dann aufzuholen versuchen, mit Kind und in der Hoffnung, die nächsten Jahre nicht noch mal schwanger zu werden. Das ist für einen Mann weniger ein Problem, weil es man mit Schwangerschaft und Mutterschaft erst mal weniger zu tun hat und dann auch wesentlich einfacher eine Frau finden kann, die ihre eigene Karriere hinten anstellt. Sicher hat auch eine Mann Probleme und wird als Doktorand keine Familie gründen wollen: aber das sind in erster Linie finanzielle Risiken. Im Zweifelsfall, wenn alle Arrangements und Betreuungsangebote nicht ausreichen, wird die Karriere der Frau geopfert. Wenn die gar nicht will, dann kann der Mann ganz traditionell und wesentlich weniger gesellschaftlich sanktioniert noch ziemlich autonom entscheiden, was ihm wichtiger ist: diese Familie oder die wissenschaftliche Karriere.

Ich kenne doch einige Doktoranden, die Kinder haben und die dadurch vielleicht noch mehr außerhalb des Instituts beansprucht sind, die aber weiter machen können. Ich kenne nur sehr wenige Doktorandinnen oder Doktorinnen, die Kinder haben, insbesondere nicht unter denen, die noch den Anspruch oder die Hoffnung haben, Professorin zu werden. Auf dem Weg zur Professur gibt es für die meisten Frauen keinen geeigneten Zeitpunkt, eine Familie zu gründen, und mit jedem Jahr, das man sich unterbezahlt und latent überarbeitet in die Forschung stürzt, wächst die Verbindlichkeit der Karriere gegenüber, dass sich das irgendwann auszahlen und nicht alles umsonst gewesen sein möge. Entsprechend sehe ich in meinem Umfeld eine Menge kinderreiche Professoren. Und einige wenige, meist kinderlose Professorinnen. An dem Punkt ist es eben nicht mangelnde Förderung, die Frauen von Professorenstellen fernhält, sondern die Meritokratie selbst.

Das kann man so gut finden. Man kann Wissenschaft ja so definieren, dass nur die darin vorankommen, die das Maximum an Leistung bringen. Aber es ist verlogen, dann so zu tun, als würde das Männer und Frauen gleichermaßen benachteiligen. Natürlich will man einerseits den Nerd fördern, der 70 Stunden die Woche im Labor sitzt, wovon er vielleicht 19 auch bezahlt kriegt. Das ist nun mal die Situation, dass man mit dem um die Karriere konkurriert. Aber es kann doch nicht die Lösung sein, mit jedem Sechsmonatsvertrag ein fortlaufendes Rezept für die Pille auszustellen und dabei so zu tun, als wäre Wissenschaft geschlechtsneutral und jeder könnte nach Verdienst habilitieren, wenn er nur dieselben Opfer dafür brächte.

Und darum würde ich einer Frau deutlich vorsichtiger empfehlen, eine wissenschaftliche Karriere zu machen. Es besteht einiges an realen und psychologischen Widerständen dagegen, dann noch eine Familie zu gründen. Ich würde nicht für die sehr unsichere Aussicht auf eine Professorenstelle darauf verzichten. Aber ich muss das ja auch nicht. Ich bin schließlich ein Mann.

 

[1] Ein wirklich auf Karriere bedachter Naturwissenschaftler schafft locker drei Kontinente in vier Jahren. Und dann gibt’s da ja noch die Möglichkeit kürzerer Forschungsaufenthalte, um alle sechs Kontinente vollzukriegen (sieben für Geophysiker).

16 Responses to “Die Frau in der Wissenschaft”

  1. [...] Die Frau in der Wissenschaft [...]

  2. Hallo!

    Ein sehr schön geschriebener, aufschlussreicher Artikel, der mich zum Nachdenken gebracht hat.

    Mit Naturwissenschaften habe ich nichts zu tun, gut, ich habe Bio als 3. Fach im Abi, aber da kommt man ja nicht drum herum. Dennnoch haben mich Deine Ausführungen persönlich angesprochen, denn bald muss ich mich für einen Studiengang bewerben.

    Ich habe mich für Sozialwissenschaften entschieden und liebäugle zur Zeit damit, eben auch Sozialforschung zu machen. Es fasziniert mich total, lässt mein Herz höher schlagen, wenn ich daran denke, Fragen auf den Grund zu gehen, zu beantworten, wissenschaftlich zu arbeiten, Statistiken zu erstellen und auszuwerten. Das ganze eben. Ich würde es unglaublich gerne tun.

    Aber ich habe mit 2 Hindernissen zu kämpfen.

    #1: Wie Du es eben auch perfekt beschrieben hast, suggeriert auch mir mein Umfeld, dass ich mir da zu viel zumute. Dass Wissenschaft ohnehin frauenfeindlich ist, ich mir die Mühe lieber sparen sollte. Zum Teil werden mir dann so wahnwitzige Vorschläge gemacht wie dass ich ja Lehrerin werden könnte. Klar, könnte ich. Aber was hat das eine mit dem anderen zu tun?

    #2: Ich möchte irgendwann mal Kinder haben, zumindest eins. Somit sehe ich mich doch mit der berüchtigten Frage “Kind oder Karriere?” konfrontiert. Ich hoffe ja, dass sich in den 10 Jahren, bis es relevant wird, etwas geändert hat in der allgemeinen Familienpolitik und eben auch in der Wissenschaft. Aber zumindest bei letzterem ist es wohl sehr blauäugig, davon auszugehen.

    Ja, leider ist es schmerzhaft treffend formuliert, dass Du nicht auf die Forschung verzichten musst, da Du ein Mann bist. Ich bin es nicht, und muss darüber nachdenken. Wie viele andere Frauen eben auch.

    - Deine Viktoria

  3. Ich habe mich für Sozialwissenschaften entschieden und liebäugle zur Zeit damit, eben auch Sozialforschung zu machen. Es fasziniert mich total, lässt mein Herz höher schlagen, wenn ich daran denke, Fragen auf den Grund zu gehen, zu beantworten, wissenschaftlich zu arbeiten, Statistiken zu erstellen und auszuwerten. Das ganze eben. Ich würde es unglaublich gerne tun.

    Also, erstens, wenn Du wirklich so denkst oder fühlst, hast Du gar keine Wahl, als das auch zu machen. Mal ehrlich, willst Du Dich den Rest Deines Lebens fragen, ob Du an dem Punkt Deines Lebens nicht die falsche Entscheidung getroffen hast? Es gibt nichts besseres, als das zu machen, was man wirklich machen will.
    Selbst wenn Deine Vorstellungen sich schließlich doch nicht mit der Realität des Studiums decken, verlierst Du vielleicht ein Jahr, das ist kein wirklicher Schaden. Und die skeptischen Verwandten hatte ich auch (und hatte vielleicht jeder, der nicht aus dezidiert akademischer Familie kommt).

    Du stehst am Anfang des Studiums — Du solltest Dir da nicht bange machen lassen, schon gar nicht vor angeblicher Frauenfeindlichkeit in den Sozialwissenschaften. Das ist doch etwas anders als in klassischen Männerfächern, und selbst da würde ich keiner Frau von einem Studium abraten; so schlimm steht es selbst da nicht.

    Mach das Studium. Die Frage nach der Familienplanung stellt sich normalerweise erst danach, wenn es um die weitere wissenschaftliche Karriere geht. Ich kann Dir da natürlich nicht sagen, wie das in 10 Jahren aussieht. Aber selbst, wenn Du Dich schließlich gegen eine Professorenlaufbahn entscheidest, hast Du danach trotzdem alle Möglichkeiten, mit Deinem Abschluss was besseres zu machen. Notfalls kannst Du damit jederzeit immer noch Lehrerin werden ;)

    Vom Studium abhalten wollte ich also bestimmt niemanden. Vor allem, wenn Du Dich berufen fühlst, dann mach das unbedingt. Schlimmstenfalls bist Du nach einem Jahr wieder raus. Andernfalls werden es mit die besten Jahre Deines Lebens, und Du entdeckst, was Du wirklich damit machen willst. Also bloß nicht bange machen lassen, wenn Du eigentlich weißt, was Du willst.

    Beste Grüße,
    k.

  4. Hallo Kamenin!

    Ich danke Dir vielmals für Deine Antwort. :-) Irgendwie hast Du mir damit wirklich auch ein wenig Mut gemacht. Ich hab halt nur Angst, irgendwann in meinem Leben an einen Punkt zu kommen, an dem ich zurückblicke und mir wünschte, ich hätte alles anders gemacht. Aber nun ja, dieser Punkt wird unweigerlich dann erreicht sein, wenn ich mich vorschnell gegen diesen Weg entscheide.

    Man kann es ja wirklich zumindest mal probieren. ;-)

    In meinem direkten Umfeld, also was meine Eltern angeht, auch meinen Freund, ist das Feedback garnicht negativ. Eher im Gegenteil. Nur halt dann so drum herum kriegt man eben doch die ein oder anderen Vorbehalte mit - die doch auch (vielleicht unbewusst) genderbeeinflusst sind.

    Wir werden sehen, wie es mir ergehen wird… ich bin auf jeden Fall schon sehr gespannt auf das Studium! :-) Eine vollkommen neue Welt öffnet sich mir da.

    Ich werde Dich auf dem Laufenden halten, wie es mir ergeht. :-)

    Deine Viktoria

  5. Na, das ist doch die Hauptsache. Wieder eine junge Frau in die Falle Wisssenschaft gelockt :-)

    Ich hab halt nur Angst, irgendwann in meinem Leben an einen Punkt zu kommen, an dem ich zurückblicke und mir wünschte, ich hätte alles anders gemacht.

    An den Punkt kommst du im Studium so alle drei Semester. Gehört mit zur Auslese des wissenschaftlichen Prozesses, um zu sehen, wer das durchhalten kann. Kein Grund, Dich jetzt schon zu fürchten.

    Glaubst Du wirklich, Du kommst mal ernsthaft an einen Punkt, wo Du sagst: “Hätte ich mal nicht das gemacht, was ich wirklich wollte, und lieber auf die auch (vielleicht unbewusst) genderbeeinflussten Vorbehalten meiner Umgebung gehört”? Der Punkt kommt meiner Meinung nach hauptsächlich dann, wenn Du was tust, was andere von Dir wollen oder Du Dich nur an anderer Leute Normen und Vorstellungen orientierst.

    Ich werde Dich auf dem Laufenden halten, wie es mir ergeht. :-)

    Mach das! Nach Deinem Blog zu urteilen, mach ich mir wenig Sorgen, dass Du da nicht zurecht kommst. Und bei Schwierigkeiten finden wir vielleicht noch ein paar Sozialwissenschaftler hier, die helfen können :-)

    Beste Grüße,
    k.

    p.s.: Viel Glück bei den Prüfungen!

  6. Hallo!

    “Nach Deinem Blog zu urteilen, mach ich mir wenig Sorgen, dass Du da nicht zurecht kommst.”

    Ah, das hört sich ja fast nach einem Lob an. :-) Sowas nimmt man gern entgegen - vielen Dank. Du bist gern als Leser willkommen!

    “Und bei Schwierigkeiten finden wir vielleicht noch ein paar Sozialwissenschaftler hier, die helfen können :-)”

    Gut, dann weiß ich ja, an wen ich mich wenden kann. :-) Das Ruhrgebiet ist ja überschaubar.

    “p.s.: Viel Glück bei den Prüfungen!”

    Auch hierfür danke ich, Glück ist nie verkehrt.

    Deine Viktoria

  7. [...] Veröffentlicht in 21. April 2008 von kamenin Unterschiedliche Geschlechterwahrnehmung und Ausgangspositionen für den wissenschaftlichen Berufsweg hatten wir hier schon mal betrachtet. In den USA wurde [...]

  8. Hey, ich bin gerade durch Zufall auf Deinen Artikel gestoßen. Die ersten Absätze finde ich auch sehr gelungen - allerdings ab dem “Kinder kriegen” kommst Du doch in recht konservatives Fahrwasser. Warum verbindest Du Kinder ausschließlich mit Frauen? Es wäre doch an der Zeit, dass alle Elternteile (das können auch mal mehr als zwei sein), als weiblich wie als männlich sozialisierte, Verantwortung für Kinder übernehmen. In meinem Freund_innenkreis machen das auch bereits so einige: mal mit mehr oder weniger Erfolg. Gerade die Kopplung Frau-Kind führt derzeit noch oftmals dazu, dass gerade Frauen aus dem Erwerbsleben gedrängt werden. Dem zu entgegnen und geschlechtergerechte Verteilung von Positionen in Wissenschaften zu erreichen, ist es hilfreich gerade diese vermeintlich notwendige Verkopplung Frau-Kind zu lösen. LG Heinzi

  9. Ich will den Artikel bestimmt nicht verstanden wissen in der Art: “das war schon immer so, da kann man nichts dran ändern”. Eigentlich ging’s mir eher darum, eben zu zeigen, dass die Wissenschaft so egalitär wie sonst was tun kann, dass aber eben das traditionelle Familienbild aus der scheinbaren Gleichbehandlung doch wieder eine Benachteiligung der Frauen macht. Das kann man dann entweder durch eine veränderte Berufungspolitik handhaben oder durch eine Änderung des Familienbilds.

    Von daher stimme ich Dir voll zu, und es gibt ja dankenswerter Weise Entwicklungen in die Richtung. Aber der einzelnen Frau hilft das nicht unbedingt, wenn es für sie doch schief läuft, wenn Mann und Chef eben nicht unterstützen oder das Berufungskomitee familiär bedingte Auszeiten nur als fehlende wissenschaftliche Berufstätigkeit auffasst. Und das ist ja leider oft noch so.

    Beste Grüße,
    k.

  10. Dann sollten “wir” aber eben dazu beitragen, dass sich das ändert. Das bedeutet, dass ganz selbstverständlich als männlich sozialisierte Wissenschaftler_innen zu Hause bleiben, wenn ein Kind krank ist etc.. Damit wird eine einfache Planung der Arbeitgeber_in, dass sich immer “die Frau” kümmert, bspw. wenn ein Kind krank ist, ad absurdum geführt. In diesem Sinne finde ich auch Deine Verkopplung Frau-Kind gefährlich: jede_ von uns, gleich welchen Geschlechts, sollte das wissenschaftlich-beruflich anstreben, was sie mag - in ggf. notwendige Erziehungs- oder Pflegeleistung kann mensch sich dann mit Partner_innen und Freund_innen reinteilen; und hoffentlich gibt es auch bald vernünftige und flächendeckende Kinderbetreuungsangebote!

    Zudem: Diskriminierungen im Arbeitsbetrieb und Androzentrismus wissenschaftlichen Denkens zeigt sich an viel mehr stellen - vgl. hierzu unter dem folgenden Link S.233-252 (”Feministische Wissenschaftskritik. Am Beispiel der Naturwissenschaft Biologie.”): http://www.rosalux.de/cms/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Texte-42.pdf

    LG heinzi

  11. Dann sollten “wir” aber eben dazu beitragen, dass sich das ändert.

    Sicher sollten wir das. Ich halte nur für mich persönlich Appelle für wenig wirkungsvoll, darum verzichte ich da meistens drauf. Wenn der Leser meine Darstellung teilt, dann muss ich es ihm selbst überlassen, ob er aus der Einsicht Konsequenzen zieht; ihm noch noch mal vorzusetzen, was für Konsequenzen das sein sollen, hielte ich für belehrend und eher kontraproduktiv — meiner Meinung nach.

    In diesem Sinne finde ich auch Deine Verkopplung Frau-Kind gefährlich:

    Es ist nicht meine Verkopplung, zumindest hoffe ich, nicht so rübergekommen zu sein. Es ist nur die Darstellung, dass es diese Kopplung gesellschaftlich noch gibt und welche Konsequenzen sie auf Wissenschaftlerinnen-Karrieren hat. Sollte das oben missverständlich ausgedrückt sein, ist es ja gut, dass wir das hier noch mal richtigstellen.

    und hoffentlich gibt es auch bald vernünftige und flächendeckende Kinderbetreuungsangebote!

    Ja, sehr dafür. Sicherlich ein notwendiger Schritt. Aber auch da ist in der Wissenschaft das Problem, dass sich Doktoranden- oder Postdoc-Arbeitszeiten nicht so einfach auf die Zeiten normaler Betreuungsangebote übertragen lassen. Jedenfalls manchmal nur sehr schwer.

    Zu Deinem Link: Erst mal schön zu sehen, dass es den Karl Dietz Verlag noch gibt. In meinem Bücherregal steht noch eine 1968er Ausgabe des Kleinen Politischen Wörterbuchs: fast unlesbare DDR-Staatsbürgerkunde, jedem Nachwuchsmarxisten dringend empfohlen :)

    Aber über Voß’ Text: ich kann nicht für die Biologie sprechen, wo es in der Forschung tatsächlich auch um Geschlechtliches geht. Die problematische Sicht, insbesondere wenn es in den EvPsy-Bereich reingeht, teile ich so auch. Was die Hoffnungen oder Erwartungen daran angeht, welche gesellschaftliche Utopie sich aus mehr forschenden Frauen ergibt, halte ich das für die Physik für an den Haaren herbeigezogen; ich arbeite mit Frauen zusammen, und die forschen und arbeiten nicht anders als Männer, sind auch keine bessren Menschen oder sonstwas. Das Arbeitsklima verändert sich, das ist schon wahr, aber die eigentliche Wissenschaft wird dadurch nicht anders. Schon gar nicht: bedürfnisbezogen, entzogen der Markmacht, antimilitaristisch, antirassistisch, Hierarchie auflösend, Wissenschaft demokratisierend, “Menschenversuche” ausschließend (die würden dann in der Biologie/Medizin direkt am kranken Patienten erfolgen, oder was?) — das sind ja schon fast totalitär-übergutmenschliche Anforderungen, die da an Frauen in der Wissenschaft gestellt werden. Aber Träumen muss ja auch erlaubt sein.

    Was dagegen Feministischen Postmodernismus angeht, so kriegt der von mir genauso wenig Toleranz wie jeder phallogozentrierte Obskurantismus. Dumme Argumente lasse ich mir auch nicht von Feminismusforschern schönreden. Das gitl insbesondere auch für den Ausblick:

    Feministische Wissenschaftskritikerinnen haben bedeutenden Anteil daran, dass mittlerweile Erkenntnisse in (westlichen) Wissenschaften nicht mehr als unumstößliche Wahrheiten gelten. Wissenschaften sind in gesellschaftliche Kontexte eingebettet; überhaupt mögliche Erkenntnis wird gesellschaftlich beschränkt. Bislang dienen (insbesondere biologisch-medizinische) Wissenschaften dazu, rassisierte, sexisierte und pathologisierte Ausschlüsse von Menschen aus Gesellschaften zu fundieren. Feministische Wissenschaften haben dem gegenüber Visionen
    anderer Wissenschaften entworfen, die u. a. keine sexistischen oder rassistischen Ausschlüsse mehr vornähmen und beitragen könnten, emanzipatorische Gesellschaftsmodelle zu entwickeln.

    Da gibt’s gleich noch mal Sonder-Ignoranzpunkte für die angebliche Weisheit nicht-westlicher Wissenschaft und die Vermischung von Feminismus mit Antirassismus und linker Gesellschaftsutopie. Die schreibt nämlich Frauen dann genauso vor, wie sie zu denken hätten, wie es Hetero- und Gendernormativismus heute tun.

    Aber ansonsten macht Voß natürlich auch ein paar stichhaltige Punkte. Ich halte bloß den radikalen Kritikansatz für überzogen weltfremd und illusionär; der hilft echten Frauen an echten Instituten mit echten Problemen kein bisschen.

    Beste Grüße,
    k.

  12. Zunächst: bei Deiner Lektüre solltest Du auch auf die Bedeutung des Konjunktivs in der dt. Sprache achten.

    Ich glaube, dass es wichtig ist, etwas weiterzublicken, um etwas zu verändern: Strukturen der Wissenschaften behindern Frauen noch weit mehr als Männer (so werden in der BRD noch immer nur auf 20% der Professuren Frauen berufen; sind nur 6% der Führungspositionen außeruniversitärer Forschungseinrichtungen mit Frauen besetzt; werden Frauen weit seltener zitiert als Männer; werden DIE GLEICHEN wissenschaftlichen Artikel schlechter bewertet, wenn sie von Frauen eingereicht werden, als wenn sie von Männern eingereicht werden). Die vermeintlich “geschlechtsneutralen” Wissenschaften sind dies überhaupt nicht - und das nicht nur, wenn es um die Betreuung von Kindern oder Pflegebedürftigen geht.

    LG heinzi

  13. Zunächst: bei Deiner Lektüre solltest Du auch auf die Bedeutung des Konjunktivs in der dt. Sprache achten.

    Vermutlich. Aber man kann auch mit dem Konjunktiv anderer Leute Aussagen übernehmen, zumal wenn man sich nicht von diesen abgrenzt und im indikativen Fazit zu zumindest ähnlichen Ergebnissen kommt.

    so werden in der BRD noch immer nur auf 20% der Professuren Frauen berufen; sind nur 6% der Führungspositionen außeruniversitärer Forschungseinrichtungen mit Frauen besetzt;

    Darum ging es hier ja auch, wenn auch nur um einen Aspekt. Zum Teil sind die Zahlen allerdings auch noch geschichtlich bedingt. Das Verhältnis in Neuberufungen wäre aufschlussreicher.

    werden Frauen weit seltener zitiert als Männer;

    Halte ich für fragwürdig, aus eigener Zitier-Praxis. Wobei ich da auch nur über die Physik reden kann. In anderen Wissenschaften mag der Name des Verfassers möglicherweise anderes Gewicht haben? Außerdem müsste man dann auch die erwähnte Hierarchieverteilung herausrechnen, ob es sich also nicht um einen Effekt handelt, Seniorwissenschaftler bevorzugt zu zitieren.

    werden DIE GLEICHEN wissenschaftlichen Artikel schlechter bewertet, wenn sie von Frauen eingereicht werden, als wenn sie von Männern eingereicht werden

    Die Studie hab ich hier irgendwo auch schon angesprochen, wenn auch nur im Vorbeigehen.

    Die vermeintlich “geschlechtsneutralen” Wissenschaften sind dies überhaupt nicht - und das nicht nur, wenn es um die Betreuung von Kindern oder Pflegebedürftigen geht.

    Es geht nicht nur um tatsächliche Betreuungspflichten: der psychologische Effekt ist da schon mal wichtiger als das, wie es dann vielleicht wirklich kommt. Als Frau kann man das meiner Meinung nach wesentlich unsicherer abschätzen, vielleicht auch, weil man an sich selbst, auch als Teil des Normativsystems, andere Anforderungen stellt; und daraus folgt dann schon eine größere Hemmung, eine wissenschaftliche Karriere zu versuchen, über die Promotion hinaus.

    Wie geschlechtsneutral die Wissenschaft dabei ist, ist eine andere Frage (die auch in anderen Posts hier schon angesprochen wurden), weil Geschlechtsneutralität in Verbindung mit gesellschaftlichen Geschlechterbildern dann eben auch nicht mehr neutral ist.

    Wieweit oder ob wir tatsächlich eigentlich auseinander sind in unserer Bewertung kann ich hier gar nicht sagen. Dass der Beitrag hier sicher keine Gesamtabriss von Frauendiskriminierung in den Wissenschaften darstellt (was ich mir auch gar nicht zutrauen würde), sollte klar sein. Es ging mir nur um einen Aspekt, weswegen Frauen es de facto heute schwieriger haben, sich für eine Professorenlaufbahn zu entscheiden.

    Beste Grüße,
    k.

  14. Okay, ich seh gerade erst, dass Du der Verfasser des verlinkten Artikels bist — was das Sachargument natürlich in sich nicht ändert, aber die Wahrnehmung und die Art der Diskussion natürlich doch ;) Ich habe sicherlich einen anderen Ansatz als Du, weil für mich die Wissenschaft und die wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung im Vordergrund steht und ich einen Ansatz, das über Gender zu bestimmen, für nicht besonders sinnvoll halte — unabhängig davon, dass Frauen dieselben Chancen haben sollen, den Berufsweg zu ergreifen, nachteilslos, und für sich auszugestalten. Wobei Gender-Fragen in der Psychologie und in Bereichen der Biologie sicher eher in den eigentlichen wissenschaftlichen Prozess einfließen können als in meiner Arbeit, es dann aber trotzdem einen richtigen und viele falsche Wege gibt, wissenschaftliche Fragen zu überprüfen, was nichts mit Feminismus per se zu tun hat (wenn man nicht “feministisch” sehr allgemein als “richtig” definiert, wie es in Deinem Artikel leider schon manchmal anzuklingen schien).

    Von daher betrachten wir das Problem vermutlich schon aus sehr verschiedenen Perspektiven. Aber wie auch immer.

    Alles Gute,
    k.

  15. Dir ebenso alles Gute! Verschiedene Ebenen und Ansatzpunkte (meine Perspektive ist eine vielleicht als queer-feministisch zu bezeichnende) sind sicherlich wichtig, Diskussion, Kritik und Verbündete ebenso. In diesem Sinne finde ich die von Dir angestoßene Diskussion wertvoll. Viele liebe Grüße! heinzi

  16. [...] Blog, über den ich mehr oder minder zufällig gestolpert bin, Kamenin hatte einen Artikel der Ungleichstellung der Frau in der Wissenschaft gewidmet, schreibt der Autor hauptsächlich über naturwissenschaftliches, aber auch über [...]

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